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Vor sieben Jahren hat Antje Petersen (r.) der Millionenstadt Berlin den Rücken gekehrt und in Lemgrabe den elterlichen Hof übernommen. Hier verwirklicht die Architektin und zweifache Mutter das Projekt Hofleben. Erste Mitstreiterin und Mitbewohnerin ist Sabine Fink.. Foto: phs

Anders wohnen als gewohnt ist im Trend

Dahlenburg/St. Dionys. Wie wollen wir wohnen? Wo? Und mit wem? Immer mehr Menschen stellen sich diese Fragen und immer mehr entscheiden sich dafür, anders zu wohnen als gewohnt. Auch in Stadt und Landkreis Lüneburg steigt seit Jahren die Zahl alternativer Wohnprojekte. Doch wer genau sind die Menschen hinter den Projekten? Und was ist ihr Antrieb? Drei Fallbeispiele zeigen, wie unterschiedlich die Ausgangssituationen sein und welche Chancen gemeinschaftliche Wohnformen für Mistreiter, Dörfer und Hoferben bieten können.

„Hofleben“

Antje Petersen ist 44 und lebt mitten in Berlin, als ihr Vater daheim den Hof aufgeben will. Ihre vier Schwestern haben das Familienerbe bereits ausgeschlagen, die einzige, die bleibt, Haus und Hof zu übernehmen, ist sie Architektin, zweifache Mutter, frisch geschieden. Antje Petersen muss nicht lange überlegen, um sich für die Rückkehr in ihr Heimatdorf Lemgrabe bei Dahlenburg zu entscheiden, denn auch nach mehr als 20 Jahren ist in Berlin nie ein „richtiger Stadtmensch“ aus ihr geworden. Fest­entschlossen verlagert sie ihren Lebensmittelpunkt aus der Millionenstadt auf den Hof ihrer Kindheit. Neubeginn und Ausgangspunkt für die Entwicklung des Mehrgenerationen-Wohnprojektes „Hofleben“.

Gemeinschaft übernimmt Familienerbe in Lemgrabe

Sieben Jahre später, ein Novembertag, Antje Petersen tritt aus der Haustür auf den mit Laub bedeckten Hofplatz. Es sind die letzten Monate, in denen die inzwischen 51-Jährige alleinige Herrin auf dem fast 20000 Quadratmeter großen Anwesen ist, bald wird der Hof einer Gemeinschaft gehören. Bis 2019 sollen auf dem Gelände rund 20 Wohnungen unterschiedlicher Größe entstehen, zehn sind bereits vergeben, die erste Mitstreiterin ist eingezogen und die Planungs-GbR gegründet. Antje Petersen wird ihr Erbe für das Projekt Mehrgenerationenwohnen verkaufen und nur ihre Wohnung behalten. Ein Stück Abschied, aber auch Erleichterung. „So bin ich nicht mehr alleine für den ganzen Hof verantwortlich“, sagt sie, „und ich kann trotzdem noch Einfluss nehmen.“

Für die Architektin ist das Projekt „Hofleben“ ein Lebens­traum. Und es ist ihre Chance, das Familienerbe zu erhalten. Schon wenige Monate nach ihrer Rückkehr aufs Land musste sie feststellen: Sie wird Haus und Hof allein nicht erhalten können. Und: Ihr fehlt der Trubel ihrer Kindheit. „Früher saßen 15 bis 20 Leute und vier Generationen am Esstisch“, sagt sie. „Und genau das braucht so ein Hof Leben.“

„Früher saßen 15 bis 20 Leute und vier Generationen am Esstisch. Und genau das braucht so ein Hof – Leben.“ Antje Petersen, Projekt Hofleben

Antje Petersen beginnt an einem Konzept zu arbeiten, informiert sich über gemeinschaftliche Wohnformen, sucht Unterstützer und Mitstreiter, erarbeitet eine erste Broschüre. Im September 2014 zieht die erste Mitbewohnerin ein, in wenigen Monaten folgt mit einer vierköpfigen Familie die zweite Partei, weitere Mitstreiter sind dazu gestoßen, gemeinsam entwickelt das Team das Wohnkonzept weiter, parallel entstehen die Grundlagen für den Aufbau einer solidarischen Landwirtschaft und die Gründung einer Pflegewohngemeinschaft. Gemeinsam möchte das Team den Hof außerdem für Dorf und Nachbardörfer öffnen und mit verschiedenen Anlaufstellen wie Dorfladen, Hofcafé oder Mittagstisch auch eine Art Begegnungsstätte werden.

