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Eine akute Gefährdung besteht für Anwohner nicht, versichert Sven Meiners, der die Arbeiten für die Sondierung und Bergung eines möglichen Blindgängers auf dem Gelände der Grundschule leitet. Foto: t&w

Blindgänger unter der Grundschule? 19 Bohrungen bis zur Gewissheit

+++ Update 5. Janur, 17:39 Uhr: Aufgrund der andauernden Sondierungsarbeiten fällt der Unterricht am Montag, 9. Januar, an der Grundschule Im Roten Felde, der Grundschule Hasenburger Berg und am Gymnasium Wilhelm-Raabe-Schule vorsorglich aus. Einzelheiten lesen Sie hier.

Lüneburg. Liegt unter der Schule Im Roten Felde in Lüneburg ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg? Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen und eines privaten Kampfmittelbergungsunternehmens sind derzeit dabei, für Gewissheit zu sorgen. Sie haben mit Sondierungsbohrungen innerhalb des Schulgebäudes begonnen.

Mit schwerem Bohrgerät waren Mitarbeiter der Firma Schollenberger Kampfmittelbergung aus Celle am Montag angerückt, gestern wurde die ersten von insgesamt 19 geplanten Bohrungen gesetzt. Wie berichtet, will die Stadt klären lassen, ob sich unterhalb des Anbaus der Grundschule Kampfmittel befinden. Entsprechende Hinweise hatten sich aus einer Luftbildauswertung ergeben, die von der Stadt 2011 im Rahmen eines Gutachtens in Auftrag gegeben worden war, wie der Leiter des Ordnungsamts, Joachim Bodendieck, erläutert.

Abriss des Schulgebäudes nicht ausgeschlossen

„Wir gehen einem Verdachtspunkt nach“, sagt Bodendieck, sichtlich bemüht, keine Panik aufkommen zu lassen. Aufgrund des Gutachtens habe man lediglich „Anhaltspunkte“, Genaueres könne man erst nach Abschluss der Sondierungsarbeiten sagen.

Diese finden allesamt in einem Teil des erst 2011 fertiggestellten Schulanbaus statt. Zentime­tergenau sind die einzelnen Bohrlöcher von den Kampfmittel-Experten vermessen, kreisförmig angeordnet in einem Abstand von jeweils 1,50 Metern um einen Zentralpunkt, auf den sich die Suche der Experten konzen­triert. Mit einer Kernbohrung wird zunächst das Fundament durchbohrt, anschließend per Bohrer ins Erdreich eingedrungen. „Wir gehen dabei in Etappen vor“, erklärt Sven Meiners, Einsatzleiter der Firma Schollenberger. Nach jeweils 50 Zentimetern wird per ins Bohrloch herabgelassener Sonde geprüft, ob sich mittels Messung des Erdmagnetfelds der Verdacht auf einen metallenen Gegenstand erhärtet. „Sollte etwas im Umfeld der Bohrung liegen, können wir es anhand der Ablenkung des Erdmagnetfelds in diesem Bereich feststellen.“

Blindgänger gesucht: Stadt lässt Bohrungen vornehmen

Bis zu sechs Meter tief reichen die einzelnen, rund zwölf Zentimeter breiten Bohrungen. Dass sich der mögliche Blindgänger genau unter dem aus der Luftbildauswertung ermittelten Einschlagspunkt befindet, ist laut Ralf Reisner vom Niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst aus Munster aber eher unwahrscheinlich: „Je nach Bodenbeschaffenheit und Gewicht der Bombe dringt so ein Körper unterschiedlich tief ins Erdreich ein.“ Dabei könne er sich zudem noch seitlich bewegen, „deshalb die vielen Bohrungen“.

