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Seit Jahren nimmt der Verkehr wie hier am Wienebütteler Weg zu. Foto: t&w

Lüneburger Verkehr: Angst vor der Westumgehung

Lüneburg. Westumgehung, das ist eines der größten Reizwörter in der Lüneburger Lokalpolitik. Jahre wurde hitzig gestritten über eine Entlastungsstraße, die Westumgehung war Wahlkampfthema und Treibsatz für Ratsdebatten. Jetzt wird sie erneut ins Spiel gebracht, diesmal aber von Bürgern, die Angst davor haben. Weil am Kreideberg, in Vögelsen und in Reppenstedt immer mehr gebaut wird, führe am Ende kein Weg an der Entlastungsstraße vorbei. Das wollen sie in jedem Fall verhindern.

Geplantes Neubaugebiet im Westen der Stadt ist das Areal am Wienebütteler Weg, 260 Wohneinheiten sollen dort zum Leidwesen von Anwohnern entstehen, die weiter zunehmenden Verkehr befürchten. Am Mittwoch, 30. November, ab 18 Uhr will die Stadt ihre Pläne in der Psychiatrischen Klinik der Öffentlichkeit vorstellen, der Informationsabend soll zugleich Auftaktveranstaltung für ein intensiveres Bürger-Beteiligungsverfahren sein. Neben dem Bauvorhaben stehen das Klimagutachten und die verkehrliche Erschließung auf dem Programm.
Schon in den Neunzigern gab es konkrete Trassenpläne

„Man kann den Menschen ja nicht vorschreiben, wo sie fahren sollen.“ Silke Rogge, Bürgermeisterin in Vögelsen

Bereits Anfang der 90er-Jahre gab es konkrete Vorstellungen, wo eine Westumgehung verlaufen sollte. Landrat Wolfgang Schurreit stellte sich den Verlauf damals so vor: An der B4 könnte die Trasse beginnen, über Radbruch und vorbei an Vögelsen führen, zwischen Lüneburg und Reppenstedt fortgesetzt werden, Gut Wienebüttel, Oedeme und Rettmer tangieren und bei Oerzen auf die B209 stoßen. Doch das Projekt stieß bei Umweltverbänden und Grünen auf Kritik, die auch durch versuchte sprachliche Umbenennungen in „Westumfahrung“ oder „Westrandstraße“ nicht weichen wollte. Noch 1999 wurde im Rat heftig um die Trasse gerungen, am Ende wurden die Pläne auf Eis gelegt.

Vorerst. Denn das Szenario einer Westumgehung wird jetzt von der Bürgerinitiative Brockwinkler Weg wieder an die Wand gemalt. Ihr Argument: „Die Stadt hat keine erkennbaren Konzepte für nachhaltige Verkehrsplanung.“ Es sei jetzt schon kaum vorstellbar, wie es mit dem Straßenverkehr in der Stadt aussieht, wenn sämtliche Baugebiete in der Stadt sowie in Vögelsen und Reppenstedt fertiggestellt sind.

Laut Bürgermeisterin Silke Rogge könnten in Vögelsen in den nächsten 15 bis 20 Jahren rund 260 Wohneinheiten im Baugebiet Süderfeld entstehen, in Reppenstedt soll ein weiteres Baugebiet am Schnellenberger Weg erschlossen werden. In welcher Größenordnung, konnte Bürgermeister Peter Bergen noch nicht sagen.
„Es ist also absehbar, dass im Norden der Stadt wegen des wachsenden Verkehrs der Sachzwang entsteht, neue Straßen zu bauen“, ist Stefan Pröhl, Mitglied der Bürgerinitiative (BI), überzeugt. Mit „Sachzwang“ meint er: Westumgehung. Eine solche Trasse hätte zur Folge, „dass nicht nur die direkten Nachbarn, sondern alle an der Trasse lebenden und Erholung suchenden Lüneburger“ betroffen wären.

Um dieses Szenario nicht Wirklichkeit werden zu lassen, müsse die Planung neuer Wohngebiete eine „autoarme Bebauung“ zum Ziel haben. Wie diese aussehen könnte, beschreibt Pröhl so: Wohnprojekte mit Car-Sharing, ein verbessertes ­ÖPNV-Angebot, Quartiersparken, Elektromobilität und Radverkehr auf sicheren Routen. Pröhls Schlussfolgerung: „Sollte das nicht möglich sein, kann nicht gebaut werden.“

