Aktuell
Home | Lokales | Gellersen | Minister Wenzel setzt beim Wolf auf Zäune
Zaunbau statt Flinte: Schäfer Gerd Jahnke und umweltminister Stefan Wenzel im Gespräch vor den Schafen: Der Politiker stellte in Südergellersen sein Konzept für den Schutz der Herden vor dem Wolf vor. Foto: t&w

Minister Wenzel setzt beim Wolf auf Zäune

Südergellersen. „Absolut nichtssagend! Der Minister eiert rum! So kommen wir kein Stück weiter!“ Geht es nach Stefan Erb, Schäfer aus Bleckede, hat der Termin mit Umweltminister Stefan Wenzel gestern Nachmittag wenig bis gar nichts gebracht. Der grüne Landespolitiker hatte kurzfristig Schafhalter Gerd Jahnke in Südergellersen einen Besuch abgestattet, nachdem dessen Herde in den vergangenen Tagen dreimal vom Wolf heimgesucht worden war (LZ berichtete). Die Schäfer sind aufgebracht, fordern wirksame Maßnahmen gegen den Wolf. Wenn es sein muss, auch den Abschuss des Räubers. Doch davon will Wenzel nichts wissen, sieht stattdessen zuerst die Nutztierhalter in der Pflicht. Und das machte er gestern gegenüber Jahnke und seinen Kollegen deutlich.

„Überall dort, wo es in Europa Wölfe gibt, wo die Tiere bereits länger etabliert sind und Probleme machen, werden sie geschossen, warum nicht auch bei uns?“, fragte Jahnke und setzte nach. „Wir sind am Ende, wissen nicht mehr, wie wir unsere Tiere schützen sollen!“ Darauf Wenzel: „Es nutzt dem Herdenschutz nichts, wenn die Wölfe geschossen werden.“ An erster Stelle, so Wenzel weiter, müsse immer ein ordentlicher Zaun stehen.

Umweltminister zieht Zaun der Flinte vor

Allerdings räumte auch er ein, dass das Problem mit dem Wolf nicht mehr hundertprozentig in den Griff zu bekommen sei. Deshalb unterstütze das Land mit 80 Prozent der Materialkosten für den Zaun. Zudem hätte das Land alleine in diesem Jahr Tierverluste durch Risse im Rahmen einer freiwilligen Leistung mit bislang 22000 Euro ausgeglichen. Mit Unternehmen stehe man im Kontakt, um weitere technische Verbesserungen herbeizuführen. Die Zäune müssten hoch genug sein, oben ausgestattet mit Flatterband, mit vernünftigem Untergrabungsschutz und sie müssen stromführend sein, erläuterte der Minister seine Sicht des bestmöglichen Herdenschutzes.

Wolf gehört nicht ins Jagdrecht

Andere Möglichkeiten, nämlich den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen oder sich bei der EU für die Minderung des Schutzstatus für den Wolf stark zu machen, dafür sieht Wenzel keine Veranlassung.

Schäferin Verena Jahnke demonstriert mit ihrem Hund, wie leicht die Mindesthöhe der Schutzzäune übersprungen werden kann. Foto: t&w
Schäferin Verena Jahnke demonstriert mit ihrem Hund, wie leicht die Mindesthöhe der Schutzzäune übersprungen werden kann. Foto: t&w

Im Übrigen zeige die Statistik des Landwirtschaftsministeriums, dass in Niedersachsen die Zahl der Schafe und der schafhaltenden Betriebe seit 2013, trotz wachsender Wolfspopulation, gestiegen sei, die Zahl der Nutztierrisse im Vergleichszeitraum von 2015 auf 2016 stagniere, in einigen Bereichen sogar rückläufig sei. Zahlen, die der Minister gerne zitiert. Schäfer Gerd Jahnke und seine Kollegen allerdings haben derzeit eine ganz andere Wahrnehmung. Für sie ist der Wolf tödliche Realität. Vom Minister hätten sie sich klarere Worte gewünscht. kre

„Tierhaltung muss sich dem Wolf anpassen“

Reinstorf. Mittwochabend. Der Saal des Helnan-Hotels in Reins­torf füllt sich. Mehr als 150 Bürger sind der Einladung von Samtgemeindebürgermeister Norbert Meyer (SPD) und Bürgermeisterin Marion Brohm (CDU) gefolgt. Es geht um den Wolf. Der ist dabei, Stück für Stück seiner alten Heimat zurückzuerobern. Das haben so manche Schäfer und Damwildbesitzer auch in der Samtgemeinde Ostheide durch Wolfsrisse bereits leidvoll erfahren. Entsprechend groß ist die Verunsicherung in der Bevölkerung. „Ich habe Angst“, gibt eine Reinstorferin unumwunden zu: „Wie sollen wir uns verhalten?“ Eine Wendhausenerin fragt: „Besorgte Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr am Ortsrand in der Nähe von Wildgattern spielen. Besteht eine Gefahr für Menschen?“

