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Valentina Bechtold hat ihre Alkoholkrankheit im Griff. Für ihre Kinder gab sie nie auf, gegen die Sucht zu kämpfen. Foto: t&w

Der Kampf ihres Lebens

Lüneburg. Eigentlich müsse sie gar nicht hier sein. Sie könne ja jederzeit aufhören zu trinken. Das dachte Valentina Bechtold im Jahr 2000, als sie zum ersten Mal die Entgiftungsstation im Psychiatrischen Klinikum Lüneburg betrat. Wohl fühlte sie sich dabei nicht, als einzige Frau inmitten all der Männer, die ständig Zigaretten rauchten. Was sie noch nicht ahnte: Vor ihr stand ein Weg mit vielen Höhen und Tiefen, ein harter Kampf gegen die Sucht.

Zwanzig Jahre lang war Valentina Bechtold alkoholabhängig. Damit ist sie eine von drei Millionen Erwachsenen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren mit einer alkoholbezogenen Störung, nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. In Lüneburg konsultierten im vergangenen Jahr rund 450 Menschen mit der Hauptdiagnose Alkoholabhängigkeit die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention drobs. Zwei Drittel davon waren Männer. Der Weg zur Sucht ist meist ein fließender Prozess. Auch Valentina Bechtold war sich des Problems lange nicht bewusst.

Aufgewachsen in Kasachstan

Für die 53-Jährige war der Griff zur Flasche ein Mittel, all den Druck in ihrem Leben auszugleichen. Bechtold wuchs in Kasachstan auf. Sie lernte Köchin, heiratete und bekam zwei Kinder. Sie war pflichtbewusst und tat alles, was man ihr sagte. „Es hieß: Die kann ja alles“, erinnert sie sich. Dass ihr die Belastung irgendwann zu viel wurde, merkte keiner. Aus einem Glas Wein am Abend wurde eine Flasche Wodka.

Mit 33 Jahren zog sie mit ihrem Mann und den Kindern nach Deutschland zu ihren Verwandten. „Ich war schon völlig kaputt“, erzählt Bechtold. Sie wog 46 Kilo, ihr Mann war depressiv. Zwei Flaschen Wodka am Tag trank Bechtold wie Wasser. Ihre Cousine war es, die sie schließlich darauf ansprach und drängte, zum Arzt zu gehen. Mehrere Entgiftungen später machte Bechtold eine Entwöhnungstherapie und lebte ein Jahr trocken. Doch ein Schicksalsschlag stürzte sie wieder in die Sucht.

Kummer in Alkohol ertränkt

Es war 2003: Bechtold gebar ein Mädchen mit einem Herzfehler. Viele Operationen standen dem Kind bevor. Vor Angst konnte Bechtold nicht mehr schlafen. Und da war er wieder, der Alkohol, der den Kummer ertränken sollte. Wenn Bechtold ihr Kind im Krankenhaus besuchte, hatte sie Kopfschmerzen oder war angetrunken. Die Ärzte schalteten das Jugendamt ein. Das Ergebnis: Bechtold musste ihre Tochter abgeben.

Was Bechtold die Kraft gab, immer wieder gegen die Sucht anzukämpfen, war die Sorge um ihre Kinder. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie eine bessere Mutter sein wollte. Als eine Pflegefamilie ihre einjährige Tochter aufnahm, zog sie eine Therapie durch und war danach sieben Jahre trocken. Auch als sich ihr Mann das Leben nahm, hielt sie durch. Sie befand sich auf dem Weg in ein Leben ohne Alkohol. Fast hätte sie es geschafft.

Ein Glas Sekt reichte für einen Rückfall

Bechtold erinnert sich genau an einen Tag im Herbst 2011. Sie war auf einer Tupperparty in Berlin, wie häufig zu der Zeit. Wie immer gab es Sekt, wie immer bestellte sie Orangensaft. Doch jemand verwechselte die Gläser und reichte ihr Orangensaft, der mit Sekt gemischt war. Sie erzählt: „Als ich das getrunken habe, war mir so gut. Ich dachte: Verdammt noch mal, wie schön kann man sich erholen.“ Einmal Sekt trinken, das gehe schon. Zu Hause tränke sie wieder nichts mehr. „Das war Selbstverarschung hoch drei“, sagt Bechtold heute. Nach zwei Wochen stand schon wieder die erste Likörflasche im Schrank.

„Du hast alles durchgemacht und weißt genau, wo das Trinken hinführt“, sagt Bechtold. „Aber einmal trinken, und du hast alles vergessen.“ Die Lüneburger Sozialpädagogin Gudrun Mannstein kennt das Phänomen. Viele ihrer Klienten haben Rückfälle. Was ihr wichtig ist zu betonen: „Ein Rückfall ist kein Scheitern. Man kann immer neu beginnen.“ Das tat auch Bechtold. Insgesamt vier Therapien zog sie durch. Dreimal fiel sie zurück.

An den Moment, in dem es „Klick“ gemacht hat, erinnert sich Bechtold wie an ihre erste Entgiftung. Sie spürte es bei ihrer Ankunft im Krankenhaus, wo ihre vierte Therapie anstand. „Ich habe meine Koffer abgestellt und wusste schon, dass ich nie wieder trinken werde“, erzählt sie und sagt: „Ich war total glücklich.“

Sie lernte, ihr Leben neu zu schätzen

Danach ging alles bergauf: Bechtold holte ihre Führerscheinprüfung nach, kochte im Altenheim und lernte ihren heutigen Partner kennen. Sie begann, das Leben neu zu schätzen, denn „wenn man trinkt, sieht man nichts, hört man nichts, da ist nur die Flasche“, erklärt Bechtold. Seit sie trocken ist, unternimmt sie in jeder freien Zeit Ausflüge, fährt mit der Familie in Tierparks und fotografiert die Natur.

Seit 2014 leitet sie die Selbsthilfegruppe „Neue Chancen“, sie will auch eine russisch sprechende Gruppe gründen. Bechtold ist bewusst, dass sie wieder rückfällig werden kann. Was sie verspricht, ist alles dafür zu tun, dass es nicht mehr passiert. Rückblickend ist sie auf Eines besonders stolz: „Ich habe meinen Kindern gezeigt, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben.“

Von Franziska Ruf