Aktuell
Home | Lokales | Amelinghausen | Amelinghausen: Helmut Völker geht in Pension
Heute, am 31. Oktober, räumt Amelinghausens Samtgemeindebürgermeister Helmut Völker Geburtsjahrgang 1954 seinen Schreibtisch, macht Platz für seine im September gewählte Nachfolgerin Claudia Kalisch. Foto: t&w

Amelinghausen: Helmut Völker geht in Pension

Amelinghausen. Rund 30 Jahre stand der gebürtige Celler Helmut Völker in leitender Funktion im Dienst der Samtgemeinde Amelinghausen. Im September 1986 trat er sein Amt als stellvertretender Samtgemeindedirektor an für dreieinhalb Jahre. Zwölf Jahre leitete er dann die Geschicke des Rathauses als Samtgemeindedirektor, bevor das Verwaltungsamt mit dem politischen Amt des Samtgemeindebürgermeisters zusammengelegt wurde, das er seit 2002 nach direkter Wahl durch die Bürger bekleidet. 2011 wurde er wiedergewählt. Normalerweise wäre seine Amtszeit erst im Oktober 2019 zu Ende gegangen. Doch der dienstälteste Samtgemeindebürgermeister im Kreis entschied sich freiwillig für den vorzeitigen Rückzug, geht am 1. November in Pension. An dem Abend wird seine Nachfolgerin bei der konstituierenden Sitzung des Samtgemeinderats vereidigt. Im LZ-Interview spricht Völker über Erfolge, Niederlagen, Besserwisserei und seine Leidenschaft als Verwaltungsmensch.

Interview

Warum haben Sie Ihre Amtszeit vorzeitig beendet?

Helmut Völker: Das Leben ist endlich. Und noch bin ich gesund, meine Frau ist gesund, und wir haben eine große Familie. Wir wollen persönlich einen anderen Schwerpunkt setzen. Zu oft hatte ich zu wenig Zeit für das Private. Meine Frau war ja für unsere vier Kinder alleinerziehend. Ich will das hier nicht überzeichnen, aber im Grunde war das so. Und wahrscheinlich konnte es so nur gelingen, dass etwas aus unseren vier Kindern geworden ist. Wenn ich dabei gewesen wäre, wäre das bestimmt schiefgegangen (lacht) sagt meine Frau. Also: Wir wollen noch ein paar Jahre genießen, ohne den Stress.

Wie soll das klappen, wenn Ihre Frau künftig Mitglied im Samtgemeinderat ist? Und Sie sind als neuer, ehrenamtlicher Gemeindedirektor in der Gemeinde Amelinghausen im Gespräch.

Völker: Wir sind eine gestalterische Familie, wir übernehmen Verantwortung. Ich höre ja nicht auf zu leben! Ich möchte mich weiter engagieren. Jetzt geht es um ehrenamtliche Arbeit, und da wird sich das eine oder andere neu ordnen. Eine neue Art zu leben, wird es nicht, aber ich werde mehr Freiraum haben für andere Dinge. Ich habe die Idee, Fotobücher zu erstellen, eine Familienchronik, vielleicht eine Gemeindechronik Keine Versprechungen! Aber ich habe allen gesagt, dass ich erstmal drei Monate Ruhe haben möchte … Ein bisschen mache ich noch kommunal. Der Städte- und Gemeindebund macht ja so Fortbildungsreihen für Ratsmitglieder. Da mache ich weiter mit, bin schon für die November-Samstage ausgebucht. Und ich habe ein Fortbildungsformat entwickelt, es geht um Samt- und Mitgliedsgemeinden, Zusammenarbeit und Strukturen. Das Format bieten wir ab erstem Quartal 2017 an. Der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes war sehr angetan. Er hat nur gesagt, es müsse auch nach meinen Seminaren noch Samtgemeinden geben.

