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Bettina Küntzel (l.) und Elisabeth Winger wollen die Schulwelt in Lüneburg revolutionieren: Sie haben jetzt einen Verein gegründet und wollen möglichst zum Jahresbeginn das Genehmigungsverfahren für eine Demokratische Schule Lüneburg starten. Foto: t&w

Demokratische Schule: Hier bestimmen die Schüler

Lüneburg. Eine Schule, in der die Kinder den Ton angeben: Was sich nach Idealvorstellung von Schülern anhört, könnte in Lüneburg bald Wirklichkeit werden. Materialien, die die Schüler selbst entwickeln, jahrgangsübergreifende Zusammenarbeit, viele Bewegungspausen und vor allem: kein Lehrplan. Eine „Demokratische Schule“ soll es werden (LZ berichtete), jetzt hat die Initiative „Selbstbestimmt Lernen in Lüneburg“ erste wichtige Hürden genommen und einen Verein gegründet. Rund 22 Mitglieder arbeiten auf Hochtouren, Anfang des Jahres soll ihr Konzept stehen, um vielleicht im September schon die ersten Schüler begrüßen zu können.

Gebäude mit „fantastischem Außengelände“ im Visier

Musiklehrerin Bettina Küntzel ist eine der Initiatorinnen, sie lehre nach dem Prinzip schon seit einigen Jahren an der Hanseschule Oedeme. Elisabeth Winger wurde in den Vorstand gewählt, sie ist aus persönlichem Interesse dabei, weil sie als Kind eine freie Schule besucht hat und ihre eigenen Kinder gern in einer solchen Einrichtung sähe. Vier Arbeitskreise kümmern sich um Öffentlichkeitsarbeit, Konzept, Recht und Finanzen und einen möglichen Standort. Mit der Stadt sei man schon in Gesprächen, zunächst vor allem wegen eines möglichen Gebäudes. Zu viel könne man nicht verraten, sagt Küntzel, das richtige Objekt habe man aber im Grunde gefunden. Es liegt gut erreichbar in Stadtnähe, hat ein „fantastisches Außengelände“ und befindet sich in der Trägerschaft der Stadt. Die erforderlichen Umbaumaßnahmen seien minimal.

Um das Genehmigungsverfahren in Gang zu setzen, sind außerdem Konzept, Finanzplan und Anmeldungen wichtig. Letzteres scheint derzeit noch das geringste Problem zu sein. 35 Namen stehen schon auf einer provisorischen Liste. „Genau die richtige Anzahl, um erstmal anzufangen“, sagt Winger. Später könnten bis zu 100 Kinder aufgenommen werden. Mehr noch, wenn die Grundschule um eine Sekundarstufe, also bis zur 10. Klasse, erweitert wird. Unterstützung sollen die Schüler von sogenannten Lernbegleitern erhalten, damit sind ebenso Heilpraktiker wie Pädagogen gemeint. „Wir können uns vor Anfragen kaum retten.“

„Man lernt am besten, wenn man dazu auch bereit ist.“
Bettina Küntzel, Musiklehrerin

Da Privatschulen nicht einfach genehmigt werden müssen, ist ein besonderes pädagogisches Merkmal erforderlich, erzählt Winger. Schnell war klar, dass selbstbestimmtes Lernen das Alleinstellungsmerkmal ist. Doch von Seiten der Landesschulbehörde heißt es, dass der Grundsatz längst im Schulgesetz verankert ist. Für Bettina Küntzel ist das Ironie. In öffentlichen Schulen könnten Schüler aus vorgefertigten Materialien auswählen, Arbeitszeit sei Arbeitszeit. Hoffnung haben die Organisatoren dennoch. „Die Stadt baut zurzeit viele Kindergärten aus, das bedeutet, dass in ein paar Jahren auch mehr Schulplätze benötigt werden.“ Die Zeiten für eine Schulgründung seien also gut.

Viele Grundsätze einer öffentlichen Schule will der Verein über Bord werfen. Die Kinder sagen morgens, was sie machen wollen, ähnlich wie es die Montessori-Pädagogik beinhaltet. Neben Lerninseln soll es Werkstätten unter anderem für Kunst und Musik geben. Eine Küche soll für gutes Essen sorgen, hier ist der Verein schon in Gesprächen mit einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, die selbst erst im Entstehungsprozess steckt. Um Erlebnispädagogik zu gewährleisten, ist außerdem ein großes Außengelände vorgesehen.

Auch der Abschluss ist keine zwingende Vorgabe

Die Schüler sollen auch selbst entscheiden, ob sie überhaupt einen Abschluss machen wollen. Denn die Erfahrung zeige, dass selbst anvisierte Ziele meist auch erreicht würden, sagt Küntzel. „Man lernt am besten, wenn man dazu auch bereit ist.“ Trotz der vielen freien Entscheidungen muss die Einrichtung auch der Schulpflicht nachkommen, also eine gewisse Anzahl an Unterrichtsstunden gewährleisten. So ist die Kernzeit von 9 bis 13 Uhr vorgesehen, im Anschluss ist es jedem freigestellt, ob er das Ganztagsangebot nutzen will.
Das Projekt kostet natürlich Geld. Eltern müssen für ihre Kinder ein Schulgeld bezahlen. Das sei unumgänglich, denn die ersten drei Jahre muss die Schule, die sich dann in freier Trägerschaft befindet, ohne staatliche Förderung auskommen. Und auch danach wird sie nur bezuschusst. „Privatschulen werden an einer sehr kurzen Leine gehalten“, moniert Bettina Küntzel, die auf Unterstützung von der Stadt hofft. „Wir würden gern jeden fünften Schulplatz ohne Schulgeld vergeben können.“ So könne man auch gewährleisten, dass Kinder aus prekären Verhältnissen die Chance erhalten, eine Privatschule zu besuchen. Auch Schulpatenschaften seien eine Finanzierungs-Idee.

Von Anna Paarmann

Info-Abende

Wer mehr über das Konzept „Demokratische Schule“ erfahren möchte, kann am Montag, 9. Januar, um 18.30 Uhr im Plan B der Universität, Scharnhorststraße 1, die Veranstaltungsreihe „Was bildet ihr uns ein?“ besuchen. Dort stellt sich der Verein „Selbstbestimmt Lernen in Lüneburg“ vor.

Am Sonntag, 22. Januar, bietet außerdem ein Forum Raum für Fragen. Vertreter anderer demokratischer Schulen kommen in das Kulturforum Wienebüttel, um von 15 bis 18 Uhr Auskünfte zu geben und Erfahrungen auszutauschen. Weitere Informationen per E-Mail an demokratische-schule-lueneburg@web.de.

One comment

  1. Grundsätzlich eine tolle Idee. Leider ist die demokratische Schule zu stark frauenlastig. Jungs können sich dort nicht entfalten, da ihre Interessen nicht berücksichtigt werden. Das ist nur weibliches Pädagogengeschwafel – Lerninseln, Basteln und Musik statt Fußball und im Matsch spielen. Demokratie geht anders.