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Kaufmannspräsident Michael Zeinert (l.) und Gast Dr. Willms Buhse, der über die digitale Revolution sprach, machen passend zum Thema ein Selfie. Foto: t&w

Herrenessen der Kaufleute: Amerikaner ziehen uns die Hosen runter

Lüneburg. Eigentlich wollten sie nur gut essen und plaudern. Doch vorher verblüffte und erschreckte sie Dr. Willms Buhse mit seinen Einschätzungen zur digitalen Revolution. Die ist in vollem Gang. Am Ende nahmen die Lüneburger Wirtschaftslenker beim Herrenessen am Freitagabend im Seminaris mit: Wer jetzt zu spät kommt, lernt nur noch die Risiken, aber nicht mehr die Chancen der digitalen Transformation kennen. Der rotiert ins digitale Abseits. Es war, kurz gesagt, das Herrenessen 2.0.

Internet-Experte Dr. Buhse hatte Nachrichten aus dem Silicon Valley für die Bosse. Er empfiehlt ein grundlegendes Umdenken, aber kein einfaches Kopieren der US-Modelle. „Wir haben es in der Hand, wir müssen ausprobieren, offener werden für Technologie und unseren Weg finden. Was in Amerika läuft, kann man nicht einfach auf deutsche Unternehmen übertragen.“ Der Druck des Wandels nehme zu, denn in vielen Firmen herrschten auf dem Weg in die Wissensgesellschaft immer noch die Strukturen der indus­triellen Revolution vor. Die Folge: „Amerikanische Firmen ziehen uns in einer Branche nach der anderen die Hosen runter.“

„18 der fast 31 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland sind von der Digitalisierung bedroht.“, Dr. Willms Buhse

Dr. Buhse fragte in einem Quiz unter anderem: Wie viele Firmen sind in den letzten zehn Jahren im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung aus den Top 500 der Forbes-Liste geflogen? Atemraubende 70 Prozent. Die meisten Gäste lagen daneben. Nicht anders war es bei der Frage zu Gefahren: Wie viel Hackerangriffen gab es täglich auf die IT bei den Winterspielen in Sotschi? Fünf Millionen am Tag. Und warum sind Smartphones in Japan längst wasserdicht? Die Japanerin nutzt es auch beim Duschen.

Internetriesen verändern die Welt

Dr. Buhse hatte aber auch harte Zahlen: Google könne heute mit seinem Wissen Risiken von Kunden besser und billiger einschätzen als Banken oder Versicherungen. Google habe Kosten von fünf Dollar pro Kunde, eine Bank liege bei 95 Euro. Ob man es mag oder nicht: Es sind Facebook, Twitter oder Google, die Internetriesen verändern unsere Welt. Und es sind Start-ups mit hervorragenden Ideen, die Millionen im Internet von Menschen aus aller Welt einsammeln und nicht bei der ängstlichen Hausbank. Und wer glaubt in gnadenloser Selbstüberschätzung, dass er die Speerspitze der digitalen Revolution ist, tatsächlich aber nur der Hemmschuh? Leider oft deutsche Manager.

Eine Studie in Deutschland, so Buhse, habe gezeigt, dass die „Paper Natives“ Sicherheit, Datenschutz und persönliche Kontakte großschreiben, die „Digital Natives“ Geschwindigkeit, Offenheit und globale Kontakte. Dazwischen läuft für Buhse die Konfliktlinie, die in Unternehmen über Wissensfluss und am Ende Transformation entscheidet. Die Zeit rennt, denn 18 Millionen der fast 31 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland seien von der Digitalisierung bedroht.

„Wir müssen die Kurve kriegen“

Buhse ist ein gefragter Gast, ob in Harvard oder am Massachusetts Institute of Technology, an deutschen Eliteuniversitäten, bei Daimler oder Lufthansa. Seine Thesen lauten: Ohne neue Führungskultur ist die digitale Transformation nicht denkbar. Maximale Transparenz, Führen unter Unsicherheit, Offenheit für neue Produkte und Wege, das unter anderem zähle künftig.
Der neue Präsident der Kaufleute, Michael Zeinert, lenkte bei seiner Begrüßung gleich den Blick auf das Zukunftsprojekt Lüneburgs, den Libeskind-Bau der Uni, „ein architektonisches Juwel, ein neues Wahrzeichen“, alle würden von der Strahlkraft profitieren. Zeinert, Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer, ist ganz sicher: „Der Bau wird dafür sorgen, dass wir, Region und Uni, international besser wahrgenommen werden. Ich bin überzeugt, jeder Euro, der in dieses Vorhaben investiert wird, zahlt sich am Ende aus.“ Negativschlagzeilen hat er genug gelesen: „Wir müssen jetzt mal die Kurve kriegen.“ Der Meinung sind lange nicht alle. Für genug Diskussionsstoff bei Pfeife und Bier war also gesorgt.

