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Der Badewannenlifter gehört zu den Hilfsmitteln, die Seniorinnen wie Christel Schwarz das selbstständige Leben in den eigenen vier Wänden leichter machen. Renate Büscher hat ihr diese und andere Möglichkeiten der Unterstützung aufgezeigt. Foto: be

Lotsen nehmen Senioren an die Hand

Von Antje Schäfer
Lüneburg. Fast ein halbes Jahrhundert schon lebt Christel Schwarz in ihrer Wohnung. „Das ist mein Zuhause, verbunden mit vielen Erinnerungen auch an meinen vor 20 Jahren verstorbenen Mann. Hier möchte ich noch lange bleiben“, sagt die 80-jährige Lüneburgerin und blickt auf ein Foto ihres Mannes. Doch mit zunehmendem Alter benötigt sie Unterstützung, um möglichst lange ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden führen zu können. Christel Schwarz erhält sie von den „Lüneburger Alterslotsen“, einem Modellprojekt, das auch vom Land gefördert wird.

Im Kopf noch fit, aber Beine machen Probleme

Im Kopf sei sie noch ganz fit, „aber das Fahrgestell will nicht mehr so richtig“, sagt Christel Schwarz verschmitzt. Die Arthrose macht ihr zu schaffen, beim Aufstehen müsse sie immer erst „einmal die Beine sortieren“, und manches im Alltag kann sie nicht mehr so recht bewältigen. Ihr Hausarzt habe im vergangenen Herbst zu ihr gesagt: Sie brauchen Hilfe. Er nahm Kontakt zu den Alterslotsen auf. Für das Projekt im Einsatz sind zwei examinierte Pflegefachkräfte und eine medizinische Fachangestellte mit langjähriger Berufserfahrung. Ihr Job: Sie organisieren für die Teilnehmer knapp gesagt ein Versorgungsnetz, um die Selbstständigkeit zu erhalten.

Eine von ihnen ist Renate Büscher. Die medizinische Fachangestellte war 20 Jahre lang im Patienten- und Beschwerdemanagement einer Hamburger Herzklinik tätig. Sie nahm Kontakt zu Christel Schwarz auf, vereinbarte einen ersten Termin. Die 80-Jährige war vor dem ersten Treffen noch skeptisch, „weil man ja nicht weiß, was da kommt. Deshalb habe ich auch eine Freundin gebeten, dabei zu sein.“ Die Skepsis legte sich schnell. Renate Büscher nahm Daten zum Gesundheitszustand und den Lebensumständen auf, erstellte einen Medikamenten-Check. „Beides wird dem Hausarzt zugeleitet.“ Außerdem besprach sie mit Christel Schwarz, welche Hilfen für ihren Alltag möglich und sinnvoll wären. Und sie riet dazu, eine Pflegestufe zu beantragen. Nur so können auch Hilfsmittel wie ein Badewannenlifter, Toilettensitzerhöhung und ein Hausnotruf über die Pflegekasse beantragt werden.

Essen auf Rädern als nächster Schritt?

So richtig überzeugt sei sie im ersten Moment nicht davon gewesen, eine Pflegestufe zu beantragen, räumt Christel Schwarz ein. Für sie war damit das Gefühl verbunden: „Da gebe ich meine Selbstständigkeit auf.“ Inzwischen ist sie froh über diesen Schritt. Bei der Begutachtung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung war Renate Büscher dabei, gewährt wurde die Pflegestufe 1. Inzwischen hat die Seniorin einen Badewannenlifter in ihrer Wohnung und ist davon begeistert. Außerdem kommt nun einmal pro Woche eine Mitarbeiterin der DRK-Augusta-Schwesternschaft, die ihr beim Duschen und Haarewaschen behilflich ist.

„Eine weitere Hilfe unterstützt mich beim Einkaufen und im Haushalt. Alle sind sehr freundlich.“ Kochen würde sie noch ab und zu, Eintopf, möglichst gleich für mehrere Portionen, „die ich dann in Schraubgläser fülle“. Da ihr die Arthrose jedoch auch in den Fingern zu schaffen mache, habe sie auf Ratschlag der Alterslotsin überlegt, ob „Essen auf Rädern“ nicht an zwei Tagen in der Woche eine gute Ergänzung sei.

