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Der Wochenmarkt auf dem Marktplatz war voll wie an normalen Sonnabenden. Fotos: t&w (1), be (4)

Lüneburg zeigt sich sorglos

Lüneburg. Am Sonnabend stellte sich für die Lüneburger die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit dem Virus? Das erste Wochenende, nachdem die Pandemie die Hansestadt erreicht hat: Welches Gesicht würde Lüneburg zeigen? Panik? Gelassenheit? Tanz auf dem Vulkan? Rückzug? Ein Streifzug durch die Stadt sollte Antworten bringen.

Sonnabend, 9.13 Uhr: Blaulicht flackert auf dem Dach des Notarztwagens, der vor dem DRK-Seniorenheim steht. Kein seltenes Bild in der Herderstraße, doch jetzt hält man den Atem an. Dann Entwarnung. Der Fahrer steigt gemessenen Schrittes ein – ohne Atemschutz. Kein Patient an Bord. Am Ende des Lebens ist Corona nicht die einzige Gefahr.

9.25 Uhr: Freie Parkplätze vor Tschorn am Bockelsberg. Doch drinnen das übliche Gedrängel. Und ansteckende Kaufwut. Zwei Frauen unterhalten sich:
„Ich kam mir schon dämlich vor. Jetzt nehme ich auch eine Dose mehr.“
„In Mailand war es am Anfang auch so. Da hamsterten alle. Jetzt hat es sich beruhigt.“

In den Regalen der Supermärkte spiegelt sich der Ausnahmezustand wider. Schon am Freitag klaffte im Handelshof in der Goseburg in einem Regal eine riesige Lücke. Nur ein Schild war noch da: „Coronadesinfektionsmittel.“ Bei Tschorn waren lediglich bei haltbarer Milch Lücken. Beim Rewe in Reppenstedt zeigten ganze Regale gähnende Leere. Bei Budnikowski in der Feldstraße wird es bei der Flüssigseife eng. Beim benachbarten Aldi sind das Regalbrett, wo Einmalhandschuhe zu finden sein sollten, und zwei Paletten für Toilettenpapier leer.

Letzteres verblüfft Manfred Tschorn. „Sicher hat man mit so etwas null Erfahrung. Aber warum Toilettenpapier gebunkert wird, ist uns ein Rätsel“, sagt der Inhaber der „Sandpassage“ und des Bockelsberger Ablegers. „Im Moment kauft jeder Kunde mehr. Wir hoffen, dass sich das beruhigt.“

11.28 Uhr: Die Bänke im Clamartpark sind voll. In der Drogenszene wird Gefährlicheres als das Virus freiwillig eingeworfen.

11.32 Uhr: Ohne Murren steigen Passagiere hinten in den Bus der Linie 5012 ein. Ein Trassierband schützt den Fahrer vor allzu engem Kontakt. Manche halten ihre Dauerkarte hoch.

11.34 Uhr: Die Mittagssonne lässt die bunten Fenster der von St. Johannis erstrahlen. Staub tanzt im Lichtkegel. Niemand außer mir ist im Kirchenschiff. Es ist so still, dass ich meinen Herzschlag höre. Dann kommt ein Touristenpaar mit Kameras vor der Brust. Vor 102 Jahren, als der Sensenmann in Form der Spanischen Grippe in Lüneburg wütete, suchten die Menschen Zuflucht im Gebet.

11.48 Uhr: Die Korbstühle vorm Eiscafé am Sande sind voll besetzt. In der Kleinen Bäckerstraße zeigt ein Großvater seinem Enkel, wie man sich in Zeiten des Coronavirus „italienisch“ begrüßt: Eine Fußspitze tippt leicht gegen die Fußsohle des anderen – und umgedreht. In der Schlange vor „Nordsee“ stehen die Menschen so dicht gepackt wie Sardinen. Gute Zeiten für ein Virus, das leichter neue Wirte finden, wenn die dicht aufeinander hocken.

