Mittwoch , 19. September 2018
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Noch sind Mensch und Tier an der Elbe wenig gefährdet: Die PCB-Konzentration ist hier derzeit nur leicht erhöht. Doch durch Hochwasser kann der giftige Stoff weiter elbabwärts gespült werden. Foto: A/t&w

PCB: Schleichendes Gift in der Elbe

Lüneburg/Hamburg. Wie gefährlich die Situation ist, darüber gehen die Meinungen auseinander, doch fest steht: Seit Monaten schwimmt in der Elbe ein krebserregender Stoff, der Mensch und Umwelt schadet und auch den Hamburger Hafen lahmlegen könnte. „Polychlorierte Biphenyle“, kurz PCB, sind bei der Sanierung einer Eisenbahnbrücke im tschechischen Usti nad Labem im vergangenen Jahr in den Fluss gelangt. Der giftige Schlick wandert seitdem langsam mit der Strömung in Richtung Nordsee. „Es handelt sich um eine der größten Umwelthavarien der vergangenen Jahre“, erklärt Jan Dube, Sprecher der Hamburger Umweltbehörde. Für den Hafen der Elbmetropole könnte das PCB gravierende Folgen haben, wenn es sich dort in Sedimenten ablagert und das Baggergut kontaminiert.

Auch die Folgen für die Natur könnten verheerend sein: „Es ist abzusehen, dass dieses Schadereignis gravierende ökologische Folgen im gesamten Flussverlauf haben wird, die über Jahre andauern werden“, heißt es in einem Bericht der Hamburger Umweltbehörde.

„Es ist abzusehen, dass dieses Schadereignis gravierende ökologische Folgen im gesamten Flussverlauf haben wird.“
Auszug aus einem Bericht der Hamburger Umweltbehörde

Im Gebiet der Unterelbe und der Elbtalaue ist die Lage jedoch bisher entspannt, meint Dube. „Hier sehe ich derzeit keinen dringenden Handlungsbedarf, es geht vor allem um Information“. Der Bericht der Umweltbehörde zeige, dass die Konzentration des PCB-Schadstoffs in der Elbe auf den 500 Kilometern bis Schnackenburg deutlich abnehme. „Außerdem wurden in Tschechien in den vergangenen Wochen Sanierungsmaßnahmen ergriffen. In den dortigen, stärker belasteten Gebieten hat sich Vieles im Uferbereich abgelagert, diese Sedimente konnten ausgebaggert und aus der Elbe entfernt werden.“ Dadurch werde es keinen weiteren Eintrag von PCB mehr geben, der dann die Elbe hinunterfließen kann. Dubes Kollege aus der Umweltbehörde, Björn Marzahn, sagte hingegen gegenüber Sat.1: „Das hätte aber vor einem Jahr gemacht werde müssen. Der eigentliche Schaden ist schon entstanden, das PCB ist unterwegs.“

Für Menschen bestehe im Gebiet der Unterelbe derzeit eine nur sehr gering erhöhte Gefahr, sagt Dube. „Angler sollten wissen, dass die Elbfische in geringen Anteilen PCB aufgenommen haben könnten, was bei deren Verzehr auch den Menschen betrifft.“

Gleiches gelte in der kommenden Weidesaison für Kühe, die aus der Elbe trinken oder nach Hochwasser sich von dem Gras der anliegenden Wiesen ernähren, auf denen sich nach einem Hochwasser PCB ablagern könnte. „Aber die Gesamtbelastung der Elbe mit Schadstoffen hat sich durch die Havarie in Tschechien nicht wesentlich verschlechtert“, so Dube. Die Verzehrempfehlung von maximal zwei Kilogramm Elbfisch pro Kopf und Monat könne daher bedenkenlos weiter ausgesprochen werden. Auch müssten keine besonderen landwirtschaftlichen Maßnahmen in der Region getroffen werden.

Hintergrund: 2015 wurde bei Ústi nad Labem eine 120 Meter lange und zwölf Meter breite Eisenbahnbrücke saniert. Abgeschliffen wurde dabei ein alter PCB-haltiger Anstrich, die Farbreste fielen in die Elbe. Experten gehen davon aus, dass mehr als 20000 Liter Farbe von der Brücke abgetragen wurden, berechnet wurde ein PCB-Anteil von 100 Kilogramm, der in die Elbe unterhalb der Eisenbahnbrücke gelangt ist.

Steigt in den kommenden Monaten die PCB-Belastung im Hamburger Hafenschlick über einen Grenzwert, dürfte dieser nicht mehr vor Helgoland in der Nordsee entsorgt werden. Eine Deponierung an Land gilt als technisch ausgeschlossen. Folge: Es droht ein Baggerverbot. Dieses würde Hamburgs Hafen hart treffen. „Als Folge wäre die sichere Erreichbarkeit des Hafens für Seeschiffe mindestens temporär gefährdet“, warnen Umweltbehörde und Hafenverwaltung.

„Derzeit haben wir an der Bunthäuser Spitze schon erhöhte Mengen, die tun aber noch niemandem im Ökosystem weh. Wenn mehr Wasser die Elbe herunterkommt, etwa nach der Schneeschmelze, könnte aus der mittleren Elbe, wo es hohe Ablagerungen gibt, mehr PCB zu uns gelangen“, sagt Volker Dumann von der Umweltbehörde. Unklar ist, was dies für das Baden in der Elbe bedeuten würde. Da sich jedoch PCB im Fettgewebe von Tier und Mensch anreichert, würde schon bei geringer Dauerbelastung die Gefahr für Menschen durch den häufigen Verzehr von Elbfischen steigen.

Von Robin Williamson und Timo Jann

PCB

„Polychlorierte Biphenyle“ sind giftige und krebsauslösende organische Chlorverbindungen, die bis in die 1980er-Jahre vor allem in Transformatoren, Hydraulikanlagen sowie als Weichmacher verwendet wurden, etwa in Fensterverdichtungen, aber auch in Farben.

Seit 2001 ist die Herstellung und Anwendung weltweit verboten. Die akute Toxizität von PCB ist gering, eine chronische Toxizität dagegen schon bei niedrigen Gehalten und Konzentrationen festzustellen.