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Mitarbeiter von Four Woods vermessen im brasilianischen Urwald einen Baum. Wenn dieser zusammenzubrechen droht, wird er gefällt, an gleicher Stelle werden sechs neue Bäume gepflanzt. Foto: nh

Wiederaufforstung des Regenwalds: eine Tonne CO2 für 50 Cent?

Lüneburg. Norbert Kasteinecke ist Brasilien-Fan. Als ein guter Bekannter ihn fragt, ob er in ein lukratives Geschäft einsteigen will, muss der 63-Jährige nicht lange nachdenken. Das Land fasziniert ihn, die Umwelt liegt ihm sowieso am Herzen. „Four Woods“ heißt die kommerzielle Gesellschaft, für die sich der Lüneburger nun seit fünf Jahren engagiert. 70000 Quadratkilometer Regenwald bewirtschaftet das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Belo Horizonte hat.

Four Woods ist eine Art Klimaschutzprojekt, das von den Vereinten Nationen zertifiziert wird: Durch die Bewirtschaftung wird Kohlenstoffdioxid eingespart, das Firmen wiederum in Form von CO2-Zertifikaten erwerben können. Doch der Emissionshandel ist tot. Viele Wiederaufforstungsprogramme drohen zusammenzubrechen. Kasteinecke will dagegen ankämpfen und hofft auf Hilfe.

Entwicklung zeichnete sich schon seit Jahren ab

Seit mehreren Jahren zeichne sich diese Entwicklung schon ab, erzählt er. Das mache ihn wütend. Ständig werde man mit dem Spruch „Rettet den Regenwald“ konfrontiert, dabei seien Projekte wie Four Woods eine der einfachsten Methoden, wirklich etwas zu bewirken. In der Politik herrsche dennoch Desinteresse. „Es heißt immer, dass das Kohlenstoffdioxidaufkommen gesenkt werden muss, aber wo soll das denn herkommen?“ Mit dem Zertifikatshandel habe man ein wertvolles Instrument eingeführt, doch aufgrund von „falscher Politik“ seien die Papiere heute so gut wie wertlos.

Norbert Kasteinecke arbeitet für eine Firma in Brasilien, die mit CO2-Zertifikaten handelt. Interessant waren diese Papiere früher für Firmen, die mehr Kohlenstoffdioxid ausstoßen als sie dürfen. Foto: t&w

Doch was sind eigentlich CO2-Zertifikate? Wobei hilft der Emissionshandel? Angefangen hat all das mit Überlegungen, wie man der Klimaerwärmung entgegenwirken könnte. Treibhausgase, vor allem Kohlenstoffdioxid, gelten als Hauptverursacher. Im Kyoto-Protokoll, das 2005 in Kraft getreten ist, haben sich die Staaten erstmals zu konkreten Einsparzielen verpflichtet. Dabei strebte die EU an, die Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 bis 2020 im Durchschnitt um 20 Prozent zu senken. Energiekonzerne und Industrien sollten als Beitrag dazu ihren Ausstoß um 21 Prozent schmälern. Zur Umsetzung dieser Ziele hat die EU 2005 das Emissionshandelssystem eingeführt.

„Sie werden bald ihre Bäume schlagen, die Flächen abbrennen und dort Monokulturen wie Soja pflanzen“
Norbert Kasteinecke

Die Politik legt dabei die Höchstgrenze der erlaubten Emissionen fest. Für jede Tonne CO2, die die Industrie darüber hinaus ausstoßen möchte, muss sie ein entsprechendes Zertifikat besitzen. Diese können gehandelt werden. Die Preise dafür werden bei der European Energy Exchange AG in Leipzig und London festgelegt. Die Verbraucher entscheiden, ob sie Zertifikate kaufen oder ihren Ausstoß reduzieren, indem sie in klimaschonende Technik investieren. Die dadurch eingesparten Zertifikate können sie verkaufen.

Für Norbert Kasteinecke ein ausgeklügeltes System. Denn was zählt, sei eine weltweit ausgewogene Bilanz herzustellen egal, in welchem Teil der Welt Emissionen eingespart würden. So könnten sich Staaten gegenseitig unterstützen. Four Woods trage dazu bei. Auf einer Fläche so groß wie Bayern bewirtschaftet die Firma Regenwald. „Hek­tar für Hektar wird katalogisiert“, sagt Kasteinecke. Die Mitarbeiter wüssten genau, welcher Baum beispielsweise schon 80 Jahre alt sei, deshalb bald zusammenbrechen könnte. „Bevor das passiert, er also wirtschaftlich nicht mehr interessant ist, wird er geschlagen und verkauft.“ An gleicher Stelle werden sechs neue Bäume gepflanzt. Die Umsatzspanne für einen Stamm sei breit. „Zwischen 3000 und 50000 Dollar.“ Das Ganze sei eine Art Wiederaufforstungsprogramm.

„Lufthansa darf beispielsweise nur eine bestimmte Menge ausstoßen, alles darüber hinaus muss mit Zertifikaten abgedeckt werden“, sagt Kasteinecke. Four Woods vermisst dann die Fläche eines Hektars, errechnet, wie viel Kohlenstoffdioxid die Bäume pro Jahr aufnehmen können, und darauf stellen UN-Firmen ein Zertifikat aus. „Das wird dann für ein Jahr verkauft, in der Zeit darf die Fläche aber nicht verändert werden.“

Preise sind zuletzt rapide gefallen

Doch der Preis für diese Papiere ist rapide gefallen. Lag er früher mal bei 30 Euro pro Tonne, vor zwei Jahren noch bei 5, 6 Euro, lässt sich das Zertifikat heute gerade mal für 50 Cent verkaufen. Kasteinecke sieht einen Zusammenhang mit der Energiewende. Kohlekraftwerke, die abgeschaltet wurden, galten stets als gute Abnehmer. „Der Markt ist schwer ins Trudeln gekommen.“ Schuld sei auch die Politik. „Die Firmen bekommen hier zu hohe Gutschriften vom Staat und von der EU. Damit nimmt man dem Kyoto-Protokoll den Wind aus den Segeln.“ Dadurch seien die Unternehmen nicht mehr veranlasst, etwas zu unternehmen.

Dadurch, dass auch die technische Ausstattung immer umweltschonender werde, halten viele Unternehmen ihre Höchstgrenzen nun ein. Die Folge: Vielen Programmen, die die Wiederaufforstung und den Schutz der Regenwälder zum Ziel haben, droht der finanzielle Ruin. Four Woods könne sich zurzeit noch über Wasser halten, aber vielen anderen gehe es deutlich schlechter, sagt Kasteinecke. „Sie werden bald ihre Bäume schlagen, die Flächen abbrennen und dort Monokulturen wie Soja pflanzen.“

Auch wenn der Lüneburger jetzt erstmal in den Holzhandel einsteigt, um seine Existenz zu sichern, hat er noch nicht aufgegeben. „Etwas Hoffnung ist noch da, aber wir sind auf Hilfe aus der Politik angewiesen.“

Von Anna Paarmann