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Alfred und Sybille Thobaben aus Amelinghausen führen eine Wochenend-Ehe. Das bedeute auch viele Entbehrungen. Aber die Liebe und eine „tolle Familie“halten sie zusammen. Foto: nh

Fernbeziehung: Zu Gast im eigenen Zuhause

Amelinghausen. Etwa jeder zehnte Deutsche lebt laut statistischen Erhebungen in einer Fernbeziehung. Die meisten Paare sehen sich nur am Wochenende, manche nur ein paar Mal im Monat oder noch seltener. Ihnen bleibt oft nicht mehr als das Telefon, um während der Woche in Kontakt zu bleiben. Liebe auf Entfernung – kann das gutgehen? Die LZ stellt in einer kurze Serie drei Paare vor, die sich trotz räumlicher Distanz entschieden haben, Ja zueinander zu sagen. Im zweiten Teil geht es um Al-fred und Sybille Thobaben aus Amelinghausen.

Unter der Woche unterwegs auf Autobahnen des Landes

Alfred Thobaben lässt sich auf den großen Sessel in seinem Wohnzimmer fallen. Es sei einer seiner Lieblingsplätze, sagt er. Und das, obwohl oder vielleicht gerade weil er nicht mehr häufig hier ist. Statt im gemütlichen XXL-Sessel sitzt Alfred Thobaben fünf Tage in der Woche auf dem kleinen Fahrersitz eines Lkw. Der 55-Jährige ist Fernfahrer und verbringt montags bis freitags auf den Autobahnen und Raststätten des Landes.

Wenn er am Wochenende wieder nach Hause kommt, fühle er sich eigentlich mehr wie ein Gast, sagt Alfred Thobaben. Ehefrau Sybille Thobaben wartet dann meist schon auf ihren Mann, hat ein leckeres Essen gekocht oder einen gemütlichen Abend geplant. „Dann bin ich natürlich kaputt“, sagt Alfred Thobaben, „wir müssen dann erst sortieren, was wir am Wochenende machen. Draußen muss der Rasen gemäht werden, Freunde wollen uns sehen.“

So durchgeplant waren die Wochenenden von Alfred und Sybille Thobaben nicht immer. Vor 34 Jahren lernten sie sich kennen, der damalige Marinesoldat und das Mädchen von der Elbe. „Irgendwann lag ein Brief von ihm vor der Tür, ob ich mich mit ihm treffen würde“, erinnert sich Sybille Thobaben und schmunzelt. Sie wollte, seitdem sind beide unzertrennlich. Sie zogen in eine gemeinsame Wohnung, heirateten zwei Jahre später.

Sonntagabend wird die Reisetasche gepackt

„Dieses Fernfahren ist erst langsam aufgekommen, anfangs war ich jeden Tag zu Hause“, sagt Alfred Thobaben. Damals, nach der Zeit bei der Bundeswehr, orientierte er sich beruflich neu. Seinen einst erlernten Beruf des Konditors hängte er an den Nagel, zu groß seien die finanziellen Unterschiede zum Verdienst als Soldat gewesen. Alfred Thobaben wagte den beruflichen Neustart und wurde zunächst Tankwagenfahrer und später Fernfahrer für eine Spedition.

Seit drei Jahren packt er nun schon jeden Sonntagabend die Reisetasche, um noch in der Nacht auf Tour zu gehen. Bis Freitag arbeitet, schläft und lebt er dann im Lastwagen, weit weg von der Familie. „Dieses Leben wollte ich eigentlich nie führen. Es ist schwer, wenn man jahrelang zu Hause war und auf einmal nicht mehr“, sagt er. Immer wieder hätten ihm Freunde geraten, sich einen anderen Job zu suchen. „Dann gucke ich sie an und frage: Was denn? Ich bin jetzt knapp 20 Jahre in der Firma, das schmeiße ich nicht für irgendetwas anderes weg. Es ist auch eine finanzielle Frage.“

Sybille Thobaben hat die alten Hochzeitsfotos herausgekramt. Eine wunderschöne Marinehochzeit hätten sie gefeiert, im kleinen Rahmen, erzählt sie. Von Anfang an seien sie ein gutes Team gewesen, hätten einiges gemeistert – bis heute. Auch wenn die Tage ohne einander schon manches Mal schwer fielen. „Gerade abends fehlt es mir, dass wir nochmal gemeinsam über den Tag reden oder das, was anliegt. Natürlich habe ich auch Freunde und meine Töchter, mit denen ich reden kann. Aber das ist etwas anderes, er ist meine wichtigste Bezugsperson, schon immer“, sagt sie.

Zehn Jahre will er auf dem Bock noch durchhalten

Jeden Tag telefoniert das Paar miteinander. Probleme blieben dann jedoch zunächst unausgesprochen. „Das ist belastend, das machen wir lieber, wenn wir uns unter vier Augen sehen“, sagt Sybille Thobaben. Es sei das gegenseitige Vertrauen, das ihre Beziehung über alle Entfernungen hinweg erhalte. Das Sich-Sorgen um den anderen und die tägliche Frage „Wie geht es Dir?“.
Alfred Thobaben überlegt. Dann wird der Mann, der sonst mit schweren Maschinen hantiert, zärtlich: „Ich weiß nicht, vielleicht ist es diese ganz tiefe Liebe zu meiner Frau? Wir schaffen das, wirhaben eine tolle Familie, die uns zusammenhält.“

Es ist vier Uhr am Nachmittag. In sechs Stunden wird Alfred Thobaben wieder arbeiten müssen. Schon jetzt freut er sich auf eines dieser Wochenende, an denen keine Pflichtveranstaltungen, keine Erledigungen zu machen sind. Wenn beide mal wieder im Bett frühstücken oder gemeinsam ins Kino gehen können. „Dann machen wir das, was wir wollen“, sagt er.
Noch zehn Jahre werde er als Fernfahrer arbeiten. „Also werden wir noch zehn Jahre so leben und versuchen, das Beste daraus zu machen“.

Von Anke Dankers