Von Hans-Herbert Jenckel

Dr. Willms Buhse

  • Studierte Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften
  • Dissertation über Wettbewerbsstrategien im digitalen Zeitalter
  • Technologie-Scout im Silicon Valley
  • Start-up-Gründung für den Bertelsmann-Konzern in New York
  • Geschäftsführer „CoreMedia“, Investment der Telekom
  • 2009 Start-up „doubleYUU“
  • Autor, Moderator, Coach und Berater in internationalen Konzernen
  • Bestseller: Management by Internet

25 Kommentare

  1. Hübsches Foto oben. Zwei bizarre Selbstvermarkter versichern sich, dass es sie tatsächlich gibt.

    Was meint IHK-Hauptgeschäftsführer Zeinert, wenn er klagt, „Negativschlagzeilen über den Libeskind-Bau der Uni“ habe er nun genug gelesen, da müssten „wir“ mal „die Kurve kriegen“? Verschwindet Negatives, wenn nur nicht darüber geschrieben wird? Kann man so am Ende vielleicht sogar den Krebs besiegen? Hätte Herr Michael Zeinert den einen oder anderen „Euro, der in dieses Vorhaben investiert wird“, aus seiner eigenen Hosentasche zu fummeln, würde er sicher zweimal nachdenken, bevor er derart vollmundig Generosität anmahnt. Sind denn „die Negativschlagzeilen“ (http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/370978-fuer-ein-paar-millionen-euro-mehr#comment-73292) das Problem und nicht die in den Berichten unter diesen Schlagzeilen aufgedeckte Endloskette von Unaufrichtigkeiten, Dummheit und Versäumnissen, von Missmanagement, Fehlern, Beschönigungen, Größenwahn, Schlampereien und von mangelndem Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit fremden Geld?

    • Sie sagen es Herr Bergmann, so lange es nicht das einige Geld ist, haben solche Leute nie ein Problem mit den horrenden Kosten.
      Sie vertrauen auf die perfide Logik, das gewisse Bauprojekte ab einem gewissen Punkt auf Biegen und Brechen zu Ende gebaut werden – ganz gleich wie hoch die Gesamtkosten ausfallen.
      Wir alle kennen die Millionen und Milliarden-Gräber(Elbphilharmonie, BER, Stuttgart 21, Leuphana-Audimax).

      • Kölner Dom, Elbphilharmonie etc. Trotzdem schön, dass es sie gibt.

        • Naja Klaus, mir geht es auch nicht um die Ästhetik – über Geschmack lässt sich nicht streiten.
          Mir geht es, im Verhältnis zum Objekt, um die exorbitanten Kosten.
          Dafür das dadurch nicht die Allgemeinheit profitiert sondern nur wieder ein klitzekleiner Teil der Bevölkerung – was in Hamburg wie auch in Lüneburg zu erwarten ist.

      • Und zum Vergleich schauen Sie sich an, wie es läuft, wenn ein Privatmann baut: Die Wirsol Rhein-Neckar-Arena, ein Fußballstadion in Sinsheim, ist die Heimstätte des Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim. Das Stadion wurde gegenüber dem Auto- und Technikmuseum Sinsheim neben der neuen Autobahnausfahrt Sinsheim-Süd der A6 im April 2007 für genau 60 Mio. € geplant (der erste Spatenstich erfolgte am 25. Mai 2007) und binnen 22 Monaten (am 24. Januar 2009 war Eröffnung) inklusive Parkraum für 4.600 Kfz direkt am Stadion für genau 60 Mio. € erbaut. (https://www.achtzehn99.de/arena/daten-fakten/)

        Audimax Lüneburg: 19. Dezember 2007 Startschuss durch Wissenschaftsminister Lutz Stratmann, Inbetriebnahme – vielleicht – Ende Januar 2017 (entspricht 110 Monaten).

