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Die Schlauchboot-Crew des Rettungsschiffs Iuventa bei einem Einsatz mit einem in Schlepp genommenen Schlauchboot mit Flüchtlingen im Mittelmeer vor der libyschen Küste. Am Steuer des Schlauchbootes ist Johann Keller (links). jugend rettet

Lebensretter im Schlauchboot

Lüneburg. Auf dem Meer treibende Flüchtlinge, dicht gedrängt in einem Schlauchboot, das unter seiner verzweifelt auf Rettung hoffenden Fracht fast unterzugehen droht. Die Bilder der übers Mittelmeer nach Europa flüchtenden Menschen schrecken immer wieder aufs Neue auf, wenn sie nahezu allabendlich den Weg in die Wohnzimmer finden. Anfang November hatte Johann Keller sich auf den Weg in den Süden gemacht, von Malta aus startete der Leuphana-Student als Besatzungsmitglied eines umgerüsteten Trawlers, um vor der libyschen Küste nach Flüchtlingen zu suchen.

Ja, ein wenig Angst vor dem, was ihn erwartet, habe er schon gehabt, sagt Johann Keller, „aber ich wusste, worauf ich mich einlasse“. Es wirkt überzeugend, was der 23-Jährige von seinem Einsatz im Mittelmeer berichtet, so unaufgeregt, unspektakulär und reflektiert, wie er darüber spricht. Und doch spürt man, dass ihn die Aktion nicht unberührt ließ: „Am absurdesten war der Kontrast bei meiner Rückkehr, hinein in die Weihnachtszeit, wo für viele die Frage nach dem passenden Geschenk und dem richtigen Weihnachtsbaum im Mittelpunkt steht.“

„Wir suchten viele Stunden noch nach den Leichen, aber es war vergebens.“ Johann Keller

 

In 14 Tagen 2700 Menschen gerettet

Das war am 25. November. Drei Wochen zuvor war er per Flugzeug nach Malta aufgebrochen, kurz darauf an Bord der „Iuventa“ gegangen, einem 30 Meter langen Trawler, der von der Hilfsorganisation „Jugend Rettet“ im Frühjahr erworben und in Emden auf seinen Einsatz als Rettungsschiff vorbereitet worden war. Seit dem Sommer kreuzt es vor der libyschen Küste und nimmt Mittelmeer-Flüchtlinge auf.

Johann Keller
Johann Keller

Es war die siebte Mission der Iuventa, zu der Johann Keller hinzustieß, für ihn war es die erste. Erfahrungen mit Flüchtlingen hatte der gebürtige Bremer bereits vor einem Jahr in Kroatien gesammelt, er war dabei, als ein Camp für 1000 Menschen an der Grenze zu Serbien errichtet wurde, „schon am ersten Abend kamen 6000“. Im vergangenen Winter dann war er Teil eines Suchteams, das die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ auf der griechischen Insel Lesbos stationiert hatte. Und bei Greenpeace hatte er gelernt, Schlauchboote zu steuern, eine Fähigkeit, die ihn schließlich auf die Iuventa brachte.

Erstmal für Ruhe sorgen

„Es wurden dringend Leute für die siebte Mission gesucht“, erzählt Keller. Wie dringend, wurde ihm klar, als er von der 15-köpfigen Schiffscrew erfuhr, dass die Iuventa allein bei der vorangegangenen Mission in nur 14 Tagen 2700 Menschen aus Seenot gerettet hatte. Normalerweise ist das Schiff 14 Tage auf See, übergibt die von ihm Geretteten wenige Stunden später auf eines der in der Region kreuzenden größeren Rettungsschiffe von Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ oder „MOAS“ (Migrant Offshore Aid Station) und setzt dann seine Mission fort. „Dieses Mal aber musste das Schiff zwischendurch zurück zur Basis nach Malta, Medikamente, Proviant und Wasser an Bord waren wegen der vielen Geretteten sehr knapp geworden.“

