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Ulrich Blanck (Grüne), Birte Schellmann (FDP) und Niels Webersinn (Fraktionsvorsitzender CDU) unterschreiben die Vereinbarung zur Zusammenarbeit. Foto: t&w

Überraschung im Stadtrat: Jamaika jetzt in Lüneburg

Lüneburg. Als SPD-Fraktionschef Klaus-Dieter Salewski Anfang der Woche aus dem Urlaub kam, wollte er weiter eine Rats-Koalition schmieden. Was er nicht ahnte: Er hatte keine Partner mehr. Die Grünen hatten schon abgesagt. Donnerstagabend dann teilte CDU-Fraktionschef Niels Webersinn Salewski telefonisch mit, dass es keine weiteren Gespräche über eine Gruppe gebe. Nach 25 Jahren steht die SPD nun erstmals wieder ohne Hausmacht im Rathaus da. Dafür gibt es ein Jamaika-Bündnis. CDU, Grüne und FDP haben beschlossen, eine Gruppe zu bilden. Das Ziel: Eine sachorientierte, offene Zusammenarbeit mit allen Fraktionen im Rat, also auch mit wechselnden Mehrheiten, auch mit der SPD. Denn mit 20 Sitzen hat Schwarz-Grün-Gelb keine Mehrheit, aber es gibt auch keine geschlossene Opposition mit SPD, Linken und AfD.

Kein gutes Gefühl als Steigbügelhalter

Es war der schale Geschmack, nur Steigbügelhalter der SPD zu sein, die die CDU letztlich veranlasste, sich andere Partner zu suchen. Bei Themen wie der Verstärkung des Ordnungsamtes oder der Senkung von Kita-Gebühren hätte die SPD komplett abgeblockt, sagt Faktionschef Niels Webersinn. Auch die Grünen haben anfänglich mit den Sozialdemokraten verhandelt. „Doch sie waren nicht bereit, autonom mit uns Gespräche zu führen, also ohne den Oberbürgermeister“, sagt Fraktionsvorsitzender Ulrich Blanck. Laut Kom­munalverfassungsgesetz sei das aber Sache der Parteien, der Oberbürgermeister habe außen vor zu bleiben. „Wir sind es leid, dass der Rat unter der Führung der SPD die Ideen und Entscheidungen des Verwaltungschefs ausführt.“

Eine Erfahrung, die auch FDP-Fraktionsvorsitzende Birte Schellmann teilt. Die FDP, auch mal Partner der SPD, fühlte sich nicht nur übervorteilt. Aus ihrer Sicht kam es zudem zu „entwürdigenden Attacken“ des Oberbürgermeisters auf der Ratsbühne. „Wir wollen diesen Stil nicht. Politik hat die Aufgabe, in der Sache offen für Mehrheiten zu werben.“ Schellmann bemüht den legendären Willy-Brandt-Slogan „Mehr Demokratie wagen“, darum gehe es der Gruppe. Die SPD und der Oberbürgermeister hätten nicht verstanden, dass das Lagerdenken der Vergangenheit angehöre. Künftig sollen Lösungen über die Parteigrenzen hinweg gefunden werden. Eine absolute Mehrheit sei dazu nicht notwendig. „Wir wollen in der Sache entscheiden und mehr Demokratie wagen“, sind sich die Gruppenpartner einig.

Wohnungsbauprogramm so nicht abgestimmt?

Auslöser für Dynamik im Rat war letztlich der Streit ums Wohnungsbauprogramm. Der Grüne Blanck sagt, „das war so nicht abgestimmt“. Und CDU und FDP, die dafür gestimmt hatten, waren nur von einem Prüfauftrag ausgegangen. Kein Wunder also, dass im Entwurf des Gruppenvertrages ein Schwerpunkt ein Stadtentwicklungskonzept ist. Die neue Gruppe hält daran fest, dass Wohnraum geschaffen werden muss. „Aber wir wollen nicht weiter überfahren werden“, sagt Webersinn. Ob es die Bewirtschaftung des Parkraums auf den Sülzwiesen ist, die Entlastung der Eltern bei den Kita-Gebühren oder die Aufstockung des Ordnungsamtes für mehr Sicherheit, all das findet sich unter anderem auf vier Seiten.

