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Kein Sprit, kein Strom aus der Steckdose, keine Kosten: Der Feldroboter ist solarbetrieben. Foto: phs

Roboter köpft 10 000 Rüben

Oldendorf II. Neulich hatte Alfons, wie so oft, Verstopfungen. Dann kann er nicht arbeiten, dann schickt er dem Chef eine SMS: „Help!“ Manchma l wird ihm die Arbeit auf dem Feld auch einfach zu viel. Wenn das Unkraut zum Beispiel sehr hoch ist, dann… „Help!“ Am Wochenende ist ihm ein großes Missgeschick passiert. Da hat er versehentlich 10.000 Rüben geköpft. Der Chef war stinksauer. Jeden anderen Mitarbeiter hätte er dafür vor die Tür gesetzt. Doch in Alfons erkennt er großes Potenzial, möglicherweise sogar seine Zukunft. Denn Alfons ist ein Roboter. Rüben säen, Unkraut hacken – theoretisch kann er das alles allein. Praktisch steckt er allerdings noch mitten in der Ausbildung.

Kein Steckdosenstrom, kein Sprit, keine Kosten

Die absolviert er gerade im Landkreis Uelzen bei der Oldendorfer Biohöfe GbR. Mitarbeiter Sven Dittmer war Alfons, der eigentlich „Farmdroid“ heißt, auf einer Agrarmesse begegnet. Das Angebot schien verlockend: Es hieß, der Roboter könne 20 Hektar bis zur Ernte komplett allein bewirtschaften. Es hieß, das sei die Zukunft.

2017 hatten die Betriebsinhaber Bio-Zuckerrüben in ihr Sortiment aufgenommen. Das macht den Bauern viel Arbeit, denn die Rüben dürfen nicht gespritzt werden. Um dem Unkraut Herr zu werden, mussten sie im vergangenen Jahr viermal bis zu 18 Feldarbeiter bei einem landwirtschaftlichen Dienstleister buchen, 250 Arbeitsstunden pro Hektar fielen für den Kampf gegen Distel und Melde an. „Das ist die einzige Schraube, an der wir drehen können, um den Anbau attraktiver zu machen“, sagt Sven Dittmer. Also zog vor drei Monaten Alfons auf den Hof.
Seitdem beginnen Dittmers Tage stets am Handy. „Heute Morgen habe ich schon mit ihm geschrieben. Da hat er noch geschlafen“, erzählt der Landwirt. Per App kann er immer und überall einsehen, wo sich Alfons gerade herumtreibt. „Im Augenblick arbeitet er nicht“, stellt Dittmer mit Blick auf sein Smartphone fest. Alfons steht, wie so oft, am Feldrand und sonnt sich. Das macht er immer so nach Feierabend, denn der Roboter ist solarbetrieben. Kein Strom aus der Steckdose, kein Sprit, keine Kosten.

Schon öfter hat Alfons seinem Chef den Schlaf geraubt

Alfons schiebt gern Nachtschichten. Mit seinen bunten Leuchten sieht es dann ein bisschen so aus, als schwebe ein quadratisches zwei mal drei Meter großes Ufo über die Felder bei Oldendorf. Dittmer hat sich aber inzwischen angewöhnt, den Roboter vor dem Schlafengehen zu stoppen. „Wenn Alfons ein Problem hat, quakt er rum. Dann ist es ihm egal, ob es gerade zwei Uhr nachts ist.“ Das kam zu häufig vor. Das muss besser werden.

Aber dafür gibt es ja die Probezeit. Ein Jahr lang dauert die. Alfons kommuniziert am laufenden Band mit einer Antenne am Scheunendach. „Hier fliegen Datensätze über den Hof – das ist der Wahnsinn“, sagt Dittmer. „Der Clou ist, dass er sich merkt, wo genau er jedes einzelne Saatkorn abgelegt hat. Im Idealfall fasst er die Rüben bei der Pflege mit den Klingen nicht an.“ Nur das Unkraut. Im Idealfall. Die Daten landen auf einem externen Server, auf den der dänische Hersteller Zugriff hat. Dittmer hofft, dass sie dort Alfons Probleme erkennen und Lösungen finden.

Sind die Probleme behoben, darf der Roboter bleiben

Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Verstopfungen: Alfons verfügt über kleine Öffnungen, durch die er die Saatkörner in den Boden schießt. Manchmal setzen sich darin Staub und Steine fest. Das ist lästig. Und dass Alfons jedes Mal streikt, wenn das Unkraut zu hoch gewachsen ist, findet Dittmer auch nicht okay. Vielleicht braucht er bessere Messer, überlegt er laut. Vielleicht sollte er das Unkraut besser gleich kurz halten. Der 29-Jährige ist aber zuversichtlich, dass der Hersteller das in den Griff bekommt. Dann will er Alfons für zwei Jahre befristet weiter beschäftigen und – wenn alles gut läuft – vielleicht sogar behalten.

Firma will nächstes Jahr 40 Maschinen verkaufen

Rund 75.000 Euro kostet ein „Farmdroid“. Sollte das Gerät irgendwann halten, was es verspricht, würde sich die Ausgabe für den Oldendorfer Betrieb nach vier Jahren bezahlt machen. Laut Christian Andresen von der Vertriebsfirma „Solar-Energie Andresen“ sind bislang 50 Roboter in Europa im Einsatz, davon 22 in Deutschland und zwei in Niedersachsen. „Er ist zurzeit der einzige landwirtschaftliche Roboter, der in Europa autonom ohne Zaun oder Beaufsichtigung fahren darf“, sagt Andresen. Das sei auf die sehr genaue GPS-Steuerung und die niedrige Geschwindigkeit unter einem km/h zurückzuführen. Der Firmeninhaber setzt den „Farmdroiden“ auch auf seinem eigenen Bio-Hof ein, sucht unentwegt nach zukunftsfähigen Lösungen für die Landwirtschaft. In zehn Jahren will er keinen Liter Diesel mehr verbrauchen. Andresen glaubt fest an den Erfolg des „Farmdroiden“: „Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr mindestens 40 weitere Maschinen zu verkaufen.“

Auch Sven Dittmer hält das für möglich. „Wenn die Politik noch mehr Pflanzenschutzmittel verbietet, könnte sich das eines Tages auch für konventionelle Betriebe rentieren“, glaubt er. Über eine WhatsApp-Gruppe tauscht er sich regelmäßig mit anderen Roboter-Testern aus. Bei den meisten, sagt Dittmer, sei das Vertrauen in die Technik allerdings noch sehr begrenzt. „In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel ist er mal abgehauen – in Richtung Bach. Das hätte böse ausgehen können.“

Noch traut sich Dittmer nicht, Alfons ganz alleinzulassen

Drei bis vier Stunden am Tag beschäftigt sich Dittmer mit seinem neuen Azubi. „Wenn das dauerhaft so bleibt, rechnet sich das nicht. Man schafft sich ja auch keinen automatischen Melkstand an, um dann noch selbst zu melken.“ Noch traut sich Dittmer auch nicht, in den Urlaub zu fahren und Alfons mit der Arbeit alleinzulassen. Der Vorfall mit den 10.000 geköpften Rüben hängt ihm noch immer nach. Passiert das wieder, muss er Alfons wohl oder übel zurück nach Dänemark schicken – und eine Bewertung schreiben: „Er war stets bemüht.“

Von Anna Petersen