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Präsident Sascha Spoun im Gespräch mit dem Geschäftsführenden Redakteur Hans-Herbert Jenckel in seinem Büro auf dem Campus. Foto: t&w

Uni Lüneburg wird benachteiligt

Lüneburg. Sascha Spoun meint es gut mit dem Thermostat, Besucher wähnen sich in seinem Büro im Präsidenten-Flügel oben in Gebäude 10 auf dem Campus schon mal in der Sauna. Und wenn er dann ins Schwärmen gerät, kommen Gäste ins Schwitzen. Zum Beispiel, wenn der Präsident über Forschungsprojekte redet, da trumpft er auf. Wenn es um die Fortschreibung des Hochschul-Paktes geht, da wagt er sogar einen kritischen Vorstoß gegen das Land, das den Nordosten Niedersachsens benachteilige. Nur wenn die Sprache auf die Finanzierung des voraussichtlich mehr als hundert Millionen Euro teuren Libeskind-Baus kommt, bleibt der Präsident präsidial vielsagend im LZ-Interview mit Anna Paarmann und Hans-Herbert Jenckel.

Interview

Herr Präsident, der Hochschulentwicklungsvertrag mit Zielvereinbarung läuft noch bis 2018, wo steht die Leuphana bei den Zielen und den Studentenzahlen heute?
Sascha Spoun: Wir sind in den vergangenen fünf Jahren von 7300 auf heute 9700 Studenten gewachsen. Was genauso wichtig ist, die Leuphana hat unter den Hochschulen auf verschiedenen Feldern die Themenführerschaft übernommen, früh Forschung zum Beispiel bei der Digitalisierung angestoßen, Drittmittel eingeworben. Wir haben heute fast 600 Doktoranden, mehr als tausend Studenten in der Weiterbildung und besetzen das Thema lebenslanges Lernen. Das ist eine Kernaufgabe im strukturschwachen Nordostniedersachsen.

Ein Ziel ist für Sie immer die Internationalisierung der Leuphana.
Da können wir noch wachsen. Heute studieren an der Leuphana weniger als zehn Prozent junge Menschen aus anderen Ländern, das wollen wir in den nächsten Jahren auf zwanzig Prozent steigern. Rund 300 Leuphana-Studenten gehen jährlich für ein Semester ins Ausland. Wir haben weltweit mehr als hundert Kooperationen. Und was auffällt, bei unseren Angeboten in englischer Sprache haben wir die meisten Bewerbungen im Verhältnis zu den Studienplätzen.

„Das heißt für Niedersachsen, dass Lüneburg,die einzige Hochschule im alten Regierungsbezirk mit mehr als 1,7 Millionen Einwohnern, strukturell weiter benachteiligt wird im Vergleich zu Oldenburg oder Osnabrück.“

Was glauben Sie: Wird es auf Basis des nächsten Paktes mit dem Land mehr oder weniger Geld für die Hochschulen in Niedersachsen geben?
Meine Hoffnung wäre ein Wachstum, dass sich die Landesregierung an vorbildlichen Ländern wie Baden-Württemberg orientiert. Mein Realitätssinn sagt mir aber, dass es eher eine Fortschreibung des Programms wird. Was allerdings, bundesweit gesehen, auch bedeutet, dass die Schere zwischen Nord und Süd weiter auseinandergeht. Die Fortschreibung bedeutet für die Leuphana rund 55 Millionen Euro Landeszuschuss im Jahr. Das heißt für Niedersachsen, dass Lüneburg, die einzige Hochschule im alten Regierungsbezirk mit mehr als 1,7 Millionen Einwohnern, strukturell weiter benachteiligt wird im Vergleich zu Oldenburg (heute 100 Millionen) oder Osnabrück (80 Millionen Landeszuschuss).

Der Libeskindbau und der Forscherfrühling

Die Uni hat eine Vielzahl von Forschungsprojekten, wie viel Geld wurde dafür eingeworben?
Im vergangenen Jahr rund 18 Millionen Euro an Drittmitteln, dazu kamen noch einmal 16 Millionen an Sonderzuweisungen vor zehn Jahren gab es nur Drittmittel von rund 5 Millionen. Von den zusätzlichen Mitteln profitieren auch Stadt und Region. Zum Beispiel sind für das Projekt „Promovieren im Museum“ 1,3 Millionen eingeworben worden für Doktoranden, die teils bei uns und teils in einem Museum wirken. Zum Netzwerk gehören sechs Museen, in Lüneburg das Ostpreußische Landesmuseum. Ein ähnliches Netzwerk bauen wir gerade mit Wirtschaftsprüfern aus der Metropolregion auf.

Welches würden Sie als das wichtigste Forschungsprojekt einstufen, bitte wirklich nur eines als Pars pro Toto?
Das Graduiertenkolleg „Kulturen der Kritik“. Das Projekt widmet sich markanten Fällen aus den Bereichen Kunst-, Medien- und Sozialkritik und wird mit 3,5 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Es ist ein interdisziplinäres Projekt und richtet sich auf eines der wichtigsten Felder der Zeit. Wie etwa verändert Kritik unsere Wahrnehmung der Welt? Das ist gerade auch für Zeitungen vor dem Hintergrund der Vertrauenskrise in Medien, der Diskussion über Fake-Nachrichten und Hassposts hochaktuell.

Ein zentrales Thema war auch 2016 die Baufinanzierung des Zentralgebäudes von Daniel Libeskind. Die Kosten sind von anfangs 57 auf heute, wenn die Risiken eintreten, mehr als 100 Millionen Euro gestiegen. Das Land will über die gerade zusätzlich bewilligten Mittel nicht hinausgehen. Wer zahlt die restlichen Millionen?
Die gute Nachricht ist doch, wir stehen kurz vor der Eröffnung. Das Land hat den Nachtragsetat der Leuphana, Stand Frühjahr 2016, bewilligt, damit sind 92,5 Millionen Euro finanziert. Aktuell liegen wir bei diesen Kosten. Es hat auch im vergangenen halben Jahr eine Dynamik bei den Kosten gegeben, das ist so. Es gibt weitere Risiken. Wir werden mit allen Beteiligten darüber im nächsten Jahr reden, um eine gemeinsame Linie zu finden, das gelingt, da bin ich sicher.

Und es bleibt bei der Aussage, dass auch die Mehrkosten nicht zu Lasten von Forschung und Lehre gehen?
Ja.

Aber wer zahlt, wenn das Land Nein sagt, die Uni?
Wir werden im nächsten Jahr eine Lösung finden.

Das heißt, es wird auch nicht zu Lasten des Personals gehen?
Es wird keine Reduktion beim Personal geben.

Ganz unterschiedliche Signale gibt es auf dem Campus zum Forschungszentrum im Libeskind-Bau: Die einen sagen, weil nur mit Drittmitteln finanzierte Projekte dort forschen können, sei es unterbelegt, andere behaupten, es gebe viel zu wenig Platz. Was ist nun richtig?
Ich habe mal in einer Runde in Lüneburg gesagt, wir hätten eigentlich größer planen müssen. Da bin ich ausgelacht worden. Tatsächlich sind die Arbeitsplätze im siebenstöckigen Forscherturm im Zentralgebäude schon jetzt komplett verplant.

Vita

  • Prof. Dr. (HSG) Sascha Spoun
  • geb. 1969 in München
  • Wirtschaftswissenschaftler
  • Promotion Uni St. Gallen
  • Dozent für Betriebswirtschaftslehre
  • Leuphana-Präsident seit 2006
  • Gewählt bis 2020
  • Gastprofessor an der Uni St. Gallen

49 Kommentare

  1. Da gibt´s doch den Witz von den beiden Bankräubern, die mit dem geklauten Geld ein riesiges Luxus-Casino bauen und kurz vor der Eröffnung auffliegen … Wie ging der noch? Ich erinnere nur das Ende, wie einer der beiden auf die Frage des Richters, was sie sich bloß gedacht hätten, antwortet: „Die gute Nachricht ist doch, wir stehen kurz vor der Eröffnung.“

    Herrlich dreist, wenn Herr Dr. Spoun meint: „Das Land hat den Nachtragsetat der Leuphana, Stand Frühjahr 2016, bewilligt, damit sind 92,5 Millionen Euro finanziert.“

    Ja, aber nicht „das Land“, sondern Stephan Weil und Gabriele Heinen-Kljajić haben sich erpressen lassen, statt 57,8 nun 92,5 Millionen Euro zu „finanzieren“.

    Und: „Aktuell liegen wir bei diesen Kosten“? Was für ein supertolles Verdienst solidesten finanzplanerischen Fachkönnertums! Ich nehme an, das „Baumanagement“ der „Leuphana-Spitze“ wird Herrn Dr. Spoun am ganzen Bockelsberg (wenn nicht sogar in einigen kuschelwarm geheizten Büros der Scharnhorststraße 1) den Ruf einer singulären Koryphäe organisatorisch-konzeptioneller Weltmeisterschaft eingetragen haben.

    „Es hat auch im vergangenen halben Jahr eine Dynamik bei den Kosten gegeben, das ist so.“ Heißt das ins Alltagsdeutsche übersetzt: „Ich habe auch im vergangenen Jahr wieder gestattet und abgezeichnet, dass weit, weit mehr Geld ausgegeben wird, als der Hochschule zur Verfügung steht“?

    „Es gibt weitere Risiken. Wir werden mit allen Beteiligten darüber im nächsten Jahr reden, um eine gemeinsame Linie zu finden, das gelingt, da bin ich sicher.“ Wenn man sich die jedes Risiko leugnenden Leuphana-Pressemeldungen der letzten fünf Jahre anschaut, ist das ja ein Fortschritt. In der Gewissheit, dass Stephan Weil und Gabriele Heinen-Kljajić auch für die nächsten mindestens 30 Millionen Euro Steuergelder, welche der Bau noch verschlingen wird, die Zustimmung der Gremien erzwingen werden, lässt sich leicht über „das Finden gemeinsamer Linien“ salbadern.

    Vor diesem Hintergrund betriebswirtschaftlicher sowie „kommunikativer“ Präsidiumsexzellenz ist es natürlich ganz unverständlich, dass bei der Mittelvergabe aus dem Hochschulpakt mehr auf echte wissenschaftlich-akademische Kompetenzen geachtet und folglich ein höheres jährliches Fördergeldquantum nach Oldenburg und Osnabrück transferiert wird und dass nicht ein 125 Millionen Euro teurer unpraktischer Riesennippes auf dem Campus das automatische Herbeifluten von öffentlichen Maximalzuwendungen als quasi gottgegebenes Resultat zur unmittelbaren Folge hat. Ich nehme an, auch die Herren Ulrich Mädge und Michael Zeinert und Manfred Nahrstedt werden das ganz und gar unbegreiflich finden. Da stampft ein Dr. Spoun dann schon gern einmal voller Missvergnügen über derartige Ungerechtigkeiten mit dem Faselantenfüßlein aufs Edelholzparkett und beschwört etwas Wachsweichwolkigwrasendes wie „Themenführerschaftübernahme und Thementerritorialbesetzung auf verschiedenen Feldern“, also entschiedenste Landnahme im Reiche der Fantasy-Dichtung und der antragsroutinierten Imponierpoesie.

