Aktuell
Home | Coronavirus | Hartes Los hinterm Lenkrad
Dennis Schmidt, Geschäftsführer der Hiller Spedition, glaubt nicht, dass es zu Lieferengpässen kommt: „Die Lkw-Transportkapazitäten reichen.“ Foto: t&w

Hartes Los hinterm Lenkrad

Lüneburg. Wer vor dem leeren Toilettenpapier-Regal steht, versteht, wie systemrelevant Lkw-Fahrer sind. Nachschub erreicht die Bürger in ihrer Quasi-Quarantäne nur, wenn Speditionen die Güter weiter rollen lassen. Das ist schwierig, da das Virus ganze Branchen lahmlegt, die Grenzen ebenso geschlossen wurden wie Toiletten auf Lkw-Raststätten, manche ihre Corona-Angst an den Fahrern abreagieren und die Bundesregierung den Markt für osteuropäische Billig-Fahrer öffnet. Wie stemmen sich Lüneburger Speditionen gegen die Krise? Eine Bestandsaufnahme.

Corona lässt die Transportmenge schrumpfen

„Es ist schwierig, aber es funktioniert“, sagt André Quente, Inhaber der Spedition Fritz Quente. „Es ist schon eine sehr angespannte Zeit“, meint Dennis Schmidt, einer der beiden Geschäftsführer der Hiller Spedition, und ergänzt: „Man muss die Mitarbeiter beruhigen“ – sowohl in Sachen Seuche als auch in Sachen Jobsicherheit. Viele Mitarbeiter der Verwaltung arbeiteten aus dem Homeoffice, Hallenleiter müssten an ihren Standorten bleiben. „Hinterm Lenkrad sind die Fahrer zwar quasi in Quarantäne, doch manche Kunden reagieren jetzt sehr streng. Bei Aldi oder Rewe dürfen die Fahrer, die bisher an der Laderampe mitgeholfen haben, dies nicht mehr.“ Und das, obwohl die Trucker schon vor Corona vorbildlich waren, wie André Quente findet: „Wer Lebensmittel ausliefert, befolgt schon längst alle Hygieneregeln.“

Uwe Garbe, Geschäftsführer des niedersächsischen Landesverbandes der Spediteure sieht eine Tendenz zum Schlechten. Da Produktionsbetriebe und Zulieferer schließen, „brechen große Transportmengen weg“. Und was bei Baumärkten, Gartencentern und Möbelgeschäften wegfalle, könne der „auf extrem hohem Niveau“ laufende Bereich Lebensmittel und Grundversorgung nicht kompensieren. Zwischen Unternehmen und Konsumenten werden gerade „hohe Mengen“ bewegt, der Bereich zwischen Herstellern und Geschäftspartnern „ist eher rückläufig“. Garbe beklagt auch die Schließung sanitärer Anlagen an den Autobahnraststätten und dass „Fahrer an Be- und Entladestellen schlecht behandelt werden.“ Er mahnt: „Ware muss physisch von A nach B. Und das machen Menschen!“ Psychischer Druck träfe auf Menschen, die um ihren Job bangten. Denn: „Etliche Betriebe“ müssten Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und „drohen, in Liquiditätsprobleme zu geraten“.

Kritik an Öffnung für osteuropäische Konkurrenz

Dennis Schmidt ist angesichts der verwaisten Automobilfabriken froh, dass Hiller Spedition „nach zwei schlechten Erfahrungen nicht mehr für die Autokonzerne fährt“. Die von seinen 29 Lkw bedienten Lebensmittelhändler und Chemie-Zulieferer „laufen stark – Desinfektionsmittel sind ja gerade der Renner“. André Quente ist dankbar, „feste Kunden in Lüneburg“ zu haben, erinnert aber daran, dass derzeit auch der in Deutschland traditionell starke Maschinenbau schwächelt und deshalb keine Aufträge an Speditionen vergibt.

Logistisch bedingte Lieferengpässe hält Verbandsfunktionär Garbe für „denkbar“. Schmidt hält die „Lkw-Kapazität auf den Straßen für ausreichend“, Quente meint: „Wenn die Fabriken wieder anfahren, wird das eng.“

Einig ist sich das Trio in der Ablehnung einer Maßnahme der Bundesregierung, um in der Coronakrise genügend Frachtraum vorzuhalten. Berlin hat die Kabotage bis zum 30. September gelockert, also das Recht ausländischer Spediteure, in Deutschland Güter zu transportieren. Dennis Schmidt: „Das bedeutet noch mehr Marktanteile für osteuropäische Spediteure. Keine Ahnung, wie so etwas über Nacht abgenickt werden kann.“ Eine Lockerung des Sonntagsfahrverbots würde dagegen den deutschen Spediteuren helfen. Ohnehin herrsche „keine Waffengleichheit“ zwischen deutschen Spediteuren und ihren Konkurrenten im Osten, beklagt André Quente: Fahrer aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine kriegten Mini-Löhne, „ob die bei den vorgeschriebenen Lenkzeiten genauso akkurat sind wie wir, sei dahingestellt“.

Garbe kritisierte die Lockerung der Kabotage als „verfrühte Maßnahme zu Lasten hiesiger Unternehmer, die deutliche Mengenverluste zu verzeichnen haben.“

Aber zumindest etwas Gutes hat die Krise für die Lkw-Fahrer: „Es ist entspannter zu fahren“, sagt Dennis Schmidt. „Der Albtraum in der Fahrerkabine, der überholende und dann kurz vor der Ausfahrt überstürzt einscherende Pkw-Fahrer, ist seltener.“

Von Joachim Zießler