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Christian Hempel hat schon viele Fernsehinterviews gegeben. Der Dreh mit Phillip Boesecke (Kamera) und Dominik Müller (Ton) vom NDR in Hamburg ist für den 43-Jährigen schon fast Routine. Foto: t&w

Tourette-Syndrom: Wenn das Gehirn „Schluckauf“ hat

Lüneburg. Das Schlimmste am Zahnarzt ist die Fahrt mit dem Fahrrad dorthin. Zumindest für Christian Hempel, der dann merkt, dass „Tourette gerade wieder den Aufstand probt“. Und dafür sorgt, dass Hempel an jeder Ecke laut schreien muss.

Der 43-Jährige lebt mit dem Tourette-Syndrom. Eine Krankheit, die zu ihm gehört und ein stückweit auch zu den Menschen in seinem Umfeld, für die es normal ist, dass Christian Hempel sich manchmal anders verhält als sie. Dass er nicht immer Kontrolle über seine Körperbewegungen hat und Dinge herausschreit, die seine Krankheit ihm plötzlich auf die Zunge legt obwohl er weiß, dass er genau das gerade lieber nicht sagen sollte.

In der Sparkasse „Überfall“ gebrüllt

„Es liegt mir absolut fern, einen Fremden auf der Straße als fett zu bezeichnen. Und ich möchte natürlich auch nicht Bullenschweine rufen, wenn ich die Polizei sehe“, erklärt er. Doch genau das passiert in diesen Momenten, in denen das Gehirn „Schluckauf“ bekommt. „Bei Ausdrücken wie Heil Hitler tut mir das selbst weh, weil das absolut nicht meiner Meinung entspricht und ich weiß, dass das andere schmerzen kann. Aber das ist das böse Spiel von Tourette, dass es immer genau das sagt, was nicht passt.“

„Das ist das böse Spiel von Tourette, dass es genau das sagt, was nicht passt.“
Christian Hempel

Es gibt Menschen, die gehen damit so selbstsicher um, dass Hempel seine Tics auch in den heikelsten Momenten weitestgehend im Griff hat. Der Zahnarzt ist so ein Beispiel. Oder die Friseurin, die seinen Haaren ohne Probleme mit dem Rasiermesser den richtigen Schliff geben kann. Wenn der Webdesigner auf seinem roten Sofa sitzt, dann scheint seine Krankheit manchmal minutenlang weit weg. Als sei das alles nur Theorie, was er da erzählt und auf sympathische Weise reflektiert. Es gibt Momente, da kann er über sich selbst schmunzeln, über seine Aussetzer, bei denen er früher regelmäßig in der Sparkasse „Überfall“ gebrüllt habe. Dass er dazu fähig ist, macht ihn im nächsten Moment aber auch nachdenklich: „Was ist, wenn ich in Zeiten wie jetzt plötzlich irgendwo Bombe ticke?“ Da fängt er an, der Druck, der ihn häufig daran hindert, einfach raus zu gehen.

Aufklärung im Fernsehen

Die Zeiten, in denen er täglich in der Innenstadt unterwegs war, sind vorbei. „Irgendwie ist mir das zu stressig geworden“, gesteht der gebürtige Berliner, der vor mehr als 20 Jahren fürs Studium nach Lüneburg kam. „Die meisten Leute wissen mittlerweile über die Krankheit Bescheid und reagieren super.“ Aber es gebe halt doch immer jemanden, der sich erschreckt und genau das will er nicht. Deshalb geht er lieber nicht in die Kirche, obwohl er das gern mal wieder machen würde. Deshalb meidet er sogar seinen eigenen Garten. Weil es in der Nachbarschaft jemanden gibt, der ihn auf 250000 Euro und sogar eine Gefängnisstrafe verklagen wollte, wenn er seine „Tics“ nicht unterlässt. Zehn Jahre ist das her, Christian Hempel hat diesen Prozess natürlich gewonnen, trotzdem habe das etwas verändert, sagt er. „Seitdem ist es mir schwerer gefallen, raus zu gehen. Der Druck ist enorm.“

Auch in Live-Sendungen im Fernsehen würde er heute nicht mehr gehen. Er war der erste, der bei Günther Jauch über seine Krankheit gesprochen hat, damals war das Tourette-Syndrom vielen noch unbekannt. Es war ihm immer wichtig, das zu ändern. Er kümmerte sich um den Aufbau der Internet-Seite www.tourette.de, gab viele Interviews. Für den Film „Ein Tick anders“ zeigte er Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer, die in dieser Komödie eine Tourette-Erkrankte spielt, „wie er tickt“. „Viele haben mich in diesem Zusammenhang gefragt, ob man darüber überhaupt lachen darf. Aber so wie in dem Film finde ich es vollkommen gut und richtig“, sagt er.

Bei der Tochter die eigene Ruhe gefunden

Diese Zusammenarbeit wird nun wieder Thema sein in der NDR-Sendung DAS!, in der die Jungschauspielerin am Donnerstag zu Gast ist. Dass dafür auch wieder ein Kamerateam zu Christian nach Hause kommt, ist für ihn schon fast Routine. Ebenso wie für Tochter Phillis (10), die häufig nach der Schule bei ihrem Papa ist und sich von Kameras genauso wenig beeindrucken lässt wie von komischen Fragen. „Mich hat mal ein Junge gefragt, ob ich diesen Mann kenne, der so schreit. Da hab ich gesagt, das ist mein Papa“, erzählt die Fünftklässlerin schmunzelnd.

Sie kennt die Tics ihres Vaters „seitdem sie zweizellig ist“, wie er gerne sagt. „Das war nie ein Thema. Klar war ich in einigen Situationen froh, wenn ihre Mutter sie mir abnehmen konnte“, erinnert sich Christian. „Aber manchmal ist sie mir auch als Baby in meinen Armen eingeschlafen.“ Bei ihr habe er oft die Ruhe gefunden, von der auch Freunde berichten. Phasen, in denen er tanzt, Musik macht oder kreativ ist und sich offenbar so wohl fühlt, dass er „gar nicht tickt“. Weil Tourette sich kurzzeitig verabschiedet hat.
29Der neueste TV-Beitrag über Christian Hempel ist morgen, Donnerstag, ab 18.45 Uhr in der NDR-Sendung DAS! zu sehen.

Von Manuela Gaedicke

Was ist Tourette?

Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch sogenannte Tics charakterisiert ist. Bei den Tics (französisch für Tick, Angewohnheit) handelt es sich um unwillkürliche, rasche, meist plötzliche einschießende und mitunter sehr heftige Bewegungen.

Bei einigen Patienten kommen Lautäußerungen dazu, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder auch serienartig auftreten können. Entdeckt wurde die Krankheit von dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Symptomatik 1885 erstmals auf wissenschaftlicher Basis beschrieb.