Aktuell
Home | Lokales | Die schwierige Suche nach einem Arzttermin in Lüneburg — Teil 2
Kinderarzt Thomas Struck (r.) bei der Vorsorge-Untersuchung mit dem dreijährigen Paul und dessen Mutter Maren Köhler. Der Mediziner kann in seiner Lüneburger Praxis keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Foto. gae

Die schwierige Suche nach einem Arzttermin in Lüneburg — Teil 2

Von Manuela Gaedicke

Lüneburg. „Wir nehmen keine neuen Patienten.“ Auch Thomas Struck muss diesen Satz ständig sagen. Der 55-Jährige ist einer von elf Kinderärzten in Lüneburg. Ein netter, geduldiger Mann, dem man sofort abnimmt, dass er seinen Job mag. Wenn er Kritik übt, dann spricht er bewusst vom „System“. Das System habe dafür gesorgt, dass der Mediziner früher 60 Stunden in der Woche gearbeitet hat, um mehr Kinder behandeln zu können. Heute arbeitet er 42 Stunden und sagt fast verteidigend: „Das muss auch mal erlaubt sein.“
Keine Möglichkeit, einen weiteren Arzt einzustellen

Reaktion auf LZ-Artikel

Es ist Dienstagnachmittag. Thomas Struck hat die LZ in seine Praxis eingeladen. Er ist einer von vielen, die auf den Artikel in der LZ am Sonnabend zur langwierigen Suche nach einem Facharzt in Lüneburg reagiert haben. Bei einem Test in 25 Praxen betrugen die Wartezeiten für Vorsorgetermine in den meisten Fällen zwischen drei und sechs Monate, die Hälfte hatte sogar einen Aufnahmestopp für Neupatienten verhängt. Dass dies keine Momentaufnahme ist, zeigt das Beispiel seiner Praxis, die er zusammen mit einer weiteren Ärztin betreibt.

„Wir nehmen seit Jahren nur noch Geschwisterkinder auf. Wir haben schon 2500 Patienten pro Quartal. Mehr geht nicht“, sagt Struck. Gerne würden er und seine Kollegin einen weiteren Arzt oder eine weitere Ärztin einstellen, doch das ist gesetzlich re­glementiert. Denn laut Kassenärztlicher Vereinigung ist Lüneburg bei den Kinderärzten überdurchschnittlich gut versorgt.
Dem widerspricht Thomas Struck. Die Zahl der Kinderärzte sei seit 25 Jahren gleich. Es seien aber fünf Vorsorgeuntersuchungen pro Kind dazugekommen. Außerdem sei die Frequentierung der Praxis höher. „Viel mehr Kinder gehen heute in eine Krippe, dementsprechend werden sie auch häufiger krank.“ Die Eltern bräuchten schon am ersten Tag eine Bescheinigung für den Arbeitgeber. Unter diesen Gesichtspunkten würde Lüneburg zwei bis drei neue Kinderarztstellen „locker verkraften“, findet er. „Es ist ja schön, dass viele Familien aus Hamburg hierherziehen. Aber dann muss bitte auch dafür gesorgt werden, dass die Kinder ärztlich versorgt werden können.“ Struck fordert, dass die Politik und auch die Stadt Lüneburg sich um dieses Thema kümmern müssten.

Die Stadt möchte das nicht kommentieren, Pressesprecher Daniel Gritz verweist stattdessen auf die Kassenärztliche Vereinigung, die für die Zulassung von Ärzten im Landkreis zuständig sei. Die hatte im Interview eingeräumt, dass die Spezialisierungen der Fachärzte stärker in die Zulassungszahlen einbezogen werden müssten. Das allerdings müsse auf Bundesebene beschlossen werden.

„Ärzte können auch nicht mehr als arbeiten“

Dass die Patienten sich im Zweifel selbst Wege suchen, zeigt die Diskussion auf der LZ-Facebook-Seite. „Da geht man eben ins Krankenhaus, wenn es einem nicht gut geht. Ist ja heute so üblich“, schreibt eine Leserin. Mehrere Nutzer berichten, dass sie mittlerweile in Hamburg oder in benachbarten Landkreisen in Behandlung sind, da sie dort schneller Termine bekommen. Während einige wütend sind, weil sie keinen neuen Arzt finden oder monatelang auf Termine warten, haben andere auch Verständnis für die Situation in den Praxen. „Ärzte können auch nicht mehr als arbeiten“, heißt es.

Das hat sich auch Thomas Struck gesagt, er macht deutlich: Seine Arbeitszeit werde von der Kassenärztlichen Vereinigung quartalsweise in Minuten erfasst. Arbeite er zu viel, drohen ihm Überprüfungen und im schlimmsten Fall Regressforderungen. „Das ist ein Wahnsinnsaufwand an Bürokratie. Teilweise kommen die mit der Prüfung drei, vier Jahre später.“ Struck steht offen dazu, dass er diesen Weg nicht gehen will wie viele Ärzte. Was das für die Patienten bedeutet, ist klar: Sie können nur hoffen, dass sich im „System“ irgendwann etwas ändert.