        MfG, Georg Wüstenhagen aus Reppenstedt

    • Herr Bergmann, Vergangenes ist vergangen, die Widerkäuer sind das Problem, weil sie den Blick nach vorne versäumen und die Chancen verpassen mit den Gegebenheiten etwas zu gestalten. Wenn sich die Gegebenheiten nun mal nicht ohne noch größere Negativeffekte verändern lassen, reicht es Fehler nicht zu wiederholen und aus dem Ist Zustand das Beste zu machen. Also, der Libeskindbau ist da und wird seinen Nutzen bringen, zwar überteuert aber brauchbar.

      • Ich zitiere:“Der Libeskindbau ist da und wird seinen Nutzen bringen, zwar überteuert aber brauchbar.“

        Schon recht, Klaus. Nur, WELCHEN Nutzen wird der Libeskind-Bau bringen? WIE wird er diesen Nutzen bringen? WOZU ist er brauchbar?

        DAS sind die Fragen, die es endlich – jenseits von Reklamegeblubber – zu beantworten gilt. Haben Sie phrasenfreie, empirisch verifizierbare oder zumindest plausible Antworten? Bitte listen Sie diese für mich auf. Ein Anfang genügt.

        • Es wird genutzt werden als Forschungs-, ein Studierenden- und Seminarzentrum. Als Audimax wird es genutzt werden, Büroräume werden genutzt werden, eine Cafeteria wird es geben, Veranstaltungen auch für die Stadt werden stattfinden können. Also ich denke das Gebäude wird mit Leben gefüllt und nicht leer stehen. Das man das auch günstiger und anders hätte hinbekommen können ist bekannt.

          • Klaus, DAS hätte man in der Tat günstiger haben können. Ein Gutachten der Oberfinanzdirektion befand schon vor Baubeginn, das 25 Millionen Euro für einen hochwertigen Funktionsbau, der Ihren Anforderungen (und noch einigen weiteren) zu genügen hat, mehr als üppig gewesen wären.

            WOFÜR werden also 2017 oder 2018 die übrigen Hundert Millionen Euro ausgegeben worden sein, Klaus? DARAUF möchte ich gerne eine Antwort.

          • Das sehen Sie doch Herr Bergmann, für schiefe Wände, Exklusivität, Bekanntheit, den Flair und das künstlerische eines Libeskindbau, die besonderen handwerklichen, planerischen und finanziellen Herausforderungen, die solch eine Konstruktion und solch ein Bau mit sich bringt. Für eine besondere Aussenhülle, für Lehrgeld, das man bei solch einer Bauweise zahlt, für Spezialmaschinen etc. Auf so etwas lege ich keinen Wert, darum habe ich ein quadratisches, praktisches Haus, ein Tisch, ein Bett, ein Klo, ein Bad, für jeden Besucher ein Stuhl. Halt nur was ich auch innerhalb von 30 Tagen auch einmal brauche.

          • So hätte ich es auch schreiben können Peter.

      • Hallo Klaus: „Vergangenes ist vergangen, die Widerkäuer sind das Problem, weil sie den Blick nach vorne versäumen und die Chancen verpassen mit den Gegebenheiten etwas zu gestalten. Wenn sich die Gegebenheiten nun mal nicht ohne noch größere Negativeffekte verändern lassen, reicht es Fehler nicht zu wiederholen und aus dem Ist-Zustand das Beste zu machen.“

        Ich hoffe, diesen schönen deutschen, extrem werthaltigen Kalenderspruch können Sie auswendig. Bevor Sie sich das nächste Mal über Frau Merkel und ihren großen humanitären Einsatz für Zufluchtsuchende vom Herbst 2015 ereifern, sollten Sie sich an Ihre Worte erinnern und sie sich wie auch allen Ihren ebenso tumb wie pauschal xenophob urteilenden Komparsen laut und deutlich vorsprechen.