  2. Die Uni Lüneburg wird benachteiligt? Oh nein. oh nein, oh Graus, oh weh! Beim Ausgeben fremden Geldes? Verzweifeln Sie nicht, lieber Sascha Spoun, das gelobte Lüneburg, in dem nachhaltig bunte Euronen sowie Milch und Honig durch die kulturkritisch digitalisierten Fahrradstraßen fließen werden ist ganz, ganz nahe.

    Die Universität macht einen Quantensprung, wenn das Audimax kommt. Ich werde im ganzen Land darauf angesprochen. Eher nebensächlich sind daher die Kosten, wichtiger die Bedeutung für unsere Reputation. Bei der Elbphilharmonie redet auch niemand mehr über Geld. Ob das Zentralgebäude jetzt nochmal fünfzehn oder fünfzig Millionen Euro teurer wird, sollten wir nicht mehr diskutieren. Ich lobe vor allem die Zukunftsfähigkeit der Hochschule! (Mehr dazu hier: http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/384915-rund-100-millionen-kostet-der-libeskind-bau-und-das-land-zahlt#comment-74493)

  3. Mehrere Lehraufträge u. a. von Prof. Peter Glotz, Universität St. Gallen. Gastprofessor an der Uni St. Gallen .erstaunlich, wer sich dort so alles getummelt hat.ist Sascha Spoun etwa ein geheimer linker? funktioniert so etwa die stimmungsmache von rechts? schmunzel

  4. Was Promis vom Libeskind-Bau alles erwarten

    „Eigene Leistung!“ Bernd Althusmann (Doktorvater)

    „Mehr Ehrlichkeit.“ Sascha Spoun (Wahrheitsleuphanatiker)

    „Daß die bessere Erreichbarkeit des internationalen Lobbyismus in dem Haus mit den schiefen Wänden mir das tägliche weltenrettende Herunterzetern vom Dragonerdenkmalpodest im Clamart-Park erspart.“ Klaus Bruns (Reppenstedter)

    „Daß ab sofort wieder Politik nach den Vorstellungen meines Oberbürgermeisters gemacht wird — ohne all das komplizierte Gequatsche im Rat.“ Klaus Dieter Salewski (Artikulationsbegabung)

    „Daß der Ausschuss für Haushalt und Finanzen im Januar beschließt, die Leuphana mit zusätzlichen 34,89 Millionen Euro beim Bau des Audimax zu unterstützen und den Prozess des Auffangens weiterer noch ungewisser Mehrkosten weiterhin intensiv zu begleiten.“ Andreas Schröder-Ehlers (Alpha-E-Variante)

    „Dass wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen auch in der Milchbergsiedlung keine frechen Widerworte mehr gegeben werden.“ Brigitte Mertz (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

    „Daß Claudio Patrik Schrock-Opitz (LMG) und Ulrich von dem Bruch (LHG) in 2017 heiraten und viele kleine Selfie-Punkte für die Suderburger Jagdkasse von Jörg Hillmer zeugen.“ Heiko Meyer (Aufschäumer)

    „Daß Pistolero-Pretzell über rigorosen Schusswaffengebrauch im leuphanatischen Grenzverkehr herumschwallen darf, ohne von schwarzgelbmaskierten linksgrünversifften Plüschflaschenwerfern daran gehindert zu werden.“ Gunter Runkel (Alternativ68er)

    „Daß endlich fünfzig stahlbewehrte Kampfelephanten mit jeweils hundert jamaikanischen Jungfrauen obendrauf ganztägig um mein subjektives Sicherheitsgefühl herum patroullieren!“ Niels Webersinn (Rastafari)

    „Daß die A39 achtspurig durch die Bäckerstraße gebaut wird, damit wir in der Grapengießer mit sechs Gleisen für den Containertransport über Deutsch Evern nach Bienenbüttel auskommen.“ Michael Zeinert (Grienpieser)

    „Daß von mir verlegte Kinderbücher nicht nur von meinem künftigen Arbeitgeber, der Bundesagentur für Arbeit, millionenfach gekauft und verteilt werden, sondern auch vom EU-Parlament und der UNO.“ Holm Keller (Drachenprinz)

    „Daß ich einen Quantensprung mache und auf höchstem Outputlevel bei der LZ weitertrolle, was das Zeug hält.“ Andre Hebsen (Bundeskasper)

    „Daß es schon bald zwei Elbbrücken geben wird, eine von Darchau nach Neu Darchau und eine zwei Meter nebendran in die entgegengesetzte Richtung.“ Manfred Nahrstedt (Intellektueller)

    „Daß Millionen von raffinierten satirischen Themenplakaten am Wohnpark Wasserturm für eben so viele Arbeitsplätze in der Baubranche sorgen.“ Karlheinz Fahrenwaldt (Medientheoretiker)

    „Daß der Hoppe den Volleyball nicht total durchkommerzialisiert und die SVG kaputtmacht – ich fürchte, es geht da nur noch ums Geld!“ Franz Beckenbauer (Ehrenamtlicher des Jahres)

    LG, Tina Seiler

    • Köstlich! Vielen Dank! Unsere ganze Großfamilie hat sich vor Lachen unter dem Frühstückstisch gewälzt. Eine wirklich gelungene Demaskierung von wichtigtuerischer Großmäuligkeit und heuchlerischer Phrasendrescherei.

      • ich hoffe, sie haben vorher den boden mit meister propper gewischt. dann können sie ihren tisch vergessen und gleich vom fußboden essen und sich in den resten wälzen, aber vorsicht, clementine machte da schon einen unterschied zwischen sauber und rein. und trotzdem sind meister propper die haare ausgefallen.
        was meinen sie, wem juckt es, was die angebliche tina seiler geschrieben hat? Sandra, ob übertreibungen in jedem fall weiterhelfen?

        • @Klaus Bruns

          Nein , nur IHRE Schlauheiten und geistreichen Kommentare bringen uns weiter! Vor allem,wenn *schmunzel* hinter dem geistigen Dünnsinn steht! *schmunzel*

          • Aphrodite
            wenn sie jetzt noch verstehen würden, warum ich öfters schmunzel am ende schreibe, sind sie auf dem rechten weg. aber ich befürchte, zähne muss man ihnen erst zeigen, damit sie merken, dass sie jetzt gleich gebissen werden sollen. schmunzel-lächeln-lachen-zähne zeigen . lachen ist ,meine ich, die schönste art , seinem feind die zähne zu zeigen. mit schmunzeln fängt es erst an. schmunzel.

    • D A N K E, Tina Seiler !!! Ich habe Tränen gelacht.

    • Alles genau ins Schwarze getroffen, liebe Tina Seiler. Frei nach der Empfehlung Georg Büchners vom vergangenen Frühjahr im T.3: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“ – (Dantons Tod, 3. Akt, 3. Szene)

      Ich habe mich lange nicht mehr so herzlich über einen LZ-Kommentar amüsiert.

      Was bleibt zu sagen?

      „Spatzl: ,Jetzt kann’s nur noch besser werden.’ – Franze: ,Jetzt wird wahrscheinlich alles ganz wunderbar.’“ Dietl/Süskind, 1983

  5. Sicher ist vor allem eins: Die Folgekosten werden die Investitionskosten bei weitem überschreiten. Für eine ganzheitliche Betrachtung des Komplexes ist diese monetäre Sichtweise unerlässlich. Warum wird darüber nicht gesprochen? Die Beantwortung der Frage wer für die Unterhaltskosten aufkommt ist immer noch offen und zukünftig von sehr großer Bedeutung. Denn sicher ist jetzt schon: Die Verkleidung dunkelt nach uns wird behandelt werden müssen (siehe Liebeskind-Bau in Berlin) und das Gebäude muss beheizt werden. Ich könnte die Liste noch lange fortführen.
    Die zentrale Frage: Wer trägt diese Kosten?

    • Heda Michael Recha,

      so wie Sie hier drängeln, schnappatmen, fingerschnippen und um Beachtung betteln, nehme ich an, Sie möchten sofort mit der frohen Botschaft herausplatzen, dass SIE es sein werden, der für die anfallenden Betriebs-, Unterhalts- und Instandhaltungskosten des Libeskind-Monuments aufkommt. Daher rufe ich Ihnen zu: „Bravo, bravo, bravo, Michael Recha! Die 350.000 Euro im Monat bezahlen Sie sicher ganz locker, wenn Sie statt wie bisher achtmal nur noch viermal pro Jahr zum Coiffeur Cengiz Canata in die Rackerstraße 1 gehen!“

    • Das ist sowieso immer erstaunlich, gerade die Architekten und besonders die sehr prominenten fühlen sich den Lebenszeitkosten ihrer Objekte selten verpflichtet. Von Nachhaltigkeit oftmals keine Spur. Ich kenne Bauten, da kann man im Foyer die Glühbirnen nur durch Extremkletterer wechseln lassen usw. Der Auftraggeber ist in der Regel aber nicht unbeteiligt, da die Problematik bekannt ist, muss durch entsprechendes Briefing beim Auftrag vorgebeugt werden.

  6. Gerfried Krüger

    (A) –> „Die Hochschule Lüneburg wird im Vergleich zu Oldenburg oder Osnabrück strukturell weiter benachteiligt“?

    Was Dr. Sascha Spoun heute (29. Dezember 2016) ärgert, entsprach für Leuphana-Präsident Sascha Spoun gestern (31. Oktober 2016) noch „der Logik der Wissenschaft“: Nur wer hervorragende Leistungen bringt und sicher auch ein bisschen Glück hat, schafft es, die raren öffentlichen Zuwendungen und hart umkämpften Drittmittel zu ergattern. (http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/374540-von-lehrauftrag-zu-lehrauftrag-das-karge-brot-des-wissenschaftlers)

    (B) –> „Wir haben heute fast 600 Doktoranden, mehr als tausend Studenten in der Weiterbildung und besetzen das Thema lebenslanges Lernen“?

    Dazu Dr. Spoun vor zwei Monaten: Dass sich angesichts steigender Studentenzahlen immer mehr Nachwuchswissenschaftler darauf einstellen müssen, später eine Karriere außerhalb der Universität zu planen, ergibt sich für Spoun aus dem System. Die hätten bei guten Qualifikationen allerdings auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen.
    (…)
    Die Uni beschäftige im aktuellen Wintersemester rund 600 hauptberufliche Wissenschaftler, davon 150 Professoren. Ein Teil davon ist als Junior-Professor angestellt, also befristet. Dazu kommen 433 Personen, die Lehraufträge haben, die nebenberuflich erteilt werden. Spoun sagt, dass die Leuphana ihre Professoren verpflichtet habe, dem Nachwuchs in Jahresgesprächen zu vermitteln, „ob es eine Chance gibt oder nur Hoffnung“. Will heißen: Professur oder Arbeitsmarkt. „80 bis 90 Prozent der Doktoranden müssen außerhalb der Uni eine Stelle finden.“

    Mit anderen Worten: „Wir produzieren Jahr für Jahr mehrere hundert promovierte Akademiker für die Flure und Wartezimmer der deutschen Arbeitsagenturen, Ausschuss also, der somit auf eine ganz konkrete Weise die harten Themenbänkchen des lebenslangen Lernens oder die weichen Weiterbildungssessel der Taxi-Chauffeure besetzt.“

    • Aha, dazu passt ja diese Meldung

      Die Bundesagentur für Arbeit (BA) und die Leuphana Universität fördern Beschäftigungskompetenzen und Arbeitsmarktintegration von Promovierten mit Online-Kurs „Ready for Work“

      Seit dem 2. Januar 2017 pilotiert die Leuphana Universität im Auftrag der BA den Online-Kurs „Ready for Work“, um Studienabgehenden mit Doktortitel die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Das bundesweit angebotene Online-Format macht Promovierte mit Ausbildungsangeboten und Arbeitsanforderungen vertraut, bietet betreutes Sprachtraining für fehlerfreie Bewerbungsschreiben und ermöglicht den Erwerb lebensnaher Praxiskompetenzen.
       
