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Wolfgang Ischinger leitet seit 2008 die Münchner Sicherheitskonferenz und hat jetzt in der Jagdschule Lüdersburg seinen Jagdschein gemacht. Foto: t&w

Wann spricht Europa mit einer Stimme?

Lüdersburg. Nach knapp zwei Stunden geht der Blick von Dr. Wolfgang Friedrich Ischinger zur Uhr: „Ich muss ein wenig auf die Zeit achten“, entschuldigt sich der 70-Jährige. Denn schon in wenigen Stunden wird der Botschafter im Flugzeug auf dem Weg nach Peking sitzen. Um im Land der Mitte in Absprache mit der chinesischen Regierung über das Thema Sicherheit zu sprechen. Ischinger kann das. Der Jurist und Diplomat ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz einer Tagung von internationalen hochrangigen Politikern, Diplomaten, Militärs und Sicherheitsexperten. Seit kurzem ist Ischinger zudem auch noch Jäger. In der Jagdschule in Lüdersburg hat der gebürtige Baden-Würtemberger seine Jagdprüfung erfolgreich abglegt.

Der 70-Jährige hat sich mit dem Jagdschein einen Traum erfüllt. „Auf Golf habe ich keine Lust“, sagt der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz Ruhe und Entspannung will Ischinger künftig auf der Pirsch finden.

„Eine Blockade der Seehandelswege würde auch die deutsche Wirtschaft treffen .“ Wolfgang Ischinger, Leiter der MünchnerSicherheitskonferenz

Zweifellos eine gute Idee angesichts der vielen Kriege und Auseinandersetzungen rund um den Globus. Kraft tanken im Wald und dabei den Blick schärfen. Auch und gerade gen Osten. Denn mit China wächst eine neue Macht heran, die nicht nur regional, sondern international auf der Weltbühne mitmischen will. „Nichts kann die Weltordnung so sehr verändern, wie Chinas Ambitionen und Chinas wachsendes und ökonomisches Gewicht“, stellt der Sicherheitsexperte fest. Ein militärischer Konflikt im pazifischen Raum hätte nach seiner Meinung unmittelbare Auswirkungen auf Europa: „Eine Blockade der Seehandelswege in Südostasien etwa würde auch die exportorientierte deutsche Wirtschaft hart treffen. Dann gehen bei uns die Lichter aus,“ prophezeit der Diplomat und fügt hinzu: „Frieden und Stabilität in Asien gehören zu den Grundvoraussetzungen für eine funktionierende Weltwirtschaft.“

Das Problem sind die territorialen Streitigkeiten im ost- und südchinesischen Meer. „China hat seine Ausgaben für Rüstung und Militär in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt“, mahnt Ischinger. Auch die anderen asiatischen Länder rüsten auf, haben nach Ischingers Worten Europa bei den Rüstungsausgaben längst überholt.
Und was machen die Europäer? „Die machen sich weltpolitisch klein“, kritisiert Ischinger. Obwohl in Europa 500 Millionen Menschen leben und damit eineinhalb Mal so viele wie in den USA, obwohl die EU die größte Handelsmacht ist, „gerieren wir uns, als könnten wir nur Kreisklasse“, ärgert sich Ischinger. Im Gegensatz etwa zur Russischen Förderation, deren Bruttosozialprodukt kleiner sei als das von Italien, erinnert Ischinger.

„Es ist wichtig, dass die Europäer endlich selbstbewusst und mit einer Stimme ihre Interessen vertreten“, fordert Ischinger. Das sei schon in den Friedensbemühungen im Syrienkonflikt sträflich vernachlässigt worden. Da wird Europa von den USA und Russland nur marginal beteiligt, muss aber die Flüchtlingskrise bewältigen. Neben dem Problem der unterschiedlichen Interessen in Europa sieht Ischeinger ein weiteres: „Die EU hat in etwa genauso viele Soldaten wie die USA, aber sechsmal mehr unterschiedliche Waffensysteme.“ Das sei ineffizient und kostenintensiv. „Warum haben wir in Europa keine gemeinsamen Waffensysteme? Keine einheitliche Ausbildung der Soldaten? Würde diese Idee in Europa endlich konsequent umgesetzt, könnte alleine Deutschland 12 bis 15 Milliarden Euro jährlich im Wehretat einsparen“, hat eine von Ischinger in Auftrag gegebene Studie herausgefunden.

In einer Woche wird in den USA ein neuer Präsident oder erstmals eine Präsidentin gewählt. Eine Wahl, die auch für die Europäer von Bedeutung ist. „Wir müssen mit den Russen wieder in einen Dialog kommen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen“, sagt Ischinger. Das könne aber nur funktionieren, wenn es nach der Wahl zum Spitzengespräch zwischen dem Weißen Haus und dem Kremel komme auf Augenhöhe.

Von Klaus Reschke