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Der SoVD in Bienenbüttel hat vorübergehend einen Telefonservice eingerichtet, um den Besuchsdienst zu ersetzen und auch in Krisenzeiten ein offenes Ohr für die Sorgen der älteren Mitbürger zu haben. „Wir fragen dabei auch, ob sie Hilfe benötigen und die Versorgung geregelt ist“, berichtet Vorsitzender Karl-Heinz Braunholz. Foto phs

Zwischen Angst und Einsamkeit

Lüneburg. Eigentlich ist im DRK-Haus An den Reeperbahnen immer etwas los: Handarbeitskreis, Gedächtnistraining, Sitzgymnastik, Kaffeetrinken – Angebote, die vor allem von Senioren gern angenommen werden. Doch seit rund zwei Monaten ist Schluss mit dem geselligen Trubel. Wegen der Coronakrise hat der Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes Lüneburg-Stadt sein komplettes Programm vorübergehend auf Eis gelegt. Das habe schwerwiegende Folgen, berichtet Geschäftsführerin Sabine Reckermann: „Teilweise sind die älteren Leute sehr einsam, fühlen sich alleingelassen.“ Täglich erreichten sie traurige Anrufe ihrer Mitglieder, manch einer stehe auch einfach vor der Tür. Nur für einen kurzen Plausch, für ein bisschen Kontakt in einer Zeit, in der viele nicht einmal ihre Enkel zu Gesicht bekommen.

Besondere Verantwortung der Vereine in Corona-Zeit

„Der Kommunikationsbedarf ist groß“, stellt Reckermann fest. „Wir können dann nur sagen: Gehen Sie spazieren, sofern möglich. Aber es ist natürlich auch viel Angst dabei.“ In dieser Zeit werde ihr die Verantwortung des Vereins einmal mehr bewusst. Darum hat sich das DRK-Team etwas einfallen lassen: Zusammen mit den Lüneburgern soll eine Art Poesiebuch entstehen – mit Zitaten, Erzählungen, Gedichten, Rezepten, Haushaltstipps oder auch Zeichnungen. Jeder, der im Augenblick allein zu Hause verweilt, kann per Post oder per Mail etwas dazu beisteuern. Die gesammelten Werke sollen bei einem Kaffeetrinken nach der Krise als Buchfassung gegen einen Obolus verteilt werden.

Damit will das DRK-Team die Wartezeit bis zur Wiederaufnahme des Betriebs verkürzen. Wann und wie die Angebote wieder starten sollen, macht Reckermann von den Vorgaben des Landesverbands abhängig. „Wir hoffen, dass wir im Juni wieder loslegen können, zumindest mit den Gruppenangeboten ohne Bewegung.“

„Wir stehen parat, wenn Hilfe benötigt wird“

Diese Frage stellt sich momentan für viele Vereine und Verbände, auch in den umliegenden Gemeinden. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) in Bienenbüttel hat vorübergehend einen Telefonservice eingerichtet, um den Besuchsdienst zu ersetzen und auch in Krisenzeiten ein offenes Ohr für die Sorgen der Mitbürger zu haben. „Wir fragen dabei auch, ob sie Hilfe benötigen und die Versorgung geregelt ist“, berichtet Vorsitzender Karl-Heinz Braunholz. Notfalls hätten die SoVD-Mitglieder auch schon Einkäufe übernommen oder Fahrten zum Arzt organisiert. „Viele fragen dann, wann es wieder losgeht, haben Ideen, was man dann alles so machen könnte, oder wollen auch einfach nur reden“, erzählt Braunholz. „Dabei merkt man, wie sehr sie die Geselligkeit vermissen.“ Er hofft, im Juli wieder mit den ersten Outdoor-Angeboten des SoVD an den Start gehen zu können.

Auch der Bienenbütteler Seniorenbeirat bietet telefonische Hilfe an. „Als die Sache mit Corona akut wurde, haben wir uns sofort bei der Gemeinde gemeldet: Wir stehen parat, wenn Hilfe benötigt wird“, sagt Vorsitzender Dieter Heinemeyer. Er habe sich dann zunächst freiwillig zwei Wochen komplett isoliert – einfach, um zu wissen, wie das ist. „So kann man sich besser hineinfühlen in die Leute, die wenig Verbindung haben“, erklärt der 78-Jährige. Seine Erkenntnis: „Irgendwann kann man die Flimmerkiste nicht mehr sehen.“ Viele Anrufe aus der Nachbarschaft habe der Seniorenbeirat aber nicht erhalten. Heinemeyer wertet das als gutes Zeichen für den örtlichen Zusammenhalt. „Viele kennen sich ja von gemeinsamen Fahrten und Treffen, sodass sie wissen: Der oder die wird auch einsam sein. Da kann man ja mal anrufen.“

Mindestens ein Anruf in der Woche

Ähnliche Erfahrungen hat Achmed Date in Bleckede gemacht. „Die Stadt ist klein, man kennt sich. Vieles läuft unter der Hand.“ Der Ortsvereinsvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist trotzdem froh, dass sich drei Mitglieder bereit erklärt haben, telefonischen Kontakt zu den älteren Bewohnern Bleckedes zu pflegen. Eine von ihnen ist seine Frau Ulrike. Drei Personen erhalten mindestens einmal pro Woche einen Anruf von ihr. Dann quatschen sie – über Neues zum Stadtgeschehen, über die Familie oder auch die persönlichen Sorgen. „Sie freuen sich einfach darüber, jemanden am Telefon zu haben, der sich für ihre Belange interessiert“, weiß die 66-Jährige. Vor der Corona-Pandemie gab es bei der Awo in Bleckede an sechs Tagen pro Woche ein Angebot: Kaffeenachmittage, Frühstück, Beratungsleistungen. „Unser Ziel ist es, Gemeinschaft zu pflegen und Vereinsamung entgegenzuwirken“, sagt Achmed Date. Das gelte auch und gerade in Krisenzeiten.

Von Anna Petersen