Gedanken macht sich die Gruppe derzeit zur Geschäftsordnung. Die Rechte der Ratsmitglieder sollen dabei oberste Priorität haben, der Oberbürgermeister beschränkt werden auf sachorientierte Aufklärung. Harter Tobak für den Verwaltungschef. Aber nicht nur Birte Schellmann glaubt: „Ich halte ihn für einen fähigen Mann, der mit der Situation umgehen kann.“

Von Antje Schäfer

Das sagen Mädge und Salewski

Ulrich Mädge: „Es ist eine Stärke der kommunalen Selbstverwaltung, dass sie nicht dem Prinzip von Regierung und Opposition unterliegt, sondern dass die Sachentscheidungen und das Wohl der Stadt im Mittelpunkt stehen. Dafür sind die drei Organe gewählt, der Oberbürgermeister, der Rat der Stadt und der Verwaltungsausschuss.
Ich bin seit 1991 im Amt und 2014 im zweiten Wahlgang mit mehr als 70 Prozent der Stimmen bestätigt worden. Die Bürger haben demnach großes Vertrauen in meine Arbeit. In den mehr als 25 Jahren habe ich mit verschiedenen politischen Konstellationen ernsthaft und konstruktiv zusammengearbeitet und biete das auch dem neuen Rat an.
Ich sehe es als gemeinsame Aufgabe, daran mitzuwirken, die dringenden Ziele weiter umzusetzen: Wohnungsbau, zeitgemäßer Ausbau und Sanierung von Kitas und Schulen, Realisierung der Arena, Integration von Flüchtlingen. Hier haben wir Beschlüsse des bisherigen Rates, die gültig sind.“

Klaus-Dieter Salewski: „Offiziell wissen wir nichts von einer Gruppenbildung. Wir glauben aber, dass die neue Gruppe der Verlierer nicht dem Wählerwillen entspricht. Ich bin erstaunt über die Entwicklung, weil es sich uns nicht erklärt, welche gemeinsamen Ziele die Gruppe hat. Sie hat keine Mehrheit, deshalb müsste sie sich Mehrheiten mit der Linken oder der AfD suchen. Ich möchte klarstellen: Wir sind keine Mehrheitsbeschaffer dieser Gruppe, bei speziellen Sachthemen ist das aber sicherlich möglich.“
Als enttäuschend bezeichnet es der SPD-Fraktionschef, dass die mit Abstand stärkste Fraktion im Rat „nun in die Opposition gejagt wird. Unser Handeln war immer im Sinne des Wohles der Bürger und nicht der Partei geprägt“. Und er macht deutlich: „Wenn man mit dem Oberbürgermeister kritisch umgehe, gehe man auch mit der SPD-Stadtratsfraktion kritisch um. Wenn das für den von den Grünen angekündigten Kulturwandel stehe, habe die SPD ein anderes Verständnis.“

21 Kommentare

  1. der spruch von frau lotze spd ZITAT: hilflosigkeit , spricht für sich. man sieht seine felle wegschwimmen. und was den wählerwillen angeht, den sehen wir gerade in reppenstedt. es entsteht eine neue einheitspartei. spd /cdu. wer spd gewählt hat bekommt die cdu dazu, fast wie immer und umgekehrt. da ist das wort hilflosigkeit tatsächlich angebracht. ich habe der soli empfohlen, den rat zu verlassen. parteiendiktaturen sollte man nicht unterstützen und mit anwesenheit alimentieren.ich bin nicht mehr bei der soli und somit bin ich nur gespannt, ob man meinem rat folgt.

