Donnerstag , 20. September 2018
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Viele Pendler, viele junge Familien. Gerade in einer Stadt wie Lüneburg ist die Vereinbarkeit zwischen Kindern und Karriere ein Dauerthema. Die Hansestadt setzt sich für längere, flexible Betreuungszeiten ein. Foto: A/phs

Bis zum Abendessen in der Kita

Von Manuela Gaedicke
Lüneburg. Tina Ebeling kennt den Stress berufstätiger Eltern. Zugausfall beim Metronom, Stau auf der A39 oder eine kurzfristige Abgabe, die den pünktlichen Feierabend plötzlich zunichte machen. Die Erzieherin hat schon viele Eltern erlebt, die es „so gerade eben“ in die Kita geschafft haben. Mit schlechtem Gewissen, weil die Tochter oder der Sohn schon angezogen vor der Tür saßen. „Wir versuchen, den Eltern den Zeitdruck zu nehmen. Viele sind jetzt entspannter, weil sie wissen, dass wir länger da sind und ihr Kind hier gut aufgehoben ist“, berichtet die Leiterin der neuen Kita „Hansekids“ in der ehemaligen Schlieffenkaserne.

Seit November spielen in den großen Räumen die ersten Kinder. Das Besondere: Hier gibt es auch Abendessen, denn die Kita ist bis 19.30 Uhr geöffnet — und damit deutlich länger als die meisten anderen Einrichtungen in der Stadt. Auch Öffnungszeiten bis 22 Uhr oder gar über Nacht waren vor der Eröffnung im Gespräch.

„Die Kinder gucken nicht auf die Uhr“

Eher verhalten sind bislang allerdings die Eltern, viele haben ihre Kinder bis 17 oder 18 Uhr angemeldet. Über die Möglichkeit, die Zeiten bis 19.30 Uhr auszudehnen, müssten Mütter und Väter jetzt erst einmal nachdenken, sagt Leiterin Tina Ebeling. „Diese Option bedeutet für die Eltern immer auch das Gefühl, nicht für ihr Kind da zu sein. Viele tun sich schwer damit.“ Auf der einen Seite sei da der Wunsch und die Notwendigkeit, arbeiten zu gehen. Auf der anderen Seite aber häufig auch ein schlechtes Gewissen. Tina Ebeling erinnert sich gut daran, wie sie sich früher häufig rechtfertigen musste, weil sie ihre Kinder in eine Krippe gab. „Vor gut 20 Jahren war die Situation in Lüneburg noch eine ganz andere. Da waren Ganztagsangebote die Ausnahme“, berichtet die studierte Grundschullehrerin.

Vor 20 Jahren waren die Ganztagsangebote die Ausnahme

Das ist heute anders. Die große Mehrheit der Kitas und auch viele Tagesmütter in der Stadt bieten Betreuungszeiten von 7 bis 17 Uhr, die beiden Kindertagesstätten in der Nähe des Klinikums sowie der Psychiatrischen Klinik sind morgens sogar schon um 5.45 Uhr geöffnet. Eltern im Schichtdienst seien auf diese Flexibilität angewiesen, betont Siegrid Neumann, Leiterin der Kita „Brockwinkler Wald“. Auch die Randzeiten am Abend, die immerhin eine Betreuung bis 18.45 Uhr vorsehen, seien für einige Eltern sehr wichtig. „Angemeldet sind im Moment zehn Kinder, von denen die meisten aber bis 18 Uhr abgeholt werden“, berichtet Neumann. Meistens hätten die Kinder am wenigsten Probleme damit, so lange in der Einrichtung zu spielen. „Sie fühlen sich wohl. Und gucken nicht auf die Uhr.“ Damit die Kinder nicht zu lange in der Fremdbetreuung bleiben, schreiben viele Einrichtungen allerdings eine Höchststundenzahl vor.

In der Kita am Klinikum, die ebenfalls sehr lange geöffnet hat, liegt diese bei neun Stunden. „Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, die Zeiten auszuweiten“, sagt Kita-Leiterin Nicole Waßmann, „Aber man muss natürlich auch gucken, dass man den Kindern zwischendurch Ruheangebote macht.“

Kinder können auch am späten Vormittag gebracht werden

Darauf legt auch die Kita „Hansekids“ großen Wert. Jeden Mittag gebe es auch für die größeren Kinder eine Mittagspause, in der sich alle hinlegen und Geschichten vorgelesen werden, erzählt Leiterin Tina Ebeling. Erst danach werde weitergespielt. Das Gute am Ganztagsbetrieb: „Wir können auch nachmittags viel mit den Kindern unternehmen und Angebote machen.“ Das sei anders, wenn die meisten Kinder schon am frühen Nachmittag abgeholt werden. Damit das Kind nicht zu lange in der Betreuung ist, haben die Eltern an den „längeren“ Tagen die Möglichkeit, das Kind erst am späten Vormittag in die Kita zu bringen — eine Möglichkeit, die es im regulären Betrieb meist nicht gibt. Für diese Flexibilität seien viele Eltern dankbar. „Viele fangen jetzt erst an, darüber nachzudenken, dass sie ihre Arbeitszeit auch anders gestalten könnten. Vorher gab es das Angebot einfach nicht.“

In Zahlen

In Lüneburg gibt es derzeit 628 Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren. Dazu kommen Plätze bei 84 Tagesmüttern oder -vätern, die sich hauptsächlich um die „Unter-Dreijährigen“ kümmern und bis zu fünf Kinder gleichzeitig betreuen können. Demnach werden mehr als 1000 Kinder unter drei Jahren in Lüneburg betreut.

Für Kindergartenkinder (drei bis sechs Jahre) gibt es insgesamt 2262 Plätze, von denen 441 auf den Vormittag fallen. Die große Mehrheit der Kinder bekommt auch das Mittagessen in der Kita: 669 Kinder haben einen sogenannten „Zwei-Drittel-Platz“ bis 14 Uhr, 1152 Plätze stehen in der Ganztagesbetreuung (bis 16 Uhr und teilweise länger) zur Verfügung.

>>>Das Småland Lüneburgs

2 Kommentare

  1. Markus Schieferstein

    Armes Deutschland – Kinder sind Balast.

    • Nein … Kinder sind KEIN Ballast. Aber oft müssen die Eltern beide (!) vollzeit Arbeiten um die ganze Geschichte hier zu bezahlen (Wohnung, Sprit, Kredit, Steuern, Kindergarten, Krankenzusatzversicherung, Urlaub, …). Ich kenne Leute die arbeiten nur um den Kindergarten (Ganztags) bezahlen zu können. Und die Kinder gehen in den Ganztageskindergarten damit die Eltern arbeiten gehen können. Warum dann das alles ? Rente .. sonst droht Altersarmut.