Die Sondierung soll zudem Aufschluss darüber geben, um welchen Blindgängertyp es sich handelt. „Daraus können wir Rückschlüsse auf den Zünder ziehen“, erklärt Reisner. Eher unproblematisch seien Blindgänger mit Aufschlagzünder, wie sie in den vergangenen Jahren in Lüneburg geborgen wurden. Diese könnten lediglich bei Berührung detonieren. Anders verhalte es sich bei Langzeitzündern. Hier könne der Zünder nach Jahren auch ohne äußere Einflüsse durch allmähliche chemische Zersetzung aktiviert werden mit entsprechenden Folgen. „Dass es dazu jetzt kommt, ist sehr unwahrscheinlich.“ Gleichwohl habe sich ein solches Szenario vor ein paar Jahren in Göttingen ereignet.

Arbeiten können für die Stadt teuer werden

Unklar sei daher auch, wie eine mögliche Entschärfung und Bergung erfolgen könne. „Das können wir erst sagen, wenn wir uns Klarheit über den Typ und dessen Lage verschafft haben“, sagt Reisner, der nicht ausschließen mag, dass man dazu den Betonboden des Anbaus weiter öffnen müsse. Sollten sich dadurch statische Probleme ergeben, sei selbst ein Abriss des Gebäudes nicht ausgeschlossen.
Warum die Stadt auf dem Gelände erst jetzt nach möglichen Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg suchen lässt und nicht bereits vor der Errichtung des Anbaus, erklärt Bodendieck mit dem Zeitpunkt der Kenntnisnahme über die in der Stadt verteilten Verdachtspunkte: „Die Ergebnisse des Gutachtens liegen uns seit 2011 vor, da stand das Gebäude bereits.“ Ein Zeitfaktor, der die Stadt teuer zu stehen kommen könnte, auch wenn sich gestern keiner der Beteiligten zu konkreten Zahlen äußern wollte. Zwar habe die Stadt laut Bodendieck hierfür 50000 Euro in den Haushalt eingestellt, für Ralf Reisner ist das aber eher „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Hinzu komme, dass fünf der insgesamt 18 ermittelten Verdachtspunkte auf städtischen Grundstücken liegen.
Bis Freitag erhofft sich die Stadt Klarheit über die Beschaffenheit des Bodens unter der Schule, dann soll auch entschieden werden, ob der Schulbetrieb nach den Weihnachtsferien wieder anlaufen kann.

Von Ulf Stüwe

Weitere Grundstücke betroffen

18 Verdachtspunkte für mögliche Blindgänger-Funde aus dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt im Zuge der Auswertung von Lichtbildaufnahmen ermittelt. Fünf liegen auf städtischen Grundstücken, neben dem Gelände der Schule Im Roten Felde und an der IGS in Kaltenmoor sind es drei auf nicht öffentlich genutzten Flächen.

Die weiteren Punkte liegen laut Stadt auf privaten Grundstücken vornehmlich im Roten Feld, in Wilschenbruch und im Schäferfeld sowie am Stadtrand. Das Ordnungsamt (04131/3093276) gibt Auskunft, wer als Eigentümer betroffen sein könnte.

2 Kommentare

  1. Warum informiert die Stadt, bzw. das Ordnungsamt die Eigentümer der möglicherweise betroffenen Grundstücke nicht aktiv von sich aus? Bei verbleibenden 13 Grundstücken wäre das kein übermäßiger Aufwand. Wie sähe es für die Stadt zum Beispiel rechtlich aus wenn einer der vermuteten Blindgänger tatsächlich explodiert und Schaden anrichtet? Kann die Stadt wegen eines versäumten Gefahrenhinweises haftbar gemacht werden?

    Das Telefon im Ordnungsamt dürfte jetzt bestimmt häufiger klingeln und hält die Mitarbeiter mehr von ihrer Arbeit ab als wenn sie 13 Schreiben verfassen müssten.

  2. „Kann die Stadt wegen eines versäumten Gefahrenhinweises haftbar gemacht werden?“

    Ich möchte diesen Satz von mir wie folgt konkreter formulieren:

    Kann die Stadt dann wegen eines vorsätzlich unterlassenen Gefahrenhinweises haftbar gemacht werden?