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Eleonore Tatge (r.) und Maret Bening mit den Brillenputztüchern, mit denen auf das Sorgentelefon aufmerksam gemacht wird. Dort gibt es Hilfe, wenn es zu Gewalt in der Pflege kommt. Foto: t&w

Über Gewalt in der Pflege sprechen

Lüneburg. Es ist Mittagszeit. Der alte Mann kauert auf einem Stuhl und kneift den Mund zusammen. Er weigert sich zu essen. Aber der Zeitplan der Pflegekraft sieht vor, dass er jetzt essen muss. Also löffelt sie ihm – gegen seinen Willen – die Mahlzeit rein. Die entwürdigende Situation ist eine von mehreren Spielszenen, die Schüler der Berufsfachschule für Altenpflege am kommenden Dienstag bei einem Aktionstag auf dem Marktplatz aufführen wollten. Versinnbildlicht werden sollte damit das Thema „Gewalt in der Pflege“. Doch aufgrund der Corona-Pandemie ist der Aktionstag zwar gestrichen, aber Initiatoren wie Eleonore Tatge und Maret Bening möchten das Thema erneut publik machen.

Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter: Körperliche Übergriffe, Belästigungen, bewusste Vernachlässigung oder Ausnutzung eines Vertrauensverhältnisses gehören dazu. Dabei kann Gewalt von den pflegenden Personen ausgehen, aber auch von zu pflegenden Menschen. Nach wie vor ist es eines der Tabu-Themen in der Gesellschaft, „viele Opfer trauen sich nicht darüber zureden, wissen auch nicht, an wen sie sich in so einer Situation wenden können. Das wollen wir ändern“, sagt Eleonore Tatge.

Seit vielen Jahren in der Gewaltprävention tätig

Bereits 2015 hat der Kriminalpräventionsrat von Stadt und Kreis einen „Runden Tisch gegen Gewalt in der Pflege“ gegründet. Ihm gehören Vertreter von Stadt, Kreis, Polizei sowie Experten von Einrichtungen, die in der Pflege oder rund um das Thema Pflege tätig sind, an. Aufgefallen sei dann, dass es keinen zentralen Anlaufpunkt für Betroffene vor Ort gab, verdeutlicht die Kriminalhauptkommissarin, die seit vielen Jahren in der Gewaltprävention tätig ist. Im Februar 2018 wurde dann das Sorgentelefon erstmals geschaltet. Unter der Rufnummer (04131) 287 37 57 gibt es bei Konflikten und Gewalt anonyme und vertrauliche Beratung.

Doch vielen ist dieses Angebot noch nicht bekannt. „Deshalb wollten wir es anlässlich des Internationalen Tags der Pflege am kommenden Dienstag mit dem Aktionstag ins Bewusstsein der Lüneburger rücken“, sagt Maret Bening, Gleichstellungsbeauftragte von Stadt und Kreis. Opfer von Gewalt können zu pflegende Menschen im stationären wie auch im privaten Bereich sein. „Ein Leben lang selbstständig gewesen, sind sie plötzlich auf Hilfe angewiesen. Kommt es zu einem respektlosen oder übergriffigen Verhalten von Pflegekräften oder Familienmitgliedern, die die Betreuung manchmal an ihre Grenzen bringt, trauen sich die, die gepflegt werden, oft nicht darüber zu reden. Manchen beschleicht sogar das Gefühl, es liegt an ihnen selber.“ Professionelle Beratung kann da nicht nur helfen, sondern auch aufzeigen, was in einer solchen Situation getan werden kann.

Auch Pflegekräfte sind Übergriffen ausgesetzt

Aber auch Pflegekräfte sind Übergriffen ausgesetzt, weiß Eleonore Tatge. Nicht immer trauten sich diese, das gegenüber der Pflegedienstleitung zur Sprache zu bringen – und wenn, würden sie nicht in jedem Fall unterstützt. „Wir wollten mit dem Aktionstag aufzeigen, welche Möglichkeiten der Einzelne hat.“ Die Szenen, die die Berufsfachschüler mit ihren Lehrern Tanja Rehbein und Michael Bosselmann entwickelt hatten, wären sicher für viele ein Anreiz gewesen, auf dem Marktplatz stehen zu bleiben und sich an einem Stand mit Info-Material zu versorgen. „Dazu wollten wir Brillenputztücher mit dem Aufdruck Sorgentelefon verteilen.“ Dieser konnten finanziert werden, weil die Band „Nichtöffentliche Verhandlung“ bei ihrem letzten Auftritt Spenden dafür eingeworben hat.

Was in diesem Jahr nicht stattfinden kann, ist nun ins nächste Jahr verschoben und soll von da an regelmäßig stattfinden. Denn Gewalt in der Pflege muss raus aus der Tabuzone.

Das Sorgentelefon ist montags von 15 bis 17 Uhr unter (04131) 287 37 57 besetzt.

Von Antje Schäfer