Sie bezeichnen es als Ihren größten Misserfolg, dass Sie es nicht geschafft haben, Ihre Samtgemeinde in eine Einheitsgemeinde umzuwandeln

Völker: Ja. Und ich habe jetzt drei Jahre noch diesen Schaden Samtgemeinde mitgemacht. Mein letzter Amtstag, der 31. Oktober, sollte ja eigentlich der Zeitpunkt sein, die Samtgemeinde umzuwandeln. Ich hätte das gerne mit vorbereitet. Ich hätte als neuer, eingleisiger Bürgermeister einer Einheitsgemeinde auch nicht mehr kandidiert. Das habe ich allen gesagt. Das war auch ein Angebot an alle, die mich nicht so gerne wollten, um sich vielleicht doch für eine Einheitsgemeinde zu erwärmen. Alles gut! Ich habe gesagt, diesen Schaden machst du nur so lange mit, wie es sein muss. Das ist aber kein Nachkarten. Wir haben viel erreicht als Samtgemeinde. Wir sind effizient, wirtschaftlich, in der Zusammenarbeit gut aufgestellt.
Aber wer denkt, dass das Amt eines Samtgemeindebürgermeisters mal eben so einfach ist, und mal eben so gemacht wird, der irrt gewaltig. Zumindest so, wie ich arbeite und so, wie ich versuche, meine Ziele zu erreichen, ist das sehr aufwendig. Und es war übrigens nie mein Ziel, in der ersten Reihe zu stehen.

Warum haben Sie diesen Beruf dann überhaupt ergriffen?

Völker: Mein Vater hatte einen Kriegskameraden, den haben wir in den 60er-Jahren oft als Familie besucht. Der war tagsüber in seinem Landwirtschaftbetrieb tätig und abends Bürgermeister in Weferlingsen bei Burgdorf. In den Herbstferien war ich zur Kartoffelernte da. Und dann kamen Menschen, die einen Personalausweis brauchten. Da sagte der Kamerad meines Vaters zu mir als Zwölfjährigem: Helmut, schreib du mal, du hast eine gute Handschrift, schreib mal den Personalausweis. Und dann hat er das Siegel draufgemacht und hat unterschrieben. Das hat mich fasziniert. Und mein Vater hat mich mal zu einer Ratssitzung mitgenommen, weil unsere Familie von einem Bebauungsplan betroffen war. Und da habe ich etwas erfahren von der Fragestellung, wer entscheidet, wie sich eine Gemeinde entwickelt. Später habe ich dann eine Ausbildung gemacht als Verwaltungslehrling beim Kreis Celle.

Später, als damaliger Leiter des Ordnungs- und Sozialamtes in Eschede, bewarben Sie sich 1986 als stellvertretender Samtgemeindedirektor in Amelinghausen unter Harald Heuer …

Völker: … und mein damaliger Chef hat mir davon abgeraten, nach Amelinghausen zu gehen. Mensch, hat er gesagt, du musst dorthin gehen, wo der Samtgemeindedirektor schon alt ist und kurz vor dem Ruhestand steht. Heuer war fast so alt wie ich …

„Selbst anpacken, Leute! Sielbst die MIttel besorgen, selbst Breitband machen, selbst den Bürgerbus einführen, selbst…egal.“ Helmut Völker

… und Sie haben es trotzdem gemacht und wurden eingestellt. Dreieinhalb Jahre später wechselte Heuer nach Scharnebeck und Sie rückten an die Rathausspitze und sind dort bis heute geblieben.

Völker: Der Mensch denkt und Gott lenkt, das ist unser Hochzeitsspruch, und da ist was dran. Ich habe eigentlich nie den Wunsch gehabt, aus Amelinghausen wegzugehen. Nur es gab eine Phase, so 1999, als das Ganze eingleisig wurde, sich mein Berufsbild änderte, da habe ich mich neu orientiert. Das sage ich ganz offen und ehrlich, ich habe mich damals auf eine Amtsleiterstelle in Brandenburg beworben. Da wäre es noch zweigleisig gewesen. Ich bin Verwaltungsmensch und nicht der Mann der Stammtisch-Hoheit. Ich bin ja eher der Zurückhaltende, der nicht das Frontalgespräch mit 8000 Bürgern führt. Die Bewerbung habe ich dann aber nicht weiterverfolgt, weil es mit der Schule für die Kinder nicht so richtig gepasst hätte und so weiter Rückblickend ist es in Ordnung gewesen, dass ich hier geblieben bin. Der Mensch denkt sich seinen Weg und Gott lenkt seinen Schritt.

Bei Ihren Kollegen im Kreis der Hauptverwaltungsbeamten (HVB) gelten Sie heute manchen als Vorbild, anderen als Verwaltungstier oder als Besserwisser.

