Donnerstag , 21. November 2019
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Wer in Lüneburg als Neupatient einen Arzttermin möchte, sollte Geduld haben. Montage: t&w

Wehe, man braucht einen Arzttermin in Lüneburg

Von Manuela Gaedicke

Lüneburg. Eigentlich wollte ich mir nur einen Arzttermin in Lüneburg holen. Drei Google-Suchen und vier Warteschleifen weiter weiß ich schon, dass das nicht so leicht wird wie gedacht. Ein Thema für einen Artikel. Ich starte mit der Suche nach einem Augenarzt. „Wir nehmen keine neuen Patienten“, heißt es gleich in der ersten Praxis. Ein Satz, den ich in den nächsten Tagen noch häufiger hören werde. Egal, ob es um eine Vorsorge beim Hautarzt, eine Routineuntersuchung bei einem Gynäkologen oder die sogenannte U-Untersuchung beim Kinderarzt geht.

Frust durch ständiges Besetzt-Zeichen

Ärzte dieser Fachrichtungen sind in Lüneburg rar, das ist kein Geheimnis. Dabei sagt die Statistik etwas anderes: Die Region ist laut einer Tabelle der Kassenärztlichen Vereinigung in einigen Bereich sogar mit Fachärzten überversorgt. Besonders bei den Frauenärzten habe ich diesen Eindruck nicht. „Sag mir sofort Bescheid, wenn Du irgendwo einen freien Termin findest“, ruft meine Kollegin. Und ich überlege kurz, ob es vielleicht eine gute Geschäftsidee wäre, für andere Termine zu vereinbarn und ihnen den Frust zu ersparen, ständig ein „Besetzt-Zeichen“ zu hören. Obwohl das Ganze für mich nur ein Test ist, spüre ich so etwas wie Enttäuschung in mir aufsteigen, weil ich einfach nicht zum Ziel komme: Vier Vorsorgetermine bei vier verschiedenen Fachärzten in Lüneburg. Das kann doch nicht so schwer sein.

Insgesamt elf Mal sagt man mir, die Praxis habe gerade Aufnahmestopp. Einmal ermutigt mich die Arzthelferin, persönlich vorbeizukommen und mich mit meiner Versicherungskarte „vorzustellen“. Dass ein Logo der „Techniker Krankenkasse“ nur bedingt gut ankommen wird, kann ich mir ausmalen. Auch wenn ich bei der gesamten Recherche nur einmal nach meinem Versicherungsstatus gefragt werde. Die Antwort führt tatsächlich dazu, dass leider noch gar kein Kalender für 2017 da sei.

Kommt es auf die Strategie an?

Beim nächsten Augenarzt ändere ich meine Strategie. Welche Beschwerden ich denn habe? „Schmerzen. Verschwommenes Sehen“, sage ich. Und überlege, ob ich nicht etwas dick auftrage. Muss ich jetzt lügen, um schneller einen Termin zu bekommen? Offenbar ja. Die Sprechstundenhilfe bietet mir einen Termin in zweieinhalb Wochen an. Allerdings mit Wartezeit.

„Wir bemühen uns wirklich, akute Patienten dazwischen zu schieben, aber für uns ist es auch nicht leicht.“ Die Mitarbeiterin in der nächsten Praxis wird redselig, als ich ihr von meinem Test für die Landeszeitung erzähle. Ich solle nicht so einen reißerischen Artikel schreiben, am Tag danach seien die Patienten immer besonders sauer, wenn sie anrufen. „Wir sitzen hier auf einem Feuerstuhl, das können sie sich gar nicht vorstellen.“ Auch eine Ärztin ruft mich irgendwann zurück und bittet eine Sache zu bedenken: Ein Drittel aller Termine werde von den Patienten einfach nicht wahrgenommen. Ohne Absage. Die Kassenärztliche Vereinigung spricht von fast einem Fünftel (siehe Infobox).

Viele Termine werden von den Patienten nicht wahrgenommen

Das Thema bewegt. Jeden, den ich anrufe. Ich merke, dass die meisten Praxen sich sehr bemühen. Aber auch verlangen, dass ich flexibel bin und Wartezeit mitbringe. Einmal bekomme ich für zweieinhalb Wochen später eine Einladung zu einer Offenen Sprechstunde. „Um 14.30 Uhr machen wir die Tür auf“, heißt es. Und lässt mich erahnen, welchen Ansturm die Praxis an diesem Tag erleben wird. Geht es hier wirklich um einen Besuch beim Arzt oder um ein ausverkauftes Konzert? Und wären zwei bis drei Wochen nicht immer noch lang, wenn ich Schmerzen hätte?

Ob ich unter diesen Umständen noch die Nerven hätte, auf jede Absage verständnisvoll zu reagieren und einfach hartnäckig weiterzutelefonieren — ich weiß es nicht. Es dauert ein paar Tage, bis ich bei jedem Facharzt tatsächlich einen Termin bekommen habe. Eine große Auswahl habe ich allerdings nicht. Den richtigen Arzt zu finden, das scheint in Lüneburg ein größeres Projekt zu sein.