Forderung des Expertenkommt nicht gut an

Antworten erhoffen sich die Zuhörer von Wolfsberater Uwe Martens vom „Freundeskreis Wolf“. Der Experte aus Embsen allerdings begrüßt die Rückkehr des Wolfes und sagt: Für Menschen sehe er keine Gefahr. Aber: „Die Tierhaltung muss sich dem Wolf anpassen.“

Eine Forderung, die nicht gut ankommt im Publikum. Denn, wenn der Wolf weiter Terrain erobert wie bisher, sind Tausende Tierhalter betroffen. „Was für ein Irrsinn“, schimpft ein Zuhörer und setzt nach: „Wer soll das denn bezahlen?“ Das ist eine der wenigen Momente an diesem Abend, an dem Martens die Fassung zu verlieren droht: „Wenn Sie den Steueranteil bei der Finanzierung der Elbphilharmonie abziehen, kann man davon 20 Jahre die Schutzmaßnahmen für alle Tierhalter bezahlen“, erwidert er.

Auf Einladung der Samtgemeinde stellte sich Wolfsberater Uwe Martens den Fragen der Bürger. Foto:  t&w
Auf Einladung der Samtgemeinde stellte sich Wolfsberater Uwe Martens den Fragen der Bürger. Foto: t&w

Die Diskussion nimmt Fahrt auf: „Die privaten Tierhalter haben schon genug Probleme“, ruft ein älterer Herr, der mit der „Wolfs-Euphorie“ wenig anfangen kann. Er kritisiert das Konzept des Wolfsberaters, der Elektrozäune, Flatterbänder und Zäune mit Untergrabungsschutz als wirksame Möglichkeiten zum Schutz von Weidetieren empfiehlt. „Deutschland ist schon zersiedelt, jetzt sollen auch noch mehr Zäune in die Landschaft“, empört sich der Reinstorfer und erinnert daran, dass die Schutzmaßnahmen zu Lasten anderer Wildtiere gehen: „Hasen, Füchse, aber auch Rehe verfangen sich in den Zäunen“, warnt der Mann, „das ist doch ein Unding“.

In Polen gebe es kaum noch Wildbestände, weil dort die Wölfe überhandgenommen hätten, wirft ein anderer Zuhörer ein. Eine Gefahr, die viele im Saal bei der derzeitigen Entwicklung und der praktizierten „Willkommenskultur für den Wolf“ auch für Deutschland befürchten.
Einigkeit nur bei der Frage der Entschädigung

Manche Zuhörer waren schon bei der Info-Versammlung vor zwei Jahren in Amelinghausen dabei und ziehen jetzt in Reins­torf frustriert Bilanz: „Es ist überhaupt kein Fortschritt zu erkennen. Es geht anscheinend nur um das Wohlergehen des Wolfes, nicht der Menschen.“

Bei einem Punkt allerdings sind Wolfsberater und Kritiker auf einer Linie, nämlich bei der Frage der Entschädigungen. In Niedersachsen muss erst nachgewiesen werden, dass das Weidetier von einem Wolf gerissen wurde, bevor es eine Entschädigung gibt. Dieser endgültige DNA-Beweis kann Wochen, wenn nicht Monate dauern. In Mecklenburg-Vorpommern haben es die Behörden anders geregelt: Voraussetzung dort für die Entschädigung ist die „unverzügliche Benachrichtigung des Landesamts für Umwelt, Naturschutz und Geologie oder der vom Land benannten Rissgutachter, und zwar direkt nach Feststellung des Schadens, in der Regel innerhalb von 24 Stunden“. Samtgemeindebürgermeister Meyer versprach: „Diese Forderung nehme ich aus der Veranstaltung heute mit.“

Von Klaus Reschke

47 Rudel in Deutschland

Die Population des Wolfes hat in Deutschland erheblich zugenommen. Experten gehen von 47 Rudeln mit rund 500 erwachsenen Wölfen und 165 Welpen aus. Dass diese Zahl jährlich steigt, ist politisch gewollt: Um eine stabile Wolfspopulation zu erreichen, geht die FFH-Richtlinie von 1000 erwachsenen Individuen aus.