  2. „Mehr Demokratie wagen.“ Das ist mal ein Knaller. Ich Gratuliere Birte Schellmann (FDP), Ulrich Blanck (Grüne) und Niels Webersinn (Fraktionsvorsitzender CDU) sowie ihren Kolleginnen und Kollegen zu diesem mutigen Schritt, der den Geschicken der Stadt Lüneburg nur zum Besseren ausschlagen kann. ALLE Mitglieder der drei Parteien in der neuen „Koalition“ müssen sich jedoch darüber im klaren sein, dass die Sache nur funktionieren kann, wenn ab sofort JEDE Vorlage der Verwaltung studiert und sorgsam hinsichtlich ihrer Folgen und Nebenfolgen bedacht sowie auf denkbare Alternativen hin begragt wird (Muss man es tatsächlich SO machen oder kann man es auch ANDERS angehen). Außerdem müssen ab sofort ALLE Strukturen, Abläufe und Verfahren sowie ALLE Zeitvorgaben (Taktungen, Termine, Agenden) und personellen Entscheidungen (Ausschüsse, Aufsichtsräte, informelle Vorgespräche, etc.) skrupulös analysiert, geprüft und gegebenen Falles modifiziert werden. Das sind permanente Aufgaben. (Herr Pauly von der LINKEn hat dasselbe vor zwei Jahren bei Blog.jj sinngemäß so ausgedrückt: POLITY, die gesetzlichen und institutionellen Rahmenbedingungen und POLITICS, die formalen Umstände und Regelungen der Entscheidungsbildungsprozesse im Rat werden in den Fokus rücken müssen, um POLICY, die Inhalte politischer Auseinandersetzungen, die Gegenstände, Aufgaben und Ziele, formulieren, verfolgen und realisieren zu können, also um die Problemlösung und die Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse angehen zu können.)

    Mit anderen Worten: Die Sache kann nur funktionieren, wenn sich die Ratsmitglieder der drei kooperierenden Parteien ab sofort zu allergrößtem FLEISS bei der Sacharbeit entschließen.

    Ich gratuliere den mutigen Akteuren zu ihrem Entschluss und wünsche ihnen – und unserer Stadt bzw. deren Bürgern und Einwohnern – allen erdenklichen Erfolg!

    Kevin Manuel Schnell

    • Kevin Manuel Schnell
      sie übertreiben, schmunzel .ich wäre froh, wenn der klügel beendet würde. und da habe ich schon so meine zweifel.

      • Schade. Aber da muss ich ihnen leider zustimmen Herr Bruns.

      • Die Bekanntgabe der neuen Ratskoalition kommt in der Lüneburger Lokalpolitik der Explosion einer Bombe gleich, hat Online-Chef Hans-Herbert Jenckel heute behauptet (siehe LZ-Video, oben). Er meinte das natürlich bildlich. Nach einem Vierteljahrhundert nahezu uneingeschränkter autokratischer Selbstherrschaft trauen sich drei wackere Gruppenvorsitzende im Stadtrat ihre künftige Insubordination in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, nachdem sie schon bei der Sitzung im Ausschuss für Wirtschaft und städt. Beteiligungen am vergangenen Mittwoch eine kleine kecke Kostprobe ihrer neuen Renitenz abgegeben hatten (http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/371724-wie-viel-werbung-braucht-lueneburg#comment-73270).

        Heidi, schauen Sie bitte in die Gesichter der drei Helden, hören Sie deren Tonfall, wenn sie sprechen, und achten Sie auf das Wringen der Hände und die Bewegungen von Körpern und Köpfen, wenn Herr Jenckel bei seinen – wie immer präzisen und ohne zu beschämen doch bissigen Fragen – den Namen des Oberbürgermeisters nennt. Haben Sie nicht den Eindruck, hier würden sich drei (vorläufig von unberechtigten Schuldgefühlen noch nicht ganz befreite) politisch zur Eigenständigkeit Heranreifende von der Last einer langen, schweren Bedrückung emanzipieren?

