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Seit 46 Jahren führt Wolfgang Hiller die Geschäfte der Lüneburger Spedition, die er von seinem Vater übernommen hat. An einem Lang-Lkw ist er derzeit nicht interessiert. Foto: t&w

Freie Fahrt für Lang-Lkw

Lüneburg. Wolfgang Hiller kann die Kritik an den sogenannten Lang-Lkw, die seit Jahresbeginn auch regulär auf bestimmten deutschen Straßen fahren dürfen, nicht nachvollziehen. Der Geschäftsführer der Lüneburger Spedition Hiller ist davon überzeugt, dass der Einsatz dieser Gigaliner, wie die Trucks genannt werden, nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch umweltfreundlich ist.

Längere Fahrzeuge schonen die Umwelt

„Wir sehen den Bedarf derzeit nicht“, sagt Wolfgang Hiller, der nicht nur die Wünsche seiner Kunden, sondern auch die Kosten seines Unternehmens im Blick behalten muss. Immerhin könnte mit den bis zu 25,25 Meter langen Fahrzeugen bis zu einem Viertel Kraftstoff eingespart werden, da zwei Fahrten mit Lang-Lkw drei Fahrten mit herkömmlichen Lastwagen ersetzten, wie die Bundesanstalt für Straßenwesen in einer fünfjährigen Testphase ermittelt hat. „Das kommt nicht nur dem Portemonnaie, sondern auch der Umwelt zugute“, verdeutlicht der Unternehmer. 30 Fahrzeuge umfasst seine Lkw-Flotte, keines älter als vier Jahre „und die meisten sauberer als mancher Pkw“, wie der 69-Jährige versichert.

Dass es dennoch Kritik an dem „streckenbezogenen Regelbetrieb“ gibt, mit dem das Bundesverkehrsministerium die Freigabe für bestimmte Typen von Lang-Lkw auf einem vorgegebenen, vorerst 11600 Kilometer umfassenden Straßennetz beschlossen hat, ärgert den Lüneburger. Denn eine Gefahr für Autofahrer, wie der Verband „Allianz pro Schiene“ befürchtet, sieht er nicht. Die Fahrer würden auf den Super-Laster geschult, die Fahrzeuge mit einem Rundum-Sicherheitspaket mit Spurführung, Abstandsradar und automatischen Bremsen ausgestattet. Zudem sei das Überholen auf Autobahnen von wenigen Ausnahmen abgesehen sollen sie nur dort fahren verboten. „Dass in Hamburg mitten in der Stadt schon seit Jahren ebenso lange Busse fahren, die ja immerhin Personen transportieren, stört erstaunlicherweise niemanden“, wundert sich Hiller.

Doch selbst innerhalb der Bundesregierung ist der Gigaliner nicht unumstritten. Das Bundesumweltministerium befürchtet, dass in den kommenden Jahren 80000 dieser Fahrzeuge auf deutschen Straßen eingesetzt werden und den Güterverkehr von der Schiene auf die Straße verlagern. Hiller, der sich nicht grundsätzlich gegen die Bahn aufstellt, sieht indes nicht, wie Gütertransport bei immer weniger Güterbahnhöfen ohne Lkw-Verkehr funktionieren sollte. „Wenn wir heute Güter auf die Bahn bringen wollen, müssen wir entweder nach Hamburg oder nach Hannover fahren.“ Umwege, die sich bei ohnehin knapper Kalkulation nicht rechneten.

Der Längste unter den Lastwagen auf deutschen Straßen: Dieser „Gigaliner“ bringt es auf eine Länge von 25,25 Meter. Foto: nh

Mitten in Hamburg fahren ebenso lange Busse

Immer wieder höre er, das Straßennetz könnte durch die Gigaliner Schaden nehmen. Auch dieses Argument hält Hiller für unbegründet: „Auch Lang-Lkw dürfen wie herkömmliche Lkw nur bis zu 40 Tonnen schwer sein.“ Da sie aber ihre Last auf mehr Achsen verteilten, sei dies für die Straßen sogar von Vorteil. „Bei nur 6,5 Meter Länge mehr haben Lang-Lkw aber bis zu 50 Prozent mehr Volumen. Für die meisten Transporte ist dies ohnehin viel wichtiger.“

