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Ein Wildschwein mit einem Frischling
Wenn Wildschweine Frischlinge dabei haben, sollte man Abstand halten. Ansonsten geht von ihnen keine Gefahr aus. Foto: t&w

Fuchs und Co. zieht es in die Stadt

Von Antje Schäfer

Lüneburg. Die Zeiten, in denen die Stadt den Menschen und Wald sowie Wiesen den Wildtieren gehörten, sind schon lange vorbei. Auf der Suche nach einem optimalen Lebensraum rücken die Wald- den Stadtbewohnern immer mehr auf den Pelz. Welche Tiere haben zum Beispiel Lüneburg für sich entdeckt und warum begehen sie Landflucht? Das wollte die LZ von Michael Stall wissen, dem Leiter der städtischen Stadtforst.

Reich gedeckter Tisch mit Mäusen und Schnecken

Reinecke Fuchs eilt der Ruf voraus, ein schlaues Kerlchen zu sein. Er lernt schnell, nutzt sein Wissen für Überlebensstrategien. Er kann sich unterschiedlichen Bedingungen anpassen und sichert sich so einen weiträumigen Lebensraum. Dabei dringt er in vom Menschen besiedelte Gebiete vor, wohl wissend, dass ihn in der Stadt ein reich gedeckter Tisch mit Mäusen, Schnecken, Vogeleiern, Beeren sowie Abfällen erwartet. „An dem Menschen stört er sich dabei nicht“, sagt Förster Stall, der seit einiger Zeit einen Jungfuchs durch seinen Garten streifen sieht. Allein der Katze gelte seine Sorge. Die ist zwar genauso clever wie der Fuchs. Doch um sie zu schützen, „lassen wir sie nur tagsüber raus. Wildtiere werden erst in der Dämmerung aktiv und stöbern dann ihre Beute auf“.
Auch über Friedhöfe und durch Kleingärten stromert der pelzige Geselle dann gern. Unmittelbare Gefahr bedeutet er für den Menschen nicht, „aber das Vorkommen des Fuchsbandwurmes sollte beachtet werden“.

Zu den Gründen, warum Waldtiere die Stadt als Lebensraum entdeckt haben, sagt Stall: „Der Wildbestand in freier Fläche, also außerhalb der von Menschen besiedelten Flächen, ist groß. Irgendwann sind die Territorien komplett besetzt. Nur die starken Tiere können sich dort dann noch halten, schwächere weichen in Randbereiche aus — unter anderem in Städte.“ Als Beispiel nennt er Rehböcke, die in den Ilmenauauen äsen, die schwächeren lockt das Angebot in Obstgärten oder die Blumenvielfalt rund ums Haus. „Aber Rehe sind auch Feinschmecker, die zum Beispiel Rosenblüten lieben“, sagt Stall schmunzelnd. Ein weiterer Grund dafür, dass es sie in Städte zieht. Hinzu kommt, dass Neubaugebiete an der Peripherie der Städte die Territorien der Tiere begrenzen. Damit der Bestand der Tiere im Verhältnis zu ihrem natürlichen Lebensraum nicht explodiert, sind Abschusspläne so ausgerichtet, dass der Bestand der Rehe nicht wächst.

Bei Frischlingen den Wildschweinen aus dem Weg gehen

Für Aufsehen sorgten Berichte, dass Wildschweine in Berlin Parks und Gärten durchwühlten. „In Lüneburg gab es noch keinen solchen Fall“, sagt Stall. Allerdings hat sich der Schwarzkittel bis auf 100 Meter ans Forsthaus herangepirscht, wurde vis-à-vis der Kleingärten beim Hof Tilsit gesichtet. Sorgen, dass die Tiere für den Menschen bedrohlich werden könnten, hält der Förster entgegen: „Im Normalfall tun sie nichts. Nur wenn sie Frischlinge dabei haben, sollte man ihnen aus dem Weg gehen.“

Der Steinmarder ist ursprünglich auf dem Land, gerne auf bäuerlichen Anwesen, beheimatet. Aber auch er hat sich längst in die Stadt aufgemacht. Der Allesfresser liebt nicht nur die Pflaumen in Nachbars Garten, sondern schätzt es auch, den Winter auf Dachböden gemütlich zu überstehen. Da turnt er dann rum, knabbert bisweilen Leitungen an. „Ich bekomme viele Anrufe von Hausbesitzern“, berichtet Stall. Die möchten sich von dem Untermieter befreien. Keine leichte Sache. Mit Lebendfallen könne man ihn zwar fangen, aber aufgrund der für Marder idealen Lebensbedingungen ziehe oft bald ein Nachfolger ein.

Waschbären machen es sich auf Dachböden bequem

Auf dem Vormarsch ist auch ein tierischer Geselle, der eigentlich possierlich wirkt, „aber absolut unerwünscht ist“, wie Stall sagt. „Waschbären sind kein Bestandteil unserer heimischen Tierwelt. Sie konnten einst aus Pelztierfarmen entweichen und haben sich seither explosionsartig vermehrt.“ Diese Invasion breite sich aus, obwohl zum Beispiel im Landkreis Lüchow-Dannenberg jährlich Tausende geschossen würden. Im Kreis Lüneburg ist die Zahl von 60 vor zwei Jahren auf rund 300 hochgeschnellt.
Die Allesfresser haben es nicht nur auf Kirschen abgesehen wie im vergangenen Jahr in Oedeme (LZ berichtete), sie machen es sich auf Dachböden bequem und hinterlassen Kot und Dreck und plündern Mülltonnen. Doch nicht nur das: „Als exzellente Kletterer räubern sie Nester aus und sind eine Gefahr für Bodenbrüter.“

One comment

  1. Tom Schulze-Helmke

    Ein paar Ergänzungen am Beispiel Fuchs:
    Neubaugebiete begrenzen nicht nur die Reviere, sie werden in sie hineingebaut. Dass ausserhalb der Ortschaften nur die Starken überleben kann bei 500.000 erschossenen Füchsen jedes Jahr auch nicht stimmen. Eine Gewehrkugel differenziert da nicht. Die toten Füchse fehlen aber, um die Feldmäuse zu jagen. Also wird tonnenweise Mäusegift auf den Feldern ausgebracht. Also wenn ich ein schlauer Fuchs wäre würde ich auch lieber die innerörtlichen Gefahren vorziehen…