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Zeitungsverkäufer Gustav, der Mann mit der Schiffermütze aus Kreuzberg, verkaufte das Hinz & Kunzt in der Bäckerstraße über Jahre. Inzwischen hat er sich zur Ruhe gesetzt. Das Magazin Straßen Journal soll im Windschatten dieser etablierten Blätter fahren. Foto: t&w

Straßen-Journal: zweifelhafte Konkurrenz für Hinz und Kunzt

Lüneburg. Das Straßenmagazin Hinz & Kunzt kauft mancher gern, um auch die Verkäufer zu unterstützen, die aus der Obdachlosigkeit kommen. Im Windschatten der guten Sache versucht nun ein anderes Heft, Käufer zu finden. Doch der Hintergrund des sogenannten „Straßen Journals“ scheint suspekt. Mälzer-Wirt Andreas Wiegmann berichtet, dass „diese Verkäufer wohl eher zwielichtig sind, wie schon das latent aggressive Auftreten vermuten lässt“. Auch LZ-Leser haben sich gemeldet und finden die Neuen suspekt.

In der Hamburger Zentrale von Hinz & Kunzt ist Geschäftsführer Dr. Jens Ape nicht gut auf den neuen Anbieter zu sprechen: „Wir haben mehrfach Beschwerden erhalten, von Kunden, Marktleitern, Wirten und unseren Verkäufern, die sich von anderen Verkäufern bedroht fühlen.“ Vom Straßen Journal selbst war keine Stellungnahme zu erhalten der Verlag ist nicht im Telefonbuch zu finden. Eine Internet-Recherche ergibt, dass andere Medien die gleiche Erfahrung gemacht haben.

Hinz & Kunzt leidet unter neuer Konkurrenz

Hinz und Kunzt besteht seit 1993. Journalisten und Obdachlose kooperieren, um wohnungslosen und sozial benachteiligten Menschen Einkommen und Anerkennung zu sichern. Das professionell gemachte Heft wird von Männern und Frauen vertrieben, die am Erlös beteiligt sind. Als Gesellschafter stehen Diakonie und die renommierte Patriotische Gesellschaft Hamburg im Hintergrund. Ade berichtet, dass es neben der journalistischen Arbeit auch um andere Anliegen geht: So betreuen drei Sozialarbeiter die Verkäufer und helfen ihnen, wieder Wohnungen und Arbeit zu finden. Das sei beim Straßen Journal wohl anders. „Wir vermuten einen kommerziellen Hintergrund“, sagt Ade. „Aber das zu prüfen, ist letztlich Sache des Finanzamtes.“

Das neue Heft sei seit April auf dem Markt, erscheine alle zwei Wochen in einer Auflage von 10000 Exemplaren. Zumindest am Anfang, das ist im Internet nachzulesen, haben sich die Macher des Journals bei anderen Medien bedient ohne zu fragen wurden Artikel nachgedruckt, zum Beispiel aus dem Hamburger Abendblatt. Die Zeitung wehrte sich juristisch dagegen. Ade sagt, dass ein bulgarischer Geschäftsmann das Magazin gegründet und unter Rumänen und Bulgaren geworben habe, es zu verkaufen.

Es gibt in Deutschland einen Verbund der Obdachlosen-Zeitungen. Was anderswo verpönt ist, wird hier Programm: Es bestehen Gebietsabsprachen, wo die jeweiligen Hefte verkauft werden. „Es geht hier um die Schwächsten, die müssen sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen“, begründet Ape. So habe habe man sich mit dem Hannoveraner Magazin Asphalt quasi über Grenzen geeinigt. Auch spiele eine Rolle, dass Verkäufer generell 18 Jahre alt und bei ihrer Einstellung obdachlos sein müssen. Erwartet werden auch Deutschkenntnisse, zum einen um Regeln zu verstehen, zum anderen, um bei Wirten und Marktleitern zu fragen, ob man das Heft dort verkaufen dürfe.

Artikel einfach ungefragt nachgedruckt

In Lüneburg habe Hinz & Kunzt einen Schlag erlitten: „Unser beliebter Verkäufer Hans-Peter musste krankheitsbedingt ausscheiden.“ In diese Lücke sei das Straßen Journal gestoßen. Nicht nur an der Ilmenau, auch anderswo gebe es so schmerzliche Einbrüche im Verkauf von um die zehn Prozent, in Zahlen: ein Minus von 5000 bis 6000 Heften pro Monat bei einer Auflage von 60000 Exemplaren.

Das merken die Hamburger Blattmacher in der Kasse. „Wir sind gemeinnützig und erhalten keine Zuschüsse“, sagt der Geschäftsführer, „und finanzieren über Verkauf, einige Anzeigen und Spenden. Bricht da etwas weg, müssen wir es auffangen.“ Ade freut sich, dass Supermarktketten und Gastronomen Hinz & Kunzt „die Treue halten, das ist eine angenehme Solidarität“.
Die will auch der Mälzer-Chef Wiegmann Hinz & Kunzt weiter zuteilwerden lassen: Das Straßen Journal erhalte Hausverbot. Ihn wundert allerdings, dass er einen Verkäufer des Straßen Journals mit Exemplaren von Hinz & Kunzt in seinem Laden hatte. Er schaut nun genauer hin.

Von Carlo Eggeling