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Amir A. (25; mit dem Rücken zur Kamera sitzend) werden 16 Straftaten vorgeworfen. Sein Rechtsanwalt Christian Wigger lotete zum Prozessauftakt die Bereitschaft von Kammer und Staatsanwaltschaft für einen Deal aus. Foto: jz

Der schnelle Griff zum Messer

Lüneburg. Die Strafprozessordnung beugt sich nicht mal einer Epidemie. Gelingt es nicht, innerhalb von sechs Monaten nach der Inhaftierung eines Verdächtigen den Prozess gegen ihn zu eröffnen, muss er entweder aus der U-Haft entlassen oder diese von einem Oberlandesgericht verlängert werden. Die 2. große Strafkammer des Landgerichts ging einen anderen Weg: Sie startete das Verfahren gegen Amir A. (25) in einer coronabedingt abgespeckten Form.

Streifzug von Schule zu Schule

Dem syrischen Asylbewerber werden gleich 16 Straftaten vorgeworfen, unter anderem Diebstahl, Hausfriedensbruch, Nötigung und gefährliche Körperverletzung. So soll Amir A. am 12. September 2019 einem Mitbewohner in der Gemeinschaftsunterkunft ein iPhone gestohlen haben. Fünf Tage später betrat er die „Cherry Spielothek“, obwohl er dort schon Hausverbot hatte. Als die Betreiberin ihn hinauswarf, habe er gesagt: „Guck nicht!“ und sei sich mit dem Zeigefinger über den Hals gefahren. Am 23. September wurde der vorbestrafte Mann im Umfeld von zwei Schulen auffällig. Zunächst setzte er sich auf dem MTV-Sportplatz auf eine Hochsprungmatte und beobachtete Schülerinnen beim Sportunterricht. Als ihn der Lehrer fortschickte, habe er laut Anklage ein Einhandmesser mit neun Zentimeter langer Klinge gezogen. Daraufhin zog sich der Lehrer mit seinen Schülern in die Umkleideräume zurück.

Auf dem Hof der Grundschule Im Roten Felde hantierte er mit einem schweren Stock und gebärdete sich bedrohlich. Vor der Wilhelm-Raabe-Schule habe er die hintere Tür des Autos einer Mutter aufgerissen, die gerade ihren Sohn abholte, deren Handtasche ausgekippt, gegen den Wagen geschlagen und mit dem Messer gedroht. Zeugen, die ihn beruhigen wollten, rief er zu: „Verpiss Dich!“ Einen Mann habe er mit der Faust geschlagen, einen anderen mit der Schnalle seines Gürtels.

„Beim Messer verstehen wir keinen Spaß. Da gilt null Toleranz.“ – Richter Thomas Wolter

Bei diesen Taten soll der 25-Jährige aufgrund „einer dissozialen Persönlichkeitsstörung“ nur begrenzt Herr seiner Sinne gewesen sein. Selbst als eine alarmierte Polizistin ihn aufforderte, das Messer fallen zu lassen, habe er sich geweigert. Erst als ein Kollege der Beamtin hinzukam, den der Mann kannte und der ein paar Worte auf Arabisch sprach, gab er auf.

Seine amokartige Randale wiegt noch schwerer, da ihm das Amtsgericht Braunschweig aufgrund anderer Vorfälle in der Vergangenheit längst untersagte hatte, außerhalb seiner Wohnung ein Messer zu führen.

Doch nicht mal in U-Haft hat der Mann seine Affekte im Griff. Als er wegen fortgesetzter Ruhestörung in eine andere Zelle verlegt werden sollte, weigerte er sich, sprang auf einen Tisch und schlug nach einem der Justizvollzugsbeamten mit einem Keramikbecher, den er in ein Tuch gewickelt hatte.
In einer von seinem Verteidiger, Christian Wigger, verlesenen Erklärung räumte der Angeklagte einige Vorwürfe ein, andere schilderte er komplett anders. So habe er die Angestellte der Spielothek nicht bedroht, habe sich auf dem MTV-Sportplatz vom Lehrer bedroht gefühlt, weil der ihn am Arm gepackt haben soll. Auch vor der Raabe-Schule habe er nur aus Angst zum Messer gegriffen, weil einer der Lehrer ein Fahrradschloss in der Hand gehalten und ihn damit auch als erster geschlagen haben soll.

Täter stilisiert sich als Opfer voller Angst

Wigger regte Verständigungsgespräche an, „weil hier vielleicht nicht die Höhe der Strafe im Vordergrund steht, sondern eher das Ergebnis der Begutachtung durch den Psychiater.“

Der angesprochene Gutachter, Dr. Reiner Friedrich, hielt die „Diagnose Persönlichkeitsstörung für ausreichend gesichert.“ Fehlende Einsichtsfähigkeit des Angeklagten vermochte er nach Aktenlage nicht zu erkennen, mangelnde Steuerungsmöglichkeit zumindest für einige Punkte der Deliktkaskade denkbar.
Staatsanwalt und Kammer hielten die Zeit für einen Deal noch nicht für reif. Richter Thomas Wolter sagte: „Beim Messer verstehen wir keinen Spaß. Da gilt null Toleranz.“ Insofern könne er eine Bewährungsstrafe für einen Angeklagten, „der sich als Opfer voller Angst stilisiert“, in der Zukunft nicht erkennen.
Richtig starten – mit Zeugenvernehmungen – werde das Verfahren im April, sofern das Covid-19-Virus dies zulasse.

Von Joachim Zießler