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Die Rechner von Johanneums-Schüler Thies Hämmerling helfen der Forschung, um am Coronavirus zu forschen. Er hofft, dass auch andere die Rechenleistung ihrer PCs zur Verfügung stellen. Foto: t&w

Mit geballter Leistung gegen Corona

Lüneburg. Thies Hämmerling ist 17 Jahre alt, wohnt in Barendorf, ist begeistert von Naturwissenschaften und computerinteressiert. Er unterstützt die Wissenschaft bei der Erforschung des neuartigen Coronavirus – und fordert dazu auf, es ihm gleichzutun. Denn das geht ganz einfach: Durch das Spenden von Rechenleistung seines PCs, Laptops oder Android-Handys bzw. Tablets. Als Schüler des Johanneums lebte er die vergangenen Tage unter Quarantäne. Das Interview fand über E-Mails statt.

Lieber Thies, wir haben erfahren, dass Du in Zeiten der Corona-Krise dazu aufrufst, Rechnerleistungen zu teilen. Was genau können wir uns darunter vorstellen? 
Thies Hämmerling: Bei einem modernen Computer werden während der normalen Nutzung nur zehn bis 20 Prozent der Rechenleistung verwendet, nur bei anspruchsvolleren Aufgaben, wie zum Beispiel Computerspielen oder dem Rendern von Videos, läuft das Gerät mit voller Kraft. Die Idee hinter dem „Grid Computing“ ist es, die verbleibende Leistung über eine entsprechende Software der Wissenschaft zu spenden, indem diese Software wissenschaftliche Berechnungen auf dem Gerät durchführt.
Das bekannteste Programm dafür ist BOINC von der Universität Berkeley. Es unterstützt eine Vielzahl von Projekten in allen Bereichen der Wissenschaft. Eines davon ist Rosette@Home. Es nutzt eine Simulation, um die dreidimensionale Struktur von Proteinen zu berechnen. Aktuell liegt der Fokus auf der Struktur der Proteine des Coronavirus und deren Interaktionen mit Medikament-Kandidaten.

Das klingt ja spannend – wirft aber auch Fragen bei mir auf. Zum einen natürlich, wie ich an dieses Programm komme, wenn ich meine Rechenleistung spenden möchte. Aber auch: Kann ich selbst bestimmen, für welche Projekte mein Computer Leistung „spenden“ darf und für welche nicht? Wie werden meine Daten geschützt? Und woher weiß ich, dass die Rechenleistung nicht von anderen, nicht-akademischen Projekten missbraucht wird?
Das Programm steht auf der Webseite boinc.berkeley.edu zum Download bereit. Es kommt direkt von der Universität Berkeley. Berkeley moderiert den Zugang zu BOINC, somit ist es unmöglich, dass etwas Nicht-akademisches das Programm missbraucht.
Die Projekte fügt man manuell hinzu und hat somit die totale Kontrolle darüber, was berechnet wird. Man kann auch die Ressourcenaufteilung prozentual einstellen. Die Datensicherheit ist gewährleistet, da das Programm komplett quelloffen ist. Es würde sofort auffallen, wenn es Daten liest, die es nicht lesen soll. Die normale Arbeit ist weiter möglich. Die Sorgen wegen BOINC liegen eher auf der Hardware-Seite. Ein durchschnittlicher Laptop mit 100 Watt verursacht pro Tag unter Volllast ca. 1,44 Euro an Stromkosten. Außerdem werden die gesamten 100 Watt als Abwärme in den Raum freigesetzt. Der elektronische Verschleiß der Komponenten wird ebenfalls beschleunigt.

Was würdest du dann empfehlen, wie man idealerweise seine Rechenleistung spendet?
Man kann Zeiten sowie den prozentualen Anteil der Leistung einstellen. Nur 20 Prozent der Prozessor-Leistung für ein paar Stunden am Tag sind bereits ein guter Beitrag.

Wo siehst Du Spendenpotenzial derzeit?
Ich habe eine Rundmail an alle Schüler und Lehrer des Johanneums geschickt, in der ich dazu aufgerufen habe, dass sie ihre privaten Rechner dafür nutzen. So kann sofort geholfen werden und die Kosten werden auf viele Privatpersonen verteilt.
Spendenpotenzial gibt es bei allen, die sich aktuell in Quarantäne oder im Home Office befinden und deshalb sowieso am PC sitzen. Außerdem gibt es einige Unternehmen, die ihre Computer und Server aktuell überhaupt nicht nutzen, weil sie aufgrund der Coronavirus-Pandemie geschlossen sind. Diese könnten es als einen Teil ihrer sozialen Verantwortung ansehen, der Forschung am Coronavirus zu helfen. Das liegt auch in deren eigenem Interesse, je schneller die Krisensituation beendet ist, desto schneller können sie wieder öffnen und Umsatz generieren. Somit kann man die Teilnahme an BOINC schon fast als eine sinnvolle Investition ansehen.

Erzähl doch noch was zur Geschichte – wie lange gibt‘s das schon?
BOINC gibt es seit dem 10. April 2002. Es wurde ursprünglich dazu entwickelt, die Rechenarbeit eines Projektes an Privatpersonen, damals vor allem andere Wissenschaftler, auszulagern. Im Laufe der Zeit wurde es als offene Plattform für das verteilte Rechnen ausgebaut. Aktuell gibt es ca. 4,3 Millionen Teilnehmer, wobei aber nur ca. 155.000 in den letzten drei Monaten aktiv waren.

Spendest du deine Rechnerleistung auch? Wie wirkt sich das auf die Arbeitsleistung Deines Computers aus?
Da ich bereits erahnt habe, was auf uns zukommt, läuft mein Laptop seit dem 22. Februar rund um die Uhr mit 100 Prozent Rosetta. Wenn nur die CPU aktiv ist, ist der Lüfter tatsächlich leise genug, um mit dem Gerät in einem Raum schlafen zu können. Mein Fenster ist dauerhaft eine Spalt offen, damit mein Zimmer nicht zu warm wird.
Um ein Computerspiel zu spielen, muss BOINC leider pausieren – das würde dann nicht flüssig laufen.

Welche Möglichkeiten bietet das Grid Computing in der Corona-Forschung? Was macht der Forschungsfortschritt?
Es ist schwer, zu quantifizieren, wie viel Rechenleistung wie viel Fortschritt liefert. Man wird jedoch über aktuelle Ereignisse, wie zum Beispiel neue Publikationen oder eine neue Art von Aufgaben über ein internes Messaging-System informiert.

Von Robin Williamson

  • Das Bürgertelefon zum Corona-Virus ist unter der (04131) 26-1000 zu erreichen.
  • Über den aktuellen Stand zum Coronavirus in Lüneburg und Umgebung informieren wir Sie hier.

Wer Hilfe anbieten möchte oder Unterstützung sucht: www.coronahilfe.bfw-design.de oder www.lebendiges-lueneburg.de/solidaritaet