Ob die Zuladungsgrenze aber von allen Speditionen immer eingehalten werde, stehe auf einem anderen Blatt, glaubt Carsten Willms. „Hier ebenso wie bei den Voraussetzungen für die Qualifikation der Fahrer sehen wir noch Regelungsbedarf“, sagt der Verkehrsexperte beim ADAC Hansa. Zwar sei man nicht grundsätzlich gegen Lang-Lkw, wohl aber gegen eine generelle Freigabe über die vorgegebenen Strecken hinaus. Sie würde den Druck auf das Transitland Deutschland nur weiter erhöhen. Zudem müsse dafür Sorge getragen werden, dass die gesetzlichen Vorgaben auch eingehalten, also kontrolliert werden. Dann könnte sich auch die Einstellung der ADAC-Mitglieder ändern, die sich laut Willms bislang mit 64 Prozent gegen den Gigaliner aussprechen.

Strukturen in der Region für Anschaffung nicht sinnvoll

Gegen Kontrollen hat auch Hiller nichts, im Gegenteil. „Es passt nicht ins System, wenn ausländische Unternehmen ihre Fahrer monatelang in Deutschland fahren lassen, sie aber nicht an den Mindestlohn wie wir gebunden sind.“ Daran könne zwar auch der Gigaliner nichts ändern, wohl aber, dass mit weniger benötigten Fahrzeugen auch weniger Personal benötigt werde.

Trotz aller Vorteile sieht der Spediteur den Einsatz von Lang-Lkw in absehbarer Zeit für sein Unternehmen nicht, dafür seien weder die Strukturen in der Region Lüneburg noch die Warengruppen seiner Kunden geeignet. „Die Lüneburger müssen sich daher keine Sorgen machen, so bald fahren hier keine Lang-Lkw durch die Stadt.“

Von Ulf Stüwe

Fakten zum Lang-Lkw

Herkömmliche Lkw mit Anhänger dürfen eine Länge von bis zu 18,75 Metern, Lang-Lkw eine von bis zu 25,25 Metern haben und sind damit bis zu 6,5 Meter länger. Das Gewicht herkömmlicher Lkw kann bis zu 40 Tonnen bzw. 44 Tonnen im Kombinierten Verkehr betragen. Für den Lang-Lkw gelten die gleichen Gewichtsgrenzen.

Das Streckennetz für Lang-Lkw (sogenanntes Positivnetz) hat eine Länge von fast 11 600 Kilometern. 70 Prozent davon sind Autobahnen. Die Effizienzgewinne und Kraftstoffersparnisse liegen laut Bundesanstalt für Straßenwesen zwischen 15 und 25 Prozent. Für Lang-Lkw gilt auf Autobahnen Überholverbot. Bei Stau dürfen sie die Autobahn nicht verlassen.

2 Kommentare

  1. Carsten Willms vom ADAC Hansa meint dass die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben für den Betrieb von Gigalinern kontrolliert werden müsse. Ach was…

    Gerade Herr Willms sollte wissen, dass sowohl die Polizei und zudem das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) schon immer Kontrollen gerade auch auf den Autobahnen durchgeführt haben. Da wird man mit Sicherheit besonders die Gigaliner jetzt auch im Blick haben. Den Kontrollfahrzeugen des BAG begegnet man eigentlich regelmäßig auf den Autobahnen.

    Link zum BAG: https://www.bag.bund.de/DE/Navigation/Verkehrsaufgaben/Kontrollen/kontrollen_node.html

  2. „Wolfgang Hiller kann die Kritik an den sogenannten Lang-Lkw, die seit Jahresbeginn auch regulär auf bestimmten deutschen Straßen fahren dürfen, nicht nachvollziehen.“
    Oh, der LKW ist größer, da müssen wir doch aus öokonmischer Sicht mehr reinpacken. Oh lieber Gesetzgeber das Maximalgewicht muss auf 65 Tonnen oder mehr erhöht werden, die Welt der Logistik sei anders geworden. Ei der Daus warum sind Brücken und Straßen kaputt. Das waren dann die Pendler, Renter in SUV s oder die Fahrzeuge der Straßenmeistrei oder die Beamten. Alle nur nicht die Schwertransporte oder der Gigaliner.
    Sollen doch Herr Hiller und Co die Ertüchtigung der Gigaliner Routen aus eigener Tasche vorstrecken wenn sie dieses Projekt für so essenziell halten.