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Möglichkeiten, im Strandkorb zu sitzen, hätte er an seinem Arbeitsplatz definitiv: Im Moment hat Korbflechtermeister Helmut Jentzsch dafür allerdings kaum Zeit. Anfang des Jahres starten die für ihn so wichtigen Haus- und Gartenmessen. Foto: t&w

Lüneburg – Hauptstadt des Strandkorbs

Von Manuela Gaedicke

Bardowick/Lüneburg. Helmut Jentzsch hat heute keine Zeit, um im Strandkorb zu sitzen. Bis Ende des Jahres muss alles fertig sein, denn im Januar geht es wieder los mit den Haus- und Gartenmessen. Dann lädt er seine Bardowicker Strandkörbe in einen Lkw und transportiert die schweren Möbel mit den bunten Polstern quer durch die Repu­blik, um dort auf Kunden zu treffen, „die eigentlich gar nicht vorhaben, einen Strandkorb zu kaufen“, sagt der Korbflechtermeister und schmunzelt. „Viele überlegen sich das spontan, weil sie sich reinsetzen und plötzlich so einen haben wollen“, erzählt Jentzsch, der mit seiner Firma vor einiger Zeit von Handorf nach Bardowick umgezogen ist.

Unternehmen verzeichnen wachsende Umsatzzahlen

Strandkörbe für den Privatgebrauch zu flechten – diese Idee kam ihm vor gut 25 Jahren. „Zuerst haben viele Leute das belächelt. Da hieß es, ein Strandkorb gehört an die See“, erzählt der Unternehmer. Mittlerweile kann Jentzsch jedes Jahr wachsende Umsatzzahlen schreiben. Seine Luxus-Versionen des guten alten Ostseestrandkorbes kommen an. Die Kunden, die in seinem Verkaufsraum Accessoires wie Champagner-Kühler und Messing-Beschläge bestaunen, sind bereit, 2000 bis 3000 Euro für ihr neues Möbel-Stück auszugeben.

Ein Hauch von Ostsee in Lüneburg? Dieser Strandkorb auf einem Spielplatz im Hanseviertel gehört zu den Neuzugängen in der Hansestadt. Mittlerweile gibt es in und um Lüneburg vier Hersteller, die sich auf Luxus-Gartenmöbel spezialisiert haben. Foto: t&w
Ein Hauch von Ostsee in Lüneburg? Dieser Strandkorb auf einem Spielplatz im Hanseviertel gehört zu den Neuzugängen in der Hansestadt. Mittlerweile gibt es in und um Lüneburg vier Hersteller, die sich auf Luxus-Gartenmöbel spezialisiert haben. Foto: t&w

„Zuerst haben viele Leute das belächelt. Da hieß es, ein Strandkorb gehört an die See.“
Helmut Jentzsch, Unternehmer

Ein Trend, den auch Mitbewerber bestätigen. „Früher hat man sein Wohnzimmer eingerichtet. In den vergangenen zehn Jahren entdecken immer mehr Leute auch den Garten als Raum und fangen an, diesen entsprechend einzurichten“, erzählt Julia Roeckner, Pressereferentin bei Dedon. Die Lüneburger Firma war eine der ersten, die Luxus-Outdoor-Möbel salonfähig gemacht hat. Mittlerweile hat sich mit Gloster im Lüneburger Hafen ein weiterer Hersteller von hochwertigen Möbeln für den Außenbereich angesiedelt. Der Markt: „Immer noch wachsend“, sagt Julia Roeckner. Auf den großen Möbelmessen seien mittlerweile ein Drittel der Ausstellungsfläche reserviert für Liegen, Lounges – und eben Strandkörbe.

Davon profitiert auch die Firma „Bel Garden“, die seit zwei Jahren in Lüneburg Strandkörbe verkauft. An der A39 stehen auf 2200 Quadratmetern Verkaufs- und Lagerfläche circa 800 verschiedene Versionen des Ostsee-Klassikers. Auch hier: Jedes Jahr wachsende Umsatzzahlen. Wo­ran das liegen könnte? „In einem schlechten Sommer haben Sie von normalen Gartenmöbeln nicht viel“, erzählt Geschäftsführer Tilman Christians. „In einem Strandkorb können Sie, solange die Sonne scheint, auch noch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sitzen.“ Strandkörbe im Schnee seien trotzdem nicht der Verkaufsschlager. „Einige verschenken das aber ganz gerne als Gutschein zu Weihnachten“, sagt Christians, der mit dem Hauptteil seiner Firma in Jesteburg sitzt. Hauptverkaufszeit im Handel sei ganz klar der Frühling.

„In den vergangenen zehn Jahren entdecken immer mehr Leute auch den Garten als Raum.“ Julia Roeckner, Pressereferentin bei Dedon

Wandel hin zu einem Status-Symbol

Dann kommt auch die Zeit, in der wieder mehr Kunden bei Helmut Jentzsch in Bardowick anklopfen. Seine Hauptzielgruppe: die „Generation 50plus“, deren Kinder schon größer sind „und die sich noch mal was Nettes gönnen wollen“. Der schicke Strandkorb sei für viele auch eine Art Statussymbol, etwas, das man Besuchern gerne zeigt. Dafür tüftelt Jentzsch immer wieder an neuen Ideen, hat auf einiges sogar Patente angemeldet.

Das Handwerk an sich – dagegen sehr solide. Auf 800 Quadratmetern wird in Bardowick geleimt, genäht und gepolstert. Sechs Mitarbeiter sind im Einsatz, Jentzsch hilft mal hier, mal da. Er kann alles selbst, „außer nähen“. Seine Spezialität: das Flechten. Dass er diese Familientradition bis heute fortführen konnte, das hat er sicherlich dem plötzlichen Boom der Strandkörbe zu verdanken. Damit hätte er vor Jahren selbst nicht gerechnet. „Viele sagen, jetzt müsste doch mal Schluss sein, doch es geht immer noch weiter“, erzählt der 65-Jährige fast ungläubig.

In Rente zu gehen, kommt für ihn noch lange nicht in Frage. Dafür mache er den Job zu gerne. Und die Möglichkeit, während der Arbeit im Strandkorb zu sitzen, sie wäre zumindest da.

 

In Zahlen

123 Kilometer sind es von Lüneburg bis ans Meer – und trotzdem gibt es in und um die Hansestadt fast 1000 Strandkörbe. Das ist immerhin ein Drittel aller Sitzgelegenheiten, die Westerland auf Sylt sein Eigen nennt. Und es sind sogar mehr Strandkörbe, als bei der jüngsten Inventur an den Stränden vom Sylter Ortsteil Rantum gezählt wurden.

Die Lüneburger Strandkörbe befinden sich bis auf wenige Ausnahmen wie den großen Strandkorb auf dem neuen Spielplatz im Hanseviertel allerdings allesamt in Lagern und Verkaufsräumen. Und von denen gibt es einige: Zählt man die Hersteller von Luxus-Outdoor-Möbeln dazu, haben sich vier Firmen angesiedelt, die sich auf hochwertige Gartenmöbel spezialisiert haben – Tendenz steigend. gae