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Die hiesigen Postboten hatten große Hoffnungen auf die Neubemessung ihrer Zustellbezirke gesetzt. Doch in Lüneburg soll sich nichts ändern, die Bezirke hätten sich nur marginal verändert, heißt es von der Post-Pressestelle. Foto: A/be

Postzustellerin packt aus: „Prellbock für die Missstände“

Von Anna Paarmann
Lüneburg. Der Ärger über die Deutsche Post ist groß, trifft aber die Falschen. Denn Postboten wie Susanne Sudermann* geben täglich ihr Bestes. Nur scheint das längst nicht mehr genug. Der Arbeitsdruck werde von Jahr zu Jahr größer, erzählt sie, die Paketmengen steigen, die körperliche Anstrengung auch, die Zustellbezirke wachsen. „Man wird zum Prellbock für die Missstände.“
Wie berichtet, häufen sich seit Monaten die Klagen über die mangelhafte Zustellung der Deutschen Post in Lüneburg. Viele warten Tage oder gar Wochen auf wichtige Schreiben. Während die Pressestelle der Post zuletzt gegenüber der LZ gesagt hatte, es gebe keine akute Personalprobleme und versicherte, dass alle Touren besetzt seien, schildert nun eine Lüneburger Zustellerin ihre Sicht und ihren Alltag.

Stimmung bei den Zustellern ist umgeschlagen

Dass die Post manchmal tagelang nicht im Briefkasten landet, bestätigt sie. Und dafür ernte sie den Ärger der Kunden. „Ach, kommt die Post auch noch?“, bekomme sie oft zu hören. „Wir können immer nur um Entschuldigung bitten, müssen die Spitzen aber ertragen.“ Seit zwei, drei Jahren sei nicht nur die Stimmung der Kunden umgeschlagen, sondern auch der Druck deutlich gewachsen, die Arbeit seitdem nur schwer zu stemmen.

Jeder Postbote ist in einem Zustellbezirk tätig, beliefert also täglich dieselben Haushalte ob zu Fuß, mit dem Rad oder einem VW Caddy. Springer gleichen Urlaubszeiten, freie oder Krankheitstage aus. Doch das Kon­strukt funktioniere schon längst nicht mehr, es gebe von allen Kräften zu wenige. Der Arbeitstag eines Postboten hat acht Stunden, dann muss er sich ausstempeln, die Tour abbrechen, sofern er sie nicht beendet hat. „Dort fängt man dann am nächsten Tag wieder an. Benachteiligt wird also der, der am Ende einer Tour wohnt.“ Jede Tätigkeit, also jedes Paket und jeder Brief, habe einen festgelegten Zeitansatz. „Diese Bemessungswerte werden immer mehr angezogen, wir müssen also in kürzerer Zeit mehr Sendungen zustellen.“ Die Folge: Immer weniger Postboten schaffen es noch, ihre Bezirke komplett zu beliefern, weiß Sudermann aus eigener Erfahrung und von Kollegen. So seien vor vielen Jahren mal 500 Haushalte pro Tag für jeden Briefträger die Maßgabe gewesen, heute sind es bis zu 900.

„Die meisten Postboten machen ihren Job wirklich gern, aber die Situation ist nicht mehr tragbar.“  Susanne Sudermann, Briefträgerin

Überstunden seien nicht gern gesehen. Würden sie zur Regel, komme die Abmahnung. Also bleibe bei den meisten Zustellern täglich ein Teil der Arbeit liegen. „Da kommt man nicht mehr raus, das ist eine Endlosschleife.“ Die Vorgabe sei auch, alles bis zum Wochenende „wegzuschaffen“, doch das sei selten machbar. Die einzige Hoffnung ist der Montag ein Tag, an dem kaum noch Post zu verteilen ist, nur genug für vier bis fünf Stunden Arbeit. Dass der Montag so ruhig ist, liege daran, dass die Sortiermaschinen in Hamburg am Wochenende nicht laufen. Jene Maschinen liefern die Post sortiert in der richtigen Gangfolge, also so wie ein Briefträger seinen Bezirk abläuft oder -fährt, nach Lüneburg zur Post an der Sülztorstraße.