      Das Lernziel für die Teilnehmer ist eine fundierte Selbsteinschätzung des eigenen Kompetenzprofils als Voraussetzung für eine erfolgsversprechende Bewerbung bei einem Unternehmen. Die Zielgruppe wird so unterstützt, schneller ihren Weg in den deutschen Arbeitsmarkt zu finden. Detlef Scheele, BA-Vorstand Arbeitsmarkt, betont die durch das Pilotprojekt eröffneten Möglichkeiten: „Dieses Kursangebot ist auf große Teilnehmerzahlen ausgerichtet. Der Kurs ist inhaltlich als Vorbereitung für das Arbeiten bei einem deutschen Unternehmen angelegt und schafft damit für die Teilnehmer eine Grundlage zur Berufsbefähigung – letztlich für die Integration in die deutsche Gesellschaft.“ Überzeugt von der Idee zeigt sich auch Holm Keller, ehemaliger hauptberuflicher Vizepräsident der Leuphana Universität und heute linke Hand von Detlef Scheele, also Käufer des einst von ihm selbst entwickelten Angebots: „Ein Online-Kurs kann ortsunabhängig und zeitlich flexibel genutzt werden, für die Zielgruppe ist das in ihrer derzeitigen, meist prekären Lebenssituation ein optimales Format.“ (Mehr dazu hier: http://www.landeszeitung.de/blog/lokales/374540-von-lehrauftrag-zu-lehrauftrag-das-karge-brot-des-wissenschaftlers)
       
      Viele aktuell aus Lüneburg stammende Promovierte verfügen über Bildungsabschlüsse und erste Praktikumserfahrungen, die eine rasche Integration den Arbeitsmarkt erleichtern. Die BA hat deshalb die Leuphana Digital School beauftragt, für Jobsuchende und an einer Beschäftigung interessierte Promovierte in ganz Deutschland ein digitales Kursangebot zu pilotieren, mit dem sowohl Rechtschreibe- und Grammatikkenntnisse in Vorbereitung auf einen Arbeitsplatz sowie überfachliche Grundlagen des Rechnens und des praktischen Arbeitens in einem zweijährigen Schnupper-, einem fünfjährigen Intensiv- und einem nachfolgenden dreijährigen Aufbaukurs trainiert werden können. Das Kurscurriculum vermittelt einerseits Überblickswissen über das deutsche Gewerkschaftssystem und die verschiedenen Ausbildungswege und bietet andererseits konkrete Möglichkeiten, sich mit dem realen Arbeitsalltag in einem echten Unternehmen vertraut zu machen.
       
      Das Pilotprojekt entstand im Rahmen des Hochschulforums Digitalisierung unter der Schirmherrschaft des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Stellvertretender Generalsekretär Volker Meyer-Guckel betont: „Wir können hier einen wichtigen Beitrag zu der derzeitigen ›Akademiker- und Doktorenschwemme‹ leisten“. Projektpartner ist die Gesellschaft für Akademische Arbeitslebenvorbereitung und Testentwicklung (g.a.a.t.) e. V., die gemeinsam mit dem Deutsch als Muttersprache-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München die Sprachlernaufgaben aus der Sprachlernplattform Deutsch-Uni Online zur Verfügung stellt. Weitere Partner sind der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) sowie das Interdisziplinäre Kolleg für Hochschuldidaktik der Goethe-Universität Frankfurt/M.
       
      Nach erfolgreicher Pilotierung soll das Format Anfang 2018 schrittweise für Ausbildungs- und Jobbedarfe von Promovierten in Deutschland erweitert und um vergleichbare Angebote im Hinblick auf Ausbildungsreife und Berufsqualifikation ergänzt werden.
       
      Interessierte Promovierende und Promovierte können sich ab sofort unter http://www.ready4work.de für den Kurs anmelden. Für die Teilnahme sind Grundkenntnisse der Deutschen Orthographie, das kleine Einmaleins sowie basale Kenntnisse der Dreisatz- und Prozentrechnung erforderlich.
       
      Stand 20.12.2016

      Andreas Maier

      • Andreas Maier
        was haben sie gegen zukünftig noch intelligentere taxifahrer? demnächst wird ein doktorrand nötig sein, um fahren zu dürfen. bildung ist eben alles, oder? es gibt massen an arbeitsplätzen in deutschland, wo man noch einen akademiker hinsetzen kann, damit praktiker nicht zu übermütig werden und wohlmöglich bei der arbeit hand anlegen.

        • wie wäre es, die verantwortlichen mit sprosse und holm im keller der deutschen bank einzusperren, bis sie ehrliche aussagen treffen? ich glaube ,so mancher würde dann lebenslang hinter gitter sitzen und nicht in eine luxusherberge . wer bezahlt denn hier in wirklichkeit? die verantwortlichen? die volksverdummung ist schon sehr weit fortgeschritten. deswegen auch deren geringe aufregung über diese verbrecher.

          Andreas Maier

      • Hallo Klaus Bruns,

        „Kein Exzeß ohne Regreß!“ So ließe sich doch das Kernmotiv Ihrer Debattebeiträge zu den am Bockelsberg ins Astronomische explodierten Baukosten auf eine übergriffige Faustformel bringen, oder?

        • Kurt Petersen
          Kein Exzeß ohne Regreß!“
          kann man so nennen, nur da haben wir ein problem. pack schlägt, pack verträgt sich. und der mantel, der sich mal wieder über alles legen soll, ist sehr groß, somit passen eben auch viele darunter. und was das mit den krähen so ist, dürfte jedem bekannt sein. so manche krähe ist sich eben sicher, dass sie noch gebraucht wird.und deswegen werden die augen auch in ruhe gelassen.

  7. Was ist das Uni-Präsidium? »Es ist teilweise eine bekloppte Welt. Es treffen viele Egos aufeinander. Jeder denkt an sich selbst und versucht, sich einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen. So wie in jedem Business. Aber das Uni-Präsidium ist ein Extremfall, weil es eine kleine Welt ist, in der viel Geld steckt.« Sie aber wußten sich zu behaupten. Vom Univativ, Ihrem studentischen Verlautbarungsorgan, gefragt, wie Sie damit umgingen, im Schatten von Holm Keller zu stehen, antworteten Sie: »Ich mußte mir erst Respekt verschaffen. Ich habe die Leute direkt angesprochen: ›Bitte beachtet uns beide, schenkt mir genauso viel Aufmerksamkeit. Das habe ich verdient‹.«

    Chapeau, Spoun! Wenn man ignoriert wird, einfach lieb um Aufmerksamkeit bitten und dezent darauf hinweisen, daß man es doch auch verdient habe. Erinnern Sie einfach mal an die Formel 1 bzw. an Michael Schumacher und Nico Rosberg! Dann würde es bestimmt auch niemanden wundern, daß sich einer wie Sie im knallharten Präsidial-Geschäft dadurch Respekt verschafft, daß er Ende Januar zurücktritt!

    Respektvolle Grüße

    Ludwig Gerbers

  8. Wenn 2022 das Audimax dann endlich bezogen und nutzbar sein wird, wird die Republik sich bei den Händen fassen und jubeln: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/image/title/SP/2007/42/300

  9. Legende von der Entstehung des Buches Ai-ämm-se-King

    Indem Herr Dr. Spoun „Kulturen in der Kritik“ erwähne, meint Hans-Herbert Jenckel mit unnachahmlich spitzbübischer, von seinem selbstgefällig dahin bramarbasierenden Gesprächspartner gleichwohl vollkommen übersehener Ironie (Video ab Minute 3:20), spreche jener ein Thema an, das alle bewege, nämlich die Frage: „Was kann ich heute überhaupt noch glauben?“ Und Jenckel steuert schließlich, indem er den Unipräsidenten noch weiter aufs Glatteis lockt, ganz direkt auf sein Ziel zu: „Was Sagen Sie? Gerade im Hinblick auf Fake-News, — die Glaubwürdigkeit von Medien überhaupt, hat die gelitten?“

    Tatsächlich bestätigt Herr Dr. Spoun auch sofort mit einigem Eifer, ja, die Glaubwürdigkeit habe gelitten und es sei nun genau den Fragen nachzugehen, erstens warum, zweitens wie bzw. in welchen Bereichen und drittens wie man es so verstehen könne, dass man es wieder ändern könne, so dass die Glaubwürdigkeit wieder zunehmen könne, das seien Forschungsfragen die im Graduiertenkolleg und im Rahmen des Schwerpunktes „Digitalisierung“ im Habermas´schen Sinne deliberierend untersucht werden würden.

    ICH denke, es ist daher ebenfalls ganz im Spounschen Sinne, wenn wir uns alle sehr darauf freuen und hoffen, dass „dieser Begutachtungsschwerpunkt aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive“ ganz sicher auch die „gewaltig nachhaltigen“ Impulse „zum Gegenstand der kritischen Aufarbeitung“ machen wird, welche die Presse- und Reklamearbeit der Leuphana selbst landesweit zu dieser schweren Vertrauenskrise der medialen Glaubwürdigkeit beigetragen hat.

    Aber rühmen wir nicht nur den Doktor
    Dessen Name über dem Artikel prangt!
    Denn man mußt´ dem Sascha seine Wahrheit erst entreißen.
    Darum sei der Jenckel auch bedankt:
    Er hat sie ihm abverlangt.

    MfG, Berthold Fürst

    • Sehr gut gesehen! Das ist Hans-Herbert Jenckels große Hebammenkunst. Er bringt den Unipräsidenten Spoun tatsächlich dazu, in seinen hektischen Ausführungen über die Ursachen geschwundenen Vertrauens und fehlender Glaubwürdigkeit ein scharf gezeichnetes Selbstportrait zu erstellen. Und darüber hinaus wird durch Redaktor Jenckels sokratisches Fragen erneut deutlich, wie ausschließlich sich sein Gegenüber nur allein noch in den verwüsteten, gedankenleeren Bahnen werblicher Rhetorik zu artikulieren vermag. Das LZ-Video hätte eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Komödiantische Dokumentation“ verdient.

      • Finde ich gut! Über die Rolle des aberwitzig aufgeblähten Leuphana-Propaganda-Apparates („Strategische“ Entwicklung, Marketing, Kommunikation, Public Relations, Pressearbeit, Events, Reden, „Förderkreise“, Blockflöten und Claqueursvereine, etc.) beim Entstehen und sich Ausbreiten des „medialen“ Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlustes sollte im Rahmen des „Forschungsprojektes“ mit dem fabelhaft verschwurbelten Titel „Kulturen in Kritik und Krise“ einmal sorgfältig nachgedacht und vielleicht sogar die eine oder andere „Studie“ angefertigt werden!

