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Mal eben vorbeiziehen am Lkw wenn kein Gegenverkehr kommt, ist das okay. Doch ermutigt auch von umstrittenen Schildern zieht manch einer an Stellen vorbei, die das Überholen eigentlich nicht zulassen. Foto: be

Wenn der Überholdruck steigt

Lüneburg. Eigentlich ist es ja eher so, dass die Polizei gern und regelmäßig auf Schilder verweist, die an Straßen stehen, damit sich Verkehrsteilnehmer möglichst daran halten. Doch jene Hinweistafeln mit dem Satz „Nette Brummis machen Platz“, die seit Jahren an der Bundesstraße 4 zwischen Lüneburg und Uelzen stehen und mit denen Lkw-Fahrer gebeten werden, doch auf den Standstreifen auszuweichen, damit schnellere Fahrzeuge besser passieren können, sind den Ordnungshütern seit Jahren ein Dorn im Auge. Lieber heute als morgen würden sie die Tafeln wieder entfernen lassen, doch bislang scheiterte das am Veto der Politik. Dennoch ist Andreas Dobslaw, verantwortlich für den Bereich Verkehr bei der Polizeiinspektion Lüneburg, zuversichtlich, dass es noch in diesem Jahr eine Lösung gibt, damit die B4 ein bisschen sicherer wird.

Hohes Risiko für Zeitersparnis von nur eineinhalb Minuten

Immer wieder gibt es schwere Unfälle auf der Bundesstraße 4, allein in den ersten Tagen des neuen Jahres schon wieder zwei bei Barum (LZ berichtete). Sehr häufig sind missglückte Überholmanöver ursächlich. Verkehrsexperten wie Dobslaw sprechen in solchen Fällen von einem „Überholdruck“: Auf der Strecke sind besonders viele Lkw unterwegs, die entsprechend langsamer fahren als die meisten Autofahrer. Und wer als Autofahrer längere Zeit hinter einem langsameren Sattelzug hänge und beim Blick in den Rückspiegel hinter sich schon eine längere Fahrzeugschlange erblicke, der neige dazu, irgendwann überholen zu wollen, auch wenn der Verkehr oder die jeweilige Stelle das eigentlich nicht zulässt.

Dobslaw und seine Kollegen kennen das Problem seit Langem, beobachten beinahe täglich haarsträubende Situationen mit drei, teilweise vier Fahrzeugen nebeneinander. Immer wieder kam das auch in der Verkehrsunfallkommission zur Sprache, in der neben der Polizei auch die Kommunen vertreten sind, doch eine gemeinsame Lösung fanden die Beteiligten dort bislang nicht.
Dabei hat Dobslaw sich mal die Mühe gemacht, explizit zu vergleichen, was die Überholmanöver an zeitlicher Ersparnis bringen könnten. „Auf der Strecke von Lüneburg nach Uelzen sind es de facto maximal eineinhalb Minuten. Das heißt also: Alles, was man da als Autofahrer riskiert, riskiert man im besten Fall für 90 Sekunden. Gerade wenn man sich das vor Augen führt, habe ich keinerlei Verständnis, wenn Leute da sich und andere in Lebensgefahr bringen. Zumal da ja auch immer noch mal plötzlich ein Tier aus dem Wald kommen kann.“

Es lohne sich also nicht, an einem Lkw vorbeizuziehen, der 10 oder 20 km/h langsamer fahre als man selbst. „Es ist sicherer und man kommt viel entspannter an, wenn man hinter dem Lkw bleibt“, sagt Dobslaw. Der Wunsch der Polizei, die Strecke dreispurig auszubauen, um wechselseitig ein Überholen zu ermöglichen, wie es auf der Uelzener Umgehungsstraße oder seit Kurzem auch zwischen Lüneburg und Barendorf umgesetzt wurde, hat sich nicht realisieren lassen. Das liegt vor allem an den hohen Kosten und strengen deutschen Regeln: Der Fahrbahn fehlen dafür in der Breite 50 Zentimeter, sodass ein komplett neues Planfeststellungsverfahren erforderlich wäre.

Selbst Experten sind uneins über Rechtslage

Zurück zu den Schildern der Verkehrswacht. „Sie waren sicher mal gut gemeint, als sie aufgestellt wurden“, sagt Dobslaw, doch die wenigsten wüssten, was genau nun erlaubt sei, deshalb klärt er auf: „Trakoren, die zum Beispiel Rüben nach Uelzen transportieren, müssen den Standstreifen benutzen, Lkw können ihn benutzen, wenn hinter ihnen mindestens drei Fahrzeuge fahren, Autos haben dort nichts zu suchen.“

Doch selbst unter Experten gibt es unterschiedliche Auffassungen, ob Lkw tatsächlich auf dem Standstreifen fahren dürfen oder ob das nicht doch verboten ist. Dobslaw räumt ein, dass aufgrund veränderter Bestimmungen nicht sicher sei, ob die Regelung heute noch im Fall der Fälle einer rechtlichen Überprüfung standhalten würde. Deshalb sagt er auch: „Ich mache mich dafür stark, dass die Schilder da so schnell wie möglich wegkommen.“

Von Alexander Hempelmann

One comment

  1. Als ich das erste mal die Strecke der B4 zwischen Lüneburg und Uelzen fuhr, kam mir ein Auto mit Lichthupe, halb auf meiner Spur, entgegen. Ich wusste gar nicht was hier grad los war. Mein Beifahrer, der ortskundig war, griff mir ins Lenkrad und ließ uns rüber auf den Standstreifen weiter fahren. Hier wäre es üblich, dass jeder ein wenig auf dem Standstreifen fahre, damit eilige Autofahrer schneller überholen können. So ein Schwachsinn versteh ich bis heute nicht. Dort wird dreispurig gefahren! Eine enorme Gefährdung, grade für Menschen die das nicht kennen!!