Vollbezahlte Briefe haben Vorrang

Dabei haben voll bezahlte Sendungen wie Briefe oder Pakete Vorrang. Es gilt die Regel: Einlieferung plus einen Tag. Ein Tag, nachdem die Post in der Filiale eintrifft, sollte sie beim Adressaten liegen. „Unsere Quote liegt bei etwa 90 Prozent.“ Und das, obwohl das Paketvolumen in den vergangenen Jahren enorm zugenommen habe. Besonders anstrengend seien die Monate November, Dezember und Januar. „Die Menschen lassen sich heutzutage alles nach Hause liefern.“ So seien Pakete mit einem Gewicht von bis zu 20 Kilo mittlerweile die Regel. Ob Katzenstreu, Hundefutter, Wein, Kaminholz oder gar Blumenerde all das müssten die Postboten aus dem Auto heben und zur Tür des Empfängers befördern. „Für uns Frauen ist das richtiger Stress.“

Neben Briefen und Paketen gibt es die Werbung. „Das macht eigentlich den größten Teil unserer Arbeit aus“, sagt Sudermann. Vorrang hat das eingeschweißte Heft mit Angeboten aus hiesigen Geschäften, bekannt als „Einkauf aktuell“. „Das soll bestenfalls freitags und sonnabends zugestellt werden.“ Aber auch das bleibt jetzt häufiger liegen, sagt die Briefträgerin.

Hohes Sendungsaufkommen und Personalmangel sorgen für Stress

Zu schaffen mache ihr und ihren Kollegen nicht nur das wachsende Sendungsaufkommen und die immer größer werdenden Bezirke, auch der Personalmangel sorgt für zusätzlichen Stress. Eine Zahl kann Susanne Sudermann nicht nennen, die Lage nur subjektiv einschätzen. „Uns fehlt der Nachwuchs.“ In den nächsten Jahren gehen zudem noch einige Beamte in den Ruhestand. „Ausfälle können schon längst nicht mehr ausgeglichen werden.“ Denn wenn ein Kollege erkrankt, wird seine Tour unter den anderen aufgeteilt. „Die Zeitvorgabe bleibt, wir müssen dann einfach die doppelte Menge zustellen“, sagt sie. In diesem Jahr seien überdurchschnittlich viele Mitarbeiter krank.

Laut Sudermann sind darunter auch Kollegen, die der psychischen Belastung nicht mehr standhalten können. „Eigentlich ist das der gesündeste Job, weil wir uns täglich körperlich ausarbeiten können, aber es gibt viele Kollegen, die überfordert sind und auch mal am Rad drehen.“ Denn der Arbeitsdruck in Lüneburg habe eben zugenommen.
Der hohe Stressfaktor sorge auch für eine hohe Abbrecherquote. „Viele neue Mitarbeiter schnuppern zwei bis drei Wochen in den Job rein und stellen dann fest, dass es ihnen zu anstrengend ist.“ Wenig attraktiv sei auch die Tatsache, dass vielen nur ein befristeter Vertrag vorgelegt werde. „Das schreckt ab“, denn nach zwei Verlängerungen werde man erstmal wieder zurück in die Arbeitslosigkeit geschickt. „Eine Familien- und Lebensplanung ist unter solchen Umständen nicht möglich.“

Im Januar kommen die vielen Rücksendungen

Zusteller würden händeringend gesucht. Nach der „heißen Weihnachtsphase“ kämen im Januar die Rücksendungen. „Die Post macht zurzeit massiv Werbung“, weiß Sudermann, die zurzeit neben der normalen Post viele Handzettel mit Jobangeboten in den Postkästen zurücklässt. „Der Rücklauf ist nicht allzu groß.“
Auf einer Betriebsversammlung habe der Betriebsrat jetzt eine Verbesserung der Gesamtsituation gefordert, personell wie organisatorisch. „Uns wurden bislang keine Ergebnisse mitgeteilt.“ Die Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert, besteht seit Jahren. Sudermann weiß, der größte Wunsch der Kollegen ist eine Verkleinerung der Zustellbezirke. Das würde etwas Entlastung schaffen. „Die meisten Postboten machen ihren Job wirklich gern, zurzeit ist die Situation aber nicht mehr tragbar für uns.“*Name geändert

13 Kommentare

  1. Hut ab Frau „Sudermann“ für die offenen Worte. Hoffentlich wird das nicht zu Ihrem Nachteil sein. Leider hören die Konzernspitzen solche Worte nicht gerne.

