Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Sie bereiten das Projekt der 95 Thesen in Deutsch Evern vor (v.l.): Gerhard Tödter, Anke Moorstein und Dr. Frank Mertin. Foto: kre

500 Jahre Reformation: „Thesenanschlag“ in Deutsch Evern

Deutsch Evern. Vor 500 Jahren schlug der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der kurfürstlichen Schlosskirche zu Wittenberg – und löste damit ein gesellschaftliches Erdbeben aus. Was würde der streitbare Reformator wohl sagen, wenn er in der heutigen Zeit leben würde? Eine seriöse Antwort auf diese Frage zu finden, ist schwierig, genau genommen unmöglich. Was aber ganz und gar nicht unmöglich ist, ist herauszufinden, was die Menschen heute – 500 Jahre nach Luther – bewegt: Und genau das haben der Deutsch Everner Pastor Dr. Frank Mertin und der Vorstand der Martinus-Kirchengemeinde vor. Die Menschen aus Deutsch Evern sind aufgerufen, bis Juni ebenfalls 95 Thesen zu verfassen, die im Gemeindebrief veröffentlicht werden sollen. Nicht anonym, sondern mit Namen, Beruf oder dem Ehrenamt, das der jeweilige Thesen-Verfasser ausübt.

Was bewegt die Menschen?

„Das wird ein spannendes Vorhaben“, freuen sich Pastor Dr. Frank Mertin sowie Anke Moorstein und Gerhard Tödter vom Vorstand der Martinus-Kirchengemeinde. Schließlich haben die Deutsch Everner schon 2015 Erstaunliches geleistet: Mehr als 100 Deutsch Everner hatten vor gut zwei Jahren an einem ungewöhnlichen Bibel-Projekt mitgewirkt. Damals ging es darum, einen Bibelabschnitt abzuschreiben. Handschriftlich. Mit Kunstschreibfüller und dokumentenechter Tinte. Dieses Bibel-Unikat wurde dann als Gastgeschenk dem Landesbischof Ralf Meister während seines Besuchs in Deutsch Evern überreicht (LZ berichtete).

„Die Gedanken auf wenige Zeilen zu formulieren, ist eine Herausforderung.“
Dr. Frank Mertin, Pastor in Deutsch Evern

Jetzt also sind wieder die Deutsch Everner gefragt – 95 an der Zahl. Dieses Mal allerdings nicht, um mit Schönschrift einer Bibel-Abschrift zu fertigen, sondern um ihre eigenen Thesen kundzutun, eine eigene Position zu beziehen. So wie es Martin Luther vor 500 Jahren auch getan hat. „Die Gedanken stringent auf wenige Zeilen zu formulieren, das ist schon eine Herausforderung“, weiß Dr. Frank Mertin. Um den Verfassern den Einstieg etwas zu erleichtern, hat Dr. Mertin sechs Thesen-Vorschläge vorgegeben: „Was ist für mich eigentlich noch christlich?; „Was ist für mich evangelisch?“; „Woran erfreue ich mich an meiner Kirche?“; „Was ärgert mich an meiner Kirche?“; „Was verbinde ich mit Martin Luther?“ bis hin zu der Frage, was einem in der Kirche/der Gesellschaft wichtig ist!“

Drei Zeilen müssen reichen

Ein breites Spektrum also, von dem sich jeder Thesen-Schreiber ein Thema aussuchen darf. „Das Schwierigste wird wohl sein, sein Statement, seine These, in nur drei Zeilen zu Papier zu bringen“, sagt Dr. Mertin. Doch diese Längen-Vorgabe ist unbedingt einzuhalten, vorgegeben durch die Seitenzahl des Gemeindebriefes, in dem die 95 Thesen aus Deutsch Evern veröffentlicht werden.
Ob die Thesen-Schreiber von heute sich zufrieden zeigen mit der Kirche, ob sie Kritik äußern, ob sie mit Martin Luther heute überhaupt noch etwas anfangen können, oder ob sie die Aktion zur Generalabrechnung mit der Kirche, der Gesellschaft und der Politik nutzen werden, kann Pastor Mertin zum heutigen Zeitpunkt nicht einschätzen.

Aber gerade das macht das Projekt für die Verantwortlichen so spannend: „Jeder Einzelne gibt uns mit seiner These eine starke Rückmeldung darüber, wo die Kirche heute steht!“, sagt der Deutsch Everner Pastor. Vor 500 Jahren war es der Ablasshandel, gegen den Dr. Martin Luther mit seinem Thesenanschlag zu Felde zog. Jetzt also sind die Deutsch Everner gefragt, ihre Kirche zu gestalten. Aufrecht, standhaft, mit ihrem Namen – so wie es der Reformator Luther einst auch getan hat. Wer sich an dem Projekt beteiligen möchte, meldet sich beim Pfarramt in Deutsch Evern. Dort gibt es den „Thesen-Vordruck“, der innerhalb von zwei Wochen ausgefüllt in der Martinusgemeinde wieder abgegeben werden muss.

Urheber der Reformation

Martin Luther (1483-1546) war der theologische Urheber der Reformation. Als zu den Augustiner-Eremiten gehörender Theologieprofessor entdeckte er Gottes Gnadenzusage im Neuen Testament wieder und orientierte sich fortan ausschließlich an Jesus Christus als dem „fleischgewordenen Wort Gottes“.

Nach diesem Maßstab wollte er Fehlentwicklungen der Christentumsgeschichte in der Kirche seiner Zeit überwinden. Seine Betonung des gnädigen Gottes, seine Predigten und Schriften und seine Bibelübersetzung, die Lutherbibel, veränderten nachhaltig die von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesellschaft. lz