        • Genau Beate, an diese Worte habe ich mich schon 2015 erinnert und mich gefragt, wie dieser Fehler von Frau Merkel, der unser Land nachhaltig zerstören wird, zu verhindern ist und wie er sich in Zukunft vermeiden lässt , um sich nicht permanent zu wiederholen. Humanitär zu Helfen ist das eine (inwiefern die Notlage auch selbst mit verschuldet ist will ich hier mal aussen vor lassen), wieso die humanitäre Hilfe mit einer Um- und Ansiedlung in Deutschland und seine Sozialsysteme verknüpft werden muss ist eine andere. Wieso man Fluchtbewegungen auch noch erzeugen muss ist eine weitere und wie man die Interessen der eigenen Bevölkerung und des eigenen Landes ignoriert kommt auch noch hinzu. Groß Britannien hat sich aus dem Klub schon verabschiedet, wobei ein wesentlicher Punkt auch die Wiedererlangung der eigenen Grenzkontrolle war und der Rest wird auch noch auseinander fliegen wenn Frau Merkel und Co ihr eigener Seelenfrieden wichtiger bleibt als die Zukunftsfähigkeit ihrer Länder.

          • Hallo Klaus, die Lage ist im November 2016 aber nicht wie im September 2015. Nach Ihrer autosuggestiven Buhse-Zeinert-Devise des dynamisierend positiven Denkens gilt es, das Gestern ruhen zu lassen, nicht zurückzuschauen, sondern hic et nunc – und dabei immer die gebleachten Zuversichtszähne zeigend – das Beste aus dem Hier und Heute zu machen. Dass man das auch günstiger und anders hätte hinbekommen können, ist bekannt. Aber wollen Sie denn ein ewig fortlamentierender Wiederkäuer bleiben, Klaus? Oder wollen Sie die Ärmel aufkrempeln und mit frischem Mut anpacken? Denken Sie an Ihre Worte: „Vergangenes ist vergangen, die Widerkäuer sind das Problem, weil sie den Blick nach vorne versäumen und die Chancen verpassen mit den Gegebenheiten etwas zu gestalten.“

          • Tja Beate ich denke sie werden nicht verstehen ohne an ihrer Ideologie zu rütteln, was den Unterschied ausmacht zwischen einem Fehler, der seinen Abschluss in einer überhöhten Rechnung findet und einem Fehler, der der Anfang einer lang Anhaltenden gesellschaftlichen Entwicklung und Veränderung sein wird, der seinen Abschluss nicht auf der Kölner Domplatte gefunden hat und auch nicht mit Auszahlung der ersten Hartz 4 Rate, sondern sich in eine stumpfe Gewalt- und Clangesellschaft veràndert, die zur Beherrschung nach einem Polizeistaat rufen wird, deren sozialen Systeme für die eigene Bevölkerung nicht mehr ausreichen wird, die es nicht mal mehr schafft Urteile zu vollstrecken und Recht durchzusetzen und dem Bürger lieber den Schutz des Eigenheim empfiehlt anstatt die Grenzen zu schützen. Erkläre sie doch mal, was 2026 anders ist, als die blanke Zahl der Asylforderer? Am Prinzip hat sich nichts geändert nur das Länder wie Ungarn, Serbien etc. uns Probleme abnehmen, für die wir sie beleidigen. Die Größe der Zahlen wird sich ändern, die damit verbunden Probleme werden verstetigt.

      • Lieber Klaus Peter,

        „das Künstlerische des Libeskindbaus“? „Exklusivität“? „Bekanntheit“? „Flair“? „Die besondere Außenhülle“?

        DAFÜR wollen Sie das Fünffache von dem bezahlen, was ein zur architektonischen Umgebung passender höchstwertiger Funktionsbau gekostet hätte?

        Aber sind „das Künstlerische“, „die Exklusivität“, „das Flair“ und „die Besonderheit“ nicht exakt die bräsigen Leerformeln des nervtötenden Reklamegeblubbers, mit dem die Repititoren der PR-Texte aus der „Marketing-Leuphana“ (wie etwa Herr Zeinert) den „Imagewert“ bzw. die „Strahlkraft“ des Gebäudes zum Zwecke der „Bekanntheitssteigerung der Region“ preisen, so als wäre die ganze Sache schon im 14. Jahrhundert unter dem Familienstammbaum des Heide-Vermarkters Ulrich von dem Bruch eingefädelt worden? Mal abgesehen davon, dass die Relation zwischen „Bekanntheit“ und „Verkäuflichkeit“ ein im Einzelfall sehr schwer zu verifizierender Mythos aus der Werbebranche ist, und auch davon, dass die von Ihnen genannten – angeblichen – Eigenschaften substanzlose verbale Deko-Etiketten sind, bleibt doch die Frage, ob 125 Millionen Euro vom Steuerbürger ausgegeben werden sollten, nur damit das Zentralgebäude einer wissenschaftlich unbedeutenden Provinzhochschule zur Fremdenverkehrsattraktion hochgejazzt werden kann.