 

Das hat der Test ergeben

  • Kinderärzte (6 Praxen), dreimal Aufnahmestopp. Schnellster Vorsorge-Termin: in zweieinhalb Monaten
  • Frauenärzte (11 Praxen), sechsmal Aufnahmestopp. Schnellster Vorsorge-Termin: in einem Monat
  • Augenärzte (4 Praxen), zweimal Aufnahmestopp. Schnellster Vorsorge-Termin: in dreieinhalb Monaten
  • Hautärzte (4 Praxen), zweimal Wartezeiten von sechs Monaten. Schnellster Vorsorge-Termin: in anderthalb Monaten
Servicestelle

Seit dem 25. Januar 2016 gibt es zur schnelleren Vermittlung von Facharztterminen die sogenannte Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN). Sie ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr unter der Telefonnummer (0511) 56 99 97 93 erreichbar. Das Ziel: Patienten sollen binnen vier Wochen einen Termin bekommen.

In dieser Woche hat die Vertreterversammlung der KVN schon wieder die Abschaffung gefordert. Die Begründung: Viele Patienten würden die Termine gar nicht wahrnehmen. Die Servicestelle nennt Zahlen: Von 7493 vermittelten Terminen in den Monaten April bis Juni seien 1413 Patienten nicht am vereinbarten tag erschienen. Das seien knapp 19 Prozent.

8 Kommentare

  1. Die Orthopäden wurden vergessen 😉

    Selber erfahren. 5 Praxis… 4x Aufnahmestopp, 1x Termin in 4 Wochen.
    Habe dann den Landkreis gewechselt. Dort ging es binnen 1 Woche. Es ging um einen Akuttermin wegen Schmerzen.

  2. Neurologen und Psychotherapeuten sind noch schwieriger. Und die Krankenkassen lassen einen alleine im regen stehen…

  3. einen andere Frau W.

    Hat schon mal wer nachgedacht, warum es zu nicht wahr genommen Terminen kommt und warum die Notfallambulanzen so voll sind?
    Da versucht ein Patient mit Beschwerden einen Termin beim Facharzt zu bekommen- in 2-6 Wochen möglich. Nimmt man erstmal. Wenn man es dann aber doch nicht aushält, bleibt diesem Patienten doch nichts anderes, als in die Ambulanz zu fahren. Da ist man dann wieder sauer, weil der Patient ja auch zum Facharzt hätte gehen können 😉

  4. Oh,einige Hausärtzte arbeiten auch nur mit Terminen.

  5. Danke für den Artikel und die Kommentare!
    Ich kann alles bestätigen!
    Es wird heute vermutlich nur selten nach der Krankenkasse gefragt, weil es ein Problem für die Praxis geben kann. Wer privat versichert ist, wird es wohl gleich selbst erwähnen.

    • Ich bin privat versichert, aber ein großer Kritiker des deutschen Gesundheitssystems. Bisher kam ich stets immer ohne Erwähnung meines Versicherungsstatus‘ ohne Probleme zu einem Ersttermin (dass es auch für Folgetermine entspannter ist, privat verischert zu sein, kann ich nichts ausschließen). Erst, als ich kürzlich beim Kardiologen einen Termin Mitte 2017 angeboten bekam, habe ich den PKV-Joker gezogen. Da waren es dann nur noch 1 1/2 Wochen bis zum Termin. Das fand ich dann wirklich sehr krass. Es gibt sicher Bereiche und Termine, die durchaus „Zeit“ haben. Aber oft geht es ja auch um Schmerzbehandlung oder andere akute Dinge. Da sind Termine außerhalb von wenigen Tagen ein absolutes Unding.

  6. Müller-Borchert

    Als neu Zugezogener brauchte ich im Juni 2016 in Lüneburg ärztliche Versorgung. :

    > Hautarzt: „… leider voll. Aber ich kann Ihnen noch was im Januar 2017 anbieten…“
    > Orthopäde: „…leider Aufnahmestopp. Telefonieren Sie doch mal rum…“
    > Zahnarzt: „… leider keine neuen Patienten… Haben Sie denn schon mal rumtelefoniert?“

    Ich habe im Leben aus beruflichen Gründen in zehn deutschen Städten gewohnt, und das jeweils mehrere Jahre. Dazu mehrere Jahre im Ausland.Ich bin nicht ein einziges Mal von einer Arztpraxis abgewiesen worden. Nun also kenne ich die Unterseite dieser Stadt.

    Mein Vorschlag für den Pressesprecher Lüneburgs: Regen Sie doch solche Erfahrungen einmal für ein realistisches Drehbuch beim Produktionsteam von „Rote Rosen“ an.

    MB