Dienstag , 25. September 2018
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Sascha Paul findet dank der Blindenschrift auf Geldautomaten zwar den Karten- und Geldschlitz, auch ein Teil der Tasten sind für ihn lesbar. Trotzdem kann er allein kein Geld abheben, weil alle Anweisungen auf dem Bildschirm erscheinen. Foto: t&w

Wenn barrierefreie Geldautomaten schwer zu finden sind…

Von Anna Sprockhoff
Lüneburg. Politiker versprechen Gleichstellung in allen Bereichen. Kommunen investieren auf dem Weg zur Inklusion Millionen. Und in Artikel 3 des Grundgesetzes steht: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Doch Tatsache ist: Der Alltag bleibt für Menschen mit Handicap auch in Stadt und Landkreis Lüneburg ein ständiger Kampf. Was genau das heißt? Zum Beispiel, dass man als Blinder ohne Hilfe nur verdammt schwer an Bargeld kommt.

Sascha Paul ist 34, als er 2001 das letzte Mal einen Geldautomaten bedient. Der Lüneburger und Vorsitzende des Regionalvereins Nord-Ost im Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen kann schon damals nur noch verschwommen sehen, doch es reicht, um im richtigen Moment das Richtige zu tun. Er steckt die Karte in den Schlitz, drückt den Knopf „Geld abheben“, gibt seine Geheimnummer und Betrag X ein — noch sind es auch für ihn Selbstverständlichkeiten. Doch schon wenige Wochen später kann er die Anweisungen auf dem Monitor nicht mehr erkennen, Standardautomaten in deutschen Bankfilialen allein nicht mehr bedienen. Für Paul ein weiterer bitterer Moment, in dem er realisieren muss, was es bedeutet blind zu werden.

Fast überall auf Hilfe angewiesen

Von Geburt an kann Sascha Paul nur eingeschränkt sehen, er wächst mit dem Handicap auf — und sagt: „Ich hatte trotzdem keine Vorstellung davon, wie es ist, wirklich blind zu sein“. Solange er noch Schemen erkennen, hell und dunkel unterscheiden konnte, sei er in der Lage gewesen, sich einigermaßen zu orientieren. „Seitdem ich gar nichts mehr sehen kann, bin ich fast überall auf Hilfe angewiesen.“

Ein Spaziergang durch die Stadt, Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Bedienen digitaler Technik: Das Geldabheben ist in Pauls Alltag nur eine Hürde von vielen. Doch das Beispiel zeigt, wie schwerfällig sich Deutschland mit der Gleichstellung tut — und wie komplex die Umsetzung ist.

Gut gemeint, „aber offenbar nicht zu Ende gedacht“

Dazu ein paar Fakten. Erstens: Es gibt bereits seit Jahren Geldautomaten, die sich per Sprachfunktion und mit eigenem Kopfhörer auch von Blinden und Sehbehinderten gut bedienen lassen. Zweitens: Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband drängt die Deutsche Kreditwirtschaft seit 2002 dazu, diese Automaten flächendeckend einzusetzen. Drittens: Die große Mehrheit der Geldautomaten verfügt nach wie vor nicht über diese Funktion. Und viertens: Die Geldautomaten, die es mit der Funktion gibt, müssen von Blinden erst mal gefunden werden.

Sascha Paul weiß in Lüneburg von keinem Geldautomaten, den er allein bedienen könnte. Tatsächlich gibt es aktuell mindestens drei, die über eine extra Sprachfunktion verfügen. „Ein Anfang“, sagt der 49-Jährige, „doch woher soll ich von den Automaten wissen und wie soll ich in der Filiale den richtigen finden?“ Zwei Fragen, ein und dasselbe Phänomen: Gut gemeint, „aber offenbar nicht zu Ende gedacht. Zumindest nicht von einem Blinden“.

Touchscreens sind für Blinde und Sehbehinderte unbedienbar

Paul selbst kann auch mit den Hinweisen in Blindenschrift auf den Standard-Geldautomaten wenig anfangen. „Was nützt es mir, wenn ich weiß, wo die Karte rein- und das Geld rauskommt, wenn ich die Anweisungen auf dem Monitor nicht lesen kann?“ Andere blinde oder sehbehinderte Kunden haben gelernt, zumindest die älteren, reinen Geldautomaten über die Tastatureingabe zu bedienen. Doch immer mehr der neuen Automaten werden ausschließlich über Touchscreens gesteuert, sind damit für Blinde und Sehbehinderte unbedienbar. „Geld kann man dann nur noch mit der Hilfe eines Bankmitarbeiters bekommen“, sagt Paul. Und das setzt voraus, dass man nicht etwa nach Feierabend an sein Geld will — und eine Filiale findet, die noch mit Mitarbeitern besetzt ist.

Paul hat das Glück, dass seine Frau das mit dem Geld für ihn regelt, dass er dank ihrer Hilfe immer genug Bares in der Tasche hat. Trotzdem nimmt ihm die Situation ein weiteres Stück Freiheit, fühlt er sich als blinder Bankkunde gegenüber Sehenden benachteiligt. „Ich kann nicht abends spontan 50 Euro abheben oder zur Geschäftsreise aufbrechen, ohne genug Bargeld in der Tasche zu haben“, sagt er. Gleichstellung wäre, wenn auch er an jedem beliebigen Bankautomaten zu jeder beliebigen Uhrzeit alleine Geld abheben könnte. Möglich wäre es. Die Kreditwirtschaft muss es nur wollen.

Die Situation vor Ort

Gibt es auch in Stadt und Landkreis Lüneburg barrierefreie Geldautomaten? Und wo? Die Nachfrage bei den Kreditinstituten vor Ort fällt ernüchternd aus: Aktuell gibt es offenbar nur drei Geldautomaten mit Sprachfunktion: Je einen in den Sparkassenfilialen Lüneburg (An der Münze) und Bleckede sowie einen bei der Deutschen Bank in Lüneburg (An der Bardowicker Straße). Die Sparkasse will bis Jahresende zudem fünf weitere barrierefreie Geldautomaten aufstellen und zwar in Bardowick, Neuhaus, Scharnebeck sowie in Lüneburg am Garbers-Center und am Kreideberg. Damit wären sieben der insgesamt 52 Sparkassen-Automaten in Stadt und Kreis barrierefrei.

Die Commerzbank Lüneburg bietet drei Geldautomaten in ihrer Filiale Am Sande 5 an. Diese Automaten verfügen alle über die Steuerung per Sprachfunktion mit eigenem Kopfhörer.
Filialdirektorin Andrea Scheibler: „Alle Geräte sind auf Funktionalität getestet. Natürlich helfen wir Menschen mit Handicaps auch jederzeit gern soweit das möglich ist persönlich weiter.“

Alle anderen Banken haben keine barrierefreien Automaten (Volksbank, Spardabank, Hypo-Vereinsbank oder Targobank) oder antworteten nicht (Postbank). Auffallend zudem: Etliche Bankmitarbeiter gaben im Gespräch unumwunden zu, bisher noch nie von barrierefreien Geldautomaten gehört zu haben.