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Wenn Christoph Montz mit seiner Kollegin Vanessa Narkos zum Einsatz fährt, kann er bei Bedarf jetzt auch eine Videokamera mitlaufen lassen, die er mit einem Schiebeschalter aktiviert. Die Befestigung ist derzeit noch eher provisorisch. Foto: be

Die Kamera ist stets mit dabei

Lüneburg. Es soll Zeiten gegeben haben, in denen die bloße Uniform so respekteinflößend war, dass sich selbst hitzige Raufbolde zusammengerissen und plötzlich benommen haben, sobald ein Polizist am Ort des Geschehens aufgetaucht ist. Die Realität im Jahr 2016 sieht anders aus, vor allem nachts und an den Wochenenden. „Da gibt es kaum noch Schichten ohne Einsatz, bei dem uns Aggressivität entgegenschlägt“, sagt Polizeioberkommissar Christoph Montz. Seit vier Jahren ist er in Lüneburg im Einsatz- und Streifendienst unterwegs, dass er beleidigt, angepöbelt oder gar körperlich attackiert wird, ist für ihn und seine Kollegen trauriger Alltag. Jetzt hat Montz zumindest die Möglichkeit, das Agieren der aggressiven Unruhestifter im Video zu dokumentieren. Er ist einer von acht Polizisten in Lüneburg, die eine Bodycam im Einsatz testen.

Filmen bei Schlägereien am Lüneburger Stint

Die zunehmende Gewalt gegen Polizisten hatte Innenminister Boris Pistorius zu dem Pilotversuch veranlasst. Was in anderen Bundesländern schon üblich ist, nämlich dass Polizeibeamte im Einsatz eine kleine Kamera tragen, die das Geschehen aufzeichnet, gibt es nun auch in Lüneburg. Bis Ende März sollen Montz und seine Kollegen Erfahrungen sammeln, wie es auch Polizisten in anderen Teilen des Landes tun werden. Fallen die gut aus, könnte die Kamera an der Uniform flächendeckend zum Einsatz kommen.

Polizeihauptkommissar Stefan Gust von Loh würde das begrüßen. Er ist Dienstabteilungsleiter von einem der vier Schicht-Teams, die in Lüneburg auf den Straßen für Recht und Ordnung sorgen sollen, und nennt Beispiele, wo er sich durch die Kamera zumindest eine kleine Besserung erhofft. „Wir sind ja häufig am Stint unterwegs, und da werden wir nicht von allen freundlich willkommen geheißen. Wenn es da jetzt mal wieder eine Schlägerei gibt, können wir das auch gleich aufzeichnen.“ Denn richtet sich die Aggressivität dann auch gegen die Polizisten, wären die Aufnahmen ein guter Beleg dafür.

Gust von Loh und seine Kollegen wissen: Wird ein Fall tatsächlich angezeigt, kommt der Täter oft mit feinstem Anzug und Anwalt ins Gericht und gibt sich unschuldig. Mit den Videoaufzeichnungen als Beweis könnten die Beamten auch dem Richter vor Augen führen, dass der vermeintlich lammfromme Angeklagte zurvor womöglich böse ausgerastet ist.

Bilder in HD-Qualität, aber Ton bleibt vorerst tabu

Grundsätzlich erhofft sich die Polizei, dass die Kamera abschreckende Wirkung hat und potenzielle Täter sich schon deswegen zurückhalten, weil sie wissen, dass sie aufgezeichnet werden. Doch auch bei Verkehrskontrollen soll die Kamera laufen. Eigentlich Routine, aber womöglich entpuppt sich ein Video im Nachhinein als wichtiges Indiz, könnte der kontrollierte Autofahrer plötzlich als Zeuge oder gar als Täter für einen Einbruch infrage kommen, der sich zum Zeitpunkt der Kontrolle ereignet hat.

Die Polizisten müssen beim Kameraeinsatz natürlich auch Regeln und Gesetze beachten. So zeichnet die Kamera zwar ein Bild in HD-Qualität auf, aber keinen Ton, das ist zumindest noch nicht zulässig, im neuen Jahr soll es in dem Punkt eine Gesetzesnovellierung geben.

Auch darf die Kamera eigentlich nur unter freiem Himmel laufen, nicht in Gebäuden. Doch es gibt Ausnahmen. Gust von Loh verdeutlicht: „Wenn sich vor unseren Augen Straftaten abspielen, dürfen wir auch aufzeichnen.“ Das könne häusliche Gewalt sein, aber auch eine offensichtliche Schlägerei, die sich nicht vor, sondern in einer Kneipe abspielt. „Grundsätzlich werden wir aber stets darauf hinweisen, wenn wir aufzeichnen.“ Zudem tragen die Beamten mit den Kameras Westen, auf denen das Wort Videoaufzeichnung zu lesen ist. Wenn ein Betroffener zum Beispiel bei einer Verkehrskontrolle dann erwidert, dass er nicht aufgenommen werden möchte, hat das keine Auswirkungen. „Denn die Aufnahmen dienen ja in erster Linie unserem Selbstschutz“, begründet Gust von Loh.

Beamte werden bei der Arbeit ein bisschen gläserner

Bis zu sechseinhalb Stunden kann die gut 800 Euro teure Kamera mit Weitwinkelobjektiv aufzeichnen, sie ist wasserdicht und stoßfest und damit eben auch für Einsätze geeignet, wenn es handfest zugeht. Auch in der Dunkelheit liefert sie einwandfreie Bilder, so dass Personen gut zu erkennen sind, das haben die Lüneburger schon festgestellt. Einen Live-Stream gibt es nicht, nach jeder Schicht werden die Aufnahmen der Kamera auf der Wache an einer Dockingstation heruntergeladen. Aufnahmen ohne besondere Vorkommnisse werden nach 24 Stunden automatisch gelöscht, was für Ermittlungen noch wichtig werden könnte, wird zunächst für drei Wochen gesichert. Sollte die Kamera verloren gehen oder gestohlen werden, kann der Finder oder Dieb die Aufnahmen weder ansehen oder herunterladen, sie sind an eine spezielle Software gebunden.

Stefan Gust von Loh sagt: „Natürlich machen wir uns selbst mit einer solchen Kamera noch ein bisschen gläserner als eh schon, aber wir haben nichts zu verbergen. Wenn wir mal Mist bauen, müssen wir dafür natürlich auch geradestehen.“