Den Vorwurf, die Stadt habe kein erkennbares Verkehrskonzept, weist Pressesprecherin Suzanne Moenck zurück: „Natürlich verfolgt die Stadt Lüneburg ein nachhaltiges Verkehrskonzept, es zielt auf die Förderung des Radverkehrs, des Öffentlichen Personennahverkehrs sowie unter anderem auf die Förderung von E-Mobilität ab.“ Zudem gebe es seit Jahren regelmäßige Gespräche mit den Nachbargemeinden. Dabei werde der Blick immer auf die Verbesserung des Stadtbusverkehrs gerichtet. „Die Gemeinden sind aber eigenständig und entscheiden selbst so wie auch die Bürger in der Wahl ihrer Verkehrsmittel.“ Für weitergehende Planungen habe der Kreis jüngst ein integriertes Mobilitätskonzept ausgeschrieben. „Es passiert also durchaus etwas.“

Das Problem zunehmenden Verkehrs durch die Bauvorhaben in Vögelsen und Reppenstedt sehen auch Silke Rogge und Peter Bergen. Reppenstedt will deshalb ein Verkehrsgutachten erstellen lassen, in Vögelsen liegt ein solches bereits vor. Zwar gehe da­raus hervor, dass ein Teil des Verkehrs auch Richtung Lüneburg fließen wird, ein Verkehrskonzept sei dennoch schwierig umzusetzen: „Man kann den Menschen ja nicht vorschreiben, wo sie fahren sollen“, sagt Silke Rogge. Eine Westumgehung hält sie jedenfalls nicht für erforderlich, in Reppenstedt sei das „nicht im Gespräch“, sagt Peter Bergen.

Von Ulf Stüwe

10 Kommentare

  1. Jederzeit gratis das verläßliche Röhren der Motoren und dazu rauchige Benzinaromen, was gibt es denn da zu meckern, also als Ostlüneburger freut man sich jeden Tag.

  2. Angst vor der Westumgehung, die berechtigt ist. einmal da, immer da. solange man der wirtschaft strassen baut, verhält sie sich wie ein dealer. mehr konsumenten , mehr verkehr. ein dealer besorgt sich dann auch mehr drogen aus dem ausland. bei der wirtschaft werden es wirtschaftsgüter sein. schon sind die strassen verstopft und nur angeblich neue strassen werden dann helfen. usw.

  3. Westumgehung so schnell wie nur möglich.

    Es macht inzwischen schon keinen Spaß mehr auf dem Kreideberg zu wohnen. Thornerstraße, Ostpreußenring, Hallische Straße und Ochtmisser Kirchsteig sind inzwischen zu einer Rennstrecke auch für Pseudo-Driftprofis verkommen. Besonders zu den Stoßzeiten des Berufsverkehrs ist ein gefahrloses überqueren dieser Straßen kaum möglich. Rücksicht wird nicht genommen, wenn die PS-Rambos hier unterwegs sind und über den Kreideberg in ihre „Dörfer“ am Rande Lüneburgs rasen.

    Eine Verkehrsüberwachung würde hier sicherlich den einen oder anderen Cent in das Stadtsäckerl spülen und das Leben würde hier etwas ruhiger werden!

  4. Es kann einfach nicht sein das immer mehr Wohngebiete dazu kommen an den Strassen dahin aber nichts geändert wird.Wie z.B.“ auf der Höhe“.( der fusch der da gemacht wurde hat alles nur verschlimmert)

    Auch wird die 20ziger Zone des Ochtmisserkirchsteigs über kurz oder lang, als Durchfahrts Strasse flach fallen.
    Genau wie die Bastionsstrasse die die sich immer mehr absenkt im Knick.

    Es muss ja nicht gleich eine vier Spurige Strasse werden.Aber zumindest von der Ostumgehung aus nach Reppenstedt zu kommen ohne erst mal durch die halbe Stadt zu gurcken, das währe doch mal etwas.
    Der östliche Stadtring ist jetzt schon überlastet.

  5. Jürgen Hempel Lüneburg

    Wann endlich wird die westliche Umgehung für Lüneburg gebaut ? — Allein die Tatsache, wenn auf der Ost- Umgehung der Stadt es zu einer Vollsperrung für eine Fahrspur käme, wird eine Ausweichstrecke nötig. Kommt die A 39 so wird die Westumgehung auch gebaut. Das steht fest, wie das Amen in der Kirche.

  6. Die West-Umgehung ist schon seit dem letzten Jahrhundert fällig. Es ist ein Wahnsinn, was sich für ein Verkehr über den Moldenweg zum Kreideberg und auf alle nachfolgenden Straßen schiebt, um in den Westen der Stadt und die angrenzenden Orte zu kommen.

  7. Joachim Augustin

    Lieber Herr Mai, sie wissen aber schon, dass diese Schnellstraße 50 Meter hinter Ihrem Haus entlang gehen sollte. Dann hätten Sie es ja nicht weit.