        Verdient dieser späte Versuch, ein schweres Joch abzuwerfen und erste zaghafte Schritte in der Unabhängigkeit selbstverantwortlichen Denkens und Handelns zu wagen, nicht unser aller größtmöglichen Respekt?

        Wieso also suchen Sie – gemeinsam mit dem skeptischen Reppenstedter Weltweisen Klaus Bruns – schon nach dem Haar in der Suppe, bevor diese überhaupt gekocht und an die Feinschmecker im politisch interessierten und informierten Lüneburg verteilt worden ist?

        • Steffie Elze
          gemeinsam mit dem skeptischen Reppenstedter Weltweisen Klaus Bruns
          tja, ich hatte eben einen wissensvorsprung. schmunzel. somit hatte ich zeit, über protagonisten nachzudenken. ich brauchte für diese nachricht, eben nicht die lz dafür. aber was haben sie gegen die drei musketiere? sie werden lüneburg vom klüngel befreien, oder? was aber wenn nicht? wer soll dann gewählt werden? das karusell dreht sich doch nur im kreis.

        • Du lieber Himmel, Frau Elze.

          „Drei Helden, die politisch zur Eigenständigkeit heranreifen und sich von der Last einer langen, schweren Bedrückung emanzipieren“?
          Und:
          „Respekt für diesen späten Versuch, ein schweres Joch abzuwerfen und erste zaghafte Schritte in der Unabhängigkeit selbstverantwortlichen Denkens und Handelns zu wagen“?

          Birte Schellmann ist seit dem 1. November 1991, also 25 Jahre, Ulrich Blanck seit November 1996 (mit einer fünfjährigen Unterbrechung von 2001 bis 2006), also 15 Jahre und Niels Webersinn seit November 2011, also fünf Jahre Mitglied im Rat der Hansestadt Lüneburg. Frau Schellmann hat die 39 erreicht („Eine Frau kann mit 19 entzückend, mit 29 hinreißend sein, aber erst mit 39 ist sie absolut unwiderstehlich. Und älter als 39 wird keine Frau, die einmal unwiderstehlich war!“ ― Coco Chanel), Herr Blanck ist 47 und Herr Webersinn 36 Jahre alt.

          Wir haben es folglich nicht mit Heranwachsenden auf dem Weg in die Mündigkeit zu tun, denen wir für ihre frühblühende Courage und Tatkraft Bewunderung schuldig sind, sondern mit gestandenen lokalpolitischen Persönlichkeiten, die sich nach ewigen Zeiten des Dahindösens und Dämmerns zu einem Akt der Entschlossenheit durchgerungen haben. Natürlich wünsche ich mir, dass sie etwas daraus machen und die überraschend eingeschossene Energie in praktikable gemeinwohldienliche Vorhaben investieren, aber „erste zaghafte Schritte in der Unabhängigkeit selbstverantwortlichen Denkens und Handelns“ kann ich bei Personen mit dieser lang ausgedehnten kommunalpolitischen Erfahrung nicht mehr ernstlich bejubeln. Herrn Webersinn allenfalls nehme ich noch ab, dass in ihm ein Reifungs- und Entwicklungsschub statt hatte, der neuerdings ihn wie auch andere beflügelt und dem in seinen Gewohnheiten festgeketteten Ratskollegium nur gut tun kann.

      • „Mehr Demokratie wagen“? Wie das wohl Heiko Meyer, die neue SPD-Hoffnung, verkraftet? Muss er jetzt etwa, bevor er das erste Mal richtig Luft holen konnte, lernen, dass Lüneburger Lokalpolitik in Zukunft nicht mehr nur mit schneidigem Rumpoltern und Coffee Shop No. 1-Abmachungen zu tun haben wird, sondern mit dem Lesen von Akten, Vorlagen und langen juristischen Gutachten und mit dem Vortragen überzeugender Argumente, die eventuell durch noch überzeugendere Gegenargumente abgeschmettert oder ersetzt werden können, kurz, dass auch Lokalpolitik das Bohren dicker Bretter ist — und nicht das verbale Herumbrettern verbohrter Dickköpfe)?