Fest steht: Die Wölfe werden sich exponentiell weiter vermehren – und aus Sicht mancher Kritiker noch erheblich mehr Probleme bereiten. Befürworter wie Uwe Martens dagegen glauben, dass die Natur sich ab einer gewissen Obergrenze selbst regulieren wird. Er ist deshalb gegen das Eingreifen des Menschen.

 

7 Kommentare

  1. Tom Schulze-Helmke

    Es hat schon einen Sinn, das nicht jeder Artenschutz entsprechend seinen eigenen Interessen praktizieren kann. Und irgendwann müssen wir lernen wie mir mit und nicht gegen die Natur leben und wirtschaften. Sonst machen wir die gleichen Fehler wie früher und das Artensterben geht immer weiter. Einfach mal einen Wolf abschießen bringt nichts, im Gegenteil können dadurch noch mehr Probleme entstehen. Zum Glück weiß Minister Wenzel das. In unser Facebookgruppe „Schützt die Wölfe“ hoffen wir, dass sich die Vernunft gegen blinden Aktionismus durchsetzt.

    • Mit reichen in Deutschland die Gehege Wölfe zum Artenschutz. Diese Bürokraten und Kuscheltier Liebhaber haben überhaupt keine Vorstellung mehr, was für eine Arbeit hinter einer Nutztierhaltung steht. Diese Damen und Herren sollten mal 1 Monat den Arbeitsalltag von freier Nutztierhaltung mitmachen, dann würden sie erleben was Maloche ist. Dieses sinnlose Zaunthema um Bürokraten zu befriedigen ist gar nicht durchzuhalten und Arbeitsmäßig zu schaffen. Die Folge wird eine Vergatterung der Landschaft sein für Pferde etc. und ein zurück drängen der Freien Nutztiere in industrielle Komplexe. Hochachtung für Herrn Jahnke, dass er den Umweltminister wegen seiner Ignoranz nicht gleich in den Boden gerammt hat. Fragt sich, wie lange die Leute noch an sich halten können.

    • Ja, Herr Schulze-Helmke, so etwas kann man fein schreiben, wenn man selbst nichts dafür berappen muss, sich selbst nicht den Buckel krumm arbeiten und davon leben muss.
      Wann kommen Sie denn mal vorbei und packen mit an ? Wikiwolves ist eine tolle Erfindung, die unerklärlicherweise an mangelnden Mitarbeitern kränkelt, obwohl doch so viele Experten sich immer für die diversen Schutzmaßnahmen einsetzen und sie für umsetzbar halten.
      Ach so, geht ja nicht. Dann können Sie ja nicht mehr rund um die Uhr unter jeden im Netz erscheinenden Artikel, der den Begriff Wolf beinhaltet, ihre klugen Erstkommentare setzen.

  2. Wenzel:..„Es nutzt dem Herdenschutz nichts, wenn die Wölfe geschossen werden.“… was ist das für ein Satz? Ist das Lüge oder lächerlich machen des Schäfers oder purer Populismus der ja so gerne heute unterstellt wird? Ich bezweifel mal die Tauglichkeit des Ministers. Es gibt keinen besseren Herdenschutz, als den Wolf kurz zu halten.

  3. Hendrik Andre Schulz

    Man kann auch mal gegen EU Richtlinien anstinken – wenn man sich da nicht hinterklemmt wandern sicher auch Wähler ab. Hier am westlichen Rand einer großen Wolfspopulation muss man um die Art nicht fürchten. Warum also sollte man den Wolf nicht vorsorglich dem Jagdrecht unterstellen ? Das wäre in jedem Fall kurzsichtig. In der Göhrde ist das Muffelwlldvorkommen nahezu erloschen – da wird Naturschutz mit zweierlei Maß gemessen, was Biodiversität betrifft. Nach dem Modell des Rotwildes ( Rotwild freie Zonen ) wäre das auch beim Wolf angebracht. Zudem würde der angewölfte Respekt gegenüber dem Menschen auch erhalten bleiben – diesen hat man ja nur Pulver, Blei und Stahl zu verdanken. Man soll sich auch nicht vormachen lassen, dass der Wolf dem Menschen gegenüber immer zurückhaltend ist ….. das ist eine Frage der Situation und des jeweiligen Tieres.

  4. wenn geschäftsleute ihre wandelnden fleischtheken ungeschütz zur schau stellen, sollte man sich über ungebetene gäste nicht wundern. eine intakte natur ist weit aus wichtiger, als jeder fleischberg. den schafen sollte es egal sein, von wem sie gefressen werden. http://www.chefkoch.de/rezeptsammlung/231052/Lamm-Hammel-Schaf-Ziege.html