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Corona-Virus
Eine Grippeimpfung sei jetzt auch deshalb ratsam, damit die Krankenhäuser mehr Kapazitäten haben für den Fall, dass sich die Corona-Fälle in Deutschland häufen, sagt Dr. Sebastian Graefe. (Foto: Adobe Stock)

„Grippe ist noch die größere Gefahr“

Lüneburg. Mehr als 80 000 Infektionsfälle weltweit, mindestens 2700 Todesopfer – das Corona-Virus scheint nicht zu stoppen zu sein. Am Mittwoch gab es gar einen ersten Verdachtsfall im Lüneburger Klinikum – der sich glücklicherweise dann nicht bestätigte. Dennoch hat der Landkreis angesichts der Entwicklung ein Bürgertelefon eingerichtet. Was können die Menschen in der Region tun, um sich zu schützen? Und wie gefährlich ist das Virus überhaupt? Die LZ sprach mit dem Lüneburger Impfexperten Dr. Sebastian Graefe.

Herr Dr. Graefe, die Grippewelle greift um sich, die Corona-Infektionen schnellen in die Höhe – welches ist derzeit die größere Gefahr für die Menschen hier in Lüneburg?

Statistisch gesehen ist es deutlich wahrscheinlicher, sich hier bei uns mit Grippe als mit dem Corona-Virus anzustecken. Aber die Situation kann sich natürlich wöchentlich ändern.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Corona sich auch bei uns ausbreitet?

Das ist schwer vorauszusehen. In Bayern hat man die ersten Fälle gut in den Griff bekommen, in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen weiß man nicht, wie das Virus genau eingeschleppt wurde. Das Corona-Virus scheint ansteckender zu sein als die Grippe. Das Tückische ist, dass die Krankheit offenbar schon lange ansteckend ist, bevor der Erkrankte überhaupt erste Symptome aufweist. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie ansteckend sind und haben weiter entsprechend viele Kontakte. Es ist gut möglich, dass wir eine hohe Dunkelziffer haben.

Wie kommt das?

Weil es offenbar viele sehr milde Verläufe gibt, und das ist für sich ja erst einmal eine gute Nachricht. Das heißt allerdings auch, dass letztlich niemand weiß, wie viele Menschen wirklich erkrankt sind. Viele Erkrankte haben zum Beispiel nur Symptome eines Schnupfens und gehen erst gar nicht zum Arzt.

Wie schütze ich mich am besten im Alltag, auf dem Weg zur Arbeit, im Bus, unter Menschen?

Hygiene ist das oberste Gebot. Viel die Hände waschen, mit Seife und heißem Wasser. Sich nicht ins Gesicht fassen. Und in die Armbeuge husten und niesen, um auch andere zu schützen.

Mundschutzmasken sollen ja mancherorts schon ausverkauft sein…

Ein einfacher Mundschutz schützt nicht besonders gut vor einer Infektion. Er ist nicht dicht und feuchtet schnell durch. Sinn ergibt ein Mundschutz dagegen für Erkrankte, um andere Menschen zu schützen.

Woran erkenne ich, dass ich womöglich an Corona erkrankt bin?

Da die Symptome ähnlich wie bei einer Grippe sind, kann dies erst der Labortest aufzeigen. Und den muss der Hausarzt unbedingt veranlassen, denn die Grippe kann man bei rechtzeitiger Diagnose mit Medikamenten behandeln.

Zwar gibt es keinen Impfstoff gegen den Coronavirus, doch Experten raten jetzt zur Grippeschutzimpfung. Warum?

Eine Grippeimpfung schützt nicht gegen diese neue Erkrankung, dennoch ergibt sie Sinn. Denn die Symptome wie Husten, Schnupfen, hohes Fieber bis hin zur Lungenentzündung sind ähnlich. Beide Erkrankungen sind klinisch nicht voneinander zu unterscheiden, sondern nur durch einen Labortest. Aber wenn viele sich gegen Grippe impfen lassen, fällt die Grippewelle zum einen kleiner aus und wir haben entsprechend mehr Ressourcen etwa in den Krankenhäusern für Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind. Zum anderen ist es ohnehin sinnvoll, sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Da hatten wir in den vergangenen Jahren zumeist weitaus mehr Todesfälle als sie bislang vom Corona-Virus gemeldet wurden. So hatten wir im Winter 2017/18 in Deutschland mehr als 25 000 Grippetote. Man sollte Corona durchaus zum Anlass nehmen, das eigene Impfverhalten zu überdenken, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man schwer an einer Grippe erkrankt, ist höher.

Was droht uns, wenn es tatsächlich zu einer Pandemie, also einer weltweiten Epidemie über mehrere Kontinente, kommt, das Virus sich also auch hier über das ganze Land ausbreitet?

Bei einer Pandemie wird es dramatisch, das muss man so deutlich sagen. Man kann nicht impfen wie bei einer Grippewelle, und ob die Krankenhäuser da wirklich genug Kapazitäten haben, ist fraglich. Insofern sind die getroffenen deutlichen Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung so wichtig.

Impfarzt Dr. Sebastian Grae­fe. (Foto: privat)

Zur Person

Fachmann für Viren

Dr. Sebastian Graefe (53) ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Der Lüneburger betreibt ein Impfzentrum im Hamburger Stadtteil St. Pauli und arbeitete zuvor im Hamburger Tropeninstitut. Zudem ist er im Lüneburger Gesundheitsamt tätig, bietet dort montags von 8 bis 10 Uhr Impfsprechstunden an.

Von Thomas Mitzlaff