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Jeder kann Opfer werden, wissen Evelyn König (r.), Leiterin des Lüneburger Büros der Stiftung Opferhilfe, und ihre Kollegin Ulrike Peppmüller. Sie sind für die psychosoziale Prozessbegleitung ausgebildet worden. Foto: be

Gewaltopfer haben Recht auf psychosoziale Begleitung

Lüneburg. Der Drogenabhängige tritt nachts die Wohnungstür seiner 43-jährigen Stiefmutter ein und überfällt sie. Er schlägt und tritt die Frau, sie erleidet unter anderem einen doppelten Handbruch, muss ins Krankenhaus. Fortan hat sie ständig Angst. Unterstützung bekommt sie von der Stiftung Opferhilfe in Lüneburg, die sie auch auf den Prozess gegen den Stiefsohn vorbereitet und bei der Verhandlung dabei ist. Eine Hilfe, die ab dem 1. Januar 2017 in Niedersachsen gesetzlich verankert sein wird.

Recht auf kostenlose Begleitung

Seit 2013 können sich in Niedersachsen Opfer von Straftaten durch psychosoziale Prozessbegleiter unterstützen lassen. Künftig haben Kinder, Jugendliche und besonders schutzbedürftige Erwachsene, die Opfer von Sexual- und Gewalttaten geworden sind, auch einen rechtlichen Anspruch auf eine solche kostenlose Begleitung.
Evelyn König, Leiterin des Lüneburger Opferhilfe-Büros, hat sich vor drei Jahren zur psychosozialen Prozessbegleiterin ausbilden lassen, allein im vergangenen Jahr 22 solcher Fälle betreut. Ihre Kollegin Ulrike Peppmüller absolvierte die Ausbildung Anfang 2016. Die beiden gehören zu den landesweit aktuell 28 Prozessbegleitern, es sollen noch mehr werden.

Ulrike Peppmüller kümmerte sich auch um den Fall der Stiefmutter, der zeigt, wie arbeitsintensiv eine solche Begleitung ist: „Wir wurden von der Klinik informiert, dort hatte ich das erste Gespräch mit der Frau und machte später auch Hausbesuche. Sie kam zunächst bei einem Mitpatienten unter, hatte Angst, wieder nach Hause zu kommen und dort an das Geschehen erinnert zu werden. Zudem lebte ihr Ex-Partner, der Vater des Drogenabhängigen, im selben Haus.“ Schließlich zog sie doch zurück: „Sie litt unter Schlaflosigkeit, war depressiv.“ Die Stiftung organisierte über das Trauma-Netzwerk zunächst eine ambulante psychische Hilfe für die 43-Jährige, dann einen kassenzugelassenen Psychotherapeuten. Und sie besorgte eine Anwältin, die die Frau als Nebenklägerin in dem Prozess vertrat.

Opfer wird behutsam vorbereitet

Ulrike Peppmüller bereitete die Frau auch auf den Prozess vor: „Viele sagen, sie brauchen das nicht, sie kennen das aus dem Fernsehen, doch die Realität ist anders.“ Evelyn König erläutert: „Ich sage dann klar: Vergessen Sies. Zum Beispiel ist der Abstand des Nebenklägers zum Angeklagten, mit dem das Opfer ja konfrontiert wird, in jedem Gerichtssaal anders. Und bei der gerade in den Landgerichtssälen schlechten Akustik wird die eigene Stimme ganz anders wahrgenommen. Darum besuchen wir mit dem Opfer schon Tage vorher das Gericht, zeigen ihm den Saal und erläutern auch, wer wo sitzt.“ Oft hätten Opfer kein Verständnis dafür, dass die Richter noch einmal die Fragen stellen, die sie schon bei der Polizei beantwortet hätten. Und dass sie zum Beispiel im Falle einer Vergewaltigung Details wissen wollen: „Eine Frau sagte nach einem Prozess, der Richter sei ja wohl pervers. Wir erklären den Opfern, warum und in welcher Form er solche Fragen stellen muss wir üben quasi eine Dolmetschertätigkeit aus.“

Der 43-Jährigen geht es inzwischen wieder gut, ihr Stiefsohn wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Ulrike Peppmüller: „Das war für sie psychisch sehr wichtig.“ Und sie ist mit finanzieller Hilfe der Stiftung umgezogen. Die psychosoziale Begleitung deckt allerdings noch weit mehr ab. Bei Stalking-Opfern etwa nimmt das Opferhilfe-Büro Kontakt zu Jobcentern auf, die Umzugskosten übernehmen können. Evelyn König: „Bei Kindern, die als Opfer nach Straftaten einen starken Notenabfall in der Schule haben, gehen wir in die Klassenkonferenzen. Und wenn Studienleistungen nachlassen, diskutieren wir mit den Professoren.“ So erreichte Evelyn König beispielsweise für einen jungen Mann, der von mehreren Tätern zusammengeschlagen und zusammengetreten wurde, dass er seine nicht bestandene Prüfung nachholen konnte erfolgreich.

Von Rainer Schubert

Die Statistik

Das Lüneburger Büro betreute 2015 insgesamt 217 Opfer von Straftaten und 47 Angehörige aus dem Landgerichtsbezirk Lüneburg, davon 79 aus Stadt und Landkreis. Mit 169 Betroffenen war die überwiegende Zahl der Opfer weiblich. Die Liste der Taten (in Klammern die Zahl der Fälle):

  • Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit (67)
  • Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (41)
  • Stalking (27)
  • Diebstahl und Unterschlagung (8)
  • Raub und Erpressung (4)
  • Straftaten gegen das Leben (4)
  • Betrug und Untreue, Urkundenfälschung (3)
  • Straftaten gegen die persönliche Freiheit (2)Der Rest entfällt auf andere Delikte. An finanziellen Hilfen wurden 27 360,58 Euro bewilligt. 132 Opfer stellten keinen Antrag auf eine finanzielle Unterstützung. Die Opferhelferinnen Evelyn König und Ulrike Peppmüller weisen darauf hin, dass ihre Beratungen kostenlos, vertraulich, auf freiwilliger Basis und auf Wunsch auch anonym erfolgen. Sprechzeiten im Büro, Reitende-Diener-Straße 7, sind immer mittwochs von 9 bis 12 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter Tel.: (0 41 31) 20 26 38.