        Wir drehen uns also im Kreis, Klaus Peter. Sie können weder erklären, WELCHEN Nutzen der Libeskind-Bau – so wie er dasteht – bringen wird, WIE er diesen Nutzen bringen wird, noch WOZU er brauchbar ist (um seine exorbitanten Kosten auch nur näherungsweise zu rechtfertigen), UND Sie können ebensowenig sagen, wovon Sie eigentlich sprechen, wenn Sie Vokabeln wie „Exklusivität“, „Flair“ und „Besonderheit“ verwenden. Aber nur die Ruhe, Klaus Peter. Mit solchem gedankenlosen Nachplappern der Leuphana-Propaganda befinden Sie sich in guter Gesellschaft, denn Ulrich Mädge, Manfred Nahrstedt, Dr. Johanna Wanka, Bernd Althusmann, Dr. Sascha Spoun, Klaus Hoppe, Holm Keller und Michael Zeinert haben auch nicht mehr parat als trotziges Aufstampfen, eindringliches Augenrollen und das emphatische Wiederkäuen kultisch animistischer Beschwörungs- und Zauberformeln. Was sollen Sie auch anderes tun, nicht wahr? „Mitgefangen, mitgehangen“! Ist das nicht ein weiterer Ihrer Lieblingskalendersprüche, Klaus Peter?

        Übrigens, wussten Sie, Klaus Peter, dass Ric (* 1949) und David Flair (* 1979) US-amerikanischer Wrestler-Ikonen, also unantastbare Größen des Promotion-, Show- und Entertainmentgeschäfts sind?

    • Eine tolle, anarchisch satirische Photographie wieder einmal, da haben Sie völlig recht, Herr Bergmann. Aber sie zeigt nicht nur, wie sich zwei Herren aus dem Lebensberatungs-Showbusiness der Existenz ihrer teuer getunten Zahnreihen versichern. Willms Buhse aus dem Dr. Sommer-Team für bravouröse Digitalaufklärung ist nämlich schon einen Schritt weiter als Michael Zeinert aus der IHK-Marketingmaschine, die Geschäftsleuten zwischen Lüne- und Wolfsburg in den Mund zu legen versucht, welche wirtschaftspolitische Meinung sie zu haben haben. Buhse hält das Smartphone hoch, in das Zeinert treuherzig hineingrinst, als würde dort gleich das Vögelchen der Selbstbestätigung herausapplaudieren. Aber Buhse selbst weiß natürlich, er muss in die t&w-Kamera der Landeszeitung blecken, um nicht nur als quirliger Vertriebsstrahler, sondern zugleich als der überlegene Spaßvogel rüberzukommen, der signalisiert: „Hey, Leute, ihr moniert, dass ich euch jede Menge Banalitäten und halbseidenen Unsinn für Zeitdiagnostik und tiefere Einsicht in die nähere Zukunft verkaufe? Im Unterschied zu meinem gutgläubigen Propagandisten hier neben mir, leugne ich mein Aufschneidertum aber gar nicht. Denn ich weiß einfach, solange das Jahrmarktsschema des Billigen Jakob (Alles ist ganz schlimm, hoffnungslos gar, aber, denkt mal an, ich hab einen Ausweg!) sich noch nicht bis zu den Kammern und Kaufmannschaften herumgesprochen hat, werde ich besser verdienen als die meisten von euch.“

      Über den alten, geschundenen Acker der pseudosozioökonomischen Spökenkiekerei, den Herr Buhse (unter vielen anderen) bewirtschaftet, hauptsächlich indem er seine äußerst bescheidene Expertisenscholle immer wieder aufs Neue wendet, gibt es einen wunderbaren kleinen Essay aus dem Jahr 2013: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/essay-auf-dem-jahrmarkt-der-zeitdiagnosen-12014592.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