    • Ist Sascha Spoun als Uni-Präsident überhaupt noch zu halten?

  10. Andreas Janowitz

    Grundlage dieser verfehlten Hochschulpolitik ist der panische Blick gen China. Hundertausende Titelträger dort würden den Standort EU „zwangsweise“ abhängen heist es. Aus diesem Grund wird seit zwei Dekaden die studierenden Zahl aufgebläht auf Teufel komm`raus. Vergessen wie in der DDR inflationär Titel verteilt wurden und trotzdem kaum etwas nenenswertes dabei herraus kam. Nichteinmal die AfD Titelschwinger und deren permanente verbale Notdurften beeindrucken noch. Titel sind bedeutungslos geworden, bloßes Handelsgut in der drei Sekunden Aufmerksamkeitsspannengesellschaft.

    Der Zweck höherer Bildung reibt sich mittlerweile an den nicht quantifizierbaren Elementen der Wirklichkeit in einem Maß, dass er sich selber ad absurdum führt. Sicher sind Investitionen in die Bildungsinfrastruktur wichtig, nur stellt der Verkauf von Titeln in pompösen Gebäuden weder angemessen qualifizierten Nachwuchs sicher, noch garantiert eine besonders große Menge an Absolventen einen gesicherten Abtrag für eine solche Investition. Im Zweifelsfall wandern die schlauen Köpfe einfach ab und lassen die Kosten hinter sich. Immerhin wurde versucht durch den „Inkubator“ diesem Vorzubeugen, allerdings sollten die laufenden Kostenstellen „Dozenten“ höhere Bewertung verdienen. Es ist ihre Arbeit, die Absolventen hervorbringt und nicht das Prestige von Verwaltungsgebäuden.

    • „Verfehlte Hochschulpolitik“, „zwangsweise abhängen“, „Blick gen China“, „DDR“, „hunderttausende Titelträger“, „Aufmerksamkeitskampf“, „AfD-Titelschwinger“, „Kosten“, „Verkauf von Titeln in pompösen Gebäuden“, „Inkubatorprophylaxe“ … ???

      Nana, Andreas Janowitz, da sind wohl die aufgeregt wirr durcheinander keifenden Schlittenhunde aus dem Zank- und Bellkämmerchen des superaktuellen Empörtseins mit Ihnen durchgegangen?

      Über die Einzelheiten und deren Zusammenhang sollten Sie vielleicht doch noch einmal nachdenken. Allerdings stimmt Ihr „Big Picture“. Das Problem der Hochschule Lüneburg ist, dass sie zu einer reinen Vermarktungsmaschine ohne erkennbaren qualitativen Kern in Lehre und Forschung umgebaut wurde. Es ist, als hätte man Heines höhnisch geißelnde Aufforderung im Jahre 2006 für bare Münze genommen und würde seither versuchen, ihr wortwörtlich zu entsprechen, ja, sie buchstäblich in die Wirklichkeit umzusetzen: »Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, / Und küsse die Marketenderin! / Das ist die ganze Wissenschaft, / Das ist der Bücher tiefster Sinn.«

      • Andreas Janowitz

        Eine Spambotess, ich werd` verrückt.

        • „Spambotess“? Die Pressestelle der Hochschule? Sind Sie nicht vielleicht schon verrückt, Andreas Janowitz (und brauchen es nicht erst zu werden)? Noch ist die gut geschmierte Verlautbarungsmaschine der Bockelsberger Werbe- und Reklame-Akademie nicht vollständig automati-, digitali- und elektrifiz(s)iert. Noch ist Henning Zühlsdorff das Nadelöhr, durch welches die Kamele gehen müssen, die sich unter den PR-Lasten der „kommunikativ aufbereiteten Messages“ quälen.

          Vielleicht erläutern Sie einmal kurz, was Sie am 2. Januar um 14:00 Uhr eigentlich sagen wollten. Ich habe Ihren Text nämlich meiner Oma Suse gezeigt. Die versteht auch nicht, worum es Ihnen zu tun war.

          • Andreas Janowitz

            O.k. doch kein Spambot. Der würde wenigstens korrekte Sätze zusammenfrikeln, darüber hinnaus auch keine Anzeichen von Paranoia an den Tag legen. ^^

    • Ich bin 1960 in Münster geboren und ehemaliger Professor der Soziologie, heute Angestellter des Vogelschutzbunds, bin verheiratet mit Jule, eine ehemalige Studentin, und habe eine Tochter, Sophie (6 Monate).

      Für mich hatte der Umzug aufs Land eine Kündigungserklärung dargestellt. Ich habe einer Gesellschaft gekündigt, in der es nur noch darum ging, beim großen Ausverkauf der Werte die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Als früher Anhänger der Umweltbewegung hatte ich politisches Engagement immer als natürlichen Zustand empfunden. An meinem 45. Geburtstag schien es mir aber, als stünde ich allein auf einem Schlachtfeld, das alle anderen verlassen hatten, um für den nächsten Stadtmarathon zu trainieren. Mit zunehmender Fassungslosigkeit blickte ich in die Gesichter meiner Studenten, in denen sich Angst und Erwartung zu seltsamer Leere paarten. Der Bologna-Prozess hatte aus der Universität ein Trainingscamp für Menschen gemacht, die sich bereits seit dem Kindergarten um das Design ihrer Lebensläufe sorgten. Meine Kollegen waren freundlich, sportlich und stets mit allem einverstanden. Sie hatten Familien, aßen mittags Salat und tranken auf Abendveranstaltungen höchstens ein Glas Bier, bevor sie um halb elf nach Hause gingen.

      Jule und ich hatten uns nie als »Professor und Studentin« gefühlt, obwohl wir natürlich genau das waren. Innerhalb des kleinen Universums der Universität bildeten wir einen wandelnden Skandal – der scharfzüngige, etwas kantige, aber immer noch gutaussehende Dozent und die junge, weiche, rothaarige Schöne. Aber darum ging es nicht. Wir hatten im wörtlichen Sinn etwas füreinander übrig. Für Jule war mein Furor ein Mittel gegen die drohende Informationsnarkose des frühen 21. Jahrhunderts. Für mich war Jule der lebende Beweis, dass Begreifen keine Voraussetzung für Lieben darstellte. Gemeinsam konnten wir tun, wovon andere nur träumten: die Dinge hinter uns lassen, statt an ihnen zu verzweifeln. Und eine große Summe von Dingen – das war die Stadt.

    • Bologna-Prozess

      Was bei Spoun immer so griffig klingt, ist sprachlich kompletter Murks. Richtig müsste das ganze Ding, das eine Absichtserklärung für bessere Hochschulen sein will, Bologneser Erklärung heißen. Denn erstens werden im Deutschen Städtenamen adjektiviert, wenn sie ein Substantiv qualifizieren. Niemand würde von einem Göttingen-Pamphlet oder einem Berlin-Manifest sprechen. (Eine Bolognaerklärung befasst sich mit Bologna, eine Bologneser Erklärung wird in Bologna abgefasst.) Warum man das Adjektiv Bologneser vermeiden wollte, ist rätselhaft. Vielleicht klang es den Beteiligten zu kulinarisch, vielleicht nicht ernsthaft genug? Zweitens aber – und das sagt noch viel mehr über den Quark, der da in Bologna angerührt wurde – denkt man bei einem Prozess zunächst an eine Gerichtsverhandlung. In diesem Fall saß man dann wohl über die Stadt Bologna zu Gericht? Nein, das kann bestimmt nicht gemeint gewesen sein. Was dann? Das Wort zumindest geht auf das lateinische procedere‚ zurück, was ,fortschreiten, vorgehen‘ bedeutet. Neben Gerichtsverhandlungen, die eben auf immer gleiche Art vonstatten gehen, meint das Vorgänge, die – einmal angestoßen – von selbst ablaufen. Und offensichtlich hatten genau das die Bildungspolitiker im Sinn: Die anvisierte Reform als unausweichlichen, unumkehrbaren und geradezu natürlichen Prozess darzustellen. Was reichlich vermessen ist angesichts des Chaos, das sie in ihrer Planlosigkeit angerichtet haben. Dank des Etiketts „Bologna-Prozess“ aber wirkt es nun, als träfe niemanden die Schuld an dieser Bildungskatastrophe. Hübsch, oder?

      LG, Martin

  11. Seit vielen Jahren ist ein Meer aus Kennzahlen und Bewertungsziffern zu beobachten, die – passend oder unpassend – immer dann aus der Schublade gezogen werden, wenn es darum geht, zu beurteilen, ob ein Wissenschaftler erfolgreich agiert oder nicht. Als Hochschullehrer, der bei wegbrechender Grundfinanzierung an einer deutschen Universität noch so etwas wie „freie“ Forschung betreiben will, wird man immer öfter gezwungen, solchen Kennzahlen hinterherzuhecheln wie der ausgehungerte Straßenköter hinter der Wurstpelle. Egal ob die Zahl der Veröffentlichungen, eingeladenen Vorträge, Mitarbeit in Programmkomitees, H-Index, Zitationen, Drittmitteleinwerbungen, citation index von Journalen oder was auch immer hier in immer kürzer werdenden Abständen von allen möglichen Seiten abgefragt wird.

    Hochschullehrer laufen Gefahr, einer zunehmenden Kommerzialisierung zum Opfer zu fallen. Wissenschaftler müssen heutzutage nicht nur die Mittel und Zeit auftreiben, die es erlauben, die Forschungsarbeiten voranzubringen, die in ihrem Interessensfeld liegen – also Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler sowie Experimente und Infrastruktur zu finanzieren. Um einigermaßen konkurrenzfähig zu bleiben, benötigen wir immer mehr Mittel für PR-Maßnahmen. Längst hat sich die Rolle von Veröffentlichungen und Konferenzteilnahmen fundamental gewandelt. Ging es früher vornehmlich um den wissenschaftlichen Austausch, steht heute das schnöde Marketing und das Aufhübschen des CV im Vordergrund.

    Gleichzeitig hat sich mit Journalen sowie bei der Messe- und Tagungsorganisation zwischenzeitlich ein „billion dollar business“ entwickelt. Es gründet sich auf der Notwendigkeit zur Profilierung und natürlich der Eitelkeit der beteiligten Wissenschaftler, erzwungen durch Unterfinanzierung. Interessanterweise lassen wir alle uns von diesem System in doppeltem Maße ausnutzen: Nicht nur zahlen wir immer höhere Summen – aus eigener Tasche – dafür, dass unsere Artikel in den einschlägigen Journalen veröffentlicht werden, sondern wir sind als ehrenamtliche Helfer (Editoren, Guest Editoren, Peer Reviewer) auch an entscheidender Stelle beteiligt daran, diese Veröffentlichungen umgekehrt mit einer gewissen Seriosität auszustatten. Klar, denn auch „Gutachter-, Editoren-, oder gar Herausgebertätigkeit“ sind beliebte Kennzahlen, die sich gut auf dem CV machen, und nach denen wir bewertet und meist auch bezahlt werden.

