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Michael Braungart fordert auch ein anderes Menschenverständnis. Foto: jj

Der unterschätzte CO2-Speicher

Lüneburg. Prof. Dr. Michael Braungart, Verfechter einer konsequenten Kreislaufwirtschaft, hat keinen Zweifel am Klimawandel, aber für ihn ist es kein Klimaschut z, weniger kaputt zu machen. Und forschen, statt zu handeln, das nennt er verlogen. Der Leuphana-Professor fordert unter anderem eine konsequente Umkehr in der Landwirtschaft. Der Boden sei für den Klimaschutz ein völlig unterschätzter Faktor.

Sie sagen, bis 2100 sollte die CO₂-Konzentration wieder so sein wie 1900. Wie soll das gehen?
Michael Braungart: Die Konzentration des Kohlendioxids in der Atmosphäre hat sich fast verdoppelt. Wir müssen jetzt handeln, es aktiv zurückholen. Wir brauchen eine völlig andere Landwirtschaft. Darüber wird gar nicht diskutiert. Wenn wir nur 0,4 Promille an Kohlenstoff in den Boden wieder zurückbringen würden, dann könnten wir alle jährlichen C0₂-Emissionen ausgleichen. Dafür brauchen wir eine Landwirtschaft, die den Boden aufbaut. Wenn man heute Mais anbaut in Deutschland, verliert man zwischen 11 und 30 Tonnen Boden pro Hektar und Jahr, damit macht man Biotreibstoffe. Das ist ziemlich absurd.

Wie viel Fläche wird für Biotreibstoff genutzt?
Die gesamte Fläche Deutschlands, mehr als 300.000 Quadratkilometer in der europäischen Union. Der Boden ist der Hauptkohlenstoffträger. Mais zerstört systematisch den Boden. Wenn Sie Mais anbauen und noch mal Mais anbauen und daraus Biogas machen, dann ist das ein Förderprogramm für Wildschweine und Großbauern, für die Umwelt bringt das nichts. Wenn wir Europäer gleichzeitig die Fläche Frankreichs als Futtermittel importieren, aus Lateinamerika allein 600.000 Quadratkilometer, und uns dann über die Abholzung des Regenwaldes beklagen, dann ist das extrem verlogen. Wir haben in den letzten 150 Jahren die Gesamtfläche Chinas und der Vereinigen Staaten als landwirtschaftliche Nutzfläche auf diesem Planeten verloren – durch Bodenerosion, durch eine Landwirtschaft, die systematisch den Boden kaputt macht.

Bio-Landbau?
Es gibt keinen Bio-Landbau, der den Boden erhält. Und das liegt daran, dass wir uns so sehr als Menschen schämen, dass wir auf der Welt sind, dass wir denken, es sei nur Bio, wenn wir nicht dabei sind. Unser Grundverständnis unserer Rolle auf der Welt ist falsch. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die unsere eigenen Exkremente wiedergewinnt, Kalium und Phosphor vor allem. Das sind die kritischsten Elemente. Ich habe das erst begriffen, als ich in der chinesischen Düngemittelindustrie zwei Jahre gearbeitet habe. Wenn man in China zum Abendessen eingeladen wird, dann erwartet man noch heute, dass man so lange bleibt, bis man die Toilette aufsucht. Es gilt als unhöflich zu gehen und die Nährstoffe mitzunehmen. Man ist ja zum Essen eingeladen, nicht zum Nährstoff-Diebstahl. Die Chinesen konnten so über 6000 Jahre eine bruchlose Zivilisation aufbauen, während wir den Bauern immer nur weggenommen haben und nie etwas zurückgegeben haben. Die Grundlage ist ein anderes Menschenverständnis. Wir sind ein Teil dieser Natur. Alle unsere Stoffwechselprodukte müssen wieder zurück. Und der Boden muss darüber aufgebaut werden. „Common Land“ oder „SEKEM“ in Ägypten zum Beispiel, die machen aus toter Landschaft, erodierten Gegenden wieder wirklich fruchtbares Land, was tatsächlich den Kohlenstoff speichert.

Warum dauert es trotz des Ernstes der Lage so lange, bis wir handeln?
Die Universität ist ein Teil des Problems. Es wird geforscht, und solange geforscht wird, muss ja niemand etwas tun. Wenn man jetzt einen Eisbrecher für 130 Millionen in die Arktis schickt, der sich an einer zufälligen Eisscholle irgendwie festfrieren soll, dann ist das Pseudowissenschaft. Da werden 130 Millionen ausgegeben, um angeblich den Treibhauseffekt zu erforschen. Das sagt doch jedem: Ach ja, man muss noch gar nicht handeln, man muss jetzt forschen. Man wird an Universitäten nur so lange bezahlt, wie man Probleme hat. Also muss ich in jede Arbeit reinschreiben, mehr Forschung ist nötig. Ich habe noch nie in meiner ganzen wissenschaftlichen Karriere Geld bekommen für etwas wirklich Neues, immer nur für die Variation des Bestehenden.

Übertreiben wir beim Klimawandel?
Der Klimawandel ist real, und es gibt überhaupt keinen Zweifel. Es ist ja auch ganz klar, wenn ich Kohlendioxid in der Atmosphäre habe, das hat andere Wärmekapazität als der Sauerstoff. Das kann jeder sehen. Alles andere ist interessengelenkte Wissenschaft. Und natürlich wird es Verschiebungen von Klimazonen geben. Die sind schon lange belegt. Wer jetzt noch Zweifel hat, der möchte vielleicht Geld fürs nächste Forschungsprojekt bekommen. Niemand mit ein bisschen Menschenverstand zweifelt wirklich daran. Außer, er ist korrupt, das kommt natürlich vor.

Was der Initiator von „Cradle to Cradle“ zur Greta Thunberg sagt und wo Cradle to Cradle steht, das gibt es auf Blog.jj im neuen Podcast „LG 2120“.

Prof. Dr. Michael Braungart ist heute, Montag, um 21 Uhr bei „hartaberfair“ bei Frank Plasberg (Das Erste) zu Gast.

Von Hans-Herbert Jenckel