  2. Alles, was zu dem lange leergedroschenen Stroh zu sagen ist, das von Michael Zeinert am Freitag noch einmal mit dem großspurigen Aplomb des amtsstolzen Meinungsbanausen in die Luft geworfen wurde, findet sich in den ausgezeichneten LZ-Leser-Kommentaren (vom Januar 2015) ab hier:

    http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/212209-es-gibt-immer-einen-kritischen-punkt-interview-mit-daniel-libeskind#comment-32989

  3. "Lieber Bürgermeister Meihsies,

    haben Sie den neuen Jenckel schon gelesen?“ So beginnt eine Leserzuschrift von gestern, den 31. Oktober 2016 um 14:16 Uhr, die sich auf köstliche Weise mit dem sahnig aufgeschäumten Fluffigerede von Willms Buhse, dem juvenilen Opa Schowski 2.0, und mit den aufgeräumt blasierten Wunsch- und Hoffnungsfloskeln von IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert beschäftigt: https://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/373426-die-wundersame-nebelmaschine-der-lueneburger-jamaika-gruppe#comment-73475

    lg. euern Erni

  4. Architektur Juwel und Wahrzeichen?

    Ein gigantischer Prunkbau, hinter dessen protziger Fassade sich an vielen Stellen bauliche Schlampereien verbergen.
    Die ganze Politik der Zeit ist doch an so einem Gebäude erkennbar, ihre Kulissenhaftigkeit, ihre Oberflächlichkeit, ihre Effekthascherei. Nicht luftig-verspielt, sondern hart, kantig, flächig, abweisend, aber von gewaltigem Ausmaß.
    Wer an künftiger Spitze stehe, müsse jedem König oder Kaiser gleichwertig sein? Wer den Libeskind-Bau der Uni betritt, muss das Gefühl haben, vor die Elite der Welt zu treten?

    • Lieber Holm Keller

      „Wer den Libeskind-Bau der Uni betritt, muß das Gefühl haben, vor die Elite der Welt zu treten“?

      Sie dürfen das Audimax nicht mit den Palästen des Duecento (wie etwa in der Lessingstraße sieben) vergleichen. Das dreizehnte Jahrhundert, das uns auch sonst überall die gewaltigsten Bauten, die farbenprächtigsten Kunstwerke, eine Fülle von Dichtungen ersten Ranges, Heilige wie Franz von Assisi und Dominicus aus Caleruega und Herrschergestalten wie Friedrich von Hohenstaufen, Ludwig den Heiligen, Innozenz III. und zur Krönung von allen noch Dante geschenkt hat, ist zwar das vielleicht reichste und geschlossenste Jahrhundert der europäischen Geschichte gewesen, das Jahrhundert, das Lüneburg als Universitätsstadt eigentlich geschaffen und die Leuphana über alle andren Hochschulen zwischen Deutsch Evern und Reppenstedt erhöht hat.

      Aber ich glaube trotzdem, daß die neo-niedersächsische Architektur des Zentralgebäudes aus der Arbeiterbewegung hervorgewachsen ist, aus dem neuen Lebensstil des deutschen Arbeiters, der viel Wasser (zum Baden), Licht und Blumen verlangt. Wenn man sie nicht in diesem Zusammenhang sieht, kann man sie überhaupt nicht verstehen.

      Ihr Kai Albrecht

  5. Folgendes kam darin vor: »Ein Uni-Präsident, nennen wir ihn Sascha Spoun, als ein Fan des Repräsentativen. Der Präsident lässt sich tagelang von Studierenden, Freunden und Anhängern bejubeln, reckt den Daumen in die Höhe und lächelt alle Einwände gegen sein PR-Regiment und gegen das Zentralgebäude weg. Er will die Leuphana groß machen und allen Widersachern die Show stehlen.

    Schon lange vor seiner Präsidentschaftskandidatur in 2006 fiel der blasse Blonde durch seinen Hang zum Exzentrischen auf. Das betrifft die äußere Erscheinung ebenso wie den Lebensstil. Beim Anblick des Libeskind-Baus entsteht schnell der Eindruck, hier hätte man es mit einem echten Herrscher zu tun. Spoun setzt ganz auf neo-barocken Prunk und Protz, wie einst der Sonnenkönig von Paris.