Seine erste Begegnung bei diesem Einsatz hatte er gleich am ersten Tag. „Wir bekamen einen Funkruf von einem spanischen Rettungsflugzeug, das in der Region Patrouille fliegt.“ Ein Schlauchboot mit rund 150 Flüchtlingen war einige Seemeilen entfernt gesichtet worden. „Unsere erste Aufgabe beim Eintreffen ist, für Ruhe zu sorgen. Die meisten können nicht schwimmen, die Gefahr des Überbordgehens und Ertrinkens bei solchen Aktionen ist groß.“ Die Schlauchboot-Besatzung verschafft sich zunächst einen Überblick über die Situation, „erst danach werden Schwimmwesten verteilt und einer nach dem anderen an Bord genommen“. Einige von ihnen seien so erschöpft gewesen, dass sie es ohne Hilfe nicht schafften. In den Gesichtern dieser Menschen habe er „Angst und Glück zugleich“ gesehen, „die meisten waren einfach nur froh, gerettet zu sein“.

Helfer werden bei Einsatz psychologisch betreut

Tiefere Spuren hat ein Einsatz an einem der anderen Tage bei ihm hinterlassen. „Wir hatten schlechtes Wetter, zwei bis drei Meter hohe Wellen, ein Frachter meldete uns ein gesichtetes Schlauchboot. Doch wir waren zu weit weg, um noch für alle rechtzeitig anzukommen“, berichtet Johann. Von den 120 Flüchtlingen konnten nur 23 gerettet werden, „wir suchten viele Stunden noch nach den Leichen, aber es war vergebens“.

Nicht jeder schafft es, Erlebnisse wie diese zu verarbeiten. Doch die Helfer werden vor und nach ihrem Einsatz psychologisch betreut. Auch Johann hat an der Mission noch zu knapsen. „Wenn man zurückkommt, braucht man Menschen, mit denen man darüber sprechen kann“, sagt der Leuphana-Student.

Dennoch: Dass „seine“ Mission am Ende mit rund 400 geretteten Menschen endete, ist für ihn entscheidend. Dass er dafür einen Teil der Kosten für die Anreise aus eigener Tasche begleichen musste, ist für ihn kein Thema, wohl aber, „dass es bei so vielen Toten immer noch keine politische Lösung gibt und private Organisationen ehrenamtlich die Seenotrettung übernehmen“.
Sein letzter Einsatz war die Iuventa-Mission dennoch nicht, wo der nächste sein wird, spielt für Johann Keller keine Rolle: „Dort, wo ich gebraucht werde.“

Von Ulf Stüwe

Gefährliche Mittelmeer-Route

Laut UN-Flüchtlingshilfe ist das Risiko für Flüchtlinge und Migranten, die Europa übers Mittelmeer erreichen wollen, deutlich gestiegen. Waren es 2015 noch 3771 Menschen, die auf dem Mittelmeer ihr Leben verloren haben, überlebten allein bis Ende Oktober dieses Jahres 3740 die Überquerung nicht. Gleichzeitig ist die Zahl derjenigen, die in diesem Jahr das Mittelmeer überquerten, stark gesunken. So stehen einer Million Menschen in 2015 rund 350 000 Flüchtlinge und Migranten in diesem Jahr gegenüber, wie die Grenzschutzbehörde Frontex berichtet.

Danach seien 180 000 Personen aus der Türkei eingereist und etwa 170 000 übers Mittelmeer gekommen. Zugleich sei die Wahrscheinlichkeit, bei der Überquerung ums Leben zu kommen, laut UN-Flüchtlingshilfe deutlich gestiegen. Während es 2015 einen Todesfall auf 269 Personen gab, die das europäische Festland erreichten, betrage das Verhältnis in diesem Jahr eins zu 88. Auf der Fluchtroute von Libyen nach Italien soll das Verhältnis sogar bei eins zu 47 liegen.