Gemeinsam mit Renate Büscher hat sie auch eine Notfallmappe zusammengestellt. Diese enthält eine Patientenverfügung, eine Vorsorgevollmacht sowie eine Liste ihrer Medikamente. Gut sichtbar ist diese auf dem Sideboard deponiert, falls die Seniorin mal in eine Klinik muss. Christel Schwarz sagt: „Ich habe das Gefühl, gut umsorgt zu sein.“

Vorreiterrolle

Die Lüneburger Alterslotsen sind ein Kooperationsprojekt zwischen Landkreis, Klinikum und Psychiatrischer Klinik als Teil der Gesundheitsregion Lüneburg. Für die Teilnehmer ist das Angebot kostenlos. Rund 70 ältere Menschen sind seit dem Start im Juli 2016 dabei. Neben Renate Büscher sind Maren Freienberg und Margret Backeberg im Einsatz. Das Programm hat ein Volumen von 275.000 Euro, das Land fördert es mit 100.000 Euro. Der Kreis als Träger des Projektes beteiligt sich mit 106.700 Euro, Klinikum und Psychiatrische Klinik beteiligen sich mit zusammen rund 68.000 Euro.

Damit ist der Landkreis Lüneburg Vorreiter: Gemeinsam mit drei weiteren Kreisen erhält er erstmalig eine Förderung für ein Projekt der Gesundheitsregion.

Wer sich für eine Teilnahme am Projekt interessiert, kann sich dazu an seinen Hausarzt wenden. Weitere Informationen zum Projekt unter www.lueneburger-alterslotsen.de. Renate Büscher ist zu erreichen unter Tel.(0172)6183490.

One comment

  1. Dieses Projekt ist einfach bermerkens- und lobenswert. Auch dass es mit öffentlichen Geldern (Steuern) bezahlt wird und und somit für die Hilfesuchenden kostenlos ist. Hier sehe ich Steuergelder sinnvoll eingesetzt.

    Früher gab es, besonders auf dem „Lande“, eine Art Generationenvertrag. Vor allem auf Bauernhöfen lebten oft drei bis vier Generationen auf einem Hof und die jungen, die den Hof weiter bewirtschafteten und unterhielten versorgten mit ihrem Einkommen die Alten. Altenteiler war/ist der Begriff dafür. Das muss man Heute mit der Lupe suchen. Schade. Sehr schade. Das waren quasi Generationenverträge, die Heute die Sozialversicherungssysteme ersetzen sollen. Aber Menschlichkeit, Wärme und Nähe können diese Systeme nicht ersetzen. Häufig nicht mal das finanziell erforderliche. Eigentlich sehr traurig für einen sogenannten Wohlstandsstaat wie Deutschland. Wo bleiben nur die Milliarden und noch mehr Milliarden an Steuerzahlungen? Diese Frage ist natürlich leider nicht ganz ernst gemeint. Wir wissen wo sie zu großen Teilen bleiben.

    So richtig überzeugt sei sie im ersten Moment nicht davon gewesen, eine Pflegestufe zu beantragen, räumt Christel Schwarz ein. Für sie war damit das Gefühl verbunden: „Da gebe ich meine Selbstständigkeit auf.“
    80 Jahre lebt Christel Schwarz schon in Lüneburg als gebürtige Lüneburgerin. Das entspricht Jahrgang 1937. Ein guter Jahrgang Frau Schwarz! Glauben Sie fest daran! Aber dennoch hat sie bestimmt auch ein wenig vom zweiten Weltkrieg mit bekommen. Zumindest den Einmarsch der Engländer (Tommys) im Lüneburg und die kargen Jahre nach Kriegsende. Eine völlig andere Entwicklung und völlig andere Wertvorstellungen als Generationen der sechziger und später. Sie gehört nicht zu den „Anspruchsgenerationen“ die gerne alles mitnehmen was ihnen „zusteht“. Deshalb fiel es ihr schwer eine Pflegestufe zu beantragen weil sie befürchtet dadurch ihre Selbstständigkeit aufgeben zu müssen. Eine Frau die zu einer Generation gehört, die Deutschland nach dem Krieg wieder zu Wohlstand geführt hat von dem Heute sehr, sehr viele profitieren. Mit vielen Ansprüchen aber, so behaupte ich, wenig Anerkennung und Verantwortsungsbewußtsein für die Generationen, die den Weg für die „jungen“ Generationen geschaffen haben. Selbstverständlich immer mit Ausnahmen. Ich kenne viele Jugendliche von Heute, die große Anerkennung und Liebe zu ihren Großeltern haben.

    Ich kann auch sehr gut verstehen dass Frau Schwarz so lange wie irgend möglich in ihrem Haushalt bleiben möchte. Ich würde genauso denken und empfinden. Denn es gibt ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung. Deshalb meine Anerkennung und Bewunderung für dieses Projekt, das es hoffentlich vielen Senioren ermöglicht dies ähnlich um zu setzen wie Frau Schwarz.