    In Spouns Büro: Gold, so weit das Auge reicht, natürlich in 24 Karat, dazwischen edler Marmor in Rosé, mit Kristallen besetzte Türen, viele Spiegelflächen, antike Möbel und Kunst von Renoir. Es funkelt, blitzt, glänzt und schillert überall. Sitzmöbel changieren zwischen cremefarbenem Plüsch und braun-schwarzem Leder. Bei Schränken, Anrichten und Kommoden geben Edelhölzer wie Teak, Mahagoni oder Ahorn den Ton an. Fußböden und Arbeitsplatten sind in teurem Marmor gehalten. Gold veredelt vom Kerzenhalter bis zum Wasserhahn praktisch alles. Dann sind da vor allem auch die Geländer kunstvoll geschwungener Wendeltreppen. Sie garantieren, wie schon zu Zeiten des großen Hollywood-Kinos, dem Präsidenten überall einen imposanten Auftritt. Ja, selbst der Himmel öffnet dem Hochschulherrscher in einem beeindruckenden Trompe-l’oil seine Pforten, um ihn mit Pauken und Trompeten zu empfangen. Angesichts des monumentalen Deckenfreskos hätte es wohl selbst Michelangelo die Sprache verschlagen.

    Das Beste scheint gerade gut genug. Besuchern zeigt sich das schon beim Betreten der Palastanlage. In der Mitte des sechsstöckigen Atriums fließen gleich mehrere Wasserfälle hinab, der höchste über ganze drei Stockwerke. Wie unbedeutend scheint da doch die eigene Existenz. Selbst seinem Besitzer kommt der Wolkenkratzer größer vor, als er ist: Sascha Spoun gab in Brüssel vor Jean-Claude Juncker damit an, das Hochhaus direkt neben dem Vamos sei 68 Stockwerke hoch. Offiziell sind es aber nur sieben Stockwerke und in der Spitze 37 Meter Höhe.

    Mit seiner Leidenschaft fürs Opulente steht Sascha Spoun aber nicht alleine da. Das Phänomen scheint so hanseatisch wie der Traum vom Glück selbst. Sogar der Kranführer Karlheinz Fahrenwaldt wohnt wahrhaft königlich inmitten von Stehlampen aus chinesischem Porzellan, Brokattapeten und einem perfekt im Raum plazierten weißen Steinway D-274 Flügel aus purem Elfenbein.

    Woher aber der Drang zu Prunk und Protz in Lüneburg? Angela Merkel zum Beispiel mag man sich schwer in einem MiniNeuschwanstein vorstellen. Auch die britische Premierministerin Theresa May überlässt den dekorativen Klimbim lieber dem Königshaus. Ähnlich sieht es bei anderen europäischen Regierungschefs aus. Nicht einmal Frankreich wird noch von Versailles aus regiert, sondern vom recht bescheidenen Elysee-Palast mitten in der Stadt.

    Doch in der verhältnismäßig kurzen Geschichte des Lüneburger Schulwesens hat es nie eine richtige Universität gegeben. Hier haben die Märchen von all den akademischen Großfürsten und Prinzessinnen einen ganz anderen Klang als in Göttingen oder Oldenburg. So sind es Schauspieler und andere Prominente, die in unserer Stadt zu akademischen Ikonen erhoben werden und sich am Ende womöglich wirklich als solche fühlen. In der schönen neuen Welt der bolognesen Ich-AGs und der beschulten Image-Verkäufer kommt es zudem nicht nur auf die Gene an: Jeder kann vom Marktschreier zum professoralen Dritmittelbeschaffer werden – und sich damit selbst in den Bockelsberger Amtsadelsstand erheben.

    Der „Heideharvard Dream“ nötigt seine Bewohner also gewissermaßen, zu Kreuzzüglern der eigenen Ideen zu werden. Da muss die Kulisse stimmen. Kein Wunder also, dass auch den repräsentativen Funktionen der universitären vier Wände eine ungemeine Bedeutung zugemessen wird. Man fährt auf, was Tausende Jahre Stilgeschichte hergeben. Je eindringlicher, desto besser.