        Den Aufruf von Niels Webersinn an OB Mädge, sich wieder als ersten Diener der Stadt und ihrer Bürger zu begreifen und „das Histrionisch-Zirsensische“ und das „Stimmung machen“ lieber dem Chefdramaturgen, stellvertretenden Intendanten und mehrmaligen Regisseur am trimodalen (Schauspiel, Musik, Ballett) Spartentheater Lüneburg , Friedrich von Mansberg zu überlassen, kann ich nur gutheißen und unterschreiben.

  3. Die SPD und der cholerische Oberbürgermeister, der, wie Birte Schellmann berichtet, Andersmeinende gern mal – als seien sie seine Domestiken – mit »entwürdigenden Attacken« von der Ratsbühne herab kujoniert und der sich, wie jeder weiß, nur allzu gern mit »Lüneburg selbst« verwechselt, »hätten nicht verstanden, dass das Lagerdenken der Vergangenheit angehöre. [In dem Textblock „Das sagen Mädge und Salewski“ wird exakt dieses „Lagerdenken“ noch einmal besonders deutlich.] Künftig sollen Lösungen über die Parteigrenzen hinweg gefunden werden. Eine absolute Mehrheit sei dazu nicht notwendig. „Wir wollen in der Sache entscheiden und mehr Demokratie wagen“, sind sich die Gruppenpartner einig.«

    »Gedanken macht sich die Gruppe derzeit zur Geschäftsordnung. Die Rechte der Ratsmitglieder sollen dabei oberste Priorität haben, der Oberbürgermeister beschränkt werden auf sachorientierte Aufklärung.«

    Ich finde das klasse!

    • Birte Schellmann ist eine integre dame, vor so jemandem ziehe ich den hut. leider gibt es in der fdp zu wenige davon. dieses heißt nicht, ich bin mit dem theater der fdp einverstanden. ein herr lindner ist für mich ein blindgänger. diese gibt es leider in allen parteien.

  4. Henning Graubmann

    Sehr geehrter Herr Mädge,

    der Verwaltungsausschuss ist NICHT GEWÄHLT. Er wird aus der Mitte des Rates gebildet. Ihm gehören neben dem Oberbürgermeister, der kraft Amtes den Vorsitz führt, als voll stimmberechtigte Mitglieder sog. Beigeordnete sowie gegebenenfalls sog. Grundmandatsinhaber mit nur beratender Stimme an.

    Zu den Aufgaben des Verwaltungsausschusses gehört es (gemäß §§ 74 bis 79 NKomVG) insbesondere, die Ratsbeschlüsse vorzubereiten. Er entscheidet außerdem über Widersprüche in Angelegenheiten des eigenen Wirkungskreises der Gemeinde und ist für die Prüfung der Zulässigkeit von Einwohneranträgen und Bürgerbegehren zuständig. Weiterhin kann er sich dem Bürgermeister gegenüber im Einzelfall die Entscheidung über Geschäfte der laufenden Verwaltung vorbehalten und entscheidet in solchen Angelegenheiten auch dann, wenn der Bürgermeister sie ihm zur Entscheidung vorlegt. Ferner nimmt er die ihm vom Rat zur Entscheidung delegierten Aufgaben wahr, wozu regelmäßig vor allem DIE KONTROLLE DER VERWALTUNG (inklusive der Verwaltungsspitze) gehört. Schließlich kommt ihm die sog. Lückenkompetenz zu, was bedeutet, dass der Verwaltungsausschuss zuständig ist, wenn keine Zuständigkeit eines anderen Gemeindeorgans besteht.