Die Idee vom Hofleben kommt an, zieht Menschen aus Hamburg, Lüneburg und Umgebung an, Paare, Singles, Familien, Selbstständige, Angestellte und Rentner. Die Bedingungen, um dabei zu sein: Jeder baut und finanziert seine Wohnung selbst, unterstützt die Gemeinschaft und akzeptiert ihre Regeln. „Hofleben basiert auf dem Gedanken des gegenseitigen Respekts und der individuellen Lebensgestaltung innerhalb eines sozialen Gefüges“, heißt es in der Broschüre des Projektes. „Eine freiwillige Großfamilie.“ Genau das, was Antje Petersen am Landleben ihrer Kindheit so geschätzt hat und nun zurück auf den Hof holt.

Treffen: Die nächsten Hofleben-Infotage finden am 7. Januar, 4. Februar und 4. März statt. Außerdem lädt das Hofleben-Team zu einem Workshop ein zum Aufbau der solidarischen Landwirtschaft am Sonnabend, 10. Dezember, von 9.30 bis 17 Uhr, Hauptstraße 1, Dahlenburg/Lemgrabe. Um verbindliche Anmeldung für den Workshop wird gebeten bis zum 30. November per E-Mail an sabine.fink@hof-leben.de

„Mittendrin“

Karina Nebel ist 58 und schon seit Jahren auf der Suche, als sie im Mai 2015 den alten Brockmann-Hof in Harmstorf entdeckt. Mit ihrem Mann lebt die Diplom-Pädagogin in ihrem Einfamilienhaus in Bad Oldesloe, dort haben sie die drei Kinder großgezogen, sich eingerichtet, regelmäßig Freunde zu Gast. Sie könnten bleiben, den Komfort genießen, zufrieden sein. Doch Karina und Wolfgang Nebel haben schon vor Jahren entschieden, all das nicht zu tun. Sie sehnen sich nach einer neuen Herausforderung, nach einer neuen Form des Wohnens und einer Gemeinschaft. Der Resthof bei Dahlenburg scheint perfekt dafür. Mit einer weiteren Mitstreiterin und Freundin gründen sie eine Genossenschaft und kaufen den Hof. Der Start ihres alternativen Wohnprojektes „Mittendrin Leben“.

Das Land, auf dem ihr Wohntraum der Zukunft entsteht, hat die Stiftung Trias erworben eine Initiative, die bundesweit tätig ist, Land kauft, es einer „gemeinschaftlichen und ökologischen Nutzung“ zuführt und so Bodenspekulationen verhindern will. Die Gebäude gehören der Genossenschaft, das denkmalgeschützte Haupthaus wird zur Keimzelle des Wohnprojektes. „Dort werden im Frühjahr die ersten drei Wohneinheiten fertig saniert und umgebaut sein“, sagt Karina Nebel. Parallel wird auf dem Gelände der erste Neubau entstehen, ein Strohballenhaus mit fünf Wohneinheiten. „Insgesamt sind neben Gärten, Werk- und Kulturstätten bis zu 20 Wohneinheiten geplant.“ Dabei bringt sich jedes Mitglied finanziell in die Genossenschaft ein, zahlt zudem Miete für seine Wohnung.

Zehn Leute sind inzwischen fest mit dabei, zwei Familien, zwei Paare, ein Single „und unsere Nachbarin“, sagt Karina Nebel, „eine 83 Jahre alte Dame“. Ihr bietet das generationenübergreifende Lebens- und Gemeinschaftsprojekt die Chance, so lange wie möglich in ihrem Häuschen zu leben, Hilfe in Anspruch nehmen und notfalls in eine Wohnung im Neubau umziehen zu können. Sie wird ihr Zuhause nicht verlassen müssen, Kerngedanke des Mehrgenerationenwohnens

Genossenschaft kauft Resthof bei Harmstorf

Für Karina Nebel und ihren Mann ist das Projekt vor allem ein Abenteuer, eine neue Herausforderung und eine Chance, mit fast 60 Jahren nochmal was ganz Neues anpacken zu können. „Ich sehe den Aufbau einer solchen Gemeinschaft auch ein bisschen als unsere Aufgabe“, sagt Karina Nebel, „wir haben in unserer Lebenssituation die Zeit, noch genug Kraft und Erfahrung, den Anstoß für ein solches Projekt zu geben.“ Gerade junge Familien seien oft so gefordert, dass sie das allein kaum schaffen könnten. „Und den ganzen Alten fehlt dafür in der Regel die Energie.“