    Das Geld mit den Tagungen und Journalen, die wir auf diese Weise nicht nur mit dem Stoff zum Drucken und Veröffentlichen versorgen, sondern auch unterhalten, verdienen andere. Wie kann es sein, dass ich als „eingeladener“ Redner auf einer renommierten internationalen Fachtagung ohne lange zu zögern 1.000 Euro (und damit bin ich sicher auf einer „billigen“ Tagung) Beitrag dafür zahle, das Programm mit meinem Vortrag maßgeblich mitzugestalten und (hoffentlich) attraktiv zu machen?

    Im Kreise der Wissenschaft greift der Selbstbetrug immer stärker um sich. Es liegt auf der Hand, dass sich ein von Kommerz getriebenes System leicht – mit Geld oder aus politischen Gründen – manipulieren lässt. Jeder ist sich bewusst, wie die Veröffentlichungsliste, der H-Index oder die Zahl der Zitationen „getuned“ werden können. Problematisch wird es aber erst, wenn wir Wissenschaftler – nicht nur die Hochschulleitungen oder Wissenschaftspolitiker, sondern wir selbst! – beginnen, an die Kennzahlen zu glauben, die wir selbst manipulieren. Für mich ist das ein sicheres Indiz dafür, dass etwas falsch läuft! Wann immer ich am Rande von wissenschaftlichen Veranstaltungen mit Kollegen spreche und frage „glaubt hier jemand an den citation index“, ernte ich Gelächter und zynische Antworten, oft noch garniert mit einem „aber wir müssen doch mitmachen“.

    Jeder weiß, wie leicht die Zahlen manipulierbar sind, wie „politisch beeinflusst“ die Entscheidungsfindungen über Veröffentlichungen in einigen – gerade den exponiertesten – Fällen sind und wie wenig Aussagekraft sie für die objektive Bewertung wissenschaftlicher Leistungen liefern. Und dennoch: Immer häufiger sind es gerade wir Wissenschaftler selbst, die, sei es in Berufungskommissionen, in Gutachten über Forschungsanträge oder Veröffentlichungen, Kennzahlen wie den H-Index, die Veröffentlichungszahlen, Drittmittelerträge oder Anderes auspacken, um zu argumentieren. Wir sollten aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr damit beschäftigen, unsere eigenen Kennzahlen zu „pflegen“! Auf dass uns nicht die Zeit fehlt, uns mit dem wissenschaftlichen Kern auseinanderzusetzen! Mir kommt es so vor, als ob wir die Folterinstrumente selbst gerne nutzen, die tief in unserem eigenen Fleisch stecken. Das alles kulminiert darin, dass mir immer öfter Aussagen auffallen wie: „Das haben wir in … veröffentlicht, daran sieht man, welch gute wissenschaftliche Arbeit es ist.“ Ich dachte immer, die Logik sei umgekehrt: „Das ist gute Wissenschaft, daher versuchen wir, es in … zu veröffentlichen.“

    Müssen wir das wirklich alles mitmachen? Ich glaube, wir dürfen nicht! Lasst uns ehrlich bleiben!

  12. Antonia Mühlenberg

    Die lächerliche Dauerkomödie um die Geldbeschaffung für das auf groteske Weise überdimensionierte „Zentralgebäude“ der Provinzuniversität Leuphana kennt nur Verlierer. Die Hochschulleitung hat sich in einem Gestrüpp von Unaufrichtigkeit, mangelhaftem Verantwortungsbewusstsein und Unvermögen zum Gespött des ganzen Landes gemacht. Die verwickelten politischen Gremien und Behörden müssen sich allesamt vorwerfen lassen, ihren Aufsichtspflichten nicht rechtzeitig nachgekommen zu sein und dadurch selbstverschuldet in eine schier aussichtslose Lage der Erpressbarkeit geraten zu sein. Die Folgen, die sich künftig aus den Bewirtschaftungszwängen des monströsen Neubaus für die Stadt, den Kreis, aber vor allem für den Lehrbetrieb und damit für die Lehrenden und die Studierenden an der Leuphana ergeben werden, sind momentan noch gar nicht abzuschätzen.

    Doch eines ist überdeutlich: der „Libeskind-Bau“ in Lüneburg wird ein Denkmal „akademischen“ Selbstbetrugs. Man sieht an diesem grellen Beispiel, dass die hier hemmungslos verfolgte Strategie – die Ressourcenvermehrung – nicht alle Universitäten zugleich wählen können, weil bei nicht endlos wachsenden monetären Mitteln die einen weniger bekommen, was die anderen mehr erhalten. Bei einem Nullsummenspiel ist eben der Gewinn des einen der Verlust des anderen. Wozu nahezu alle bis auf die Reichsten gezwungen werden, ist die sogenannte Profilbildung, im Klartext die Abstoßung von allem, was unter der wettbewerbsfähigen kritischen Masse liegt, und die Investition der freiwerdenden Mittel in wenige Schwerpunkte. An die Stelle der Universität tritt dann eine Spezialhochschule mit eingeschränktem Denkhorizont, wodurch die Chancen für interdisziplinäres Arbeiten just zu einer Zeit sinken, wo alle danach rufen.

    Wenn der Wettbewerb von Hochschulen um Ressourcen erstens zu einer größeren Ungleichheit ihrer Verteilung führt, zweitens die meisten Universitäten in Spezialhochschulen transformiert und drittens die Diversität von Forschung und Lehre reduziert, dann muss man sich fragen, was diesen Wettbewerb so antreibt, dass er für die Hochschulleitungen zum völlig unhinterfragten Faktum geworden ist. In meinen Augen ist es die große Verwechslung des genuin wissenschaftlichen Wettbewerbs um Erkenntnisfortschritt mit dem ökonomischen Wettbewerb um Monopolrenten. Wer sich den Wettbewerb nicht wünscht, der setzt sich sofort dem Verdacht aus, es sich bequem machen und auch ohne Anstrengung zu Geld und Ehren kommen zu wollen. Nur, worin besteht denn die Anstrengung von Hochschulleitungen, die ihre Universität im Ranking um ein paar Plätze nach oben bringen wollen? Sie kann allein darin bestehen, Kapital zu generieren, das in schon vorhandene Schwerpunkte investiert wird. Wenn kein Geldgeber von außen kommt, dann kann nur die innere Kannibalisierung der Fachgebiete unterhalb der kritischen Masse den erwünschten Erfolg bringen.

    Im Aprilheft des Jahres 2010 der New York Review of Books beklagte der in Princeton lehrende Historiker Anthony T. Grafton den Niedergang der britischen Universitäten. Anstatt ihnen ausreichende Geldmittel und den Wissenschaften die Freiheit ungestörter Entwicklung zu gewähren, hat man sie Managern unterstellt, deren Credo lautet: „create financially viable academic activity by disinvesting from areas that are at subcritical level with no realistic prospect of extra investment“. Nach dieser Devise bleibt auf der Strecke, was nutzlos erscheint und sich nicht auszahlt. Aber es gibt nur einen Weg zur Vortrefflichkeit: Man pflege die Vielfalt der Disziplinen, bemühe sich um die besten Forscher und Lehrer, gebe ihnen die nötigen Mittel und vor allem Freiheit und Zeit für ihre Arbeit! Natürlich wird sich am Ende nicht jeder als ein ganz Großer seines Fachs erweisen. Aber nur auf diese Art erwachsen jene überragenden Leistungen, die allein den Ruhm einer Universität begründen. Wer dagegen auf kurzfristigen Ertrag setzt, verspielt die Zukunft. Das alles ist uns Nacheiferern nur zu bekannt, und die Devise der Manager klingt, als sei sie geradewegs aus einem deutschen „Strategiepapier“ abgeschrieben.

    Aber haben wir denn nicht die Zeichen der Zeit erkannt und in finanziellen Kraftakten ohnegleichen einen Ruck durch die Universitäten gehen lassen, unerhörte Innovationen auf den Weg gebracht und wenigstens einigen unserer Universitäten die Chance gegeben, ganz oben auf der Weltrangliste dabei zu sein? Doch täuschen wir uns nicht: Alle diese Elite-, Forschungskolleg- und Exzellenzprogramme werden am Ende nichts hervorgebracht haben als neue, die Eitelkeit schmückende Kleider. „Eliteuniversität“! Welche wirklich bedeutende akademische Institution wird die Schamlosigkeit besitzen und sich selbst das Schild „Elite“ oder „exzellent“ umhängen? Die „Exzellenzcluster“ (was für ein Wort!) werden erforscht haben, was man ohne sie auch erforscht hätte; die „Graduate Schools“ werden Doktoren produziert haben, die man ohnehin ausgebildet hätte; und die „Zukunftskonzepte“ werden sich als der Marketingschwindel erweisen, als der sie schon heute durchschaubar sind. Aber es wird viel Geld ausgegeben und die Universitäten werden umstrukturiert worden sein. Gefangen in den eigenen Entwicklungsplänen, „Schools“ und „Clustern“, verarmt zu Lasten einer fruchtbaren Artenvielfalt und auf Dauer gestellt (Stichwort: „Nachhaltigkeit“), werden sie bleibenden Schaden genommen haben. Einen Weg zurück wird es nicht geben. Und was das Beste ist: Angesichts der geflossenen Milliarden wird der Hinweis auf die nach wie vor allüberall mit Händen zu greifende Unterfinanzierung des überwiegenden Teils unserer Universitäten kein offenes Ohr mehr finden.

    • Detlev Behrens

      Chapeau, klug analysiert!

      Leider drängt sich der Verdacht auf, dass genau das, der Umbau der Universitäten zu Potemkinschen Dörfern, gewünscht ist. Und Entertainer wie Herr Spoun, der zumindest scheinbar nicht begreift, was sein Tun und Dampfgeplaudere eigentlich anstellt, betätigen sich fleißig als Totengräber der Institutionen, denen sie vorstehen… unter dem Applaus der anderen, profilneurotischen Player.

      • Wes Brot ich fress, des Lied ich sing

        Sascha Spoun hat seine Sicht der Dinge am 2. Januar 2012 im Hamburger Abendblatt dargelegt: „Für die Universitäten wird es in Zukunft immer wichtiger, zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen. Die klassische Hochschulfinanzierung wird nur noch eine Grundausstattung sicherstellen können. Wichtig werden zusätzliche Investitionen wie aus dem europäischen EFRE-Fonds für unseren Innovations-Inkubator. Es geht um Wirtschaftsentwicklung durch Wissenschaft. Darin liegt eine große Zukunftsaufgabe für die Universitäten: Sie müssen ihren Sinn und Zweck in der Gesellschaft deutlich machen und auch belegen. Darauf, dass öffentliche Gelder ohne Leistungsauftrag immer knapper werden, muss man sich rechtzeitig vorbereiten, denn der internationale Wissenschaftsbetrieb ist wettbewerbsintensiv und teuer. Auch deshalb wird die Erschließung zusätzlicher Finanzierungsquellen immer wichtiger. Dafür müssen wir das vorhandene Geld so investieren, dass es für Forschungsförderung und die Gesellschaft attraktiv wird, in uns und unsere Arbeit zu investieren. Das ist eine völlig neue Grundkonstellation. In einer strukturschwachen Region wie Lüneburg stellt uns das vor besondere Herausforderungen.“
        (Quelle: http://www.abendblatt.de/region/lueneburg/article107707760/Sascha-Spoun-Wir-muessen-ueberregional-denken.html)

        „Es geht um Wirtschaftsentwicklung durch Wissenschaft“? Ist denn die Wirtschaftsentwicklung wissenschaftlich planbar? Und ist die Universität die Dienstmagd der Wirtschaft? Klingt das nich sehr nach den Weltbemächtigungsfantasien des „Obersten Rechtsgelehrten“ Kim Jong-un aus der „Einheitlichen Republik“ Nordkorea?