    Der Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte das einst bis zur Perfektion gesteigert. Er verstand schnell, wie eng Leben und Regieren miteinander verknüpft sind. Nicht nur aus Prestigegründen versammelte er den Adel am Hof. Er hielt ihn dadurch auch unter Kontrolle. Prunkvolle Feste und ein strenges Hofprotokoll verhinderten auch an der Leuphana die Einmischung des Professorenkollegiums in hochschulpolitische Entscheidungen und machten es praktisch unmöglich, die königliche Autorität infrage zu stellen.

    Die Idee der absolutistischen Macht war geboren. Ist sie der Archetyp des Spounschen Traums? Jedenfalls wird die symbolstarke Inszenierung auch heute noch von präsidialen Herrschern genutzt. Der Kulturhistoriker Peter Burke geht sogar so weit, „Louis le Grand“ als den Inbegriff gelungener PR zu bezeichnen. Propaganda mag ein gleichermaßen passendes Wort sein. In seinem Buch „Ludwig XIV: Die Inszenierung des Sonnenkönigs“ lobt er weniger die Siege des Regenten, als vielmehr das Geschick, mit dem Kunst, Kultur und Alltag unter seiner Herrschaft zu einem untrennbaren Netz verwoben wurden. Die Förderung von Malern, Schriftstellern und Poeten war ein gutes Instrument, die heroische Macht des Königs bis in die hintersten Winkel Frankreichs zu verbreiten. Vergleiche mit den Eroberern Alexander und Konstantin schienen ebenso legitim wie mit der griechischen Gottheit Apoll.

    Kaschiert wurde das nüchterne Machtkalkül durch Maßlosigkeit im Design. Versailles wurde zum Sehnsuchtsort und zur Repressalie zugleich. Wo Plüsch und Gold im Überfluss die Sinne benebeln, scheinen die Sorgen fern. Schließlich lebt der Barock, wie keine andere Epoche, von der Verzerrung des Realen, der Täuschung sowie der gegenreformatorischen Überwältigung der Vernunft. Da scheint schnell vergessen, dass hier schon vom Ursprung des Wortes her etwas in Schieflage ist. Der Begriff „Barock“ stammt aus dem Portugiesischen, wo unregelmäßig geformte Perlen als barroco bezeichnet werden – übersetzt heißt das so viel wie „schief“ oder „ungleichmäßig“. (Neo-Barock als Bezeichnung für den Libeskind-Bau ist also recht passend.)

    Wenn Sascha Spoun die Öffentlichkeit also demnächst in seine prunkvollen Gemächer einlädt, kommt er dem Sonnenkönig nahe. Die Botschaft ist eindeutig: Er hat es verdient, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg zu sein. Andere zu führen liegt in seiner Natur. Das nötige Kleingeld bringen deshalb auch andere auf. Selbst die Götter sind auf seiner Seite, wie das imposante Trompe-l’oil und die verzinkten Sonnensegel suggerieren, die schon in der Antike als Statuszeichen galten.

    Die Inszenierung erschlägt den Betrachter und macht ihn mundtot. Gleichzeitig entlarvt das bunte Sammelsurium europäischer Stilgeschichte Sascha Spoun als durch und durch St. Gallensisch in dem Versuch, durch eine Mixtur aus kalter Leere und plüschüberladenem Sofa, also mit popkulturellen Anleihen der Provinzialität zu entkommen. Allein: Der malerische Blick aus dem verglasten Arbeitszimmer auf den bewaldeten Ilmenaubogen bürgt noch nicht für Weitsicht.

    Oft wird durch Nachahmung Neues geschaffen. Aber was, wenn das Wahre, Schöne und Gute dabei unter die Räder des schlechten Geschmacks kommt? Am Ende bleibt oft bloße Repräsentation, eine Art Attrappe der Macht. Und der Mann im Zentrum des Goldenen Zeitalters – er ist die Karikatur des absolutistischen Herrschers.«

    Soweit mein Traum.

    Brigitte Dorfmann

    • Lang, aber lustig. Trumps Gernegroßitis im Lüneburgmaßstab. Winkelwilhelminismus hieß sowas früher. So genau ist das ästhetische Wirkungsprogramm des Leuphanesentums selten dargestellt worden.