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Volkan I. (l.), die Rechtsanwälte Siyamak Faghihi und Fenna Busmann sowie der zweite Angeklagte Hayam K. Foto: jz

Hollywoodreife Geschichte stinkt

Lüneburg. „Ich weiß, es klingt wie ein Hollywoodfilm.“ So stufte der Hauptbelastungszeuge Phil S. (22) selbst seine Vorwürfe ein, die den Angeklagten Volkan I. (22) und Hayam K. (23) Fuß- und Handfesseln eingebracht hatten. Die ihm angeblich kaum bekannten Männer hätten ihm eine Pistole unter die Nase gehalten, seine Familie bedroht, ihn zehn Stunden in einer Spielhalle gefangen gehalten und so gezwungen, seinen Sportwagen für 6000 Euro zu verhökern. Nun ist Hollywood aber kein Synonym für Glaubwürdigkeit. Das Landgericht Lüneburg folgte der Räuberpistole in weiten Teilen nicht: Hayam K. verließ Saal 21 als freier Mann, Volkan I. muss höchstens befürchten, wegen Nötigung verurteilt zu werden.

Die angeklagten Delikte waren in der Schwerkriminalität angesiedelt: Erpresserischer Menschenraub und schwere räuberische Erpressung wurden dem Türken Volkan I. und dem Deutschen Hayam K. vorgeworfen. „Echte Dickschiffe“ des Strafrechts, wie der Vorsitzende Richter Dr. Michael Herrmann meinte. Am Ende muss eher über ein Paddelboot geurteilt werden.

Vom „Dickschiff“zum Paddelboot

Volkan I. habe er zufällig an einer Tankstelle kennengelernt, beteuerte Phil S. Eine Woche später sei das Duo bei ihm in Salzhausen aufgekreuzt. In deren Auto habe er in den Lauf einer Pistole geblickt, seine Familie sei bedroht und der Aufmarsch von „300 Cousins“ sei angekündigt worden. „Sie wollten, dass ich beim Onlinebanking einen Kredit von 7500 Euro beantrage, um mir das Geld abzunehmen.“

Das scheiterte daran, dass ein Schufa-Eintrag mangelnde Zahlungswürdigkeit nahelegte. „Dann sollte ich den Fahrzeugbrief meines erst drei Wochen alten Nissan 350Z holen.“ Zehn Stunden habe er in einer Spielothek neben Hayam K. sitzen müssen, während Volkan I. einen Käufer für den Wagen suchte. Bei einem Autohändler in Stelle schlug Volkan I. bei 6000 Euro ein. Der Vater des Zeugen wollte den Verlust des Zweisitzers, der auf seinen Namen lief, aber nicht hinnehmen. Die Polizei wurde gerufen.

Der erzählte Phil S. allerdings nichts von einer Pistole. An die ursprünglich behauptete Todesangst in der Spielhalle konnte sich der Zeuge nun auch nicht mehr erinnern. „Hayam hat da nur gedaddelt und sich nicht für mich interessiert.“ In WhatsApp-Nachrichten an Volkan schrieb Phil S.: „Dachte, wir wären Freunde“. Und: „Ich hab dir vertraut.“

Mehrmals ermahnte Richter Herrmann den Zeugen, die vollständige Wahrheit auszusagen, fragte, ob er die Angeklagten schon länger kenne, möglicherweise bei ihnen Schulden habe. Doch vergeblich. Phil S. blieb dabei: „Ich sage die Wahrheit.“ Richter Herrmann konterte: „Ihre Geschichte stinkt von vorne bis hinten.“

Kampfkünstler windet sich auf dem Zeugenstuhl

Mehrmals unterbrach der Vorsitzende die Verhandlung, erkennbar ungehalten über das Aussageverhalten des Belastungszeugen. Der Kampfsportler versuchte, sich mit Gedächtnislücken und Relativierungen aus der juristischen Klammer zu winden. Schließlich kam die 1. große Strafkammer zu dem Schluss, dass weder die Anklage noch die Haftgründe aufrechtzuerhalten wären. Hayam K. kam nach sechs Monaten U-Haft frei. Seine zahlreichen Unterstützer im Publikum jubelten, was Richter Herrmann sofort unterband.

Zwar wurde auch der Haftbefehl gegen Volkan I. von der Kammer aufgehoben, doch er konnte das Landgericht nicht als freier Mann verlassen. Der Angeklagte, den Herrmann noch aus seinen Jahren als Amtsrichter in Winsen als Größe der dortigen Kriminellen-Szene kennt, sitzt derzeit noch wegen eines anderen Delikts in U-Haft.

Das Verfahren gegen Hayam K. wurde unter der Bedingung eingestellt, dass dieser auf mögliche Entschädigungsansprüche wegen des halben Jahres U-Haft verzichtet. Das tat er. Volkan I. könnte nun wegen Nötigung verurteilt werden.

Von Joachim Zießler