        Dazu Friedrich Schleiermacher (1768-1834), Theologe, Philosoph, Pädagoge, Platonübersetzer, Dekan der theologischen Fakultät und 1815 Rektor der 1810 gegründeten Freien Universität in Berlin: „Das Lernen und Dienen an und für sich ist nicht der Zweck der Universität, sondern das Erkennen. Es soll nicht das Gedächtnis angefüllt, auch nicht bloß der Verstand bereichert oder etwas Nutzbares gebastelt werden. Es soll ein ganz neues Leben, ein höherer, der wahrhaft wissenschaftliche Geist soll erregt werden. Dies aber gelingt nun einmal nicht im Zwang. Der Versuch kann nur angestellt werden in der Temperatur einer völligen Freiheit des Geistes. Zur Wissenschaft und zum Erkennen, welches ihn befreit vom Dienst JEDER Autorität, kann der Student nicht durch irgendeine Gewalt oder durch einen Zwang äußerer Anforderungen, schon gar nicht durch den des oekonomischen Interesses gebracht werden. Es muss Raum gelassen werden allem, was jedem von innen kommt. Je mehr sich der Geist der Wissenschaft regt, desto mehr wird sich auch der Geist der Freiheit regen, und sie werden sich nur in Opposition stellen gegen die ihnen zugemutete Dienstbarkeit.

        Schulen und Universitäten leiden je länger, je mehr darunter, daß Staat und Wirtschaft sie als Anstalten ansehen, in welchen die Wissenschaften nicht um ihrer-, sondern um ihretwillen betrieben werden, daß sie das natürliche Bestreben derselben, sich ganz nach den Gesetzen, welche die Wissenschaft fordert, zu gestalten, mißverstehen und hindern, und sich fürchten, wenn sie sie sich selbst überließen, würde sich bald alles in dem Kreise eines unfruchtbaren, vom Leben und von der Anwendung weit entfernten Lernens und Lehrens herumdrehen. Vor lauter reiner Wißbegierde würde die Lust zum Handeln vergehn und niemand würde in die bürgerlichen Geschäfte hinein wollen. Dies scheint seit langer Zeit die Hauptursache zu sein, weshalb Staat und Wirtschaft sich zu sehr auf ihre Weise dieser Dinge annehmen.“

        Bettina Schneider

    • Andreas Janowitz

      Öhhhmmm… „… weil bei nicht endlos wachsenden monetären Mitteln…“ `tschuldigung, aber Kreditgeld ist unendlich elastisch? Es gibt immer neue Kredite? Wirklich kritisch wird es, wenn sich die Finanzwirtschaft über eine Quasiwährung, wie etwa MEFO-Wechsel, oder auch CDOs, vom Geldkreislauf aus Kredittilgung und -gewährung verabschiedet? Über schneller steigende Preise auf Kredite (CDOs sind verkaufte Kredite!) kann man dem Zins des ursprünglichen verliehenen Betrages umgehen (womit es überdies zum Schneeballsystem wird), aber das nur nebenbei…

      Derweil beißt sich die Katze in den Schwanz, wenn es um die Sicherung des Abtrages geht? Und schon wären wir bei nicht quantifizierbaren Elementen, denn wer weiß schon welcher (Geld)Wert etwa dem „Faust“ gegenüber stünde? Oder: entsprechen gleiche Zensuren demselben RoI?

      Aber Grundsätzlich stimme ich ihnen zu: die Orientierung an Quartalsgewinnen hat in der Wissenschaft nichts zu suchen!

    • Auf den Punkt gebracht,klasse!

    • Richtig! Seit der 1999 von 29 europäischen Bildungsministern im italienischen Bologna unterzeichneten politisch-programmatischen Erklärung, welche auf die Schaffung eines einheitlichen Europäischen Hochschulraums gerichtet war, sah eine Ära bürgerlicher Politik die Deklassierung geistiger Arbeit, die schleichende Zerstörung der deutschen Universität und die ökonomische Unterhöhlung der Lehrberufe. Die nach dem jüngsten „Aufwertungs“-Schicksal der Handelsakademie St. Gallen gemodelte „Leuphana“ ist am gelehrigsten mit dabei. Worum geht es? Geht es um „wirtschafsrelevante Kaderschmieden“, die drittklassige Kommunikations- und Unternehmensberater und viertklassige Hochglanzstudien für fette Honorar herauskarnickeln, wie Herr Spoun sich das vorstellt? Oder geht es um die Akkumulation von Wissen in Freiheit und weitgehender Autonomie, um Selbstbestimmung bei gleichzeitiger Achtung von individuellen Werten, um die Chance, zu werden, wer man werden will, bei gleichzeitiger Zähmung der Agenturen ökonomischer Interessen und politischer Macht? Ist die Zukunft von Bildung und Ausbildung nun Eigensinn, ungezwungenes Denken und methodisches Können oder die Anfertigung verkäuflicher Produkte und ansonsten Dressur und Abrichtung am digitalen Gängelband wirtschaftlicher Nutzzwecke? Frau Schavan war immer inexistent, Frau Wanka und Frau Heinen-Kljajić sind es nach wie vor. Eine der großen Wertedebatten der Zukunft, die jede einzelne Familie betreffen wird, zu der man sich „sozialdemokratisch“, „christlich“, „liberal“ oder „ökologisch“ nennende Parteien gerne hören würde, ja hören muss, hat einfach nicht stattgefunden –: kein Wort, nichts, niemand.

  13. Wer hat Bologna erfunden?

    Die Bildungsministerin? Oder Bertelsmann? (Doktor Spoun jedenfalls nicht, er ist nur ein Trittbrettfahrer.)

    „[Es] ist festzustellen, daß ökonomische Bedeutung heute sich nach der Nützlichkeit für die Machtstruktur bemißt, nicht nach der für die Bedürfnisse aller.“ Horkheimer, 1947

    Manuel H. (= Herum) Drucks zum Beispiel (Name schon ziemlich blöd), 23, muß früh aufstehen in letzter Zeit. Um halb vier Uhr morgens klingelt der Wecker. Manuel springt aus dem Bett, schreibt rasch eine Seminararbeit zu ­Ende, radelt wie ein Verrückter an die Uni­versität, fällt im Hörsaal tot um. Was wie eine zynische journalistische Überspitzung klingt, ist in diesem Fall eine übertriebene Dar­stellung zur Veranschaulichung eines Sachverhalts. Manuel ist Student; genauer gesagt ein typischer Student der neuen Generation – fleißig, ordentlich, mausetot.

    Die deutsche Hochschullandschaft hat sich verändert. Wo einst Berge, Wiesen und Felder waren, stehen jetzt Gebäude oder Städte; teils schon seit vielen hundert Jahren. Die Globalisierung hat auch vor der Alma Mahler nicht haltgemacht; Worte wie »Bologna«, »Flexibilisierung« und »Riesenschweinerei« charakterisieren die Umwandlung. Am studentischen Alltag läßt sich gut ablesen, wie sehr sich die ehedem so heile Hochschulwelt gewandelt hat. Von früh bis spät mit den Freunden klönen, gelegentlich mal ein Seminar besuchen, sich spätnachts noch schnell aufs Examen vorbereiten – der Alltag der Professoren ist im wesentlichen der gleiche geblieben. Ganz im Gegenteil zu dem der Studenten.

    Der Bologna-Prozeß, der die europa­weite Vereinheitlichung der Hochschulen kennzeichnet, verwirrt schon durch die neue Terminologie. So studiert Manuel Drucks das Fach »German Speak Studies« (früher: Germanistik). Anstelle der alten Leistungsnachweise erhält er jetzt sogenannte »Credit Points«: für jeden Bankkredit, den er zur Finanzierung des Studiums aufnehmen muß, erhält Manuel eine bestimmte Anzahl Kreditpunkte. Hat er genügend »Credits« gesammelt, ist er examensreif, wird sich stolz »Bachelor of Deutsche Language« nennen können und ist zunächst arbeitslos. Denn erst wer Bachelor ist, hat überhaupt die Chance, zum begehrten »Master« bzw. »Husband« aufzusteigen und vom Arbeits bzw. Heiratsmarkt akzeptiert zu werden.

    Die neuen Studiengänge werden dabei mit atemberaubender Geschwindigkeit absolviert. Der dreißigjährige Bummelstudent, der im vierzigsten Semester Orchideenzucht und Walfang studiert, ist ein Zerrbild von gestern. Das Zerrbild von heute ist der neunzehnjährige Fummelstudent, der nach zwei Semestern Studium (BWL, Verblendung und Infotainment), dreijährigem Auslandsaufenthalt, sieben gehörten Fremdsprachen und zwanzig Jahren Berufserfahrung von Headhuntern umgarnt wird, um dann bis zu seinem Lebensende für das Unternehmen den Head (Kopf) hinhalten zu können.

    Die Studierenden selbst nehmen kaum wahr, wie sehr sich ihre Lebensbedingungen von denen früherer Generationen unterscheiden, lacht der Bildungsforscher Peter Ausgedachter-Nachname. Viele seien durch die inzwischen stark verschulten Lehrveranstaltungen und das beschleunigte Bachelor-Studium zeitlich so sehr gebunden, daß Schlafen, Atmen und Nachdenken niedrige Priorität haben und in den Ferien nachgeholt werden – wenn überhaupt. Die Zeit ist oft so begrenzt, daß viele Studenten mehrere Veranstaltungen gleichzeitig belegen: Sie bitten Kommilitonen darum, in der Mensa für sie mitzuessen, auf der Toilette für sie mitzupinkeln und bei Partys auch ihren Namen in die Anwesenheitsliste einzutragen.

    Den größten Einschnitt in den studentischen Alltag stellten zweifelsohne die Studiengebühren dar. »Das sind 500 Euro, die im Portemonnaie der Eltern fehlen«, sagt Ausgedachter-Nachname. Die Gebühren sind allerdings nicht ausschließlich negativ besetzt. Besonders Studenten, die Aufgeblähte-Verwaltungswissenschaften studieren, freuen sich auf die vielen neu entstandenen Jobs bei der studentischen Gebühreneinzugszentrale; besonders ausgefuchste BWLer bieten ihren Kommilitonen bereits jetzt Kleinkredite an (Zigaretten, Notizpapier, Münzen zum Kopieren).

    Angesichts der neuen Belastungen blüht das Sozialleben der Studenten auf: sich gegenseitig die Bücher verstellen, Kopiervorlagen aus dem Semesterapparat klauen, mit »lieben« Freunden auf einen vergifteten Kaffee gehen – auch nach der Vorlesung bleibt noch genug zu tun, um lästige Konkurrenten auszustechen und die eigene Halbwertszeit zu erhöhen. »Man tut, was man kann. Gottseidank kann ich nichts«, schmunzelt Manuel und würgt an seinem Kaffee.

