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Metalldetektor
Foto t&w Mit einem Metalldetektor hat Michael Kiese das Beil auf einem Feld entdeckt. Foto: t&w

Der 3500 Jahre alte Fund von Südergellersen

Von Carlo Eggeling

Lüneburg. Es sieht unscheinbar aus, der Rest eines Beils, grün angelaufen, die Klinge schartig. Doch das Stück Metall ist vermutlich mehr als 3500 Jahre alt und stammt aus der Bronzezeit. Der Hobby-Archäologe Michael Kiese hat es bei Südergellersen im Erdreich entdeckt und damit einen bedeutenden Fund gemacht: Denn das sogenannte Randleistenbeil schließt eine geschichtliche Lücke zwischen Stein- und Bronzezeit. Es lebten also durchgehend Menschen in der Landschaft mit ihren sanften Hügeln. Die Entdeckung des Heimatforschers passt für den Bezirksarchäologen Dr. Mario Pahlow und seinen Kollegen vom Landkreis, Dietmar Gehrke, in eine Reihe von Funden, die belegen, dass es schon vor Jahrtausenden einen internationalen Handel gab.

In Südergellersen kann man tief in die frühen Zeiten der Besiedlung der Region einsteigen. Es finden sich Reste eines Grabes aus der Jungsteinzeit, also aus dem vierten Jahrtausend vor Christi, dazu Grabhügel aus den späteren Jahrhunderten. So schlummerten dort eine Lanzenspitze und Reste eines Schwertes im Boden, sie sollen aus einer Zeit rund 1800 Jahre vor Christi stammen. Fachleute haben vor langen Jahren auch Urnen freigelegt, die rund 800 Jahre vor Christi beigesetzt wurden.

Auch die Bronze erzählt eine Geschichte. Für die Herstellung benötigten Handwerker Kupfer und Zinn. Diese Zutaten sind aber nicht in der Region zu finden. Also muss die Bronze über Handelswege ins Lüneburger Land gekommen sein.

Flüsse waren die Autobahnen der Urzeit

Pahlow und Gehrke nennen die Flüsse „Autobahnen der Urzeit“: Ein Zentrum der Bronzezeit lag im heutigen Böhmen und Mähren, die Aunjetitzer Kultur. Händler brachten die kostbare Bronze über die Elbe und Nebenflüsse wie Ilmenau und Luhe in den Norden. Pahlow berichtet, dass die Urzeit-Unternehmer eigentlich das heutige Dänemark und Schleswig-Holstein als Ziel hatten, wenn sie mit ihren schmalen Booten aufbrachen. Dort tauschten sie Metall beispielsweise gegen Bernstein. Das wahrscheinlich aufgrund seiner fruchtbaren Böden relativ dicht besiedelte Lüneburger Land war einen Abstecher wert. Auch weil man hier Station und wohl gute Geschäfte machen konnte.

Michael Kiese ist Hobby-Archäologe. Foto: t&w
Michael Kiese ist Hobby-Archäologe. Foto: t&w

„Bronze galt als Statusobjekt“, sagt Pahlow. So gab es Imitationen ähnlich wie heute die angebliche Markenuhr oder -tasche, die aber aus einer Hinterhofwerkstatt stammt. „Viele Werkgeräte wie Sicheln und Beile wurden noch wie in der Steinzeit aus Stein hergestellt, aber mit Einschnitten versehen“, erklärt der Wissenschaftler. Die Verzierungen sollten den Anschein von Metallverarbeitung liefern. Auch wurden Urnen aus Keramik gebrannt, die Vorbildern aus Metall entsprachen.

Die Reisen waren weit, beschwerlich und gefährlich. Pahlow sagt, dass wahrscheinlich Mächtige eines Territoriums Händlern Schutz gewährten, dafür aber Abgaben verlangten. Das Prinzip war einfach: Wenn ein Landstrich unter den Handelsreisenden einen schlechten Ruf besaß, dürfte er nicht mehr angesteuert worden sein damit riss der Nachschub an begehrten Gütern ab.

Pfannenwender ausgebuddelt

Wie nun das Beil nach Südergellersen gelangt ist, bleibt Spekulation. Die Fachleute halten es für wenig wahrscheinlich, dass es sich um eine Opfergabe für einen Gott handelte oder eine Grabbeilage. Denn Kiese fand das Stück irgendwo abseits. Vielleicht hat ein Handwerker oder Reisender das Beil verloren. Geschichte wiederholt sich. Als Kiese mit seiner Metallsonde unterwegs war, hat er auch Pfannenwender ausgebuddelt. Von WMF, die Datierung ist einfach: unsere Zeit.

Youtube-Kanal
Michael Kiese hat die Lizenz zum Sammeln: Der 51-Jährige hat sich beim Landesamt für Denkmalpflege als Sondengänger angemeldet und einen zweitägigen Kursus besucht. Geschichte war ebenso Thema wie das Freilegen und Dokumentieren eines Fundes. Ganz wichtig ist eine Einweisung des Kampfmittelräumdienstes. Denn mancher Fund ist hochgefährlich. So sind Fälle bekannt, bei denen ein Hobby-Archäologe sich Munition in die Tasche steckte und Brandverletzungen erlitt: Phosphor.

Bevor Kiese das erste Mal mit dem Metallsuchgerät loszog, hatte er mit dem Bezirksarchäologen Pahlow ein Suchgebiet vereinbart: Südergellersen. Das erkundet er nun und hat schon einiges entdeckt: Armreifen aus der Bronzezeit, Verschlüsse für Gewänder, Figuren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Kiese ist kein Raubgräber, er bringt seine Funde zum Archäologen, der sie erfasst und in eine Kartierung einträgt.

Der Frührentner macht seine Arbeit auch transparent auf seinem Youtube-Kanal MJK Relic Finder.