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In der Anfangsphase des seit Februar 2015 laufenden Mammutprozesses wurde das Landgericht von einem starken Polizeiaufgebot bewacht. Foto: A/phs

Polizeipannen bei Ermittlungen gegen Russenmafia

Lüneburg. Die Zentrale Kriminalinspektion Hannover betrat 2009 kriminalistisches Neuland, als sie in die Ermittlungen gegen die „Diebe im Gesetz“ einstieg. Das sagte nun der Hauptermittlungsführer vor der 1. Großen Strafkammer am Landgericht aus. Er gab einen Einblick in die Polizeiarbeit in diesem Fall, bei der es auch Pannen gab. Es war bereits der 133. Hauptverhandlungstag in dem im Februar 2015 gestarteten Prozess.

Die sechs Angeklagten zwischen 35 und 62 Jahren mit deutscher, russischer, kasachischer, armenischer, tschechischer und türkischer Staatsangehörigkeit sollen 15 Straftaten begangen haben, drei von ihnen wird auch die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Vier der Angeklagten sollen hochwertige Geräte, Fahrzeuge und Maschinen für eine Briefkastenfirma geleast oder Waren wie Obst eingekauft haben die dafür angefallenen Ratenzahlungen aber hätten sie nicht erbracht. Entstanden sei so ein Schaden in Höhe von 450000 Euro. Alle kommen aus dem Raum Hannover, verhandelt wird in Lüneburg, weil hier die Staatsschutzkammer sitzt.

Empfangskomitee für einen der Bosse am Flughafen

Der Kriminalhauptkommissar schilderte, dass sein Fachkommissariat damals überrascht worden sei von einem mehrtägigen Hannover-Besuch eines hochrangigen russischen Diebes im Gesetz: „Er wurde von einem Empfangskomitee am Flughafen abgeholt. Aus einer Verlegenheit heraus mussten wir die Schutzpolizei bitten, Observationsfotos zu machen.“ Strafrechtliche Vorwürfe habe man dem inzwischen verstorbenen Mann damals nicht machen können: „Wir wollten aber wissen, was ein Dieb im Gesetz bespricht und mit wem er sich trifft und dann den Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung untermauern.“

Erst bei seinem zweiten Besuch in einem Hannoveraner Hotel gab es eine „akustische Überwachung“ der Lobby, Gespräche des Mannes mit mutmaßlichen Bandenmitgliedern wurden mitgehört: „Wir wussten allerdings nicht, mit wem er spricht, konnten die Leute nicht identifizieren.“ Beim dritten Besuch dann wurden Kameras in der Lobby installiert, Bild und Ton wurden live in einen Besprechungsraum der Polizei übertragen, das Gesprochene wurde von einer Dolmetscherin übersetzt. Einige der Gesprächspartner konnten beim Vergleich mit Fotos, die der Polizei bereits vorlagen, identifiziert werden, andere Namen wurden über die Autokennzeichen herausgefunden. Der mutmaßliche Boss wurde laut Kommissar aber nicht rund um die Uhr bewacht, die Observation erfolgte hauptsächlich auch nur in dem Hotel.

Dabei wurde das Fachkommissariat von Mobilen Einsatzkommandos unterstützt. Und deren Beamte waren so eifrig, dass sie versehentlich ein anderes Mobiles Einsatzkommando aus Schleswig-Holstein observierten, das in einem völlig anderen Fall mit einem Georgier im Hotelbereich im Einsatz war und die Einsatzkräfte aus dem hohen Norden nahmen die Hannoveraner Kollegen ins Visier.

Der Prozess ist bis kurz vor Weihnachten terminiert, allerdings Weihnachten 2017.

Von Rainer Schubert