    Klagen über die Lebensbedingungen der »Generation Praktikum« kommen überraschenderweise nicht von den Studenten, sondern von Vertretern der Wirtschaft: »Hochqualifizierte Akademiker, die für ein Taschengeld arbeiten, sind eine große psychologische Belastung für die Unternehmen«, meint der Wirtschaftsfuzzi Peter Fuzzi. »Irgendwann kommen die Studenten nämlich darauf, wie grauenhaft die hier ausgebeutet werden. Dann ist das Geschrei natürlich groß und die Revolution nicht weit. O Gott, ich freu mich schon so!«

    Auch die Rolle der Professoren verändert sich, vom Bild des kauzigen Stubengelehrten ist nicht mehr viel übrig. Viele Hochschullehrer verstehen sich heute als Dienstleister, so etwa, wenn sie nach der Freistellung bei Lidl neu anfangen. Die meisten sehen der Hochschulreform mit gemischten Gefühlen entgegen, z.B. Haß gemischt mit Wut. Hanspeter Peterhannes, Dozent in den Fächern Heimat- und Sachkunde, resümiert: »Kein Mensch weiß, was Bachelor und Master überhaupt wert sind.« Die alten Abschlüsse hingegen, wie Diplom, Magister oder Hausratversicherung, seien heute ihr Gewicht in Gold wert. »Aber was bringt so ein DIN A4-Blatt schon auf die Waage? Ein paar Gramm!«

    An den Hochschulen hat insgesamt ein Generationenwechsel stattgefunden: die 68er sind weg – inzwischen schon seit 39 Jahren. Aktuell schreibt man das Jahr 2017, auch »17« genannt. Die Einssiebener sind unpolitisch, Protestaktionen gibt es an den Hochschulen nicht mehr; statt dessen sind plüschflaschenwerfende Demos gegen neoliberalen Rechtsextremismus und rotgrünversiffter Widerstand gegen Pistolero Petry-Pretzell an der Tagesordnung. Idyllische Szenen, wie man sie sich vor vierzig Jahren kaum hätte vorstellen können.

    Der Erfolg des neuen Hochschulmodells ist vor allem auf zwei Namen zurückzuführen: Satan und Schwanka. Die engagierte Bundesbildungsministerin Annette Satan (Name wurde z. T. anders geschrieben) hat schon als baden-württembergische Landesministerin der Kabinette Teufel II, Teufel III und Luzifer IV der Hochschulpolitik ihre eigene Handschrift aufgedrückt, etwa wenn sie Regierungsbeschlüsse unterschrieb. »Die Zukunft der jungen Generation ist unser aller Zukunft«, faselt die verhärmte Schreckgestalt heute, wenn sie Kinder in ihr Knusperhäuschen lockt. Schwanka, von 2010 bis 2013 war sie niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, seit dem 14. Februar 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung, gibt sich kämpferisch und hat schon mehreren Kritikern die Nase gebrochen: »Man hat mir vorgehalten, aus der ehemals selbständigen Hochschule Lüneburg eine lebensfeindliche Kaderschmiede mit Profilneurose gemacht zu haben, in denen jegliche Freiheit zugunsten von Bau- und Renommierwahn allmählich erstickt wird. Warum fällt es vielen so schwer, das als Chance zu begreifen?«

    Manuel H. Drucks jedenfalls hat die Zeichen der Zeit verstanden. Er will sein Studium wenigstens zum Teil im Ausland absolvieren, hat dazu viele seiner Organe an die ukrainische Mafia verkauft – auch zur Gegenfinanzierung der Gebühren. Würde er sich noch mal entscheiden, ein Studium anzufangen? Manuel humpelt zu seinem Schreibtisch, blickt lange und trübsinnig drein. Er ist stiller und nachdenklicher geworden, seit sein linker Schläfenlappen auf eine ukrainische Adelige verpflanzt wurde. Der »Brain Drain«, der deutschen Geist ins Ausland zieht, bleibt ungebrochen. Doch ob Manuel eines Tages hinterherziehen oder weiter katatonisch ins Leere stieren wird, bleibt abzuwarten.

    Sabine Mönning

    • Die Flucht der Studierenden aus einem viel zu kleinen in den größten verfügbaren Hörsaal glich einem Feueralarm. Flur und Vorsaal waren bereits so überfüllt, dass der neue Professor sich kaum einen Weg ins Auditorium bahnen konnte. Dort empfing ihn ein „Amphitheater von Menschen“, offene Münder, neugierige Blicke. So wurde 1789 der Historiker Friedrich Schiller zu seiner Antrittsvorlesung in Jena begrüßt. Nachtmusik und dreifaches Vivat folgten. Mag sein, dass derart berühmte Lehrer so selten geworden sind wie Vorlesungen als Event und Happening.

      Das liegt aber nicht allein an fehlenden Stars – „talentierte Wiederkäuer“, wie Goethes Schwager Vulpius sie spöttisch nennt, gab es auch damals zuhauf. Vielmehr ist heute der fundamentale Unterschied zwischen Schule und Universität mehr denn je aus dem Blick geraten. Schon Schiller charakterisiert diesen Gegensatz durch zwei Studientypen: Da sind die „Brotgelehrten“, die möglichst schnell und nur der Noten, Zeugnisse und Berufsmöglichkeiten wegen etwas auswendig lernen und reproduzieren. Ihnen gegenüber stehen „philosophische Köpfe“, denen es mehr um die Sache selbst geht, um Denkvermögen wie die individuelle Ausbildung von Geist und Persönlichkeit. Für das zweite Ziel wurde seit dem Mittelalter die ‚universitas‘ als freie Gemeinschaft Lehrender und Lernender überhaupt erst gegründet.

      Durch die jüngste Studienreform, die – höchst ironisch – den Namen der ältesten europäischen Universität Bologna im Namen führt, ist diese entscheidende Differenz in Vergessenheit geraten. Plötzlich will man nach zwölf oder 13 Schuljahren einfach so weitermachen wie bisher – also mit Lehrern, die sich an beengende Pläne zu halten haben, mit minimalen Wahlmöglichkeiten, mit unkreativem Lernen auf Klausuren, mit Regularien, Erfolgsdruck und striktem Zeitkorsett. All das widerspricht der Idee von Universität und ihrer uralten Tradition. Nein, ohne sehr viel Freiheit für Themen, Fragen und Lernformen, ohne Sinn für Nebenwege, Risikobereitschaft, zweckfreie Neugierde und etwas Spieltrieb ist Universität nicht denkbar. Erreichen die Reformtechnokraten ihr Ziel eines völlig durchstrukturierten, planbaren, national wie international beliebig austauschbaren Studiums, dann ist etwas entstanden, das den Namen Universität nicht mehr verdient und für viele Berufe, die Kopf erfordern, sogar ungeeignet ist.

      Nostalgie wäre indes völlig falsch, denn früher war sicher nicht alles besser. Da blieben viele als ewige Studenten auf der Strecke oder gingen im Chaos einfach unter. Dennoch muss man kein Freund der 68er-Generation sein, um zu begreifen, dass die sogenannte reformierte Universität von heute Studierenden auf perfide Weise den Respekt verweigert, sie geradezu entmündigt: Indem man sie weiterhin wie Schüler behandelt, statt sie als selbstständig denkende, kritisch entscheidende, ihre Interessen frei wählende Menschen ernst zu nehmen. Deshalb ist es ab dieser Woche die Pflicht aller Studienanfänger in Hannover und anderswo, sich gar nicht erst als Lernroboter missbrauchen zu lassen, die von Studientechnokraten programmiert und auf Effizienz gebürstet werden, sondern, wie Immanuel Kant einst so schön sagte, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und zu vergewissern – ihres eigenen Willens, ihrer eigenen Wünsche, ihrer eigenen Zielsetzungen. Studienordnungen, Modulkataloge, Kreditpunkte hin oder her.

      Dann wird sich Spaß statt Stress und Frust im Studium einstellen. Schließlich geht es um die besten und fruchtbarsten Jahre des Lebens. Auch außerhalb des Hörsaals. Bevor Politiker und Berufsberater die abwegige Angst schürten, Absolventen älter als 23 Jahre seien für diese Welt verloren, ging man auf längere Reisen, lernte Sprachen, sammelte Erfahrungen. Das geht noch immer fast ohne Geld: „WWOOFer“ nutzen etwa ‚worl-wide opportunities on organic farms‘, arbeiten wenige Stunden am Tag bei freier Kost und Logis und lernen in anderen Kulturen innovative Projekte kennen.

      Studieren an nur einem Ort galt früher ohnehin als provinziell. Heute ist es durch den europaweiten Erasmus-Austausch auch viel leichter geworden, ins Ausland zu kommen als vor 30 Jahren. Da kamen Professoren zwar noch mit einer Kippe im Mund und einer Kaffeetasse in der Hand ins Seminar, Denken statt Lernstoff vermitteln konnten sie aber. Auch wenn Intellektuelle inzwischen in Verruf geraten sind, weil sie keine gefällige, simple und bloß anwendbare Unterhaltung versprechen, darf die Kunst des Räsonierens nicht aussterben. Die nützt selbst künftigen Lehrern, um eine Schule zu fördern, die früher zur Mündigkeit erzieht. Damit Universität aber nicht zur Schule verkommt, brauchen wir Studierende, die sich nicht wie Schüler behandeln lassen oder selbst so benehmen. Nur dann erfüllt sie ihren ursprünglichen Zweck, eine freie Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden zu sein.

  14. Thermostat auf VOLL ?! Das ist ein alter Trick. Du machst es im Büro so ungemütlich (heiß, kalt, laut,…) das dem Besucher sich nicht wohl fühlt und der „Fluchtinstikt“ einsetzt. Klinische Tests haben auch nachgewiesen, dass das Leistungsvermögen unseres Körpers bei hohen Außentemperaturen geringer ausfällt, weil das Blut weniger Sauerstoff transportiert. Ich will Herrn Spoun natürlich nicht unterstellen das das seine Absicht war.

  15. „Wir“ ist das vom Doktor Spoun am häufigsten verwendete Wort. Hier zeigt sich noch einmal das wichtigste Merkmal des leuphanatischen Newspeak („Nebelsprech“), welches gleichzeitig verbergen und enthüllen soll. Klare und bedeutungsschwere Aussagen werden vermieden – insbesondere das Nennen von verantwortlich Handelnden, die in Regress genommen werden könnten. Stattdessen überwiegen (akteurlose) Passivkonstruktionen und bedeutungsleere (intensionsarme) Wörter („Forschung angestoßen“, „Thema besetzt“, „weltweite Kooperationen“, etc.) bzw. Wörter mit großer oder offener Extension (wie die Prononomina „wir“ und „man“ oder Kollektivsingulare „die Leuphana“, „das Land“) und schwammige Floskeln, die oft emotional aufgeladen sind („Kernaufgabe im strukturschwachen Nordostniedersachsen“ / Konnotation: „Wir, die Retter“) bzw. in einen positiven semantischen Kontext gesetzt werden („Auch Stadt und Region profitieren“, „Themenführerschaft auf verschiedenen Feldern übernommen“ / Framing: „Auf uns ist verlass“):

    „WIR sind in den vergangenen fünf Jahren von 7300 auf heute 9700 Studenten gewachsen.“

    „WIR haben heute fast 600 Doktoranden, mehr als tausend Studenten in der Weiterbildung und besetzen das Thema lebenslanges Lernen.“

    „Da [bei der Internationalisierung] können WIR noch wachsen […], das wollen WIR in den nächsten Jahren auf zwanzig Prozent steigern“.