11.50 Uhr: Eine junge Mutter telefoniert: „Man hat ein komisches Gefühl. … Es soll vor allem die Schwachen betreffen.“ Währenddessen spielt ihr Kleinkind auf dem Spielgerät in der Bäckerstraße – wie sicherlich viele Kinder vor ihm.

12.00 Uhr: Der Wochenmarkt ist ähnlich voll wie die Bäckerstraße. Während die Tüte mit Karotten rübergereicht wird, scherzt die Kundin: „Das sollte den Körper stärken.“
Eine Stadtführerin lotst eine Gruppe von etwa einem Dutzend Touristen über die Straße hinein ins Gewühl.

12.12 Uhr: Auf den Treppen des Landgerichts halten Sonnenhungrige aufgereiht wie Hühner auf der Stange ihre Gesichter in die Wärme. Auch das Hochzeitspaar vor dem benachbarten Heine-Haus freut sich über das Lichtbad für die Fotos im Familienpulk. Und dass die Schleifen und Ballons in Herz-Form nicht nassgeregnet werden. Nach den Regenwochen zuletzt verdrängt die Rückkehr der Sonne für viele die Ankunft des Virus.

12.17 Uhr: Entschlossenen Schrittes stapft Tim Vogt über das Kopfsteinpflaster im Hinterhof der Ratsbücherei, zieht Tochter Trisha in einem Wagen hinter sich her. Dann machen beide lange Gesichter. „Wir wollten uns für die nächsten Wochen mit Büchern eindecken. Wir haben nicht mitbekommen, dass die Kinder- und Jugendbücherei schon geschlossen hat“, sagt der Lüneburger. Tochter Tisha verhagelt die Seuchenbekämpfungsmaßnahme so sehr die Stimmung, dass sie nicht mal für die Kamera des Fotografen lächeln wollte.

12.32 Uhr: Dafür lächeln die Flaneure, die sich in der Schröderstraße eine Pause in der Frühlingssonne gönnen. Und die beiden älteren Herren, die ins Ostpreußische Landesmuseum huschen.

12.59 Uhr: Der Lesesaal der Leuphana-Bibliothek ist locker gefüllt. Die Studenten halten Abstand, aber wohl eher wegen der Konzentration. Künftig muss der Kopf öfter zu Hause gefüllt werden. Heute ist die Bibliothek dicht, ab morgen seltener geöffnet.

13.10 Uhr: Drei Jugendliche werfen im MTV-Sportpark ein paar Bälle unter dem Basketballkorb. Auf dem Rasen wird sobald nicht wieder um Punkte Fußball gespielt werden.

Sonntag, 12.01 Uhr: Hat das Glockengeläut jemanden zur inneren Einkehr in die alte Patrizierkirche am Sande gelockt? Nein, nur einige verloren wirkende Touristen. Auf dem Weg in die Redaktion diskutiert eine Gruppe von sieben halbwüchsigen Jungs ihre Erfolge bei „Pokémon Go“:„Haben jetzt alle vier Sterne?“

Frotzelnd und lachend biegen sie in die Kalandstraße. In ihrer Welt sorgen Viren vor allem für die Gefahr, dass ihr Rechner abstürzt. Obwohl – neue Updates sollen das Zuhause-Spielen beliebter machen. Das Spiel, das an die frische Luft locken soll, probt die Quarantäne.

Interessant ist auch, was in Lüneburg nicht zu sehen war: Mundschutz. Überall ausverkauft, aber niemand trägt ihn. Welches Gesicht hat Lüneburg nun also am ersten Corona-Wochenende gezeigt? Das Sorglose. Das Inkonsequente. Längst hat das Virus die Gespräche der Lüneburger erreicht, aber noch lange nicht das Verhalten.

  • Das Bürgertelefon zum Corona-Virus ist unter der (04131) 26-1000 zu erreichen.
  • Über den aktuellen Stand zum Coronavirus in Lüneburg und Umgebung informieren wir Sie hier.
  • Eine Übersicht über alle Veranstaltungen, die in Lüneburg und Umgebung ausfallen, finden Sie hier.

Von Joachim Zießler