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Ayfer Evli vor einem Grab auf dem Nordwest-Friedhof. Ein Bereich ist für muslimische Bestattungen reserviert. Foto: t&w

Muslimische Bestattung: Letzte Ruhe lieber in alter Heimat

Lüneburg. Wo ist die Heimat? Da, wo man zu Hause ist, oder da, wo man seine Wurzeln hat? Eine Antwort fällt Canan Erdogan und Ayfer Evli nicht so leicht. Sie leben seit Jahrzehnten in Lüneburg, doch die Familien sind aus der Türkei an die Ilmenau gekommen. Und dem Land ihrer Eltern fühlen sie sich verbunden. Im Alltag machen sie sich nicht viele Gedanken darüber, doch wenn es um den Tod geht, bekommt die Frage der Heimat eine große Bedeutung: „Lasse ich mich in Lüneburg oder in der Türkei bestatten?“

Nur 22 Grabstätten auf dem muslimischen Friedhof

Ein Besuch auf dem muslimischen Friedhof zeigt, dass offenbar viele Muslime ihre letzte Ruhe eher in ihren Herkunftsländern finden wollen. Der älteste Grabstein auf dem mit einer Hecke umrahmten Areal am Stadtrand von Lüneburg stammt aus dem Jahr 2008. 22 Menschen wurden hier bestattet.

Ayfer Evli kümmert sich um Gräber auf dem muslimischen Friedhof am Stadtrand. Foto: t&w
Ayfer Evli kümmert sich um Gräber auf dem muslimischen Friedhof am Stadtrand. Foto: t&w

Das sind wenige, denn es leben Tausende Moslems in Stadt und Kreis. Die Stadt hat nicht erfasst, wie viele Menschen in der Region an Allah glauben. Auch die Frage nach Herkunftsländern konnte das Einwohnermeldeamt nicht beantworten, da viele Zuwanderer inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. 2013 wusste die Verwaltung aber, dass mehr als 600 Bürger eine türkische Herkunft haben. Die meisten von ihnen dürften sich dem Islam zugehörig fühlen. Da in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen aus muslimisch geprägten Teilen der Welt in die Salzstadt gekommen sind, ist der Anteil dieser Glaubensrichtung gestiegen.

Auch Ayfer Evli möchte lieber in ihrer alten Heimat bestattet werden. Da leben viele Verwandte, die sich um ihr Grab kümmern könnten, glaubt sie. Hier in Lüneburg wirken mache der letzten Ruheorte nicht besonders gepflegt: „Nicht immer kommen die Angehörigen hier her.“ Die muslimische Gemeinde werde sich nun stärker darum bemühen. Sie hat zum Ortstermin einen Rechen mitgebracht und harkt Laub zusammen.

Glaubensübergreifend: Sparen für die Bestattung

Gemeinsam mit ihrem Mann habe sie eine Art Bestattungsversicherung abgeschlossen: „Das kostet etwa 50 Euro im Jahr.“ Das Paar spart bei einem Unternehmen so eine Summe an, die dann genutzt wird, um den Leichnam in die Türkei zu überführen. „Das kann sich aber nicht jeder leisten“, sagt sie. Gerade wer als Zuwanderer komme, könne kaum Geld zur Seite legen. Und so gehört es für die Gläubigen in der Moschee am Lüner Weg dazu, für betroffene Familien bei Todesfällen Geld zu spenden.

Solch eine ähnliche Versicherung kennen auch viele christliche Lüneburger: Seitdem die Krankenkassen das Sterbegeld gekappt haben, sparen sie für die Bestattung Beiträge in einer Sterbegeld- oder im Behörden-Deutsch Klein-Lebensversicherung an.

Canan Erdogan, selbst in Lüneburg geboren, hat sich noch nicht entschieden, welchen Weg sie nehmen möchte. Mit Mitte 30 ist der Tod ja auch noch weit weg. Sie sagt: „Meine Kinder werden hier groß und werden hier leben. Wann kommen die in die Türkei?“ Die Familie hat hier Arbeit und Haus, viele Verwandte wohnen in der Nachbarschaft. Da wird Lüneburg dann wohl doch mehr als ein Zuhause und eher zur Heimat. Sie glaubt, dass sich die Frage kommenden Generationen vielleicht kaum noch stellt: Da, wo man lebe, wolle man auch ruhen.

Von Carlo Eggeling

Abschied nehmen

„Du kommst von der Erde und gehst zur Erde“ – nach diesem Grundsatz bestatten Muslime ihre Toten. Ayfer Evli und Canan Erdogan beschreiben die Zeremonie: Der Imam, also der Geistliche, oder ausgewählte Bestatter waschen den Leichnam nach bestimmten Ritualen. „Das kann im Krankenhaus geschehen oder in der Moschee.“ Dann wird der Tote nackt in Leinentücher eingeschlagen. Das Tuch ist aus dem gleichen Stoff, aus dem auch Gewänder für Mekka-Pilger geschneidert werden.

Die Gemeinde nimmt in der Moschee Abschied. Zudem predigt der Imam auf dem Friedhof. Dort wandert der Tote nach Vorstellung der Moslems begleitet von Engeln in die Ewigkeit, um dort auf die Wiederauferstehung zu warten. Wichtig sei, dass das Gesicht des Toten in Richtung Mekka liegt – dort wo die heiligen Stätten des Islam zu finden sind.

Normalerweise soll der Tote sehr schnell bestattet werden, doch Canan Erdogan erklärt, warum es hier anders als in der Türkei und arabischen Ländern gehalten wird: „Nach deutschem Recht hat eine Wartezeit von 48 Stunden nach dem Tod zu erfolgen vor der Beisetzung, daran halten wir uns selbstverständlich.“