Aktuell
Home | Lokales | Angeltourismus ärgert Anwohner
Angler
Wie hier bei Radegast sind derzeit zahlreiche Angler an den Ufern der Elbe zu sehen. Viele kommen nicht aus der Region, angeln offenbar auch mehr als erlaubt ist. (Foto: t&w)

Angeltourismus ärgert Anwohner

Bleckede/Radegast. Dass sich nicht nur Einheimische am Radegaster Haken erfreuen, verwundert nicht: Der etwa 500 Meter lange Altarm der Elbe mündet bei Radegast direkt in den viertgrößten Fluss Europas. Ein idyllisches Plätzchen, von dem sich ein eindrucksvoller Blick aufs Wasser bietet. Direkt am Wasser entlang führt ein Radwanderweg, auch Spaziergänger und Wanderer sind hier unterwegs.

Sobald es wärmer wird, zieht es viele Besucher in die Region, eine Entwicklung, die der Region eigentlich zugute kommt. Doch einige von ihnen sind den Einheimischen inzwischen ein Dorn im Auge.

Viele Touristen aus Ballungszentren

Wie Fischer berichten, hat sich in Radegast in den vergangenen Jahren ein regelrechter Angeltourismus entwickelt. Der Bleckeder Horst Kastens, dessen Familie hier seit Generationen eine Fischerei betreibt, betrachtet das mit Sorge: „Wir haben hier wirklich jedes Wochenende volle Hütte, Touristen aus Nordrhein-Westfalen und Hannover zum Beispiel. Am Osterwochenende habe ich 23 ortsfremde Fahrzeuge gezählt, die meisten waren zu zweit unterwegs. Da kann man sich wohl vorstellen, was hier losgewesen ist.“

Gerade in Zeiten von Corona kann der pensionierte Polizeibeamte nicht nachvollziehen, warum dem regen Treiben an der Elbe kein Riegel vorgeschoben wird. „Wir sind eine sehr überalterte Region, viele der Anwohner sind zur Risikogruppe zu zählen. Und dann kommen Leute aus den Ballungsgebieten ohne Ende.“ Viele von ihnen würden auch am Wasser übernachten, unter windgeschützten Planen. „Das ist nichts anderes als Camping und damit verboten. Von der Notdurft, die die Leute hier überall verrichten mal ganz abgesehen.“

In den Hochzeiten traue sich am Radegaster Haken kaum jemand zu kontrollieren, da auch Fischereiaufseher bereits bedroht worden seien. Das bestätigt auch ein Kollege Kastens, der lieber anonym bleiben möchte. „Ich weiß, dass dem Campingplatzbesitzer schon Schläge angedroht worden sind, als er die Angler zur Rede gestellt hat“, berichtet er kopfschüttelnd. „Es ist unmöglich, dass hier gerade Leute aus Bielefeld, Paderborn, Höxter und sonstwoher antanzen. Es gibt eine Person, die so verantwortungslos ist momentan an Hinz und Kunz Angelscheine auszustellen. Den holen sie dann alle bei ihr ab, sie wiederum hat Kontakt mit dem ganzen Ort.“

Heimischer Fischbestand gefährdet

Darüber hinaus hielten sich viele der Angler nicht an die Regeln. „Die Fische laichen gerade, haben Nester. Da werden große Drillingshaken geworfen, die Fische gerissen, statt gefangen. Das ist verboten.“

Auch das ist ein Aspekt, der Horst Kastens Kopfschmerzen bereitet. „Wer nur ein klitzekleines bisschen Verantwortungsgefühl gegenüber der Natur hat, der hält sich an die Laichzeiten“, sagt er verärgert. Der heimische Fischbestand sei gefährdet. „Wir als Fischereiberechtigte haben keine validen Zahlen, aber klar ist, dass wir durch das übermäßige Befischen der Touristen fast keinen Weißfisch mehr haben. Fisch, der nicht zum Ablaichen kommt, bekommt keinen Nachwuchs. Und der Weißfisch ist wiederum Futter für den Raubfisch.“ Auch niedriges Wasser und Trockenheit seien zwar ein Problem, „aber eines, auf das wir im Gegensatz zum Angeltourismus keinen Einfluss haben.“ Er selbst angle noch gar nicht, Weißfisch sowieso nicht. „Den Raubfisch dann erst ab Juni oder Juli. Gerade schaue ich einfach nur fassungslos zu.“

Kastens und seine Kollegen fühlen sich von der Stadt als kommunale Aufsichtsbehörde allein gelassen. Wofür haben wir denn dieses Seuchenschutzgesetz, das Fischereigesetz, wenn nichts passiert, fragt sich Kastens.

Angeln ist nicht verboten

Auf Nachfrage der LZ hieß es seitens der Lüneburger Polizei, dass die letzte Überprüfung am 8. April stattgefunden habe. „Wir haben das im Blick, auch das Ordnungsamt weiß Bescheid. Bislang konnten wir aber keine Verstöße feststellen, das Angeln ist nicht verboten.“

Bleckedes Bürgermeister Dennis Neumann sagt, der Stadt sei der Angeltourismus zwar bekannt, betont aber auch: „Dass wir im Augenblick einige überlaufene Stellen haben, ist unglücklich, jedoch ist weder der Besuch der Deiche noch das Angeln verboten, solange man sich an die Spielregeln hält. Und die breite Masse tut das. Wir haben außerdem bislang die Erfahrung gemacht, dass man mit einer Ansprache mehr erreicht, als mit der Bußgeldkeule und Platzverweisen.“

Horst Kastens indes reicht das nicht. „Schüler der Bleckeder Realschule machen bei mir ihre Fischerprüfung. Es tut weh, ihnen sagen zu müssen, dass sie jetzt angeln dürfen, es aber kaum noch Fische gibt.“

Von Lea Schulze