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Gorleben
Protest gegen den Atom-Staat im Hüttendorf. Die Republik Freies Wendland stellte sogar eigene Pässe aus. Ein Kernkraftgegner kam damit bis Griechenland. (Foto: Archiv)

Atomfreie Träume im Hüttendorf

Gorleben. Das Land war konservativ, in Gedelitz, Trebel und Meetschow wählte man zumeist CDU. Doch im Februar 1977 verkündete Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), dass man ein atomares Endlager in Gorleben errichten wolle. Ein Dorf im grünen Nirgendwo, weit weg von den Städten. Zonenrandgebiet, die DDR lag gleich gegenüber auf der anderen Elbseite. Doch den radioaktiven Dreck wollten die Wendländer nicht haben; schnell wuchs eine Protestbewegung, eine bunte Mischung aus Bauern, Handwerkern, Künstlern, der Familie von Bernstorf in Gartow und jungen Leuten. Treck nach Hannover, Demos. Aus diesem Protest entstand am 3. Mai 1980 das Hüttendorf am Bohrloch 1004, die Freie Republik Wendland.

Alles unter den Augen der Polizei. Denn der fehlte das Personal, um das Gelände massiv zu schützen. Einsatzleiter war Ottokar Schulze, Vertreter des Kommandeurs der Schutzpolizei im Regierungsbezirk. Der Pensionär, der gerade seinen 90. Geburtstag feierte, hatte der LZ vor zehn Jahren von diesen Tagen erzählt: „Wir wussten vorher Bescheid und haben uns gefragt, wollen wir das zulassen?“ Doch es dauerte, bis sie einschreiten konnten. So lebten die jungen Leute in ihren Hütten 33 Tage lang den Traum vom atomfreien Staat.

Landwirte wie Horst Wiese aus Gedelitz waren skeptisch, als sie sahen, wer da alles campierte: „Platzbesetzung war ein furchtbares Wort, das hörte sich nach Kommunismus an.“ Doch dann fand er die Besetzer sympathisch: „Fleißige Leute.“ Er sei bei vielen Veranstaltungen dabei gewesen, habe geholfen, hatte er berichtet. Die CDU verließ er, wurde Mitglied der Bäuerlichen Notgemeinschaft, die noch heute gegen das Zwischenlager und das inzwischen stillgelegte Erkundungsbergwerk im Gorlebener Salzstock Position bezieht.

Die Polizei kontrolliert schon in Lüneburg, wer Richtung Dannenberg fährt, aber das Treiben am Bohrloch kann erst einmal weitergehen. Doch die Uhr läuft: Als am 20. Mai 1980 Richtfest für die neue Bezirksregierung gefeiert wird, kommt auch Innenminister Egbert Möcklinghoff nach Lüneburg. „Da ist die Entscheidung gefallen, das Hüttendorf am 3. Juni zu räumen. Wir hatten 13 Tage Zeit“, sagte Schulze. Am Ende gab es einen Tag Verzögerung: Bundesinnenminister Gerhard Baum und andere prüften Argumente der Kernkraftgegner, man könne keine Politik gegen die Bevölkerung machen, das Atomprojekt werde im Wendland nicht akzeptiert. Doch die Entscheidung fiel: „Räumen!“

Die LZ titelt einen Tag später: „Anti-Atom-Dorf ohne ernste Zwischenfälle geräumt.“

Von Carlo Eggeling