Aktuell
Home | Lokales | Monster der Vergangenheit
Mai Nguyen hat ihr Schweigen gebrochen. Jahrelang wurde sie sexuell missbraucht. Inzwischen ist der Täter verurteilt und die 28-Jährige wieder frei. Mit ihrem Podcast "#metoo – Das Schweigen hat ein Ende!" will sie anderen Opfern helfen. (Fotos: privat)

Monster der Vergangenheit

Lüneburg/Bad Bodenteich. Die Monster in Mai Nguyens Kinderbüchern hatten verzerrte Gesichter und große Pranken mit spitzen Krallen. Harmlose Fantasiewesen, fast schon lächerlich. Das „Monster“ vor dem sie wirklich Angst hatte und das sie bis zu ihrem 28. Lebensjahr in einem unsichtbaren Käfig gefangen hielt, war ein Freund der Familie. Ein schmächtiger Mann mit dunklen Haaren, den sie „Onkel“ nannte. Er kam, wenn die Eltern arbeiteten, berührte sie an Stellen ihres Körpers, an denen sie nicht berührt werden wollte, tat Dinge mit ihr, für die sie lange keine Worte hatte. Dieser Mann hat Mais Kindheit verschluckt. Und es sollte 18 Jahre dauern, bis sie seinen Fängen entwischte. Den Fängen der Scham und Angst – des sexuellen Missbrauchs.

Es ist ein warmer Sommertag, als vor dem Saal 21 des Landgerichts eben dieser Mann vor Mai auf die Knie sinkt. Seine Krawatte berührt den fleckigen Linoleumboden, seine auf vietnamesisch gesprochenen Sätze klingen flehentlich. Mai erstarrt. So steht es damals im Gerichtsbericht.

Es war ein Freund der Familie

„Ich hatte mir 12 Millionen Möglichkeiten ausgemalt, wie diese Verhandlung laufen würde, was er sagen könnte – aber damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war vollkommen perplex“, sagt die 28-Jährige Monate später. „Da ist das Monster weg gewesen. Vor mir saß ein gebrochener Mann.“

Das Gericht verurteilte ihn wegen acht Fällen des sexuellen Missbrauchs eines Kindes und einem Fall der Vergewaltigung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Mann ist frei. Aber für Mai viel wichtiger: Sie selbst ist es auch – das erste Mal, seit sie acht Jahre alt ist.

Damals soll sich der vietnamesische Freund der Familie das erste Mal an Mai vergangen haben. „Er war zu Besuch bei meinen Eltern in Bad Bodenteich und saß allein im Büro meines Vaters“, erinnert sich Mai. Aus reiner Neugierde habe sie durch den Türspalt gelinst und gefragt: Was machst du da, Onkel? „Er hat gesagt: Komm mal her, ich zeige es dir. Dann setzte er mich auf seinen Schoß und ich musste mir mit ihm Pornos anschauen.“ Sie lacht mit bitterem Tonfall. „Ich war natürlich vollkommen gelähmt. Ich wusste ja gar nicht, was das soll: diese nackten Menschen und komischen Geräusche.“

„Er hat gesagt: Komm mal her, ich zeige es dir. Dann setzte er mich auf seinen Schoß und ich musste mir mit ihm Pornos anschauen.“ – Mai Nguyen

Später habe er sie öfter angerufen, wenn ihre Eltern abends im Restaurant arbeiteten, und in den Telefonhörer gestöhnt. Manchmal soll er sie sogar im Beisein der Familie am Mittagstisch unsittlich berührt haben und nachts in ihrem Zimmer aufgetaucht sein, um die Misshandlungen fortzusetzen. Bis sie 13 Jahre alt war. Die Liste ihrer Vorwürfe ist lang: 37 Seiten, sagt Mai, habe die Polizei mit ihrer Aussage gefüllt.

Doch bis dahin war es ein steiniger Weg. „Ich habe mich immer einsam und allein gefühlt, weil ich dachte: Da ist diese eine Sache, über die du nicht reden darfst. Ich habe mich so sehr geschämt“, erzählt Mai. Aus einem aufgeweckten Kind wurde eine schweigsame Persönlichkeit. Sie verdrängte die Taten und verlor sich in einem beinahe zwanghaften Leistungsgedanken. Mai nennt das ihren „Überlebensmodus“: Leistung als Krücke.

Thema Sexualität in der Erziehung ausgeklammert

Ein paar Mal habe sie kurz davor gestanden, mit ihren Eltern über die Vorfälle zu sprechen. Aber dann schossen ihr seine Drohungen ins Gedächtnis: „Wenn du was sagst, dann passiert etwas Schlimmes.“ Und überhaupt: Wie die richtigen Worte finden? „In meiner Erziehung wurde Sexualität komplett ausgeklammert. Ich hatte keine Begriffe dafür. Ich hätte meiner Mutter nicht einfach sagen können: ,Der Mann hat mich vergewaltigt.‘ Meine Worte mit Mitte 20 waren tatsächlich: Du Mama, der Onkel hat Sachen mit mir gemacht, die nicht in Ordnung waren. Er hat mich da unten angefasst.“ Die Sprache einer Sechsjährigen.

Mai braucht eine Pause. Ihr ist kalt. Das passiert immer mal wieder, wenn sie sehr intensiv an diese Zeit zurückdenkt. Nach einigen Minuten kehrt sie mit einer Wärmflasche im Arm zurück in ihr Zimmer und erzählt weiter. Wie sie zum Beispiel all die schlimmen Erinnerungen gedanklich in einen Schuhkarton packte und in die hinterste Ecke ihres Gedächtnisses schob. „Aber wenn irgendetwas passiert ist, was mich daran erinnert hat, ratterte es im Schuhkarton.“ Es reichte schon das Wort „Missbrauch“, da zitterte sie am ganzen Körper.