  8. Swantje Hügelstein-Kasprczak

    Stadtplanung ist ein weites Feld. Aber eins steht fest: Dem Auto gehört die Zukunft. Auch Lüneburgs Fahrlehrer handeln vorbildlich, setzen immer wieder wichtige, praxisnahe Ausbildungsakzente. Das LZ-Foto („t&w“) demonstriert dies anschaulich. Die Trainingsroute für den Fahranfänger von heute führt bevorzugt in der Rush-hour auf Lüneburgs Hauptverkehrsadern, wie etwa den Wienebüttler Weg. Dort wird dann das professionelle Schalten vom zweiten in den dritten Gang geübt. Das mildert den Verkehrsfluss ab, reduziert schädliche C0-2-Emissionen und schafft zugleich pädagogische Mehrwerte für alle Verkehrsteilnehmer. Die Fahrschüler lernen gleich, sich im Stau wohlzufühlen – und andere Autofahrer, wie man sich solidarisch in Geduld übt. Ich wage die Vorhersage: in naher Zukunft geht das auch auf einer Lüneburger Westumgehung. Dafür bürgt die verkehrspolitische Entscheidung für das Auto als tragendem Eckpfeiler unserer heimischen Wirtschaft. Dem Stau gehört die Zukunft, auch auf der Ortsumgehung. Beim langsamen Dahin-Driften in unseren sportlichen Volkswagen-SUVs können wir innehalten, still und demütig deutscher Ingenieurskunst danken, und unseren bürgernahen und visionären Verkehrs-Politikern. Wie z.B. dem Ministerpräsidenten unseres Landes, der gleichzeitig als VW-Aufsichtsratsvorsitzender seine harte Pflicht erfüllt, Garant für eine wegweisenende, nachhaltige Verkehrspolitik. Passend dazu sind die Gebäude in Lüneburgs Neubaugebieten gemäß Energieeinsparordnung mit Polystyrol wärmegedämmt, erfüllen den Traum vom eigenen Heim und bieten auf Wunsch Laminatfussboden und individuelle Pkw-Stellplätze. Zum nachhaltigen, innerstädtischen Verkehrskonzepts gehört in Lüneburg auch die Parkraumbewirtschaftung (wie in der LZ zu lesen war, bald wohl auch auf den Sülzwiesen, diesem letzten Refugium zahlungsunwilliger Verkehrs-Nonkonformisten). Ich bin sicher: wir werden in der Autostadt Lüneburg viele weitere, vorbildliche Verkehrsplanungs-Aktivitäten erleben. Dazu gehört für mich neben der generationengerechten Autobahnprivatisierung und -Maut natürlich der Lückenschluss ( A39) mit 8-spuriger Trassenführung sowie Tempo 70 im gesamten Stadtgebiet. Auch eine Fahrrad-Steuer zur Finanzierung unserer fortschrittlichen Auto-Infrastruktur ist ja längst überfällig. Denkbar wäre zudem der Einsatz von Oculus-Rift-2-VR-Masken zur allgemeinen Beruhigung der Bevölkerung (nur, falls es mit dem Verkehrsfluss doch mal nicht so klappt). Die High-Tech-Brillen könnten Lüneburgs Autofahrern und Anwohnern den Wienebüttler Weg im Jahre 1972 vorführen, oder die Parkplatz-Situation An der Sülze 1953 . Ich persönlich blicke jedenfalls voller Optimismus in die Zukunft, vertraue voll und ganz der verkehrspolitischen Kompetenz der IHK und den Pressemitteilungen des Verbands der Deutschen Automobilindustrie, Fachkräftemangel hin oder her.

  9. ich bin tatsächlich erstaunt über die begeisterung hier , wenn es um strassen geht, die für die umweltverschmutzung nummer eins zuständig sind, nämlich lärm. dieser lärm nimmt mit jeder strasse zu. statt sich gedanken um verkehrsvermeidung zu machen, wird auf der einen seite gejubelt, wenn eine neue strasse gebaut wird, die nur rein zufällig natürlich und ohne kosten im winter eisfreigehalten werden soll, dieses klappt ja jetzt schon prima, besonders die winterschäden werden ohne kosten umgehend beseitigt und von der anderen seite werden natürlich egoistische einwände gebracht, die man natürlich nicht nachvollziehen kann. die wirtschaft scheint auch hier alle im griff zu haben. man stelle sich vor, deutschland wäre zugepflastert und der verkehr steht trozdem still.

  10. Die Zunahme des Verkehrs ist einfach nur noch als „krank“ zu bezeichnen – und es wird immer schlimmer (auf den alten Strassen). Neue Wohngebiete ausschreiben und keine neuen Strassen bauen … GUTE IDEE (Ironie aus!)
    Liebe Politiker und Stadtplaner, wenn ihr nicht jede Legitimation und jedes Vertrauen beim Bürger (und Wähler) verlieren wollt, dann handelt !!! Wie laneg wollt ihr denn noch unsere schöne Stadt in den Verkehrsinfarkt und den Bürger/Wähler in die Wut treiben?