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Dr. Sören Philipps hat sich von Lehrauftrag zu Lehrauftrag gehangelt, trotz hoher Qualifikation wird er mäßig bezahlt. Der NDR hat über sein Schicksal einen Beitrag gedreht. Foto: be

Von Lehrauftrag zu Lehrauftrag: Das karge Brot des Wissenschaftlers

Lüneburg. Seine Veranstaltung klingt wie eine Ich-Geschichte: „…wo es raucht und kracht Historische und aktuelle Konflikte um Gerechtigkeit.“ Zwar beschäftigt sich Dr. Sören Philipps in seinem Seminar an der Leuphana unter anderem mit den Themen Rassismus und Tierrechte. Doch „aktuelle Konflikte um Gerechtigkeit“ kennt der Historiker aus eigenem Erleben: Obwohl er seit zwölf Jahren an Universitäten unterrichtet, lebt er mit 45 Jahren eigentlich eher auf dem Niveau seiner Studenten: „Im Durchschnitt verdiene ich im Monat 1000 Euro.“

90 Prozent hangeln sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag

Damit ist er nicht allein. Der Wissenschaftsbetrieb sei so aufgebaut, dass es bei den Beschäftigten rund zehn Prozent Professoren gebe, die anderen 90 Prozent hangelten sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, sagt Philipps. Eine Zahl, die der Lüneburger Gewerkschaftsbund auch für die Leuphana nennt. Philipps sieht darin aber kein spezielles Pro­b­lem der Hochschule an der Ilmenau, sondern ein grundsätzliches: „Es ist überall ähnlich.

Er hat in diesem Semester einen Lehrauftrag in Lüneburg. Für ein halbes Jahr bekomme er insgesamt 1200 Euro: „Das sind 14 Seminarsitzungen, dazu kommen Vor- und Nachbereitung, Beratungen, eventuell Nachprüfungen. Dazu lese ich rund 70 Hausarbeiten à 20 Seiten.“ Von den Fahrtkosten aus Hannover zum Campus trage die Uni 400 Euro, er selbst zahle 500. „Im vergangenen Jahr war ich Aufstocker.“ Er habe neben seinen Honoraren Geld von der Arbeitsverwaltung bekommen.

„80 bis 90 Prozent der Doktoranden müssen außerhalb der Uni eine Stelle finden.“ Sascha Spoun, Präsident der Leuphana

Philipps hat seinem Unmut mehrfach Luft gemacht. Im Internet sind mehrere Beiträge zu finden, unter anderem in der Süddeutschen Zeitung. Aktuell hat er seine Geschichte neben der LZ dem NDR erzählt. Der zeigt im Dritten eine Reihe über sogenannte prekäre Beschäftigung, die dokumentiert, dass man trotz hochqualifizierter Arbeit kaum über die Runden kommt. Der Beitrag von Autorin Anne Kathrin Thüringer ist am Montag, 31. Oktober, ab 21 Uhr im NDR-Fernsehen zu sehen.

Philipps, der nach eigener Aussage über zwölf Jahre für die Uni in Hannover gearbeitet hat, dazu internationale Lehraufträge wahrnahm, sieht ein strukturelles Problem im Wissenschaftsbetrieb. Dabei spielen aus seiner Sicht vor allem zwei Faktoren eine Rolle: Die Universitäten hätten die Professoren in den vergangenen Jahren quasi ans obere Ende der Nahrungskette gestellt. Sie haben Privilegien, verlagerten ihre eigene Lehrtätigkeit gern auf wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden, um selbst mehr Zeit zum Forschen zu haben und die begehrten Drittmittel für Forschungsprojekte einzuwerben. Das führe dazu, dass die Mitarbeiter weniger Zeit zum Forschen und Qualifizieren zur Verfügung haben. Die Lehre werde oftmals in der Professoren-Klasse nicht besonders geschätzt.

Chance auf Professorenjob wohl nicht mehr gegeben

Zum anderen gebe es das Wissenschaftszeitgesetz. Einfach gesagt, hat ein Akademiker nach dem Abschluss sechs Jahre Zeit, seine Doktorarbeit zu schreiben, dann weitere sechs Jahre, um auf eine Professorenstelle zu rutschen. Klappt das nicht, habe er keine Chance mehr auf einen Lehrstuhl. Für Philipps ist nach dieser Lesart seine Hoffnung auf einen Professorenjob perdu. Er hat nun bei einem Göttinger Wissenschaftsverlag eine Stelle als Lektor im Bereich Geisteswissenschaften angetreten. Das sei ein guter Job, seine Arbeit werde geschätzt und angemessen bezahlt: „Ein ungewohntes Gefühl.“

Von Carlo Eggeling

Das sagt der Uni-Präsident

Was Dr. Sören Philipps ärgert, entspricht für Leuphana-Präsident Sascha Spoun „der Logik der Wissenschaft“: Nur wer hervorragende Leistungen bringt, Drittmittel einwerben kann und sicher auch ein bisschen Glück hat, schafft es, eine der raren Professuren zu ergattern. Dass sich angesichts steigender Studentenzahlen immer mehr Nachwuchswissenschaftler da­rauf einstellen müssen, später eine Karriere außerhalb der Universität zu planen, ergibt sich für Spoun aus dem System. Die hätten bei guten Qualifikationen allerdings auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen.

Dass es keinen sogenannten Mittelbau mehr in den Unis gebe, habe historische Gründe, der Wissenschaftsbetrieb sei umgebaut worden. Spoun: „In den 70er-Jahren wurden Stellen unbefristet besetzt. Das hatte Auswirkungen bis in die 90er.“ Da begann ein Umdenken: Zum einen sollten auch jüngere Wissenschaftler eine Chance auf eine Professur erhalten, zum anderen war der Wechsel gewollt. Denn parallel hätten Länder ihre Grundmittel zurückgefahren und auf Projekte gesetzt: „Nur wenige trauen sich, den Universitäten mehr dauerhafte Mittel zu geben, weil man eine Rückkehr zu alten Zuständen befürchtet.“ An der Leuphana stamme mehr als 50 Prozent der Finanzierung aus Sonderprogrammen.

Während sich die Zahl der Professorenstellen kaum erhöht habe, sei die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter in den vergangenen Jahren von 100 000 auf 180 000 gestiegen. Die Uni beschäftige im aktuellen Wintersemester rund 600 hauptberufliche Wissenschaftler, davon 150 Professoren. Ein Teil davon ist als Junior-Professor angestellt, also befristet. Dazu kommen 433 Personen, die Lehraufträge haben, die nebenberuflich erteilt werden. Spoun sagt, dass die Leuphana ihre Professoren verpflichtet habe, dem Nachwuchs in Jahresgesprächen zu vermitteln, „ob es eine Chance gibt oder nur Hoffnung“. Will heißen: Professur oder Arbeitsmarkt. „80 bis 90 Prozent der Doktoranden müssen außerhalb der Uni eine Stelle finden.“