„Das war ein krasses Jahr. Damals wurde extrem viel über Vergewaltigung und Missbrauch berichtet.“

Genau dieses Wort hat in dieser Woche die Schlagzeilen bestimmt. Nach der Aufdeckung eines Pädophilennetzwerks in Münster wird der Ruf nach einem konsequenteren Vorgehen lauter: Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer forderte am Montag härtere Strafen für Sexualstraftäter, die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion will die Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch abschaffen. Auch Mai hat davon gelesen – ohne Schweißausbrüche, ohne Zittern. Jetzt, ein Dreivierteljahr nachdem ihr Peiniger verurteilt wurde, erfüllten sie diese politischen Reaktionen mit „Erleichterung“.

Seit Mai ihr Schweigen gebrochen hat, melden sich immer wieder Missbrauchsopfer über soziale Netzwerke bei ihr. Darunter viele, deren Entscheidung für eine Anzeige zu spät kam. „Die müssen dann allein damit klarkommen.“ Eine bittere Erkenntnis.

Sie selbst ging 2016 zur Polizei. „Das war ein krasses Jahr. Damals wurde extrem viel über Vergewaltigung und Missbrauch berichtet. Und je öfter ich das mitbekam, desto öfter dachte ich: Wow, eigentlich müsstest du dich dieser Bewegung anschließen, auch ,me too‘ sagen“, erinnert sich Mai. „Aber ich fand alle möglichen Gründe, weshalb das nicht ging.“ Die Scham, die Angst um ihre Karriere – und sogar um den Frieden des Täters: „Ich habe als Opfer Verantwortung für ihn übernommen, dachte: Wenn ich ihn jetzt anzeige, zerstöre ich sein Leben.“

„Die Schuld trägt er – sein Leben lang“

Doch der Schuhkarton in ihrem Kopf rappelte – Tag und Nacht. An einem Novembermorgen schreckte sie, wie so oft, schweißgebadet aus dem Schlaf. „Ich hatte Panik und wieder dieses Bild von ihm direkt vor mir. Da dachte ich auf einmal: Hier läuft etwas verkehrt. Ich sollte nicht diejenige sein, die schweißgebadet aufwacht, Angst und Panik hat. Ich habe nichts verkehrt gemacht.“ Noch am selben Tag schrieb sie an den Weißen Ring. Und nach nur einem Beratungsgespräch saß Mai bei der Polizei, um eine Aussage zu machen. Dann hieß es warten.

„Das war die Hölle“, sagt sie. Mehr als zwei Jahre sollten bis zum Prozess ins Land gehen. In dieser Zeit schlief Mai kaum noch, hatte Flashbacks: Mehr als einmal eilte sie panisch aus dem Büro, weil die alten Bilder wieder hochkamen. „Habe ich fünf Minuten auf den Monitor geschaut, kam es mir vor, als hätte ich zwölf Stunden gearbeitet.“ Das Monster wütete im Schuhkarton – so laut und heftig, dass sich Mai entschloss, ihren Job im Management eines großen Chemiekonzerns an den Nagel zu hängen. Was half, manchmal zumindest, war Yoga. Inzwischen verdient sie ihr Geld mit Kursen für Acroyoga. Die Übungen funktionieren nur gemeinsam mit einem Partner. Das erfordert Vertrauen. Ein Vertrauen, das sie mühsam aufbauen musste.

„Da saß ein gebrochener Mann vor mir. Er hat mir sehr klar gemacht, dass er alles tun will, was mir helfen würde.“

Dann der Prozess. Mai war entschlossen, den Mann, der ihr das angetan hatte, hinter Gitter zu bringen. Doch sein Zusammenbruch auf dem Flur und später im Gerichtssaal hat alles verändert. Was bei den Zuschauern nach viel Pathos ausgesehen haben mag, erkennt Mai als ehrliche Bitte der Vergebung an. Sie ließ sich auf ein Täter-Opfer-Gespräch ein. „Da saß ein gebrochener Mann vor mir. Er hat mir sehr klar gemacht, dass er alles tun will, was mir helfen würde.“ Und vor allem habe er sich zu seinen Taten bekannt. Doch sie stellt klar: „Ich vergebe, aber ich entschuldige nicht. Die Schuld trägt er – sein Leben lang.“

Über diese Haltung und das milde Strafmaß ist im Internet kontrovers diskutiert worden, weiß Mai. Fragen über Fragen. Ob sie mal daran gedacht hätte, dass es sich um einen Triebtäter handeln könnte, wollten die Leute wissen. Ob sie sich keine Sorgen um die Kinder des Verurteilten mache. Mai glaubt nicht, dass er weitere Taten begehen wird – dafür sprächen nicht zuletzt die Gesten der Reue. Sie sagt auch, sie habe Kontakt zu den Söhnen des Verurteilten aufgenommen. Passiert sei nichts, hätten sie ihr versichert. „Sie wissen es. Ich weiß aber nicht, wie sie damit umgehen.“

Mai jedenfalls hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, mit der Vergangenheit umzugehen. Im Augenblick schreibt sie an einem Roman, in dem sie die Missbrauchserfahrung mit Tagebucheinträgen dokumentiert. Nebenher betreibt sie einen Blog und einen Podcast, um anderen Betroffenen zu helfen, ihr Schweigen zu brechen.

Von Anna Petersen