    Sie sagen, Herr Mädge: „Ich sehe es als gemeinsame Aufgabe, daran mitzuwirken, die dringenden Ziele weiter umzusetzen: Wohnungsbau, zeitgemäßer Ausbau und Sanierung von Kitas und Schulen, Realisierung der Arena, Integration von Flüchtlingen. Hier haben wir Beschlüsse des bisherigen Rates, die gültig sind.“ Drei der vier genannten Ziele sind wohl unumstritten kommunale Aufgaben mit allerhöchster Priorität. Doch die „Realisierung der Arena“ (Sparkassen-Arena) ZÄHLT mit Sicherheit NICHT DAZU. Weder besitzt sie den gleichen Rang wie die anderen drei „Ziele“, noch ist sie unumstritten. Ein Blick auf die beiden folgenden LZ-Artikel und die darunter befindlichen Leserzuschriften belegt das sofort:

    19. Oktober 2016: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/370764-ueber-die-vertraege-wird-immer-noch-verhandelt

    22. August 2016: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/354324-neue-mehrheit-fuer-arena-lueneburg

  5. Alles wird gut! Cohabitation (frz.: „Zusammenleben“; wegen lateinisch cohabitatio ‚Beisammenwohnen’ auch „Beischlaf“), eingedeutscht Kohabitation, bezeichnet eine in semipräsidentiellen Regierungssystemen vorkommende Situation, bei welcher der Staats-, hier: Lüneburgpräsident und die stärkste Fraktion im Parlament (hier: Stadtrat) zwei entgegengesetzten politischen Lagern angehören und dem Präsidenten damit keine eigene Mehrheit im Parlament zur Verfügung steht. Das Staats-, hier: Stadtoberhaupt ist in Phasen der Cohabitation in seinen Kompetenzen stark eingeschränkt und auf eine enge Zusammenarbeit mit der ihn tragenden Parlaments-, hier: Gruppen- oder Ratsmehrheit angewiesen. Doch glücklicherweise ist es ja „eine Stärke der kommunalen Selbstverwaltung, dass sie nicht dem Prinzip von Regierung und Opposition unterliegt, sondern dass die Sachentscheidungen und das Wohl der Stadt im Mittelpunkt stehen.“

  6. Zitat Klaus-Dieter Salewski: „Wir glauben aber, dass die neue Gruppe der Verlierer nicht dem Wählerwillen entspricht.“ Oh ha! Da ist aber einer beleidigt. Und die Formulierung „Verlierer“ ist nicht gerade freundlich wenn man über Ratskollegen und -kolleginnen spricht.
    Aber wie ist das mit dem Wählerwillen eigentlich. Es waren nicht annähernd 50% die sich bei der Wahl für die SPD entschieden haben. Also nicht die Mehrheit. Sondern ÜBER 50% haben eine andere Partei gewählt. Und von diesen anderen Parteien bilden jetzt immerhin drei gemeinsam eine Gruppe und stellen es zwei weiteren Gruppierungen frei sich im Einzelfall bei Entscheidungen an zu schließen. Eigentlich drei weiteren Gruppierungen. Aber wie sich die Stellungnahme von Herrn Salewski liest wird es ihm wohl sehr schwer fallen über seinen Schatten zu springen.
    Ich begrüße die Gruppierung aus CDU, FDP und Grünen. So wird weitaus mehr Wählerwillen abgebildet und Demokratie im Stadtrat gelebt werden müssen. So passt es hundertprozentig wenn Frau Schellmann Willy Brandt zitiert mit dem Satz: „Mehr Demokratie wagen“. Eine fast 25 jährige kleine Diktatur im Rat wird damit praktisch kalt gestellt. Und das ist gut so.
    Ich wünsche dieser neuen Gruppe viel Fingerspitzengefühl, Sachlichkeit, Weitsicht und kluge Entscheidungen die auch von den Lüneburger Bürgern und ggf. der Linken und/oder anderen Gruppierungen im Rat unterstützt werden.
    Gleichzeitig teile ich aber auch dennoch die Skepsis die Herr Pols am Wochenende in einem anderen in Lüneburg erscheinenden Blatt äußerte. Die Ideologien der Grünen könnten (manchmal) zum Stolperstein werden. Denn ihren Ideologien sind die Grünen mehr verbunden und verhaftet als sachdienlichen Lösungen bei Problemen die die Allgemeinheit betreffen und ihr dienen. Glück auf!