  2. Von den zwei Weihnachtspäckchen, die ich dieses Jahr mit der Dt. Post verschickt habe, ist immerhin eins angekommen, das andere verloren gegangen… Und ich hatte noch vertrauensvoll geantwortet, dass ich der Dt. Post zutraue, das Päckchen zum Empfänger in Süddeutschland zu bringen, als mich der Post-Mitarbeiter fragte, ob ich nicht lieber per Paket sende wolle, da ich dann versichert sei im Verlustfall…! Im Nachhinein muss ich annehmen, der Mitarbeiter wußte schon, warum er zu einer Paketsendung rät.

    Nächstes Jahr also alles per Paket oder doch lieber auf Hermes umsteigen.

    • Das ist doch klasse …. wenn du sicher sein willst das dein Päckchen ankommt (versichert ist)… dann musst du einen höheren Preis bezahlen (Paket). Schlechtere Leistung anbieten … dafür aber höheren Preis verlangen. Super !!

  3. Zumindest aus dem Landkreis Harburg sind mir ähnliche Probleme bekannt. Dazu berichtete (jetzt wiederholt) der „Winsener Anzeiger“ und das „Wochenblatt“. Auch dort gab ein Zusteller bereitwillig Auskunft was tatsächlich bei der täglichen Arbeit passiert. So gibt es danach eindeutig eine Priorität bei der Zustellung von Päckchen und Paketen. WARUM WOHL? Weil es in diesem Sektor Konkurrenz/Mitbewerber gibt! Das ist im Briefverkehr bis 1000g nicht der Fall (mit lokalen nicht nennenswerten Ausnahmen).
    Die Ausreden der Post sind nur vorgezogene Argumente. In unserem Ort ist die Postzustellung schon seit Monaten chaotisch und unzuverlässig. Also auch ohne Weihnachtsgeschäft, auf das man das so gerne bezieht.
    Jetzt würde mich interessieren ob für den Landkreis Lüneburg und Harburg dieselben Damen und Herren für die Personalplanung und die Arbeitsvorgaben zuständig sind. Denn meine Vermutung ist schlicht eine schlechte, bzw. falsche Personalplanung seitens des „Managements“ (ich muss das in Anführungszeichen setzen weil es so eigentlich nicht bezeichnet werden dürfte). Will man vielleicht im Gesamtkonzern besonders gut im Bereich Kosteneinsparung abschneiden, oder gibt es entsprechende Vorgaben von der Konzernspitze in Bonn? Oder will man nur den Börsenwert durch höhere Gewinne puschen? Auf diese Fragen hätte ich gerne Antworten. Doch unabhängig davon hatte ich keine Probleme damit eine Vorstandsbeschwerde an die Deutsche Post in Bonn zu senden. Hoffentlich ist der Brief auch angekommen.

  4. Ich kenne die richtige Lösung für das Problem….Löhne senken, Arbeitnehmer entlassen und in Tochtergesellschaften zu nochmals niedrigeren Löhnen wieder einstellen, das ist der Trend der Zeit, das mit der Qualität sollte man nicht zu ernst nehmen, schließlich ist man unangefochtener Branchenführer und hat, gestützt durch die Regulierungsbehörde und ihre Taub Blinde Haltung ALLLE Narrenfreiheiten. Das ist der freie Markt, am Ende zahlen alle, und nur die Börse verdient :-/

  5. Ich arbeite auch bei der deutschen post ag,allerdings einzugsgebiet köln,nicht als zusteller sondern am schalter,ich zolle fr. sudermann meinen respekt,denn auch am schalter wird immer mehr von einem verlangt,da wird vorgegeben ,pro mitarbeiter sollen 2girokonten und 2sparbücher eröffnet werden,was die meisre zeit nicht zuschaffen ist,die kunden sollen täglich darauf angesprochen werden,was die meisten kunden nicht wollen,und sehr oft der zorn der kunden auf uns abfällt,ich könnte noch sehr viel mehr darüber schreiben,es nutzt nichts,da sich personell oder arbeitsmäßig nichts ändern wir ,im gegenteil es wird immer schlimmer

    • Das ist doch gängige Praxis. Bei den Sparkassen wird den Mitarbeitern mit Kundenkontak vorgegeben was sie pro Monat an Versicherungen und Bausparverträgen verkaufen sollen.
      Oder gehen sie mal bei einem großen Markt für Bürobedarf in Lüneburg einkaufen. Egal ob Handy, Notebook oder Schreibtischsessel, man wird grundsätzlich auf eine Versicherung gegen Schäden aus Ungeschicklichkeit und ähnlichem angesprochen. Und in Elektronikmärkten werden Versicherungen für Reparaturkosten wärmstens empfohlen. Es gibt zahlreiche ähnlliche Beispiele. Egal ob beim Optiker, im Reisebüro oder beim Autohändler. Ich frage mich ob das überhaupt zulässig ist.