    „WIR haben weltweit mehr als hundert Kooperationen.“

    „Bei unseren Angeboten in englischer Sprache haben WIR die meisten Bewerbungen im Verhältnis zu den Studienplätzen.“

    „WIR [bauen gerade ein Netzwerk mit promotionsinteressierten] Wirtschaftsprüfern aus der Metropolregion auf“.

    „WIR stehen kurz vor der Eröffnung [des Libeskind-Baus]“.

    „Aktuell liegen WIR bei diesen Kosten [von 92,5 Millionen Euro]“.

    „WIR werden mit allen Beteiligten darüber im nächsten Jahr reden“.

    „WIR werden im nächsten Jahr eine Lösung finden.“

    „WIR hätten eigentlich größer planen müssen.“

    Das Personalpronomen, erste Person Plural, bezeichnet im Deutschen eine Gruppe von Personen, zu denen der Sprecher sich zählt, ohne jedoch klarzustellen, ob auch der Angesprochene gemeint ist. So kann das kleine Wort ausgrenzen: ‚Wir sind das Volk‘‚ (aber ihr nicht). Es kann jedoch genauso gut einverleiben: ,Wir haben mehr zu bieten‘‚ (wir alle, auch Du). Andere Sprachen unterscheiden das eindeutiger und kennen ein exklusives „wir“ und ein inklusives. Zusätzlich gibt es im Deutschen noch ein extensives wir, das dem Sprecher ermöglicht, sich einer beliebigen Gruppe anzuschließen, auch wenn er mit ihr gar nichts zu schaffen hat (‚Wir sind Papst.‘)

    Diese Besonderheiten machen das harmlos wirkende Pronomen zu einem Zauberwort der Politik. Kann der Sprecher damit doch im Unklaren lassen, wen er eigentlich meint. Die CDU demonstriert das beispielhaft mit dem Wahlwerbespruch: „Wir haben die Kraft.“ Sie schließt sich damit nicht nur denen an, die glauben, kräftig zu sein, sie dehnt diese geborgte Kraft auch gleich noch auf alle aus und vermittelt dabei ein wunderbar heimeliges Gefühl des Zusammenhalts.

    Oder – ähnlich praktisch – der Ausschluss, ohne diesen explizit formulieren zu müssen. Wieder die CDU, dieses Mal Friedrich Merz vor vielen Jahren: „Wir brauchen eine Leitkultur.“ (Denn eure Kultur wollen wir nicht.) Oder Angela Merkel vor wenigen Jahren mit der Drohung: „deshalb werden wir auch andere Themen auf die Tagesordnung bringen, wie bestimmte Veränderungen im Jugendstrafrecht, genauso wie die Onlinedurchsuchung und vieles andere mehr.“

    Welch diktatorische und erdrückende Macht ein solches Wir-Gefühl entfalten kann, zeigt sehr schön der dystopische Roman мы (russisch: ‚wir‘) von Jewgeni Samjatin aus dem Jahr 1920. Ein Ich gibt es dort nicht mehr, nur noch das Kollektiv mit seiner klaren, auch heute noch gern eingenommenen Haltung: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ (Siehe auch → https://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/384915-rund-100-millionen-kostet-der-libeskind-bau-und-das-land-zahlt#comment-74725)

    • Exzellenzinitiative

      Neusprech ist die Kunst, von Schwächen abzulenken, Rainer Ellert, oder noch besser, sie als Stärken zu verkaufen. Besonders funkelnde Wörter sollten daher immer stutzig machen. So wie die „Exzellenzinitiative“, sie gleißt geradezu: Exzellent sind nur überragend gute Dinge. Eine Initiative außerdem ist entweder ein Anstoß, der Beginn von etwas Neuem. Oder sie ist, wie in Bürgerinitiative, ein Zusammenschluss von Vielen, um gemeinsam ein höheres Ziel zu erreichen. Was also will die Exzellenzinitiative? Soll sie ein erster Schritt sein, um zu erreichen, dass deutsche Universitäten wahnsinnig gut werden? Oder soll sie diverse, in ihren Fachgebieten führende Forscher zusammenbringen, damit sie gemeinsam etwas Neues, noch nie Dagewesenes schaffen? Der Begriff selbst verrät es nicht. Was unter Umständen die Absicht seiner Erfinder war. Denn wer sich die Idee der Exzellenzinitiative anschaut, kommt schnell dahinter, dass es hier um etwas anderes geht, um Mangelverwaltung. 1,9 Milliarden Euro hatte der Staat übrig und wollte damit die Universitäten vier Jahre lang fördern. Bekäme jede Hochschule etwas, beschränkte sich die Förderung auf ein paar neue Drucker und vielleicht noch hier und da eine Mikrofonanlage für den Hörsaal. Da das nicht sonderlich funkelt und nicht zum Angeben taugt, entstand bei Politikern die Idee der Exzellenzinitiative (oder ähnlicher Formate wie etwa der sogenannte „Innovations-Inkubator“ der von August 2009 bis Juli 2015 – bis auf das „futuristisch“ anmutende Audimaxgebäude ohne nennenswert „nachhaltige“ Resultate – knapp 100 Millionen Euro durch die Kassen der Leuphana brütete): Wenige bekommen viel und sehen damit gut aus, der Rest soll sehen, wo er bleibt. Verzeihung, die anderen sollen das natürlich als Ansporn betrachten. Das hat den Vorteil, dass sich mit den Auserwählten prima protzen lässt. Auch wenn es in der Summe natürlich noch immer nicht viel bringt, schon gar nicht für alle. Zu wenig Geld ist eben zu wenig Geld, egal, wie es verteilt wird.

      Kai

  16. Finanzmittel, Herr Spoun?

    Asche, Bakschisch, Bares, Bimbes, Euronen, Flinz, Flocken, Kies, Knete, Kohle, Kracher, Kröten, Lepunzen, Märker, Mäuse, Moneten, Moos, Murmeln, Ocken, Patte, Penunzen, Piepen, Pinke, Pulver, Puseratze, Rubel, Scheine, Schleifen, Schotter, Steine, Tacken, Taler, Zaster, Zunder, – für Geld gibt es viele Ausdrücke. Manche sollen schiere Menge betonen, andere den Aspekt des Handelns, wie eben Pinke, das vielleicht vom polnischen pęk ‚(Geld-) Bündel‘ kommt oder auch, wie die Verdoppelung Pinke-Pinke nahelegt, ein Wort ist, das den Klang fallender Münzen nachahmt. Es gibt aber auch Umschreibungen, die nicht so ausdrucksstark sind, sondern die vom eigentlichen Sinn ablenken. Wie die Finanzmittel. Sie sind abstrakt, nicht beschreibend. Abstraktionen können einen Zusammenhang erklären, aber sie führen dabei immer weg vom Gegenstand. Dass es um Geld geht, tritt hier in den Hintergrund und soll es wohl auch. Denn Geld klingt, als müssten viele Steuerzahler für die schöne Idee bezahlen, die ein Hochschulpräsident sich gerade genemigt und hat bauen lassen. Um wie viel schöner kommen da die Finanzmittel daher. Beim Krieg vor allem wird gelogen? Nein, auch beim Geld. Außerdem sind die Finanzmittel ein Pleonasmus, eine sinnlose Verdoppelung. Finanzen meint bereits Geldgeschäfte, es brauchte die Mittel nicht. Ursprünglich waren Finanzen eine Umschreibung für die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Das Wort ist jedoch längst so beliebt, dass es inzwischen überall auftaucht. Da sprechen Hasardeure von Finanzprodukten, um den Eindruck zu vermitteln, dass finanzielle Rohstoffe irgendwie veredelt werden, ja es gibt gar eine ganze Finanzindustrie, was besser und abgehobener klingt als Geldverleiher. Diese Überhöhungen zeigen, was die Finanzmittel sind: Blasensprech, Wichtigtuerei.

    MfG, Hermann Kules

  17. Sehr geehrter Herr Dr. Spoun,

    die Uni Lüneburg wird benachteiligt?

    Wenn ein Neubau, welcher vor sechs Jahren verrückter Weise schon 56 Millionen Euro kosten sollte und nun aller Voraussicht nach mehr als 125 Millionen Euro kosten wird, ab März 2017 betreten und in den darauf folgenden Jahren nach und nach bezogen werden kann, dann ist die eigentliche Nachricht doch nicht, dass die Bauherren „kurz vor der Eröffnung“ stehen, sondern dass damit über 70 Millionen Euro mehr ausgegeben sein werden, als von diesen angkündigt und wahrheitswidrig jahrelang behauptet worden ist.

    Auch kann ich nicht erkennen, was es heißen soll, dass bei einer „Fortschreibung“ der leistungsbezogenen und formelgestützten Landeszuführungen die Lüneburger Hochschule „strukturell weiter benachteiligt wird“. Ich halte diese Behauptung vor dem Hintergrund der Kostenexplosion beim Zentralgebäude für unaufrichtig und vor dem Hintergrund der landesseitigen leistungsbezogenen Mittelzuweisung für schlicht falsch.

    Wie Sie wissen, haben Bund und Länder, um den Bedarf an akademischer Ausbildung zu sichern, mit dem Hochschulpakt erstmals im Dezember 2006 die Schaffung zusätzlicher Studienplätze vereinbart; eine Vereinbarung die aufgrund der Prognosen der Kultusministerkonferenz zur steigenden Entwicklung der Studierendenanfängerzahlen 2014-2025 inzwischen in eine dritte Programmphase gemündet ist. Mit Ablauf dieser dritten Phase werden über die Gesamtlaufzeit von 16 Jahren insgesamt 760.033 zusätzliche Studienplätze geschaffen worden sein und Mittel in Höhe von 38,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestanden haben. Seit 2016 und der dritten Programmphase sind zehn Prozent der Bundes- und Landesmittel einzusetzen, um mehr Studierende qualitätsgesichert zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen und die Verbleibquote zu steigern. In den Jahren 2016 bis 2020 werden den Hochschulen und Universitäten über einen weiteren Parameter jährlich zusätzlich 10,0 Mio. Euro aus Hochschulpaktmitteln leistungsbezogen zur Verfügung gestellt („Formel Plus“). Mit „Formel Plus“ soll ein besonderer Anreiz zur Verbesserung der Studienverbleibquote in grundständigen Studiengängen geschaffen werden – die Mittel sind an den Hochschulen entsprechend zweckgebunden zu verwenden. Zusätzliche Anfängerplätze in 2015, 2016 und 2017 sind an der Universität Oldenburg 550, 470 und 480, an der Universität Osnabrück 416, 418 und 418, aber in Lüneburg nur ewa die Hälfte, nämlich 262, 245, 251. Dieser Staffelung entsprechend betragen die leistungsbezogenen jährlichen Landeszuschüsse in Oldenburg 100 Millionen Euro, in Osnabrück 80 Millionen Euro und in Lüneburg eben nur 55 Millionen Euro.

    Wo also liegt die von Ihnen monierte „strukturelle Benachteiligung“, Herr Spoun?

    MfG,