Die 59-Jährige weiß: Es wird auch Konflikte geben, lange und anstrengende Auseinandersetzungen und sicherlich auch Momente, in denen sie sich ihr ruhiges Leben in dem Bad Oldesloer Einfamilienhaus zurückwünscht. „Doch letztlich sind es Konflikte und Krisen, die Menschen zusammenschweißen, die Vertrauen schaffen“, sagt sie. Und: „Der Platz, die Nachbarn, das Dorf haben uns willkommen geheißen.“ Sie sehe, etwas Wunderbares entstehen. „Und wir freuen uns auf mehr, weiter und tiefer!“

Treffen: Der nächste Kennenlern- und Infotag findet statt an diesem Sonntag, 27. November, von 14 bis 17 Uhr, Im Dorf 2, in Dahlem/Harmstorf.

„Kulturcafé“

Alles begann mit einer Träumerei. Die Berlinerin Bella Wohl saß zusammen mit Freunden, alle kannten sich schon seit vielen Jahren, lebten inzwischen in Hamburg und Berlin, trafen sich aber regelmäßig zu Abenden wie diesem. Sie sprachen über Arbeit, Familie, Kinder und irgendwann ging es wie so oft schon ums Altwerden und die Frage: Wie wollen wir alt werden? Und mit wem? „Je öfter wir darüber sprachen, desto größer wurde der Wunsch zusammen zu sein“, sagt Bella Wohl. Die Idee für ein gemeinsames Wohnprojekt war geboren.

Ein harter Kern fing schließlich an, nach einem geeigneten Ort für ihr Projekt zu suchen. „Das dauerte“, erinnert sich die 63 Jahre alte Übersetzerin, „aber irgendwann hatten wir uns auf die Region rund um Lüneburg festgelegt und dann plötzlich dieses Haus gefunden.“ Das alte Gasthaus Völker, 1913 gebaut in St. Dionys, schien perfekt, mit drei Parteien gründeten die Freunde eine Genossenschaft bürgerlichen Rechts (GbR) und kauften 2013 das Haus. Die Idee: Die früheren Fremdenzimmer werden zu Wohnungen umgebaut, der alte Gastraum wird Kulturcafé.

„Wir kommen alle aus der Stadt“, sagt Bella Wohl, „mit dem Café wollen wir etwas schaffen, das über das reine Wohnen hinaus geht und das uns mit den Menschen aus dem Dorf zusammenbringt.“ Die Freunde schmiedeten Pläne, warteten „ziemlich lange“ auf eine Baugenehmigung, fanden weitere Mitstreiter und fingen schließlich an mit dem Umbau. „Inzwischen ist es so weit, dass im Frühjahr die ersten einziehen können.“

Großstädter sanieren altes Gasthaus in St. Dionys

Noch ist Platz in dem alten Gasthaus für weitere Mitstreiter, insgesamt sollen in dem Haus zehn Wohnungen zwischen 40 und 117 Quadratmeter entstehen. „Vor allem eine Familie mit Kindern wäre uns willkommen“, sagt Bella Wohl. Wer einsteigen will, muss die Wohnung selbst finanzieren, die Kosten sind kalkuliert mit 2900 Euro pro Quadratmeter. „Dabei ist uns klar, dass sich das nicht jeder wird leisten können“, sagt Bella Wohl, „doch leider haben wir nicht das Geld, um alle Wohnungen aus eigenen Mitteln auszubauen und dann zu vermieten.“
Die 63-Jährige verwirklicht sich mit Partner und Freunden in St. Dionys den Traum vom gemeinsamen Altwerden, dazu gehören neue Herausforderungen, eine neue Gemeinschaft, neue Formen der Arbeit aber auch die Möglichkeit des Rückzugs und der Ruhe. „Wir gründen eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft“, sagt Bella Wohl, „das bedeutet für uns: miteinander leben unter Beibehaltung der Autonomie jedes einzelnen.“ Bedürfnisse nach Kontakt, aber auch nach Ruhe müssten ihren Platz haben unter Mitbewohnern und unter Freunden.
Mehr Informationen: www.wohnprojekt-st-dionys.de

von Anna Sprockhoff