  6. Ja, die Frau spricht vielen aus dem Herzen, es stimmt auch alles und sie trifft den Nagel auf den Kopf. Doch leider habe ich das Gefühl, es interessiert keinen mehr (von den oberen Zehntausend). Hier geht es nur noch um Profit . Vor allem will man uns loswerden, weil wir Stammi’s zu teuer und auch noch lästig sind. Mit befristeten Kräften kann man eben lockerer umgehen und ihnen drohen, sie sollen an ihren Arbeitsplatz denken. Erpressung vom Feinsten. Uns können Sie zwar auch unter Druck setzen, aber wir haben viele Möglichkeiten, uns in einigen Punkten zu wehren und können mehr Ansprüche stellen. Das ist den oberen zehntausend ein Dorn im Auge. Es ist reine Zermürbungstaktik, wie derzeit mit dem Personal herum gesprungen wird. Entweder man hält durch und man akzeptiert oder man lässt es und bleibt auf der Strecke. Das ist leider die pure Wahrheit. Personal ist egal, die Post kauft sich ihr Personal und beutet es aus und anschließend wird man wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Egal, ob du gute Arbeit geleistet hast oder nicht. Traurig-traurig und nochmals traurig.

    • Genau so ist es, und jedes Jahr wird eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt. Das besondere daran ist, das die Ergebnisse dieser Befragung jedes Jahr besser werden,obwohl die Bedingungen immer schlechter werden. Im Vorfeld wird aber schon gedroht,wenn ihr nicht gut über eure Vorgesetzten abstimmt dann müssen sie ausgetauscht werden, obwohl die direkten Vorgesetzten nichts dafür können.Als Mitarbeiter gibt man seine Meinung kund und am Ende ist doch wieder alles toll im Unternehmen,ist schon komisch, wer wertet diese Befragung aus? Es soll ein externes Unternehmen sein, „Nachtigall ick hör dir trapsen“. Steigerungsraten von 10% pro Jahr bei den Paketen, wer soll das auf Dauer schaffen. Aber die Kuh wird solange gemolken bis sie keine Milch mehr gibt und zum Schlachter muss, und dann kommen eben neue Kräfte mit Zeitverträgen. Der Vorstand in Bonn feiert sich und die Rekordgewinne, leider werden die, die dafür sorgen vergessen. Hauptsache die Boni stimmen und steigen.

  7. Dem Unternehmen Deutsche Post ist es egal ob Mitarbeiter jeden Tag an ihre Grenzen gehen.Hauptsache der die Kohle kommt wie überall.

  8. Chapeau, Frau Sodermann. Zumal die meisten Kunden ja nur noch am meckern sind, weil sie eben ihre Post nicht früh gg 10.00 Uhr sondern erst zum mittag oder Nachmittag erhalten. Schlimm, oder?? Die Zustellerinnen müssen ja nun auch Päckchen mitschleppen und eben auch die viele Werbung. Warum nur?? Die meisten gucken doch gar nicht in die Werbung. Ich wünsche Frau Sodermann viel Kraft für 2017.

  9. Susanne Sudermann*, sie geben ihr bestes , zahlen sie auch gewerkschaftsbeiträge? wer nicht dafür sorgt, dass die macht sich gleichmäßig verteilt, kann schon mal bei den verlierern landen. es gibt natürlich auch strolche unter den gewerkschaftsvertretern. sie kann man locker abwählen. wer aber an der falschen stelle spart, hat selbst schuld.

  10. Bin selber bei der Post als Zusteller. Alles was hier in diesem Bericht geschrieben wird stimmt. Bei mir ging es soweit, dass ich an burnout erkrankt bin. Danke an die Deutsche Post!!!!!!