    • Otto
      ich kann sie beruhigen. die neue partei der besserverdienenden werden sich nicht ihr eigenes grab schaufeln. die grünen sind in dem euro genau so verliebt, wie andere, die darin ihr vorteil sehen. ich mag den euro auch, verliebt bin ich nicht dabei. schmunzel.

  7. Hallo Herr Webersinn

    Ich finde es sehr gut, was Sie zusammen mit der sympathischen Frau Schellmann und dem netten Herrn Blanck, dem Ritter der Aufrichtigkeit, versuchen. Ich habe da ein gutes Gefühl. Und jedesmal mehr bei Ihren Auftritten im Rathaus und vor den Medien gewinnen Sie an Statur und an Souveränität. Ich würde mich nicht einmal mehr wundern, wenn irgendwo in Ihrer Aktentasche ein Marschallstab steckte. Passen Sie bitte auf, dass immer einer Ihrer Füße am Boden bleibt, wenn die Schritte erforderlichenfalls bald größer werden sollten, dann laufen Sie auch nicht Gefahr, auf dem Parkett auszugleiten.

    Ihr Georg Wüstenhagen aus Reppenstedt

  8. Das ist eine Revolution, keine Revolte

    Die relativ kleine, aber mächtige Enrichissez-vous-Fraktion ausserhalb des Rathauses wird es nicht kampflos hinnehmen, den direkten Kontakt zu ihren Vollzugsbeamten im Rathaus bedroht, geschwächt oder gar verkümmern zu sehen. Die Frondeure um Schellmann, Blanck und Webersinn werden sich sehr warm anziehen müssen. Die unmittelbare Zukunft der nächsten acht bis zehn Wochen wird zeigen, ob sie den Mumm haben, Kurs zu halten, und nach dem ersten auch den zweiten, den dritten und alle daraus folgenden Schritte unbeirrt zu gehen — und sich ihrer plötzlich hinter jedem Gebüsch auftauchenden Freunde zu erwehren.

    Friedrich (Fritz) Schuster

  9. Pauina von Essen

    Großartig ist mal wieder die Photographie der Lüneburger Lichtbildkünstler Andreas Tamme und Hans-Jürgen Wege über dem gelungenen, mit hauchzarter Ironie meisterhaft durchzuckerten Bericht von Antje Schäfer. Nicht nur hält die schöne Aufnahme fest, wie sehr sich Birte Schellmann (FDP), Ulrich Blanck (Grüne) und Niels Webersinn (CDU) der Albernheit bewusst sind, mit welcher das Signieren und Paraphieren ihrer Kooperationsvereinbarung im Gesprächs- und Studiokeller der Landeszeitung nach dem Muster von Gemälden wie „Der Schwur der Horatier“ von Jacques-Louis David oder die (bloß vermeintliche) „Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung“ von John Trumbull nachgestellt wird, und wie sehr sie sich anstrengen, die Peinlichkeit dieses kleinen Schauspiels nicht durchschimmern zu lassen, mit dem ein bedeutsamer historischer Augenblick für die Annalen der hanseatischen Nachwelt emblematisch eingefangen und gebannt wird, sondern die Darstellung enthüllt auch auf sehr diskrete Weise etwas von dem Nachklingen einer ängstlichen Scham, mit der fälschlicher Weise der Unartigkeit und des Vorlautseins bezichtigte Kinder weitere unberechtigte Vorwürfe und scheele Blicke ebenso erzürnter wie anmaßender Autoritäten antizipieren und darum vorzeitig abwehrend den Kopf tief über ihre im Grunde tadellos angefertigten Schularbeiten senken.

