Aktuell
Home | Lokales | Neues Konzept für den Friedenspfad
Der Ehrenfriedhof im Tiergarten erhält ein neues Gesicht. Die Steine der Eingangspforte trugen ursprünglich den Gedenkstein mit der Inschrift. Auf den Stelen im Hintergrund sollen die Namen und die Gräber der NS-Opfer stehen. (Foto: be)

Neues Konzept für den Friedenspfad

Lüneburg. Kulturausschüsse sind nichts für „Basta“-Politiker. Während die Ratsmitglieder, die Finanzen oder Bauten beschließen, Fakten schaffen, setzen die zehn Kulturpolitiker in ihrem Ausschuss Marksteine in der geistigen Welt – die sich gerade dadurch auszeichnet, ewig im Fluss zu sein.

Beherrschendes Thema der jüngsten Sitzung war die „Erinnerungskultur“ – von den mittelalterlichen Pilgern bis zu den ­nationalsozialistischen Gräueln. Und weil „Erinnerungskultur nie endet“, wie Oberbürgermeister Ulrich Mädge sagte, wurden einige der Beschlüsse in Raum M des Museums mit dem Stempel „offener Prozess“ versehen. So wurde das neue Konzept für den „Friedenspfad“ abgesegnet – aber dessen Vorläufigkeit betont. So wurden die Fortschritte bei der Neugestaltung des Ehrenfriedhofs im Tiergarten begrüßt, aber Nachbesserungen bei den erklärenden Schrifttafeln angemahnt. Und so wurde die Benennung von zwei Straßen im Neubaugebiet „Am Wienebütteler Weg“ nach den „Müttern des Grundgesetzes“ in zwei Fällen auf Eis gelegt, bis Historiker geprüft haben, ob die Frauen als Namensgeberinnen taugen.

Der Name bleibt bis zum Schluss umstritten

Der „Friedenspfad“ sorgt in Lüneburg spätestens seit 2018 für Unfrieden. Der „Arbeitskreis Erinnerungskultur“ erarbeitete nun zwar einen neuen Vorschlag, damit geschichtsträchtige Lüneburger Orte dem Vergessen entrissen und zu solchen des Lernens werden. Über die Namensgebung konnten die neun Mitglieder aber keine Einigkeit erzielen. Der Kultur- und Partnerschaftsausschuss griff die Debatte auf: Sollen die insgesamt 41 Stationen – von der MTV-Turnhalle über den Dragoner-Reiter und den Friedhof Tiergarten bis zum ehemaligen „Zigeunerlager“ – künftig „Lüneburger Orte gegen das Vergessen“ genannt werden oder solle dem Satz ein „Friedenspfad“ vor- oder nachgestellt werden?

Karlheinz Fahrenwald (Die Linke) wollte den „Friedenspfad“ streichen, weil er das falsche Etikett sei. „Die meisten Stationen beziehen sich auf Gewalttaten der Nazis.“ Friedrich von Mansberg (SPD) kritisierte, dass mit einer Kappung des Namens auch der Beitrag der Manzke-Stiftung entsorgt würde, „von der schließlich der Impuls gekommen ist“. Das bestritt Ernst Bögershausen (Grüne): „Der Impuls ging von der Stadt aus. Die Manzke-Stiftung sprang bei der Umsetzung ein, weil damals das Geld fehlte.“ Hiltrud Lotze erinnerte an das Engagement von Pastor i. R. Folker Thamm und Gymnasiasten der Wilhelm-Raabe-Schule, die den Begriff und die Idee vom „Friedenspfad“ entwickelt hätten. Diese „Vorleistung“ der Schüler wollte auch OB Mädge gewürdigt wissen. „Das Engagement dieser 14- bis 16-Jährigen zeigt, dass Geschichte immer neu bewahrt werden müsse.“

Gedenkpfad geht in Regie der Stadt über

Am Ende wurde das neue Konzept mit sieben Ja-Stimmen, einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen angenommen. Der Titel des Projektes: „Lüneburger Orte gegen das Vergessen. Friedenspfad“. Die 41 Denkmäler und Gedenkorte des Pfades sollen erstmals beziehungsweise neu betextet werden. Auch ein kostenloses Begleitheft soll erstellt werden. Die Umsetzung des „Friedenspfades“ solle in die Hoheit der Stadt übergehen. Geld privater Stiftungen dürfe aber weiter eingeworben werden. Der Ausschuss empfiehlt der Stadt, Mittel im Etat einzustellen. Nach einem ersten Kostenplan würden Info-Tafeln 46 300 Euro kosten, Stelen wie im Wandrahmpark 63 665 Euro. Hinzu kämen 5000 Euro für die Einrichtung einer Website und jährliche Betriebskosten von 180 Euro.

„Erinnerungskultur sichtbar zu machen“, wie Thomas Buller (CDU) gefordert hatte, hat eben ihren Preis.

Wiedereröffnung am 4. Mai

Mahnmal im Tiergarten

Dass der Opfer des schwersten Kriegsverbrechens in Lüneburg angemessen gedacht wurde, dauerte lange. Seit dem Beschluss, für die etwa 230 dort Bestatteten einen würdigen Ehrenfriedhof zu schaffen, gilt es, praktische Schwierigkeiten zu überwinden. Das machte Stadtbaurätin Heike Gundermann im Kulturausschuss deutlich. So konnten die Rhododendren, die die Gräber überwuchert haben, nicht einfach herausgerissen werden. Die Pflanzen wurzeln 80 Zentimeter tief in der Erde. Eingriffe ins Erdreich über 20 Zentimeter hinaus gelten nach jüdischen Grabvorschriften aber bereits als Störung der Totenruhe. Erst der Fund von Winkeleisen im Jahr 2019 habe die Ortung der Grabreihen ermöglicht. Inzwischen gehen die Arbeiten in die Endphase. Wege wurden angelegt, die Stelen stehen, Bänke kommen noch, die Bepflanzung ist geplant, wobei berücksichtigt wurde, dass blühende Pflanzen auf Gräbern von Juden tabu sind. Am 4. Mai, 11 Uhr, soll der Ehrenfriedhof wiedereröffnet werden.

Die Beschriftung der Infotafeln wird zu diesen Zeitpunkt noch nicht fertig sein. Zahlreiche Organisationen arbeiten zusammen, um die erklärenden Texte zu erstellen. Aber nicht von allen Opfern ist der Standort des Grabes bekannt. Im April 1945 räumte die SS die Konzentrationslager. Bei dem Transport von Wilhelmshaven nach Neuengamme starben 72 Häftlinge unterwegs. Fast 100 KZ-Häftlinge starben, als US-Bomber am 7. April den Zug im Lüneburger Bahnhof bombardierten, beziehungsweise als sie auf der Flucht erschossen wurden. Ca. 80 Häftlinge, die nicht nach Bergen-Belsen transportiert werden konnten, wurden hier erschossen.

Von Joachim Zießler