Völker: Das kann man nicht ändern, das ist so. Ich kann mich nicht ändern. Ich habe auch eine Meinung über den einen oder anderen. Jedenfalls: In den Aufgaben, die ich überregional übernommen habe, habe ich mir alle Mühe gegeben, ob als Aktenfresser, Verwaltungshengst oder was weiß ich noch alles. Ich habe mich immer hart eingesetzt für die Interessen der Kommunen und ich glaube auch viel erreicht.

Zum Beispiel?

Völker: Als einen Erfolg betrachte ich, dass wir den Naturpark vergrößert haben, dass wir jetzt faktisch als Samtgemeinde Teil der Lüneburger Heide sind, Teil des Naturparkes. Die Naturpark-Erweiterung ist ja in der ersten Phase hier aus Amelinghausen gesteuert worden mit Michael Göbel und mit mir.
Und wir waren 1990 mittendrin, als es darum ging, die Kommunen aus dem Soltau-Lüneburg-Abkommen an einen Tisch zu bringen und die Region auf eine Zukunft ohne Manövertätigkeit britischer und kanadischer Truppen vorzubereiten. Und die 21 Dörfer der Samtgemeinde Amelinghausen neu auszurichten, eine neue Wohn- und Lebensqualität zu schaffen, war eine spannende Aufgabe. Es gab viele gute Dinge. Wenn ich an die Kinderbetreuung denke, 1990, da gab es in Amelinghausen nur einen kleinen Kindergarten. Und was war das für eine Entwicklung bis hin zur Kinderkrippe, bis hin zur Ganztagsbetreuung.

Darf man als HVB Visionen haben?

Völker: Ich habe immer welche gehabt und diese Zielvorstellungen mit dem Rat umgesetzt. Auch wenn man eine hohe Frustrationstoleranz haben muss. Wir haben viel angeschoben, von Hallenbau bis Städtebauförderung. Wir sind ja ein Kreis im Landkreis, wir müssen in der Samtgemeinde Amelinghausen alles erfüllen: Wir liegen an drei Kreisgrenzen, mit der Stadt Lüneburg können wir nicht mal, wie andere, beim Abwasser kooperieren, wir müssen uns um alles selbst kümmern. Da war sicher auch die Orientierungsstufe ein Erfolg gewesen, auf den ich eigentlich aufsatteln wollte, aber das ist dann vom Kreistag 2003 abgelehnt worden mit der knappsten aller knappen Mehrheiten. Und dann wurde der Schulstandort Embsen hochgerüstet.
Thema Besserwisser: Ich habe immer versucht, auch allen anderen HVB, zu sagen, was ich weiß über Förderprogramme, die wir nutzen. Auch ungefragt. Das habe ich aus der Verantwortung heraus für die Region gemacht. Wenn mir jemand aus dem Kreistag vorhält, dass nur Amelinghausen solche Förderanträge stellt und Geld kriegt, dann liegt das daran, dass sich andere nicht kümmern. Da verstehe ich auch die Welt nicht mehr, wenn andere Kommunen oft nach externer Hilfe rufen.. Selbst anpacken, Leute! Selbst machen! Selbst die Mittel besorgen, selbst Breitband machen, selbst den Bürgerbus einführen, selbst egal. Das ist jetzt wieder meine Besserwisserei. Aber das ist ein wichtiger Punkt: Wir handeln in Amelinghausen selbst, wir versuchen, unseren Weg selbst zu gehen.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Nachfolgerin?
Völker: Ruhe bewahren. Sie soll sich überlegen, was hier vielleicht anders laufen kann. Und sie kann sich auf die Leute verlassen, die hier arbeiten. Ich habe den besten allgemeinen Vertreter, den man sich vorstellen kann, das ist so! Wieder Besserwisser. Klar: Wir haben den Besten, eindeutig! Ich habe ein tolles Team im Rathaus, auf das ich stolz bin. Die Gangart stimmt! Und wir haben guten Nachwuchs. Es gibt kurzfristig keine infrastrukturellen Maßnahmen, die Claudia Kalisch anzuschieben hat. Sie kann sich erstmal Schritt für Schritt orientieren.

Am 1. November konstituiert sich der Samtgemeinderat. Was machen Sie an dem Abend als frischgebackener Pensionär?

Völker: Wenn meine Nachfolgerin Claudia Kalisch vereidigt wurde, werde ich mich zurückziehen. Wenn bei den Zuhörern noch Platz ist, setze ich mich in die letzte Reihe und werde gucken, welches Bild meine Frau im Samtgemeinderat abgibt.

Von Dennis Thomas