    • Es ist schon bemerkenswert bei 17 Zeilen nur zwei Punkte zu setzen. Aber auch wenn ich des Lesens schon mächtig bin, kann ich es nicht als leserfreundlich bezeichnen. Aber das Talent für eine Romanschriftstellerin ist unverkennbar.

  10. Ulrich Mädge hat den großen Fehler gemacht, nicht rechtzeitig abzutreten. Mai 2014 wäre der richtige Monat gewesen, um sich stolz, mit kaum angeknabbertem Ansehen und also in Ehren zurückzuziehen. Nun wird das herangaloppierende Ende bitter sein und die Zeit danach vermutlich ohne Weinlaub im Haar. Einen klugen und sehr mutigen Kommentar zu dieser verpassten Gelegenheit und ihren unerbittlichen Konsequenzen hat LZ-Lokalredakteur Ulf Stüwe am Sonntag veröffentlicht. Er spricht in seiner Überschrift sogar von einer „Zeitenwende“. Der m. E. entscheidende Passus betrifft Oberbürgermeister Ulrich Mädge. Wie ich und praktisch jeder, mit dem ich seit letztem Donnerstag darüber gesprochen habe, sieht Stüwe mit der Entscheidung zur Zusammenarbeit von B90/GRÜNEn, CDU und FDP das Ende der Ära Mädge nicht nur heraufziehen, sondern hält es für de facto bereits besiegelt. Die Frage ist schon gar nicht mehr, ob der „alte Kaiser“ ihm nun mit Sicherheit in immer schnellerer Folge blühende Demütigungen aushalten muss, sondern nur noch, wie lange er sie aushalten kann und will:

    »Auf Lüneburg dürften daher spannende Zeiten zukommen. Ob Oberbürgermeister Ulrich Mädge sich dem auf Dauer stellen will, wird sich zeigen. Er hat viel für die Stadt getan, seine Amtszeit endet in fünf Jahren, dann ist definitiv Schluss. Ob er bei der neuen Konstellation durchhalten will, liegt in seinem Ermessen. Eine nach ihm benannte Straße dürfte ihm so oder so sicher sein. ENTSCHEIDEND FÜR DEN FORTGANG DER ENTWICKLUNG DIESER STADT ABER WIRD ER [MÄDGE] VERMUTLICH NICHT MEHR SEIN [Hervorhebung von mir, F. R.], dafür wurde er jetzt mit einem beeindruckenden politischen Schachzug matt gesetzt. Denn mit der neuen Mehrheitsgruppe werden auch die Karten in den Ausschüssen und Aufsichtsräten der Stadt neu gemischt, in denen oft nur einer bislang ganz oben stand: Ulrich Mädge.« Quelle: LGheute, 23. Oktober 2016, http://www.lgheute.de/kommentar/7170-zeitenwende.html

    • @ Zeitenwende

      Zeit wird es! Ich wünsche den klugen, furchtlosen Ratstalenten gutes Gelingen! Ulrich Mädge war bis Mai 2014 ein sehr guter Oberbürgermeister besonders also in der Zeit, als — wie Rudolf Augstein im Oktober 1963 über Konrad Adenauer schrieb — »sein Name noch nicht synonym für „Regierungschef, der sich an seinen Posten klammert“ war«. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172294.html)

      • Ich ergänze und bestätige damit Herrn Paulys Einschätzung (siehe Video), dass Herr OB Mädge auch in der Handhabung der sogenannten Flüchtlingskrise und bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Integration von Zufluchtsuchenden in den zurückliegenden zwanzig Monaten vorbildlich unaufgeregt, umsichtig und entschlossen Großartiges geleistet hat.