Aktuell
Home | Lokales | Das Internet als Zufluchtsort
Nils Böckler forscht in Darmstadt zum Themenfeld Radikalisierung. Bei einem Fachtag des Lüneburger Kriminalpräventionsrats hat er den Fokus auf Jugendliche gelegt. Foto: t&w

Das Internet als Zufluchtsort

Lüneburg. Jugendliche, die nicht in terroristische Gruppierungen eingebunden sind, radikalisieren sich häufig in mehreren Phasen. Das hat Nils Böckler, Mitarbeiter am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, zusammen mit seinen Kollegen herausgefunden. Seit sechs Jahren beschäftigt sich der 32-Jährige mit terroristischen Einzeltätern und autonomen Zellen. Einblicke hat er jetzt beim Fachtag „Sichere Schule“ des Kriminalpräventionsrats von Stadt und Landkreis Lüneburg gegeben. Die LZ sprach mit ihm am Rande der Veranstaltung.

In mehreren Phasen zum Terroristen

Ausschlaggebend für den Einstieg in den Radikalisierungsprozess sei meistens ein persönlicher Missstand. „Wenn die eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster nicht mehr funktionieren, stehen die jungen Menschen vor einem Problem“, erklärt Böckler. In einem zweiten Schritt wird eine neue Haltung aufgebaut. Eine Phase, die alle Jugendlichen mehr oder weniger stark durchlaufen, ist sich Böckler sicher. „Wofür stehe ich?“ sei die zentrale Frage. Diejenigen, die anfälliger für bestimmte Ideologien sind, würden sich daher häufig schon im Jugendalter radikalisieren. In einer weiteren Phase wird aktiv nach Vorbildern gesucht, die eine Lösung aufzeigen. „Extremistische Gruppen machen hier viele Angebote.“ Bei Erwachsenen sei der Auslöser für eine solche Entwicklung meist eine Lebenskrise.

Der Pädagoge hat sich auch intensiv mit Amokläufen an Schulen auseinandergesetzt. Seiner Erfahrung nach versuchen die Jugendlichen im Vorfeld häufig, über ihren Krisenverlauf zu sprechen. „Wenn Eltern und Lehrer für die Zeichen nicht sensibel sind, ist der letzte Zufluchtsort häufig das Internet“, sagt Böckler. „Es gibt für jedes Prob­lem eine Gruppe.“ Dort würden die jungen Menschen dann tiefgreifende Gespräche führen, mit neuen Deutungsmustern konfrontiert und verschiedene Gewaltszenarien vorfinden. „Das ist ein eigener Kosmos.“ Auch der Amokläufer von München sei in solchen „Fangruppen“ unterwegs gewesen.

Gewalt-Androhung als Hilferuf

Das vermeintliche Opfer entscheidet dann, dass es diese Rolle nicht mehr einnehmen will. Es stellt sich gegen die Menschen, die es in seinen Augen ignoriert haben. „So jemand inszeniert sich dann als Terrorist, weil er der Avantgarde angehören und ein Rächer sein will.“ Dann fühle er sich als Teil einer stärkeren Gruppe. Beispielhaft für diese Haltung sei, dass sich viele Terroristen nicht mehr vermummen, auf Videos im Internet ihr Gesicht zeigen. Ein Fehler einiger Medien sei es aus Sicht Böcklers, dieses Video dann auch noch zu verbreiten. „Leider haben es die Terroristen in der Vergangenheit immer wieder geschafft, auf Seite 1 zu landen.“ Der Medienrummel sei für die Täter eine Form der Anerkennung. Böckler rät: Wenn Videos gezeigt werden müssen, dann die Gesichter verpixeln und keine Namen nennen. Durch soziale Netzwerke könnten sich die Terroristen so oder so eine eigene Öffentlichkeit schaffen. „Das muss man nicht noch unterstützen.“

Aufgabe der Schulen sei es, für das Thema zu sensibilisieren. „Mitschüler müssen wissen, an wen sie sich bei bedrohlichem Verhalten wenden können. Gleichzeitig benötigen die Lehrer Handlungssicherheit.“ Dazu gehöre auch, Verhaltensweisen einschätzen zu können. Wenn sich jemand zurückzieht, sei das ein erstes frühes Merkmal. Auch der Versuch, seinem Umfeld gegenüber Gewaltfantasien zu äußern. Das sei meist erstmal ein Hilferuf, „man darf den Prozess aber nicht verpassen“. Denn je länger man wartet, desto schwerer sei es, denjenigen wieder zurückzuholen.

Von Anna Paarmann