Aktuell
Home | Lokales | Ilmenau | Nordseeklimabericht aus Wendisch Evern
Prof. Dr. Markus Quante ist Wissenschaftler am Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht. Er lehrt seit vielen Jahren auch an der Leuphana Universität Lüneburg. Foto: t&w

Nordseeklimabericht aus Wendisch Evern

Wendisch Evern/Geesthacht. Einen vollen Meter könnte bis zum Jahr 2100 der Wasserspiegel an den europäischen Nordseeküsten höher sein als jetzt wenn nichts gegen den Klimawandel unternommen wird. Werden entschlossene Maßnahmen für den Klimaschutz ergriffen, dann dürften es in den untersuchten Gebieten, die von rund 50 Millionen Menschen bewohnt werden, „nur“ 40 bis 50 Zentimeter mehr sein. Einer, der von der Problematik besonders viel versteht, ist Prof. Dr. Markus Quante, wohnhaft in Wendisch Evern und Wissenschaftler am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht.

200 Wissenschaftler haben mitgearbeitet

Gerade hat der 59-Jährige im belgischen Ostende ein Mammutwerk vorgelegt, den 530-seitigen Nordseeklimabericht „North Sea Region Climate Change Assessment“, der von ihm und seinem Kollegen Prof. Dr. Franciscus Colijn koordiniert wurde. Etwa 200 Wissenschaftler aus 14 Ländern, darunter die acht Nordseeanrainer, haben seit sechs Jahren daran gearbeitet.

Der Nordseeklimabericht, so Quante, stellt umfassend den aktuellen Wissensstand dar. Die beteiligten Wissenschaftler haben zahllose Publikationen und Datensätze ausgewertet, verschiedene Klimamodellsimulationen und Szenarien verglichen. Sämtliche Aspekte des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Klimas wurden berücksichtigt, so Quante. Zudem werden die Auswirkungen auf verschiedene Ökosysteme, auf Tiere und Pflanzen, sowie andere Bereiche wie das Fischereiwesen, die Landwirtschaft, Küstenschutz und Tourismus betrachtet.

Quante: „Nur wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse wurden berücksichtigt, es gab keinerlei Einfluss von politischer oder wirtschaftlicher Seite.“ Für die Erstellung des Nordseeklimaberichts habe es auch keine besonderen finanziellen Mittel gegeben. Er sei finanziert worden aus den Mitteln der vielen beteiligten Institute und Hochschulen rund um die Nordsee.
Hier einige der im Bericht verwendeten Daten, die den Ist-Zustand darstellen: Seit den 1950er-Jahren ist die durchschnittliche Lufttemperatur im Nordseeraum zwischen einem und 1,5 Grad angestiegen. „Das ist noch mehr als die weltweite Erhöhung“, sagt Quante. Die Wassertemperatur sei seit den 1980er-Jahren in der Nordsee um bis zu 1,5 Grad Celsius angestiegen. Wichtig zu wissen: Wasser, das sich erwärmt, dehnt sich aus, der Wasserspiegel steigt. Und: Der durchschnittliche Meeresspiegel in der Nordsee liegt heute um rund 16 bis 20 Zentimeter höher als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Lage ist ernst

Quante: „Der Bericht zeigt, wie sich die einzelnen Regionen rund um die Nordsee aufgrund des Klimawandels zukünftig verändern könnten.“ So erwarten die Wissenschaftler bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen Anstieg der durchschnittlichen Lufttemperatur im Nordseeraum um bis zu 3,2 Grad Celsius.
Man habe mit dem Nordseeklimabericht die wissenschaftlichen Grundlagen für die Entscheidungsträger in der Politik, in Behörden und Gremien, geliefert, so Quante. „Die daraus folgenden Entscheidungen muss nun die Politik treffen, das ist nicht unsere Aufgabe.“

Markus Quante: Die Lage ist ernst. Aber nicht hoffnungslos. Auf die Frage, ob man Angst vor dem Klimawandel haben müsse, sagt er: „Der Klimawandel stellt zweifelsfrei viele Regionen der Erde vor große Herausforderungen. Angst ist ein schlechter Berater. Es gibt Möglichkeiten, den zukünftigen Klimawandel und seine Folgen „abzudämpfen“ oder zu mildern, insbesondere durch Reduzierung der Treibhausgasemissionen und spezifische Anpassungsmaßnahmen. Das muss aber auch beherzt angegangen werden. Meine Befürchtung ist, dass dieses nicht im ausreichenden Maße und rechtzeitig passiert. Die international vereinbarten Klima-Ziele lassen sich nicht mal eben so erreichen.“

Klimabericht ist im Internet einsehbar

Der Nordseeklimabericht ist im Buchhandel erhältlich (53 Euro). Er ist auch im Internet über das Helmholtz-Zentrum (www.hzg.de) und den Wissenschaftsverlag Springer (www.springer.com) kostenlos einsehbar und herunterzuladen. „Allein dort ist das bereits 39000 Mal passiert“, freut sich Markus Quante.